Briefwechsel

Grote, Otto von und Wedekind, Frank

10 Dokumente

München, 8. Mai 1896 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Grote, Otto von

[1. Hinweis in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 10.5.1896 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


[...] Frank Wedekind’s Anerbieten [...] meine Idee eines weltlichen Oratoriums [...]


[2. Hinweis und Referat in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 30.5.1896 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


[...] denn er forderte mich auf, ihm die Idee mitzutheilen (er wollte ebenso Ihnen für die Empfehlung danken) [...]

Einzelstellenkommentare

Wannsee, 9. Mai 1896 (Samstag)
von Grote, Otto von
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis und Referat in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 10.5.1896 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


So ist denn meine rechte Hand durchaus schreibunfähigdurch einen Hundebiss.. [...] Um jedoch nicht den Anschein zu erwecken, daß ich Frank Wedekind’s AnerbietenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Otto von Grote, 8.5.1896. Wedekind dürfte von Michael Georg Conrad empfohlen worden sein, selbst mit dem Mäzen Kontakt aufzunehmen. Otto von Grote suchte Wedekind „im Frühjahr 1896“ durch Vermittlung Michael Georg Conrads als Autor für „ein Oratorien-Projekt“ [KSA 3/II, S. 1459] zu gewinnen, das dann in ein Opernprojekt – „Nirwana“ [vgl. KSA 3/II, S. 1459-1467] – umgewandelt wurde. ausweichen möchte, habe ich gesternam 9.5.1896 – das somit belegte Schreibdatum des hier erschlossenen Briefs. Abends mit Runenschrift Wedekind meine Idee eines weltlichen Oratoriums in Schlagworten angegeben, – mit der Bitte, mir ungeschminkt seine Meinung zu sagen; denn ich sei ein Barbar, dem die Musenin der griechischen Mythologie Schutzgöttinnen der Künste und Wissenschaften, landläufig: die Quelle künstlerischer Inspiration. stets nur ihre (allerdings auch reizvolle) Kehrseite zeigten. – Vogue la Galère!(frz.) auf gut Glück! Komme, was da wolle! – Redewendung, im Sinn von: Hoffen wir das Beste! Wenn der geweihte Dichtermund den Kohl genießbar anrichten kann, käme Polyhymnia(griech.) viele Lieder – eine der Musen, die Muse des Gesangs, der Pantomime, der Hymnendichtung. an die Reihe, und da las ich von einem ihrer Interpreten – eines Schulmeisterleins SohnAnton Beer, aus einer kinderreichen Familie stammender Sohn eines Lehrers und Kantors aus der Oberpfalz, den Otto von Grote Wedekind für das projektierte Oratorium (siehe oben) „als Komponisten“ [KSA 3/II, S. 1459] vorschlug. Anton Beer war von 1888 bis 1891 Musikschüler an der Akademie der Tonkunst in München, dann freischaffender Künstler, gefördert von dem Münchner Mäzen Adolf Friedrich von Schack, in dessen Haus er bis 1894 wohnte [vgl. Martin Valeske: Anton Beer-Walbrunn. Der begnadete Melodiker. In: Musik in Bayern. Jahrbuch der Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte 81 (2016), S. 149-168 (https://jahrbuch.gfbm-online.de/index.php/mib/article/view/150/114)]., welcher ersterer die Zeit sich mit Kindermachen vertrieb. Dieser 1864 geborene Anton Beer soll ein bedeutendes CompositionstalentAnton Beer war unlängst etwa durch eine musikalische Matinee am 8.3.1896 in München aufgefallen: „Anton Beer personificiert [...] den Durchbruch des rein-musikalischen Schaffens auf Grund des modernen Empfindens und Könnens! – ‚musikalische Secession‘. Wie sehr ein solcher Künstler von der musikalischen Welt erwartet wurde, das bewies der spontane Erfolg seiner Matinée am 8. März. [...] Man spielte Ouverture und Teile aus der Oper ‚Sühne‘, ein Klavierquartett in F und Lieder. Als Meister der Kammer-Musik fand Beer sogar die unumwundene Anerkennung hervorragender Wagnerianer.“ [Georg Fuchs: Die Münchener Secession der Künste. In: Neue Deutsche Rundschau (Freie Bühne), Jg. 7, Heft 8, August 1896, S. 910] besitzen, wurde von Schack aufgenommen, von dessen Nachfolger hinausgeworfen, ernährt sich durch Stundengeben in München, verfaßte (Kammermusik) Quartette, eine OperSühne“ und wurde vom „Publicum“ verhöhnigt. Letzteres spricht sehr für ihn! – Sie, als Musik-Kenner u. Protector hungriger Musenkinder, sollten diesem Musensohn auf den Zahn fühlen! Wenn Wedekind den Gedanken ausführt, könnte vielleicht auch Anton Beer dadurch unter die Arme gegriffen werden. Das nöthige oder den nöthigen nervus rerum(lat.) Triebfeder; scherzhaft: Geld., (um mich zarter auszudrücken) hoffe ich zusammen kratzen zu können!


[2. Hinweis und Referat in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 28.5.1896 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


[...] keine Silbe der Beantwortung meines langen an W. gerichteten Schreibebriefes. [...] Ich hatte W. ausdrücklich erklärt, daß ich absolut nicht empfindlich sei; denn ich sei weder Dichter noch Musiker!


[3. Hinweis und Zitat in Wedekinds Brief an Otto von Grote vom 8.8.1896 aus München:]


[...] in Ihrem ersten geehrten Schreiben an mich, in dem Sie mir die Idee auseinandersetzten, selber mit der Aufführbarkeit rechneten („einmal aufgeführt wird es Ihnen auch leichter werden mit Ihren Dramen auf die Bühne zu gelangen[“]) [...]

Einzelstellenkommentare

München, 28. Mai 1896 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Grote, Otto von

[Hinweis, Zitat und Referat in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 30.5.1896 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


Gestern erhielt ich ein eingeschriebenes Manuskript; auf dem Umschlage steht:Es folgt ein Zitat der Absenderadresse Wedekinds, geschrieben auf dem Kuvert der nicht überlieferten Sendung. exp. Wedekind, Adalbertstr. 34, München, – im Inneren sind 83 Quartseiten in ein Papier eingeschlagen, auf welchem: „Das Sonnenspectrum“ mit Blaustift geschrieben steht. – Da der Titel „allenfalls“ zu meiner Idee jenes weltlichen OratoriumsOtto von Grote suchte Wedekind „im Frühjahr 1896“ durch Vermittlung Michael Georg Conrads als Autor für „ein Oratorien-Projekt“ [KSA 3/II, S. 1459] zu gewinnen, das dann in ein Opernprojekt – „Nirwana“ [vgl. KSA 3/II, S. 1459-1467] – umgewandelt wurde. passen könnte, war ich angenehm überrascht; ich erstaunte aber nicht wenig, als ich auf den 83 SeitenWedekinds Dramenfragment „Das Sonnenspektrum. Ein Idyll aus dem modernen Leben“ [KSA 3/I, S. 669-708] ist handschriftlich neben diversen Konzepten in Notizbüchern und einer fragmentarischen Reinschrift auch in einer Fassung überliefert, die 84 Seiten (auf 84 Blatt) mit dem gesamten 1. Akt (allerdings ohne diese Kennzeichnung und ohne Szeneneinteilung) enthält [vgl. KSA 3/II, S. 1360f.]. die (allerdings mit hervorragender Gestaltungskraft geschilderten) modernisirten Hurengespräche, wie solche Luciander aus Samosata (Syrien) stammende griechische Sophist und Satiriker Lukian oder Lukianos, jener antike Dichter, der unter anderem für seine vielfach übersetzten oder nachgedichteten „Hetärengespräche“ bekannt ist [vgl. Paul Englisch: Geschichte der erotischen Literatur. Stuttgart 1927, S.43-45]. und eine ungezählte Reihe oft meisterhaft schilderten. [...] – Aber keine Silbe der Beantwortung meines langen an W. gerichteten Schreibebriefesnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Otto von Grote an Wedekind, 9.5.1896. Otto von Grote hat Wedekind in seinem offenbar ausführlichen Brief zum Schreiben eines Textes zu einem von ihm geplanten Oratorium (siehe oben) aufgefordert; entsprechend überrascht war er, als er stattdessen von Wedekind das Manuskript „Das Sonnenspektrum“ zugeschickt bekam.. – Nun ich werde am Montag das Manuskript an W. zurücksenden, ihm meine Hülfe zu einer etwa gewünschten „Indrucklegung“ des dichterisch werthvollen opusculum(lat.) kleines Opus, kleine Schrift. antragen, obgleich „mir der dichterische Vorwurf meinem Behagen nicht zusagt; solche Verrichtungen entre la morde et le pisse(frz.) zwischen Beißen und Pissen.t zeigen doch den tiefen Hohn, der in unserer Erscheinungswelt überall sich offenbart. – Doch ist es allerdings das gute Recht des Künstlers, seinen Stoff nach Gutdünken zu wählen.“ –

Nun bin ich aber mit meinem weltlichen Oratorium noch auf derselben Stelle! – [...]

NB. Soeben finde ich auf Seite 71. des Wedekindschen Manuskriptes seine Antwort auf mein Schreiben: „... das ist wie beiZitat aus Wedekinds „Sonnenspectrum“ (1. Akt, Figurenrede Dr. Puslowsky): „Das ist wie bei unserem Dichter Eoban. Dem kann man auch nicht vorschreiben, auf welche Weise er dichten soll.“ [KSA 3/I, S. 699] unserem Dichter Eobander Sänger im „Sonnenspectrum“ (1. Akt, letzte Szene), vermutlich „Anspielung auf Helius Eobanus Hessus“, den lebensfrohen evangelischen Humanisten des frühen 16. Jahrhunderts, „der unter seinen Zeitgenossen als der größte dt. Dichter galt.“ [KSA 3/II, S. 1425f.].. Dem kann man auch nicht vorschreiben, auf welche Weise er dichten soll ...“

– Diese Art zu antworten ist fein u. originell; sie bestimmt mich jedoch dazu, meine Hülfe nicht anzubieten. Suum cuique!(lat.) Jedem das Seine! Ich sende das Manuskript „eingeschrieben“ zurück, – ohne Begleitschreiben, so wie es angekommen! – Ich schreibe diese Zeilen während der Lecture des „Sonnenspectrums“. Jedenfalls ist es inconsequent von W.; denn er forderte mich aufHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Otto von Grote, 8.5.1896., ihm die Idee mitzutheilen (er wollte ebenso Ihnen für die Empfehlung danken), folglich mußte er auch direct antworten. Wie die Antwort ausfiel, war ja gleichgültig! Ich hatte W. ausdrücklich erklärt, daß ich absolut nicht empfindlich sei; denn ich sei weder Dichter noch Musiker! –

[...]

P.S. Ich werde W. mit zwei Worten für seine Zusendung danken. Wenn er Ihnen gegenüber nicht die Initiative ergreift, bedarf es ja keiner Anregung Ihrerseits? – Der Schlußaccord – ein Lieddas Lied, das Eoban am Ende des 1. Akts („Das Sonnenspectrum“) zur Harfe singt [vgl. KSA 3/1, S. 703-705]. – ist hervorragend und versöhnend, so daß ich doch wohl die Abdruckkosten dran wenden würde, so wenig sympathisch mir diese Bordell-Scene ist.

Einzelstellenkommentare

Wannsee, 1. Juni 1896 (Montag)
von Grote, Otto von
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 30.5.1896 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


Gestern erhielt ich ein eingeschriebenes Manuskript [...] „Das Sonnenspectrum“ [...]. – Nun ich werde am Montagder 1.6.1896. das Manuskript an W. zurücksenden, ihm meine Hülfe zu einer etwa gewünschten „Indrucklegung“ des dichterisch werthvollen opusculum(lat.) kleines Opus, kleine Schrift. antragen [...]

[...] Ich sende das Manuskript „eingeschrieben“ zurück, – ohne Begleitschreiben, so wie es angekommen! [...]

[...]

P.S. Ich werde W. mit zwei Worten für seine Zusendungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Otto von Grote, 28.5.1896. danken.

Einzelstellenkommentare

München, 6. Juni 1896 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Grote, Otto von

[Hinweis und Referat in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 26.1.1899 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


[...] die Cothdichter der Moderne [...]. –

Am 6. Juni 1889Schreibversehen, statt: 1896 (siehe die Hinweise zur Datierung). schrieb der Dichter Wnd. über eine dramatische Schilderung des Bordelllebens, [...] daß er dieses Cloaken-Stückabfällig (durch die Metapher der Kloake) über Wedekinds Dramenfragment „Das Sonnenspectrum. Ein Idyll aus dem modernen Leben“ [KSA 3/I, S. 669-708], das er 1893 in Paris konzipiert hat und 1894 in London mit „der Ausführung der Konzeption begann“ [KSA 3/II, S. 1355]., (Sonnenspectrumlt. Wnd. sollte das Ironie sein –) nebst anderen Bühnenstückennicht ermittelt., den pp. Dr. HalbeDr. phil. Max Halbe, Schriftsteller in München (Giselastraße 16) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1896, Teil I, S. 170], den Wedekind zu der Lesung am 1.6.1896 (siehe unten) eingeladen hatte [vgl. Wedekind an Max Halbe, 30.5.1896]., Dr. BernsteinMax Bernstein, Rechtsanwalt und Schriftsteller in München (Bürkleinstraße 16) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1896, Teil I, S. 36]., Hans OldenHans (Johann August) Olden, Schriftsteller in München (Königinstraße 73a) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1896, Teil I, S. 344]., SchaumbergerJulius Schaumberger, Schriftsteller und Redakteur in München (Müllerstraße 45b) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1896, Teil I, S. 411]. u.s.w. vorgelesenWedekinds von der Münchner Künstlervereinigung Nebenregierung veranstaltete Lesung seines Dramenfragments „Das Sonnenspectrum“ am 1.6.1896 haben neben den Schriftstellern Josef Ruederer [vgl. Wedekind an Max Halbe, 30.5.1896], Max Halbe, Max Bernstein, Hans Olden, Julius Schaumberger (siehe oben) und Wilhelm Hegeler [vgl. Halbe 1935, S. 159] nachweislich auch die Maler Lovis Corinth, Eugene Spiro [vgl. KSA 3/II, S. 1449] und Otto Eckmann [vgl. Corinth 1926, S. 114] besucht. und reichen Beifall geerntet habe. –

Einzelstellenkommentare

Wannsee, 1. Juli 1896 (Mittwoch)
von Grote, Otto von
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Otto von Grote vom 8.8.1896 aus Wannsee:]


[...] die beiden Summeneine Gesamtsumme von 600 Mark., die Sie mir schicktenHinweis auf das hier erschlossene Begleitschreiben zu einer zweiten Geldsendung (wohl definitiver und vermutlich ausführlich beschriebener Arbeitsauftrag für das dann „Nirwana“ betitelte Libretto mit beigelegtem Vorschusshonorar) sowie auf ein früheres Begleitschreiben zu einer ersten Geldsendung (wohl dem zurückgesandten „Sonnenspectrum“-Manuskript beigelegte kleinere Summe als Zuschuss zu dessen Druckkosten); erschlossenes Korrespondenzstück: Otto von Grote an Wedekind, 1.6.1896. [...]


[2. Hinweis in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 6.5.1897 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


Wedekind, der im vorigen Jahr für mein Geschenk von 600 Mk. nicht einmal „danke“ sagte [...]

Einzelstellenkommentare

München, 6. August 1896 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Grote, Otto von

[Hinweis in Wedekinds Brief an Otto von Grote vom 8.8.1896 aus Wannsee:]


[...] der erste Akt von Nirwana, den Sie erhalten haben [...]

Einzelstellenkommentare

München, 8. August 1896 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Grote, Otto von

München, Adalbertstraße 34. – 8. August. 96.


Hochgeehrter Herr Baron,

der erste Akt von Nirwana, den Sie erhalten habenHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zum übersandten Manuskript; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Otto von Grote, 6.8.1896. Wedekind hatte dem Baron den 1. Aufzug seines Opern-Librettos „Nirwana. Musikdrama in fünf Aufzügen“ [KSA 3/II, S. 716-735] geschickt, „eine Auftragsarbeit“ [Becker 1989, S. 155], die Fragment blieb. ist die strenge Arbeit von 10 Tagen„Wedekind begann Ende Juli 1896 mit der Arbeit an ‚Nirwana‘“ [KSA 3/II, S. 1460], wobei nur die Niederschrift einer Passage aus dem 2. Auftritt (von insgesamt drei Auftritten im 1. Aufzug) genau auf den 29.7.1896 datiert werden kann [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 1.8.1896].. Wenn ich im laufenden Monat nicht mit dem ganzen Text fertig würde, so bliebe jedenfalls nicht mehr viel übrig, und, einmal so weit gekommen, fände ich auf alle Fälle Gelegenheit ihn zu beenden.

Es sollte mir sehr leid thun, Herr Baron, wenn ich Ihre Intentionen nicht getroffen hätte. Sie schreiben | mir in Ihren geehrten Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Otto von Grote an Wedekind, 1.7.1896. Der Auftraggeber des Librettos (siehe oben) dürfte hier seine Vorstellungen von der geplanten Oper formuliert haben.:/,/ es läge Ihnen nicht der Gedanke an irgendwelchen materiellen Erfolg zugrunde. Das ist aber, d.h. die praktische Verwerthbarkeit, das Erste, wobei/ran/ ich bei der ganzen Arbeit gedacht habe, 1. weil Sie in Ihrem ersten geehrten Schreibennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Otto von Grote an Wedekind, 9.5.1896. Hier hatte der Auftraggeber noch „ein Oratorien-Projekt“ [KSA 3/II, S. 1459] skizziert, zu dem Wedekind durch Vermittlung Michael Georg Conrads den Text schreiben sollte – daraus wurde dann das Opernprojekt „Nirwana“ [vgl. KSA 3/II, S. 1459-1467]. an mich, in dem Sie mir die Idee auseinandersetzten, selber mit der Aufführbarkeit rechneten („einmal aufgeführt wid es Ihnen auch leichter werden mit Ihren Dramen auf die Bühne zu gelangen[“]) – und 2. weil alles um mich her darauf ausgeht, sich eine Stellung im Leben zu verschaffen und ich, der ich nicht einen Fuß breit festen Boden unter den | mir habe, der ich momentan vollkommen von der Hand in den Mund lebe, am meisten Ursache habe diesem Zustand ein Ende zu machen.

Wenn Sie mir erlauben, die beiden Summenzusammen 600 Mark. Otto von Grote hat die Gesamtsumme in Briefen an Michael Georg Conrad später genannt, am 6.5.1897 – „Wedekind, der im vorigen Jahr für mein Geschenk von 600 Mk. nicht einmal ‚danke‘ sagte“ [Mü, MGC B 265] – sowie am 30. und 31.12.1898: „Wehkind (das Kind schuldet mir 600 Mk.) [...] die 600 Mk, um welche W. mich betrogen hat“ [Mü, MGC B 265]., die Sie mir schicktenHinweis auf nicht überlieferte Schreiben; erschlossene Korrespondenzstücke: Otto von Grote an Wedekind, 28.5.1896 (neben dem zurückgesandten „Sonnenspectrum“-Manuskript wohl eine kleine Summe als Zuschuss zu dessen Druckkosten beigelegt) und 1.7.1896 (wohl definitiver und ausführlicher formulierter Arbeitsauftrag für das dann „Nirwana“ betitelte Libretto und beigelegtes Vorschusshonorar). als ein Darlehen auf den eventuellen Ertrag des Werkes hin zu betrachten so ändert das an Ihren künstlerischen und menschenfreundlichen Intentionen nichts, indem ich Ihnen nicht zumuthen kann, von vorn herein an einen Ertrag zu glauben.

Für den ComponistenOtto von Grote hatte Anton Beer als Komponisten vorgeschlagen [vgl. Otto von Grote an Wedekind, 9.5.1896], dann standen Richard Strauss und Engelbert Humperdinck zur Debatte [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 1.8.1896], Wedekind schlägt im vorliegenden Brief schließlich seinen Freund Hans Richard Weinhöppel oder alternativ Richard Strauss vor. stellt sich die Sache anders. Um die Oper zu Componiren würde er mindestens ein halbes Jahr brauchen. Selbstverständlich habe ich mit Weinhöppel noch nichts positives abgemacht. Es stehen | mir nun zwei Wege offen:

Entweder, Weinhöppel componirt die Oper, im Fall ich sehe, daß er technisch was die Orchestration anbelangt, weit genug ist um sie componiren zu können./,/ mit einem Wort, wenn mir Richard StraußRichard Strauss war Kapellmeister am Münchner Hoftheater (Intendant: Ernst Possart) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1896, S. 436; Neuer Theater-Almanach 1897, S. 438]. dazu räth.

Oder Richard Strauß componirt die Oper. Da er einen Text sucht, da er meine Arbeit schätzt und da ich seine Geistesrichtung kenne, zweifle ich nicht daran daß es mir gelingen wird ihn dazu zu gewinnen. Dann fallen jede weiteren Ausgaben weg; dann ist die Aufführung so gut wie gesichert.

Das erstere wäre mir lieber auf Grund meines musikalischen Ge|schmackes. Das zweite wäre in jeder Beziehung sicherer.

Im ersteren Falle können sich die Kosten für die Composition auf Mkr 1200 belaufen. Da ich Weinhöppel nur dazu engagire wenn mir Strauß dringend dazu räth, so möchte sich dann auch die Aufführung leicht erzielenSchreibversehen, statt: erzielen. lassen. Da ich aber darüber noch nicht sicher bin, bitte ich Sie, geehrter Herr Baron, sich noch nich entscheiden zu wollen, bis ich Ihnen ein ganz positives Ergebniß mittheilen kann.

Ich kann mir nun selber nicht mehr verhehlen, daß der Plan die Hülfe, die Sie mir in Aussicht stellten vielfach übersteigen würde. Wie ich auf den Gedanken einer Oper | gekommen bin, weiß ich nicht. Als ich zu schreiben anfing, dachte ich noch an ein Oratorium für den Concertsaal. Mit einem derartigen Werke wäre freilich auf materiellen Erfolg gar nicht zu rechnen, da die Concertmusik in Deutschland absolut frei ist.

Ich habe mir hier jetzt eine Theaterkritik verschaffteine Möglichkeit, Theaterkritiken zu publizieren. Wedekind war an „Mephisto. Wochen-Rundschau über das gesammte Münchener Theaterleben“ beteiligt, deren erstes Heft allerdings erst am 26.9.1896 erschien; auf der Titelseite ist vermerkt: „Herausgegeben und redigirt von Julius Schaumberger unter ständiger Mitwirkung von Max Halbe, Wilhelm Hegeler, Franz Held, Oscar Panizza, Georg Schaumberg, Frank Wedekind, Hans Richard u. A.“ [Mephisto, Jg. 1, Nr. 1, 26.9.1896, S. 1] Der zuletzt Genannte ist Hans Richard Weinhöppel. Das erste Heft [S. 4-5] enthält Wedekinds Artikel „Don Giovanni“ [vgl. KSA 5/III, S. 278], geschrieben anlässlich der Münchner Neuinszenierung von Mozarts Oper unter der Leitung von Richard Strauss am Königlichen Residenztheater (Premiere: 9.9.1896). um Einfluß auf die Zustände zu bekommen. Mein „DramaturgDramaturg am Münchner Hoftheater (Intendant: Ernst Possart) war Dr. phil. Wilhelm Buchholz [vgl. Neuer Theater-Almanach 1896, S. 436]; ob er gemeint ist, bleibt unklar.“ hat derweil auch schon einiges gewürkt. Die Leute haben sich wenigstens unter einander gestritten und mich einen Unverschämten Kerl genannt. Das sind immerhin schon einige Aussichten. Es geschah gele|gentlich eines sehr herzlichen Worteswahrscheinlich mündlich kolportiert. Richard Strauss hat sich demnach über die noch ungedruckte Komödie „Die junge Welt“ (1897), umgearbeitet aus dem Lustspiel „Kinder und Narren“ (1891), wohlwollend geäußert – „eine Abschrift der Neubearbeitung“ war „in Münchner Theaterkreisen in Umlauf gebracht worden“ [KSA 2, S. 630], wie der vorliegende Brief bezeugt, insbesondere am Münchner Hoftheater., das Richard Strauß zu Gunsten meiner „Jungen Welt“ einlegte. Ich werde das Stück sobald ich die Herren noch etwas ins Boxhorn gejagt, ruhig wieder einreichen. Ich bin jetzt schon sicher, daß es jedenffalls mehr Beachtung findet als das erste MalWedekind hat „Kinder und Narren“ (siehe oben) am 6.9.1890 an den Generalintendanten des Münchner Hoftheaters Karl von Perfall geschickt: „Manuskript I an Perfall geschickt.“ [Tb, Nachtrag; vgl. KSA 2, S. 637; vgl. Wedekind an Karl von Perfall, 6.9.1890]..

Es ist mir sehr schmerzlich zu hören, Herr Baron, daß Sie sich körperlich nicht so gut befinden, wie ich es Ihnen innig, aufrichtig wünsche. Von materiellen Medicamenten halte ich nicht viel, dagegen habe ich geistige schon Wunder wirken sehen. Und eine Freude, eine Steigerung der Lebensinteressen kann nicht anders als vortheilhaft wirken. Ich spreche nicht von dem | Gegenstand dieses Briefes, aber ich darf mir schmeicheln, schon geistig hochstehenden Menschen eine Erfrischung gewesenOtto von Grote bemerkte in seinem Brief an Michael Georg Conrad vom 9.9.1896, in dem er Wedekind als „Sänger des Bordells“ bezeichnete und dessen Alter „34 Jahre“ notierte, anzüglich: „Wedekind schrieb mir neulich, daß er mit Erfolg die Melancholie alter Männer bekämpft habe, – sollte er ihnen den Mastdarm gekitzelt haben?“ [Mü, MGC B 265] zu sein. Das läßt es mich bedauern, daß ich sie Ihnen nicht sein kann. Ich bitte Sie, mir das nicht als Überhebung auszulegen.

Heute Abend um 8 Uhram 8.8.1896 um 20 Uhr. Wedekind war unter der größeren Gruppe, die Oskar Panizza am Münchner Hauptbahnhof in Empfang nahm, entlassen aus der Haft in der Gefangenenanstalt Amberg, die er am 8.8.1895 angetreten hatte. Er war vom Königlichen Landgericht München wegen seines Buchs „Das Liebeskonzil. Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen“ (1894), erschienen im Verlags-Magazin (J. Schabelitz) in Zürich, zu einem Jahr Haft nach §166 des Reichsstrafgesetzbuches (‚Vergehen wider die Religion, verübt durch die Presse‘) verurteilt worden, ein Zensurskandal. Die Presse meldete: „Der Schriftsteller Dr. Oskar Panizza, welcher in Amberg eine einjährige Gefängnisstrafe wegen eines ‚Vergehens wider die Religion‘, das er in seinem Drama ‚Das Liebeskonzil‘ begangen haben soll, verbüßt hat, ist wieder hier eingetroffen.“ [Münchener Kunst- u. Theater-Anzeiger, Jg. 9, Nr. 3088, 13.8.1896, S. 1] „Schriftsteller Dr. Oskar Panizza hat die ihm seinerzeit vom hiesigen Schwurgerichte wegen Vergehens gegen die Religion zuerkannte einjährige Gefängnißstrafe verbüßt und ist hierher zurückgekehrt.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 49, Nr. 374, 13.8.1896, Morgenblatt, S. 2] kommt Panizza. Es wird sich eine größere Sammlung zu seinem Empfang zusammenfinden. Seit acht Tagenseit dem 31.7.1896 (genau gerechnet). ist auch Bierbaum hier, ebenfalls in musikdramatischen Geschäftennicht ermittelt; möglicherweise ging es um die spätere Oper „Lobetanz“ (uraufgeführt am 6.2.1898 am Hoftheater in Karlsruhe), deren Libretto Otto Julius Bierbaum geschrieben und im Vorjahr veröffentlicht hat [vgl. Otto Julius Bierbaum: Lobetanz. Ein Singspiel. Berlin 1895], die von Thomas Theodor Heine illustrierte „erste Buchveröffentlichung des Verlags ‚Pan‘“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 120, 25.5.1895, S. 2861], noch bevor Ludwig Thuille die Musik komponierte. „Das Singspiel ‚Lobetanz‘ von Otto Julius Bierbaum wird jetzt, wie der ‚B. C.‘ erfährt, von Professor Ludwig Thuille komponiert, und soll Ende des nächsten Sommers den Bühnen eingereicht werden.“ [Münchener Kunst- und Theater-Anzeiger, Jg. 9, Nr. 2888, 22.1.1896, S. 3], so daß das Leben an Interesse bedeutend gewinnt.

Empfangen Sie, hochgeehrter Herr meine ergebensten Grüße.
Ihr
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Wannsee, 8. August 1896 (Samstag)
von Grote, Otto von
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Michael Georg Conrad vom 9.8.1896 aus München:]


[...] eben erhalte ich einen Brief von Herrn Baron von Grote [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 1. Mai 1897 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Grote, Otto von

[1. Hinweis und Zitat in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 6.5.1897 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


Hr. Wedekind, der im vorigen Jahr für mein Geschenk von 600 Mk.zwei Geldsendungen mit einer Gesamtsumme von 600 Mark im Zusammenhang mit einer Auftragsarbeit Wedekinds für den Baron [vgl. Wedekind an Otto von Grote, 8.8.1896]. nicht einmal „danke“ sagte, schickte mir einen geradezu unglaublichen Bettelbrief (ohne Resultat). „Zwar habe er sich geistig wie körperlich prostituirt; aber an der Entwicklung seines Genius hinge das Wohl von einem Dutzend von Dichtern, Componisten u.s.w.; welche mit ihm steigen oder fallen würden.“


[2. Hinweis und Referat in Otto von Grotes Brief an Michael Georg Conrad vom 30.12.1898 aus Wannsee (Mü, MGC B 265):]


Pan theilte mit, daß „WehkindVerballhornung des Namens, statt: Wedekind.“ (das Kind schuldet mir 600 Mk.) auch in Paris gestrandet ist. Als die beiden Pump-Brüder W. u. Scharf noch ihr Compagnie-Geschäftihre freundschaftliche Solidarität. führten (noch 1897), schrieb einmal das eine mal Wehkind, daß das lyrische Genie Sch. sich gerade im letzten Stadium des Hungertodes befände; dabei/s/ andere mal wieder Scharf, daß der Epiker und Pathiker„ein Lustknabe, der sich zu widernatürlicher Unzucht mißbrauchen läßt“ [Johann Christian August Heyse: Allgemeines verdeutschendes und erklärendes Fremdwörterbuch. 17. Aufl. Hannover, Leipzig 1896, S. 616]. W.kind aus den letzten Löchern hungerte.

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