München
6. März 1915.
Lieber
hochverehrter Richard Dehmel!
Empfangen Sie herzlichen Dank
für
Übersendung des teuren AndenkensRichard Dehmel hatte seinem Brief ein Foto von sich beigelegt [vgl. Richard Dehmel an Wedekind, 22.2.1915], was er auf dem vorliegenden Brief notierte: „(Ich hatte ihm das kleine Photo aus dem Schützengraben geschickt, wodrauf ich ihm ähnlich sehe).“. Die Ähnlichkeit auf dem Bild kommt daher,
daß Sie Ihre wirkungsvollen Augen niederschlagen. Ich kann aber | die
Gelegenheit nicht versäumen, Ihnen meine größte Bewunderung vor Ihrem
selbstlosen
aufopferdenSchreibversehen, statt: aufopfernden. EntschlußRichard Dehmel war zu Kriegsbeginn unter den Kriegsfreiwilligen – Erich Mühsam vermerkte am 11.8.1914: „Es ist Irrsinn, daß Leute wie Dehmel sich freiwillig gemeldet haben“ [Tb Mühsam] – und hat das auch publik gemacht, so etwa in einem offenen Brief, der redaktionell eingeleitet war: „Richard Dehmel, der bekanntlich als Kriegsfreiwilliger ins Feld gezogen ist, hat vor dem Abmarsch einen Brief an seine erwachsenen Kinder geschrieben, in dem er Rechenschaft über seinen Eintritt ins Heer ablegt. Das schöne Dokument deutscher Gesinnung wird uns zum ersten Abdruck zur Verfügung gestellt.“ [Richard Dehmel: An meine Kinder. In: Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 514, 9.10.1914, Abend-Ausgabe, S. (2)] Erich Mühsam notierte dazu am 21.10.1914: „Gestern sprach ich mit Heinrich Mann [...]. Mit gleichem Widerwillen beurteilten wir beide den offenen Brief, den Richard Dehmel vor seinem Einrücken in die Front an seine Kinder gerichtet hat.“ [Tb Mühsam] Richard Dehmels Verlag, die Herold’sche Buchhandlung in Hamburg, hat sein Bändchen „Volksstimme – Gottesstimme. Kriegsgedichte“ (1914) am 29.9.1914 damit beworben: „Unter der Kriegspoesie des Jahres 1914 [...] gehören diese 12 Gedichte Richard Dehmels zu den allerbedeutendsten und tiefempfundensten. Sie atmen den Geist, der den 51jährigen Dichter schon in den ersten Mobilmachungstagen als Kriegsfreiwilligen zu den Waffen greifen ließ. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist er bereits auf der Fahrt nach dem Westen, um die Lücken im 31. Inf.-Rgt. mit auszufüllen. Für sein Regiment hat er deshalb den Ertrag der Gedichte bestimmt.“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 81, Nr. 229, 2.10.1914, S. 7526] auszusprechen. Außerdem wird uns allen
die Freude zu theil, Gedichte von Ihnen zu erhalten, die man nicht vergißt.
Erst vor wenigen Tagen fand ich solche
Kleinode in einem
Zyklus der Neuen RundschauRichard Dehmels Gedichte „Arie an die neuen drei Grazien aus dem Herzen eines ehrlichen Leutnants“, „Moralische Legende“, „Sehnsucht im Sturm“, „Das Flammenwunder“, „Gelöbnis“, „Aufstieg“ und „Lied ob der Nacht“ in der von S. Fischer in Berlin verlegten Zeitschrift „Die neue Rundschau“ [vgl. Kriegsvorboten. Gedichte von Richard Dehmel aus den Tagen des faulen Friedens. In: Die neue Rundschau, Jg. 25, Heft 11, November 1914, S. 1579-1583]..
Ich lag die
letzten drei Monate krankWedekind hatte am 29.12.1914 eine erste Blinddarmoperation: „Werde mit dem Sanitätswagen in die Klinik gebracht und operiert.“ [Tb] Er notierte am 9.1.1915: „Mit dem Sanitätswagen nach Hause gebracht.“ [Tb] Die Wundheilung gestaltete sich langwierig und problematisch; zuletzt hatte er am 2.3.1915 und dann wieder am 8.3.1915 notiert: „Bei Skanzoni zum Verbinden.“ [Tb] | und hatte während der ganzen Zeit
Ihre ausgewählten GedichteDas 22. Tausend von Richard Dehmels Lyrikband „Hundert ausgewählte Gedichte“ (1909), seinerzeit im S. Fischer Verlag in Berlin als dritte Ausgabe der „Ausgewählten Gedichte“ (1902) erschienen, nun verlegt von der Herold’schen Buchhandlung in Hamburg, lag gedruckt vor [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 81, Nr. 269, 20.11.1914, S. 8648]. neben meinem Bett, ich verdanke Ihnen manchen Genuß
in den schlaflosen Nächten. Gott behüte Sie und erhalte Sie uns in dem schweren
Los das Sie sich freiwillig aufgebürdet. Denn wie es bei Ihnen zugeht das weiß
ich aus den Berichten des
Dr. Artur
Kutscher, | der
auf
einige Tage hierArtur Kutscher, vom 12.9.1914 bis 3.2.1915 „in wechselnder Stellung“ [Kutscher 1960, S. 106] in der Nähe von Reims an der Westfront eingesetzt, dann in der Champagne, war vom 25.2.1915 bis 21.3.1915 auf Heimaturlaub in München und Wedekind hat ihn dem Tagebuch zufolge mehrfach gesehen – so am 26.2.1915 („Artur Kutscher überrascht mich im Bett“), 27.2.1915 („Professor Artur Kutscher kommt zum Abendessen“), 1.3.1915 („Krokodil Kutscher“), 8.3.1915 („Krokodil mit Kutscher Henckel Mühsam Wilm“) und 20.3.1915 („HTR mit Kutscher Friedenthal Vesper. Kutscher fährt mich nach Hause, kehrt morgen ins Feld zurück“). weilte. Kutscher bittet mich, Ihnen seine Grüße zu bestellen.
Auch er hatte große Freude an dem interessanten Bild. Wenn Europa nur bald zur
Besinnung kommt und Ihnen
ermöglichSchreibversehen, statt: ermöglicht. aus den Schrecknissen zurückzukehren
und sich des Dankes Aller zu freuen, die Sie lieben und sich vor Ihren Werken
und Ihrer Tat in Verehrung und Bewunderung beugen. Das wünscht Ihnen von Herzen
Ihr alter
Frank
Wedekind.