Sehr geehrter Herr Kerr!
eben erhalte ich Ihre BeurtheilungAlfred Kerrs Rezension der Inszenierung von Wedekinds Lustspiel „Die junge Welt“ am Berliner Hebbel-Theater am 12.3.1909 durch die Akademische Bühne erschien am 14.3.1909 in der Berliner Tageszeitung „Der Tag“ und war ein Lob: „Mit dem Wagnis dieser Aufführung hat die Akademische Bühne wacker gehandelt. Ich dachte, das wäre nur so ein Verein ... aber sie riskiert was. Braaavo ‒ junge Welt! [...] die Belichtung des alten Vorgangs ist neu. [...] Wedekind hat diese Komödie, die ‚Junge Welt‘, vor drei Lustren zu Papier gebracht. [...] Wer das höchst selbständige Jugendwerk [...] sieht [...], der geht staunend durch einen Wald von Wirkungen ‒ Wirkungen in jedem dritten Satz, Humoren, Parodien, Illusionsstörungen (oder Daseinserinnerungen!) [...]. Ich könnte das Ganze noch etliche Male mit dem stärksten Vergnügen sehn.“ [Alfred Kerr: Frank Wedekind: „Die junge Welt“. Hebbel-Theater. Aufführung der „Akademischen Bühne“. In: Der Tag, Nr. 62, 14.3.1909, S. (1-2)]. meiner „Jungen Welt“. Ich
empfinde Ihr Urtheil als eine Ehre die meiner Arbeit zutheil wurde. Über das
Stück abzusprechen war natürlich sehr leicht, und die absprechenden Urtheile
haben ja vollkommen recht. Sie heben die Zeit hervor, in der es enstandenSchreibversehen, statt: entstanden. ist.
Aber ich wollte mir die Ehre | nehmen, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Seien
Sie streng gegen mich. Ich werde Sie nicht mißverstehn. Stellen Sie unerhörte
Ansprüche. Seien Sie maßlos ungerecht aber systematisch. Natürlich bitte ich
nicht um den Knüppel zwischen den Beinen sondern um die Gerte. Es muß mir
jedenfalls lieber sein, wenn Sie mir helfen ohne daß jemand eine Ahnung davon
hat als wenn jedermann weiß, daß Sie meiner Ar/r/beit Freund sind. Sie
hätten | dabei die Kurzweil, erproben zu können, wie weit mein Verständnis für
Hülfe geht. Denn wenn es zu weh thut, würde ich mich ja doch wohl bei Ihnen
beklagen, und vielleicht umsonst. Bis dahin wäre es für uns Beide lustiger als
der ewige Streit um Recht und Billigkeit. Das Kopfschütteln der Leser nähme gar
kein Ende.
Mit besten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.
München 1.4.9der 1.4.1909 – Wedekinds Notiz vom 31.3.1909 zufolge hat er den Brief aber einen Tag zuvor zumindest konzipiert: „Brief an Kerr.“ [Tb]. Das Datum ist Zufall. Es soll keine
AnspielungDer 1. April markiert traditionell einen Aprilscherz. sein.