Sehr verehrte Eiserne MaskePseudonym eines (vermutlich männlichen) Literatur- und Theaterkritikers der Berliner Montagszeitung „Die Standarte“; die Identität dahinter ist nicht ermittelt.!
Es wäre wohl albern und nutzlos, wenn ich Ihnen verhehlen
wollte, welche Freude Sie mir gemacht haben. Aber wozu auch. Man lebt nicht, um
aneinander vorüberzugehen. Die „Verärgerte KritikZitat aus dem von der ‚Eisernen Maske‘ unterzeichneten Feuilleton „Wo bist Du Sudermann?“ (eine Presseschelte, exemplarisch anhand der Kritik an Hermann Sudermann ausgeführt) in der Montagszeitung „Die Standarte“ (Nr. 23) vom 15.3.1909, in dem es heißt: „Auch Wedekinds ‚Musik‘ ist unparteiischen und leidenschaftslosen Beobachtern besser vorgekommen, als eine etwas verärgerte Kritik.“ [KSA 5/III, S. 306] Wedekind, der im Gedanken an Fritz Engels scharfe Kritik an seinem Stück „Musik“ [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)] und seinem daraufhin in offenen Briefen im „Berliner Tageblatt“ ausgetragenen Disput darüber eine solche Stellungnahme mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben dürfte, hat in seiner Vorrede zu „Oaha“ (1909) die ‚verärgerte Kritik‘ aufgenommen, als er über die als ungerecht empfundene Kritik an seinem Werk schrieb: „Über alle diese Fragen ist allerdings die verärgerte Berliner Kritik ganz anderer Ansicht als ich. Die Ansicht der verärgerten Berliner Tageskritik interessiert mich aber viel weniger als die Frage, warum diese Kritik denn eigentlich so verärgert ist. Die Gründe ihrer Verärgerung wurden vor einiger Zeit festgestellt. Ich muß ausdrücklich bemerken, daß nicht etwa ich das gethan habe.“ [KSA 5/III, S. 310] Und dann nennt er den „mit wundervoller Herzenswärme geschriebenen Aufsatz der ‚Eisernen Maske‘ über die verärgerte Kritik“ [KSA 5/III, S. 310].“ ist jedenfalls etwas Neues,
etwas Noch-nicht-dagewesenes, wird Ihnen aber wenig Freunde machen. Warum ist
eine Kritik verärgert? Wir können als Produzierende verärgert sein, aber warum
als Kritiker? Dieser Gedankengang, den Sie angeregt haben, würde zu seltsamen
Resultaten führen, wenn die Kritik der Kritik nicht an sich ein innerer
Widerspruch, eine Inkonsequenz, eine Unehrlichkeit wäre. Aber wollen Sie Ihre
Maske nicht abnehmen und sich mir als Schriftsteller, als Künstler zeigen? Ich
wäre Ihnen aufrichtig dankbar dafür. Jedenfalls ist es doch ein Gebiet, auf dem
man sich gegenseitig besser genießen kann, als wenn einem nur die Wahl bleibt
zwischen Feindseligkeit und Beschämung.
Mit ergebenstem Gruß
Ihr
Frank Wedekind.
München, 25.III.09.