Lieber Herr
Heymel!
Empfangen Sie
meinen herzlichen Dank für die Freude, die Sie mir durch ÜbersendungHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben oder eine Widmung; erschlossenes Korrespondenzstück: Alfred Walter Heymel an Wedekind, 31.7.1900. Alfred Walter Heymel hat Wedekind sein Versdrama „Der Tod des Narcissus. Ein dramatisches Gedicht in einem Aufzug“ (1900) geschickt, das als bibliophiler Privtadruck (41 Seiten) in einer Auflage von 200 Exemplaren erschienen ist. Ihres „Tod
des Narcissus“ gemacht haben. Ich bedaure nur das Eine, daß Sie sich durch Ihre
exponirte StellungAlfred Walter Heymel war als Kind von dem Bremer Großkaufmann Adolph Heymel (gestorben 1890) adoptiert worden, dessen Millionenvermögen er erbte und zum Teil mäzenatisch verwandte; über seine unklare Herkunft ranken sich allerlei Gerüchte. vielleicht ganz ohne Grund veranlaßt sahen, das Werk mit
solcher ReserveAnspielung auf den fingierten Erscheinungsort mit rückdatiertem Erscheinungsjahr auf dem Titelblatt von „Der Tod des Narcissus“ (1900): „BREMEN 1898“ – damit ist das Stück als Werk des 19jährigen Alfred Walter Heymel ausgewiesen. herauszugeben. Ich finde daß es mit ein oder zwei Arbeiten
ähnlichen Umfangs in | einem Band herausgegebenIm Jahr darauf erschien eine broschierte Neuausgabe „Der Tod des Narcissus. Ein dramatisches Gedicht in einem Aufzug“ (1901) im Verlag der Insel bei Schuster & Loeffler in Berlin (50 Seiten). Die Angabe „BREMEN 1898“ ist beibehalten., sich der rückhaltlosesten Anerkennung
zu erfreuen haben würde. Ich hoffe sehr daß auch dem „ManuscriptDie Impressumsseite von „Der Tod des Narcissus“ (1900) enthält den Aufdruck: „ALS MANUSCRIPT GEDRUCKT FUER:“ – darunter dürfte Alfred Walter Heymel in dem nicht überlieferten Exemplar für Wedekind handschriftlich dessen Namen oder eine Widmung eingetragen haben.“ diese öffentliche Würdigung nicht vorenthalten bleibt. Auch was die
Bühnenwirksamkeit betrifft, scheint mir das Werk durchaus in unsere Zeit zu
passen. Die Sprache finde ich ebenso einfach und schlicht, wie wohllautend; der
Inhalt kann sich viele gänzlich unbefangene Verehrer erwerben, so daß Sie
vielleicht schließlich selbst zu der Überzeugung gelangen, daß es eine
überflüssige Aufrichtigkeit | war, das Stück in der Vorrede ausdrücklich als
Jugendarbeit zu designirenbezeichnen..
Man kann nie
wissen welche unerwarteten Schicksale die Bücher habennach dem aus der Antike tradierten bekannten Sprichwort ‚Habent sua fata libelli‘ (lat.) = ‚Bücher haben ihre Schicksale‘ (seit 1888 Wahlspruch des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels). und so wünsche ich von
ganzem Herzen den schönsten Erfolg. Dazu muß man sich in den Narzissus
verlieben können und das scheint mir be/a/ngesichts ei/u/nserer heutigen Ideenwelt aus
mehr als einem Grunde nicht ausgeschlossen.
Eine Freude
wird es mir sein, gelegentliche ausführlicher mit Ihnen über
das Stück sprechen zu können.
Mit herzlichen
Grüßen
Ihr ergebener
Frank
Wedekind.
München, im
August 1900.