Werthe Seele.
VerzeihungAdele Sandrock befürchtete offenbar, Frank Wedekind werde ihre Anfrage als störend empfinden. Während Tilly Wedekind in letzter Zeit bei Gastspielaufenthalten in Berlin die Freundin besuchte oder von ihr besucht wurde, so dem Tagebuch zufolge am 29.9.1913 („Fahre mit Tilly nach Charlottenburg. Sie besucht Adele Sandrock“), 7.6.1914 („Zum Thee kommt Adele Sandrock“) und 15.6.1914 („Tilly besucht Adele“), hat er selbst sie eher zufällig und sporadisch getroffen, so am 19.9.1913, als er ihren Besuch einer „Franziska“-Vorstellung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters registrierte („Adele Sandrock im Theater“), und im Rahmen des Wedekind-Zyklus an den Berliner Kammerspielen am 7.6.1914 wiederum nach einer „Franziska“-Vorstellung mit ihr sowie František Zavřel mit Gefährtin gesellig beisammen war, nachdem er sie bereits nachmittags gesehen hatte („Zum Thee kommt Adele Sandrock Franziska [...] Vorstellung bei Töpfer mit Zavrel und Frau und Adele“)., wenn ich Sie störe! Wo wohnt Hermann Bahr?Hermann Bahr, den Adele Sandrock seit den 1890er Jahren in Wien sehr gut kannte (er war seinerzeit mit ihrer Schwester Wilhelmine Sandrock liiert), dann aber nach 1907 wohl keinen näheren Kontakt mehr hatte, ist 1912 von Wien nach Salzburg (Schloss Bürgelstein) [vgl. Kürschners Deutscher Literaturkalender auf das Jahr 1914, Teil II, Sp. 49] übergesiedelt. bitte meiner DienerinResi (Nachname nicht ermittelt); seit Ende 1913 hatte Adele Sandrock „die neue Zofe Resi, die [...] sie [...] durch ihre Maulfaulheit täglich zur Weißglut bringt.“ [Ahlemann 1988, S. 324] die Post auszurichten.
Herzlichst Ihre Sandrock.
Bestehend aus 1 Blatt, davon 1 Seite beschrieben
Der 7.11.1914 ist als Ankerdatum gesetzt. Da Adele Sandrock nach der Adresse von Hermann Bahr fragt, dürfte sie länger keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt haben – Briefe an ihn sind bis Spätsommer 1907 bekannt [vgl. Balk 1997, S. 61, 82]. Schreibanlass könnte ein Aufruf Hermann Bahrs zugunsten Adele Sandrocks gewesen sein, der am 7.11.1914 erschienen ist und von ihr sogleich zur Kenntnis genommen worden sein dürfte: „Für Adele Sandrock erläßt Hermann Bahr einen Aufruf, Adele Sandrock leidet Not. Sie will keine Hilfe, sondern nur Arbeit: Möglichkeiten, ihre Kunst zu betätigen. Für diesen Winter war ihr ein Engagement am Deutschen Künstlertheater in Berlin in Aussicht gestellt, das infolge des Krieges und der dadurch wankend gewordenen Verhältnisse dieser Bühne unsicher geworden ist. Bahr appelliert an das Wiener Burgtheater, das die große Künstlerin wieder aufnehmen solle. Möge sein Wunsch, den weite Kreise teilen, sich erfüllen.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 568, 7.11.1914, Abend-Ausgabe, S. (3)] [Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 568, 7.11.1914, Abend-Ausgabe, S. (3)] Als Schreibort darf Adele Sandrocks langjähriger Wohnort Charlottenburg angenommen werden.
Charlottenburg7. November 1914 (Samstag) Ermittelt (unsicher)
CharlottenburgDatum unbekannt
MünchenDatum unbekannt
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia
Maria-Theresia-Straße 23 81675 München Deutschland +49 (0)89 419472 13
Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.
Adele Sandrock an Frank Wedekind, 7.11.1914. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (15.01.2026).
Ariane Martin