Geliebter,
da ich Fleisch holen muss, schreib ich Dir paar
Zeilen. Bitte, bitte sei nicht ungerecht gegen mich. Gleich wie Marthldie Schwester Martha Müller (geb. Newes), seit dem 26.7.1917 mit Hans Carl Müller verheiratet; sie löste zur Spielzeit 1917/18 „ihren Vertrag mit dem königlichen deutschen Landestheater in Prag auf, an dem sie zwei Jahre lang engagiert war“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 353], er war an den Münchner Kammerspielen engagiert [vgl. Deutsche Bühnen-Jahrbuch 1918, S. 522]. Sie hat Schwester und Schwager nach deren Gastspielreise in der Schweiz (10.5.1917 bis 7.10.1917) am 7.10.1917 in München empfangen und war mit ihnen und ihrem Mann anschließend in einem Lokal: „Reise von Zürich nach München. [...] Martha holt uns ab Café Modern mit Hans Carl“ [Tb]. kam
sagte ich ihr, mir sei heute besser. Auch wie Mieze in ZürichErika Wedekind war vom 13. bis mindestens zum 19.7.1917 und vom 14. bis 17.8.1917 in Zürich [vgl. Tb]. war, kam der
Umschlag plötzlich. Ich sagte es gestern auch Dir gleich, trank Dir zu u.
sagte: Geliebter, zu Dir. Erwähnte, um Dir eine Freundlichkeit zu sagen, dass
Du | unter meiner Schweigsamkeit zu leiden hättest, kurz ich tat alles, was Du
wünschen konntest. Wenn ich gestern gewesen wäre wie jetzt alle Abende, dann
hättest Du gesagt, jetzt hast Du Deine Schwester, hast einen neuen Schwager
alles ist vergnügt nur Du nicht.
Bitte überlege das. Aber lass’ uns nicht so weiter leben. Es
wird für mich, u. natürlich auch für die Kinder, der größte Verlust sein, wenn
Du nicht bei uns bleiben willstWedekind hat sich während seines Gastspiels in Berlin (9.3.1917 bis 7.4.1917) mit einem Rechtsanwalt „über seine Ehe“ [Vinçon 2014, S. 289] beraten und hatte offenbar Trennungsabsichten.. In Liebe
Deine Tilly