München, 26.XII.1891.
Lieber Bruder,
ich bin nun doch über Weihnachten hier geblieben, habe auch
in einem Atelier einen recht vergnügten Abend mit Kinderbescheerung verlebt,
dabei ist aber nach Abtragung meiner Schulden mein Geld dermaßen zur Neige
gegangen, daß ich gerade eben noch mit knapper Noth das Billett nach Paris
bestreiten kann. Dessenungeachtet werde ich reisen, übermorgen 28.XII. früh 7 UhrDer Zug verließ München um 7 Uhr und erreichte Paris über Ulm, Stuttgart, Karlsruhe, Straßburg und Avricourt laut Fahrplan am nächsten Morgen um 5.10 Uhr [vgl. Eisenbahn-Kursbuch für Bayern und die angrenzenden Nachbarstaaten. Winterdienst 1891/92, S. (304)]., da ich fürchte
sonst überhaupt nicht mehr los zu kommen. Ich werde aber demgemäß das Pariser
Pflaster mit nicht mehr als etwa 20 Frs in der Tasche betreten.
Darf ich Dich nun vielleicht bitten, mir wenn irgend möglich vielleicht Frs 100 bereit zu halten, die Du mir sofort auf Angabe meiner Adresse
hin schicken könntest – natürlich nur für den Fall, daß Du zufällig das Geld
liegen hast und es momentan nicht brauchst. Ich würde es Dir, sobald ich in
Paris etwas verkauft habe, zurückschicken, wenn Du es nicht vorziehen würdest,
eines meiner Papiere in Zürich zu verkaufen und mir den Rest zu übersenden. Im
Falle sich das alles nicht machen läßt, müßt ich Dich natürlich darum bitten,
meine PapiereDas von Wedekinds Vater vererbte Vermögen war in Wertpapieren angelegt, die Armin Wedekind für die Geschwister und seine Mutter verwaltete. Frank Wedekind plante seinen Aufenthalt in Paris durch ihren Verkauf zu finanzieren und bat daher um ihre Übersendung. in Zürich zum Absenden bereit zu halten, damit ich sie möglichst
bald nach meiner Ankunft in Paris erhalten könnte. Bitte verzeih meine
schlechte Schrift. Ich schreibe unter den unbequemsten Verhältnissen. Indem ich
Dir im Voraus danke mit den besten Glückwünschen zum neuen Jahr an Emma und
Dich Dein treuer Bruder
Franklin.