[1. Briefentwurf:]
An die Redaktion der
M.N.N.
München.
Sehr geehrter Herr
Ich kenne die M.N.N. seit bald zehn Jahren als ein
Blatt
[2. Briefentwurf:]
Bei allen künstlerischen Unternehmungen die ich seit zehn
Jahren in München zu stande brachte haben Sie mir den/ie/ verbissensten
gehässigsten Widerstand Anfeindung zu theil werden lassen.
entgegen gesetzt.
Meine Dramen So ist das Leben M. v. Keith Frühl. Erw. wurden
von Ihnen den M.N. als völlig werthloser Schund
gebrandmarkt.
Als ich bei den Scharfrichtern auftrat nannten mich die
M.N.N. einen „impotenten Menschen, der gänzlich auf den Hund geraten ist[“].
Im Juli dieses Jahres spielte ich 30 malHinweis auf den ersten Wedekind-Zyklus am Münchner Schauspielhaus (1. bis 30.7.1909). in meinen eigenen
Stücken im Münchner Schauspielhaus. Für diese Arbeit Leistung hatten die
M.N.N. nichts als mitleidiges
Lächeln, hämisches
Achselzucken„mitleidiges Lächeln, hämisches Achselzucken“ ist umgestellt (zuerst: „hämisches Achselzucken, mitleidiges Lächeln“). und thaten alles um was in ihrer Macht stand um mein
Gastspiel den Beifall den ich im Publikum fand als ungerechtfertigt hinzustellen
|
An die tit. Redaktion
der M.N.N.
München
Sehr geehrter Herr
Gestatten Sie mir, Sie höflichst zu ersuchen keinen Referenten„keinen Referenten Ihres Blattes mit der Besprechung meines morgigen Vortrages zu beauftragen“ ist umgestellt ‒ mit den Ziffern für die endgültige Reihenfolge versehen (Ziffer 1 vor „keinen“, Ziffer 2 vor „mit“, Ziffer 3 vor „zu“; zuerst hieß es: „mit der Besprechung meines morgigen Vortrages keinen Referenten Ihres Blattes zu beauftragen“). Ihres
Blattes mit der Besprechung meines morgigen VortragesWedekind notierte am 16.11.1909: „Abends Vorlesung B. d. Pandora im Börsensaal“ [Tb]. Seine von der Ortsgruppe München der Allgemeinen Vereinigung Deutscher Buchhandlungsgehilfen veranstaltete „Büchse der Pandora“-Lesung im Saal des Kaufmännischen Vereins 1873 im Neuen Börsen-Café in München (Maximilianplatz 8, 3. Stock) war „mit Auslassung einiger Szenen“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 76, Nr. 264, 12.11.1909, S. 13801] überregional angekündigt, aber auch vor Ort; Wedekind werde „bei dem achten Münchner Autoren-Abend“ der genannten Vereinsortsgruppe „den ersten Teil der Erdgeist-Tragödie und die ‚Büchse der Pandora‘ in der neuen Bearbeitung vorlesen.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 531, 13.11.1909, Vorabendblatt, S. 3] Unmittelbar vor der Lesung hieß es präziser: „Frank Wedekind wird, wie nun feststeht, [...] den zweiten Teil der Lulu-Tragödie die ‚Büchse der Pandora‘ mit Auslassung einiger Szenen vorlesen.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 535, 16.11.1909, Vorabendblatt, S. 3] zu beauftragen in meinen morgigen
Vortrag im Börsensaal keinen Referenten Ihres Blattes zu senden. Seit zehn
Jahren brandmarken Sie meine Arbeiten öffentlich als Schundwerke die k/e/iner
ernsten Kritik nicht unwürdig
sind und bedenken mich dabei mit Schimpfworten wie „impotent“ und „auf den Hund
geraten“. Da ich für den Vortrag kein Honorar beziehe, sehe ich nicht ein,
warum ich mich von Ihnen dafürrückgängig gemachte Umstellung (umgestellt war: „dafür von Ihnen“). am nächsten Tag mit Schmutz bewerfen oder verächtlich machen
lassen lassen
soll. Für den Fall daß sich ein Berichterstatter Ihres Blattes im Saal befindet
werde ich mit meinem Vortrag nicht eher beginnen als bis der Herr den Saal
verlassen hat.
Hochachtungsvoll
FrW.
[3. Abgesandter Brief:]
An die tit Redaktion
der
Münchner Neuesten Nachrichten
München
Sehr geehrter HerrChefredakteur war seinerzeit Dr. Martin Mohr, verantwortlich für das Feuilleton Emil Grimm [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil III, S. 145; Teil I, 385, 182]; so auch im Jahr 1909 auf den Titelseiten der „Münchner Neuesten Nachrichten“ verzeichnet (wen Wedekind bei der Anrede im Blick hatte, kann nicht sicher gesagt werden).!
Gestatten Sie mir, Sie höflichst zu ersuchen, keinen
Referenten Ihres Blattes mit der Besprechung meines morgigen Vortrages zu
beauftragen. Seit zehn Jahren brandmarken Sie meine Arbeiten öffentlich als
elendeste Schundware, die keiner ernsten Kritik würdig sei, und bedenken | mich
dabei mit Schimpfwörtern wie „impotentZitat in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ nicht ermittelt, allerdings in der „Münchener Post“, die am 23.12.1902 zur Ehrenexekution der Elf Scharfrichter am 20.12.1902 geschrieben hatte: „Vor Allem haben unsere jungen Cabaretisten die grämliche Miene des Weltschmerzes diesmal völlig überwunden – mit einer Ausnahme: Wedekind, doch das ist mehr der private Jammer des Impotenten – [...]. Frank Wedekind, dessen starres Clown-Gesicht, wie immer stürmisch begrüßt wurde, war diesmal nicht auf der Höhe, weder in der Wahl seiner Balladen noch im Vortrag. Nur an dem Stoßseufzer eines Impotenten: Pharus dürften auch die abgebrühtesten Immoralisten ihre ungetrübte Freude gehabt haben.“ [KSA 1/III, S. 562]“ und „auf den Hund gekommenZitat aus den „Münchner Neuesten Nachrichten“; in der Besprechung einer Vorstellung aus dem Programm des Intimen Theaters (Münchner Künstler-Kabarett) vom 3. bis 10.12.1904 – angekündigt war: „Frank Wedekind als Gast (neue Balladen)“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 565, 3.12.1904, Vorabendblatt, S. 5] – heißt es über den Auftritt Wedekinds, dass sein „Name den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Aber der zensurierte Verfasser der ‚Büchse der Pandora‘ ist in seinen ‚neuen Balladen‘ tatsächlich auf den Hund gekommen. Die sexuell erregten Hunde spielen darin eine Hauptrolle.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 570, 6.12.1904, Morgenblatt, S. 4]“. Da ich für
den Vortrag kein Honorar beziehe, sehe ich nicht ein, warum ich mich von Ihnen
dafür am nächsten Tag verächtlich machen lassen soll. Für den Fall, daß sich
ein Berichterstatter Ihres Blattes im Saal befindet, werde ich mit meinem
Vortrag nicht eher beginnen, als bis der Herr den Saal verlassen hat.
Hochachtungsvoll
Frank Wedekind.
München, den 15 November 1909
Prinzregentenstraße 50.
[Kuvert:]
Tit. Redaktion
der
Münchner Neuesten Nachrichten
München
Sendlinger StrasseRedaktionsadresse der „Münchner Neuesten Nachrichten“ war inzwischen Sendlinger Straße 80 [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil I, S. 403; Teil III, S. 145].