Mein lieber Frank!
Ich danke dir für die schnelle Bereitschaft, mit der
du mir aus der Verlegenheit geholfenDonald Wedekind hatte seinen Bruder zuletzt um Geld gebeten [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 22.4.1901]. Frank Wedekind schrieb daraufhin seiner Mutter nach Dresden, wohin sich Donald ebenfalls gewandt hatte, seine Berliner Freunde würden sich nun „seiner annehmen“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 25.4.1901]..
Herr Halbe hat dir vielleicht mitgeteilt, wie ich ihn
ernstlich gebetenvgl. Donald Wedekind an Max Halbe, 26.4.1901 [Mü, MH B 320]. mich in meinem Anliegen an Euch Alle zu unterstützen, indem
er bei dir insbesondere seinen Einfluß welch/gelt/end machen möge. Ich
habe seither von keiner Seite über die SacheDonald Wedekind hatte sich mit seiner Bitte um eine regelmäßige monatliche Unterstützung, außer an Frank Wedekind, an seine Schwester Erika und seinen Schwager Walter Oschwald in Dresden gewandt, sowie offenbar auch an seinen Bruder Armin in Zürich. mehr gehört, weder von Dresden,
noch von Dir, noch aus Zürich.
Was ich hier in Berlin getahn habe, bestand
hauptsächlich darin, daß ich versuchte unter die Leute zu kommen. Es ist mir
dies bis zu einem gewissen Grad gelungen. Auch glaube ich die Leute für mich
interessirt zu | haben: Als Ergebniß dieses Interesses wäre meine Aussicht
gegen Ende des Monats am Lokalanzeiger angestellt zu werden, anzusehen,
außerdem mein Auftreten in einem kleinen Cabaretnicht ermittelt. Erich Mühsam erinnerte sich an Donald Wedekinds Kabarettauftritte in Berlin: „Der interessanteste Galan der leichten Muse in unserem Kreise war wohl Donald Wedekind. Ich verkehrte viel mit ihm, noch ehe ich seinen älteren Bruder Frank kennenlernte. [...] Er sang die Chansons seines Bruders zugleich mit dem einschmeichelnd klangvollen Bariton seines Organs und der harten, fast unmodulierten Aussprache seiner schweizerischen Sprechweise, wobei er sich meisterhaft auf der Klampfe begleitete. Die Frauen waren von dem Zauber seines Vortrags völlig fasziniert“ [Mühsam 2003, S. 52]. (natürlich ganz Berliner Genres) mit einem
französischen Chanson. Das ist bei meiner Schüchternheit, die du selbst in
MünchenEin Besuch von Donald Wedekind in München ist zuletzt für den 1.7.1900 nachweisbar [vgl. Frank Wedekind an Walther Oschwald, 1.7.1900]. als eine meiner Hauptschwächen hervorhobst, nicht gering anzuschlagen.
Kurzum, ich habe mich in den zwei Monaten meines Hierseins ungefähr so
verhalten, wie es
strikt dem Temperament zuwider läuft, in welches ich während der langen Jahre
meines Auslandslebens versunken bin. Ich warte, was daraus | wird.
Hier interessirt man sich sehr für dich; es vergeht
kaum ein Tag, daß mich nicht irgend Jemand nach deiner Adresse fragt. Ob die
Fragen der Leute immer ernst sind, weiß ich nicht. Reßner Frank Wedekind hatte den befreundeten Carl Rößler (Pseudonym Franz Ressner), Oberregisseur an dem von Ernst von Wolzogen am 18.1.1901 eröffneten Bunten Theater (Überbrettl), gebeten, sich um seinen Bruder Donald in Berlin zu kümmern [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 25.4.1901].ist schon seit Wochen
mit Wolzogen (die Bemühungen, welche ich auch bei Letzterem nicht unterlassen
habe, waren bei allem Aufwand von Intensität erfolglos) auf Reisen, ich habe
nichts mehr von ihm gehört. Ich wäre jetzt wohl im Stande, etwas ganz Tüchtiges
zu schreiben, da ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Milieu um mich habe,
die einzige Ablenkung (und die ist allerdings stark genug) liegt in | der
völligen Unsicherheit meiner Subsistenz. Außerordentlich berührt hat es mich,
als ich von der SelbststellungOskar Panizza, den Frank Wedekind aus München kannte (siehe seine Korrespondenz mit Wedekind) und zuletzt in Paris viel mit ihm zusammen war [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 10.1.1899 und 24.2.1899], hatte sich am 13.4.1901 der Münchner Polizei gestellt, wie die Presse berichtete: „Oskar Panizza, der früher vielgenannte Schriftsteller, gegen den wegen Majestätsbeleidigung Steckbrief erlassen war und der in letzter Zeit in Paris lebte, hat sich, um sein beschlagnahmtes Vermögen zu retten, vor Kurzem den deutschen Behörden gestellt“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 54, Nr. 190, 24.4.1901, Vorabendblatt, S. 3; vgl. Freiwillig gestellt. In: Berliner Tageblatt, Jg. 30, Nr. 205, 24.4.1901, Morgen-Ausgabe, S. (3)]. Er war in Zürich, als Frank Wedekind dort eintraf [vgl. Wedekind an Carl Heine, 2.11.1898; Wedekind an Frida Strindberg, 4.11.1898] und ist nach dem Entzug seiner Aufenthaltsgenehmigung zum 1.12.1898 [vgl. Bauer 1984, S. 200] etwa am 21.11.1898 von dort nach Paris abgereist [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 29.11.1898]. Nach der Publikation seines Lyrikbandes „Parisjana“ (1899) wurde er seit dem 2.2.1901 wegen Majestätsbeleidigung steckbrieflich gesucht und sein Vermögen mit Beschluss vom 10.3.1901 beschlagnahmt [vgl. Bauer 1984, S. 208; 211; 275 und 276]. 1895/96 hatte er in Bayern infolge der Veröffentlichung seines antikatholischen Dramas „Das Liebeskonzil“ (1894) bereits eine einjährige Haftstrafe wegen Blasphemie verbüßt. Panizzas hörte.
Bitte, richte Herrn Halbe meine Grüße aus und sei
selbst herzlich gegrüßt und nochmals bedankt von deinem Bruder
Donald
Berlin, Paulsstraße 8.IV.
d. 13. Mai 1901
Auch von Frieda weiß ich seit Wochen nichts mehr.