Postkarte
Frau
Tilly Wedekind
München
50 Prinzregentenstrasse 50
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Liebe Tilly! Ich habe den gestrigen Tagden 27.11.1909 in Hamburg, an dem Wedekind nach seiner Lesung am Vorabend im Conventgarten dem Tagebuch zufolge die Betreiberin des Conventgartens aufsuchte („Besuch bei Leichsenring“), die Witwe des Musikverlegers Max Leichssenring, anschließend das Fotoatelier Emil Bieber („Bieber photographiert mich“), und sich dann bis zur Abreise nach Leipzig der Stadt Hamburg und der Presseresonanz auf seine Lesung widmete („Stadtbesichtigung. Diner im Hotel. Kofferpacken Spaziergang. Im Café Belvedere lese ich die Kritiken. Abendessen im Ratsweinkeller Im Schlafwagen nach Leipzig“). in Hamburg allein
zugebracht und heute auch noch niemanden gesehn. Die Kritikendie Besprechungen seiner Lesung am 26.11.1906 im Conventgarten in der Hamburger Presse, die Wedekind am 27.11.1909 noch in Hamburg gelesen hat: „Im Café Belvedere lese ich die Kritiken.“ [Tb] Sie sind in den Morgen-Ausgaben des 28.11.1909 erschienen, waren aber vermutlich am Vortag schon greifbar: Im „Hamburger Fremdenblatt“ hieß es, „Der Stein der Weisen“ sei „eine langatmige Dichtung, absolut ungeeignet zu einem Vortragsabend [...] und vor allem langweilig. Immerhin – an einigen Stellen entdeckte man den Dichter Wedekind“ [KSA 6, S. 987], im „Hamburgischen Correspondent“ meinte Carl Müller-Rastatt: „Je länger die Vorlesung währte, desto gelangweilter erschien das Publikum“ [KSA 6, S. 1008]. waren mäßig aber
wenigstens nicht vernichtend. Auf heuteder 28.11.1909, an dem Wedekind sein abendliches Treffen mit dem befreundeten Rechtsanwalt Dr. Kurt Hezel (dabei war auch der Rechtsanwalt Dr. Martin Drucker) im Wein-Restaurant August Simmer (Petersstraße 34) und im Café Bauer (Roßplatz 6) notierte, den er morgens in seiner Wohnung aufgesucht hat (Roßplatz 7): „Ankunft in Leipzig. Hetzel liegt noch zu Bett. [...] Abends mit Hetzel und Martin Drucker bei Simmer und in Café Bauer“ [Tb]. (Sonntag) Abend habe ich mich mit Kurt
Hetzel verabredet. Es ist hier rauh und kalt, so daß das Spazierengehen wenig
Vergnügen macht. Ich wohne Hotel Kaiserhof. Morgenam 29.11.1909, an dem Wedekind die jungen Schriftsteller Kurt Pinthus, der in Leipzig studierte und dort 1910 zum Dr. phil. promoviert wurde, und Walter Hasenclever, der seit 1909 in Leipzig studierte, getroffen hat, um dann mit einem Nachtzug nach München zurückzufahren: „Besuch bei Hasenklever. [...] Abendessen mit Hasenklever Pinthus und Hetzel im Ratskeller. Abfahrt nach München Nachts 1 Uhr.“ [Tb], Montag, Abend, fahre ich
voraussichtlich nach München zurück. Die Studenten habe ich auch noch nicht
gesehen. Morgen werde ich Zeit genug dazu haben. Ich schreibe die Karte in
einem sehr schönen neuen Café neben dem alten Rathaus.
Herzliche Küsse und Grüße sendet Dir und Annapamela
Dein Frank.