Berlin, 30.VI.1897.
Lieber Freund,
ich wäre sehr glücklich, wenn ich etwas von Ihnen erfahren
könnte, wie es Ihnen geht. Vor 14 Tagenam 16.6.1897, wobei Wedekinds Sammlung „Die Fürstin Russalka“ (1897) schon einige Tage zuvor im Albert Langen Verlag in München erschienen war [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 133, 12.6.1897, S. 4287]. ist meine Fürstin R. (Russalka)Ergänzung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. in
München erschienen. Ich konnte Ihnen noch kein Exemplar zuschicken, weil ich
infolge fortgesetzter DifferenzenWedekind dürfte Differenzen mit seinem Verleger Albert Langen gehabt haben, die das Honorar des Bandes „Die Fürsten Russalka“ (siehe oben) betrafen, über den ein Vertrag vorlag, den Albert Langen in München am 1.3.1897 und Wedekind in Berlin am 3.3.1897 unterzeichnet haben; darin heißt es: „Herr Langen zahlt Herrn Wedekind für die erste Auflage von zweitausend Exemplaren ein Honorar von M. 600– (sechshundert Mark). Die Auszahlung geschieht so, daß Herr Wedekind M. 200– (zweihundert Mark) sofort nach Unterzeichnung dieses Vertrages erhält, während der Rest von M. 400– (vierhundert Mark) als Ausgleich geleisteter Vorschüsse Herrn Langen verbleibt.“ [Aa, Wedekind-Archiv E, Mappe 5, Nr. 3] mit dem Verleger noch keine erhalten habe.
Vielleicht haben Sie „Die Kaiserin„Die Kaiserin von Neufundland. Große Pantomime in drei Bildern“ [KSA 3/I, S. 57-90], 1897 in der Sammlung „Die Fürstin Russalka“ (siehe oben) veröffentlicht.“ (von Neufundland)Ergänzung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. darin schon gelesen, wie
glücklich wäre ich jetzt mit Ihnen in München die CompositionWedekind ging davon aus, Hans Richard Weinhöppel werde die Musik zu seiner Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ (1897) komponieren [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 1.4.1897]. derselben
besprechen zu können. Bitte schreiben Sie mir, ob Sie noch in München sind. Bis
ich Ihren Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 14.7.1897. Wedekinds Freund hat sich in dem Brief wohl eher reserviert über eine von ihm auszuführende Komposition zu der Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ geäußert [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 15.7.1897]. erhalte, kann ich ihnen vielleicht mit einer sehr glücklichen
NachrichtWedekind erwartete, der Zirkus Renz werde „Bethel. Große Pantomime in vier Bildern“ (1897), „als Auftragsarbeit für den Berliner Zirkus Renz“ [KSA 3/II, S. 803] entstanden, aufführen, was nicht geschah. „Wedekinds Hoffnungen auf eine Aufführung der Zirkus-Pantomime beim Berliner Zirkus Renz zerschlugen sich durch dessen Konkurs im Juli 1897.“ [KSA 3/II, S. 831] dienen; indessen verlassen Sie sich nicht darauf, denn die
Wechselfälle des Schicksals sind unberechenbar. Ich habe seit zwei Monaten
keinerlei Nachrichten aus München erhalten und seither sehr viel erlebt, was
sich nicht schriftlich mittheilen läßt. Ich jage hier hinter einem Phantom her,
an, das ich schon kaum mehr glauben kann, da es mir zu oft wieder entschwunden;
an das ich aber glauben muß, da mir kein anderer Ausweg mehr bleibt. Unter uns
gesagt: Aut Caesar aut nihil(lat.) Entweder Kaiser oder nichts (sprichwörtlich nach einem Zitat aus dem Wahlspruch des Renaissancefürsten Cesare Borgia); meint: Alles oder nichts.. – Grüßen Sie mir Frida, wenn sie noch da ist, und
Herrn und Frau Dressler. Das Leben ist eine verdammte BestieWedekind formulierte später als Schlusssatz des „Marquis von Keith“ (1901) eine Variante: „Das Leben ist eine Rutschbahn...“ [KSA 4, S. 228], zuvor als Schlusssatz von „Ein gefallener Teufel“ (1899): „Das Leben ist eine Rutschbahn!“ [KSA 4, S. 148]. – Mit den besten
Wünschen und herzlichsten Grüßen Ihr Frank Wedekind, Kurfürstenstr. 125 I.
lWedekind war wieder umgezogen (Kurfürstenstraße 125, 1. Stock links) und wohnte nun in der Pension von S. Morgan, die als Inhaberin einer Pension ausgewiesen ist (Kurfürstenstraße 125) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1897, Teil I, S. 862], im selben Haus, in dem sein späterer Vermieter Wilhelm Hamann (Wedekind wohnte 1906 bis 1908 in seinem Haus) mit seinem Baugeschäft ansässig war (Kurfürstenstraße 125) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1897, Teil III, S. 305]..