Meine süße Gottheit!
Deine Kartevgl. Gertrud Eysoldt an Wedekind, 25.7.1904. hat vierzehn Tage gebraucht, um zu mir zu
gelangen; so bin ich sehr im Zweifel, ob Dich diese Zeilen noch in WesterlandWedekinds Brief dürfte Gertrud Eysoldt noch in Westerland, dem Seebad auf Sylt, erreicht haben, da die neue Spielzeit des Kleinen Theaters in Berlin, zu dessen Ensemble die Schauspielerin gehörte, erst am 1.9.1904 begann.
finden.
Ich schreibe in dem Ton, | in dem ich Dir gegenüber denke. Zu meinen
Berechnungen habe ich kein Vertrauen; so muß mir die einfache Wahrheit als das richtigste
erscheinen. Ich habe nichts oder nur sehr wenig bei Dir zu verlieren, kann also
wohl nur gewinnen. Du hast mich zu einem sehr bescheidenen Menschen | gemacht,
nichts was die Ansprüche betrifft aber in Bezug auf meine
Selbsteinschätzung. Und ich bin gar nicht unglücklich darüber. Nehmen ist
seliger als GebenVerkehrung der auf ein Bibelwort zurückgehenden Redewendung „Geben ist seliger denn Nehmen“ [Apostelgeschichte 20,35], ein Satz, der in der Bibel in der Abschiedsrede des Paulus an die Ältesten von Ephesus als Wort von Jesus ausgewiesen ist – rhetorisch nimmt Wedekind hier den quasi religiösen Anspielungshorizont der verzückten metonymischen Anrede „süße Gottheit“ für Gertrud Eysoldt wieder auf., wenigstens solange noch Aussicht ist, daß die Gabe nicht
verweigert wird. Übersieh mich also | bitte nicht in Deinem Glücke, mit vollen
Händen geben zu können.
Dein
Frank Wedekind.
München, Franz Josefstraße 42.II.
8 August 1904.