Hochverehrte Frau,
das Leben spielt schrill auf, verzeihen Sie die schrille PoesieWedekinds Gästebucheintrag enthält die erste vollständige Niederschrift (noch ohne Titel) seines Gedichts „An mein Weib“ [KSA 1/I, S. 406], das er leicht überarbeitet in der Abteilung „Die Jahreszeiten“ des Sammelbands „Die Fürstin Russalka“ (1897) veröffentlichte und später nochmals bearbeitet unter dem neuen Titel „An Bertha Maria, Typus Gräfin Potocka“ in den Gedichtband „Die vier Jahreszeiten“ (1905) aufnahm [vgl. KSA 1/I, S. 910-912].. Gerne hätte ich einen melodischeren Accord angeschlagen, aber es ist das relativ Beste, was mir seit langem eingefallen.
Wie stapften wir doch als Kinder so keck
Barfuss durch alle Pfützen
Und liessen uns den kalten Dreck
Hoch über die Knie spritzen.
Wie einst als Kinder durch Hain und Flur
So stapfen wir jetzt durchs Leben,
Der ganze Strassencoth der Cultur
Bleibt uns an den Beinen kleben.
Lass dir’s nicht schaudern; was ist dabei!
Wir scheuen nicht Ottern und Nattern,
Solang nur der Kopf und die Brust noch frei
Und im Sturm Deine Haare flattern.
Um so glücklicher der, der den Weg wenigstens nicht allein macht. Wenn Sie dies lesen denken Sie eines Einsamen.
In größter Verehrung Ihr
Frank Wedekind.
München, im Juni 96.