Briefwechsel

Rudinoff, Willy (Rudino) und Wedekind, Frank

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München, 30. Oktober 1890 (Donnerstag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zeichnung: Wedekind mit Pfeife]


WMorgensternWilly Morgenstern (das ist Willy Rudinoff), der am 14.10.1890 mit der Matrikelnummer 788 unter seinem Geburtsnamen mit der Angabe „israelitisch“ im Kunstfach „Naturklasse“ [00788 Willy Morgenstern, Matrikelbuch 1884-1920, https://matrikel.adbk.de/matrikel/mb_1884-1920/jahr_1890/matrikel-00788 (abgerufen am 15.10.2021)] an der Münchner Akademie der Bildenden Künste immatrikuliert wurde [vgl. Raff 2015, S. 17]. Wedekind notierte ihn in der Namensliste im Anhang seines Münchner Tagebuchs (Einträge bis zum 22.10.1890): „Willy Morgenstern al. Rudino Illustrator und Zeichner Schriftsteller Schnellmaler aus Berlin. (Monachia) Sänger in d. Synagoge.“


München, DichteleiMünchner Künstlerkneipe, die Tiroler Weinstube Zur Dichtelei (Türkenstraße 81), geführt von Johann Wiedemann [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1891, Teil II, S. 395] bis Herbst 1891 [vgl. Neues Münchener Tagblatt, Jg. 15, Nr. 283, 10.10.1891, 2. Blatt, S. 14]., X.90.

Einzelstellenkommentare

München, 31. Oktober 1890 (Freitag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Radierung: Wedekind mit GitarreWilly Rudinoff zufolge (1930 in einem Brief an Artur Kutscher) zeige die Radierung Wedekind, „wie er in der ‚Dichtelei‘ Brigitte B. singt.“ [Raff 2015, S. 131] Das kann so nicht stimmen, da Wedekinds berühmte Ballade „Brigitte B.“ erst im Sommer 1894 entstand [vgl. KSA 1/III, S. 454].]


Meinem lieben Frank Wedekind

München
1890


W. Rudinoff

Einzelstellenkommentare

München, 31. Dezember 1890 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

Willy Morgenstern


München Zieblandstraße 5, 1. GartenhausWilly Rudinoff (Pseudonym von Willy Morgenstern) wohnte wohl bei dem Leihhausschätzer Friedrich Brückner zur Untermiete in jenem Rückgebäude (Zieblandstraße 5, 1. Gartenhaus = Hinterhaus) eines Hauses im Besitz des Kunstmalerehepaars Emil und Maria Rau [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1891, Teil II, S. 421f.]. Gustav Rickelt, der im Spätsommer 1889 als „junger Schauspieler [...] auf ein Jahr“ am Münchner Hoftheater „engagiert worden“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 42, Nr. 433, 20.9.1899, Vorabendblatt, S. 4] ist und in der Maximilianstraße 38 (3. Stock) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1890, Teil I, S. 283] wohnte, erinnerte sich, Willy Morgenstern, ein alter Bekannter aus Berlin, sei „in München gelandet, um in der Maler-Akademie aufgenommen zu werden. So kam er zu mir, aller Mittel entblößt. Meine Wirtin hatte ein kleines Zimmer frei, ich brachte ihn dort unter“ [Rickelt 1930, S. 162] – vermutlich war die Zimmerwirtin die Gattin des Leihhausschätzers..

Einzelstellenkommentare

Paris, 5. Dezember 1892 (Montag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

Herzlichen Gruss von Willy MorgensternWedekind hat den Zettel und das daraufhin erfolgte Wiedersehen mit Willy Rudinoff, der „eigentlich Wilhelm Morgenstern hieß“, sein „Geburtsname“, wobei seit 1898 „Rudinoff“ dann „sein offiziell-amtlicher Nachname“ [Raff 2015, S. 5f.] war, am 5.12.1892 kommentiert, beginnend mit den Sätzen: „Ich habe kaum das Wort Morgenstern gelesen, so bin ich am Eingang. Wie wir uns in die Arme sinken, bin ich dem Weinen nahe. Mein Horizont ringsum so verdüstert, da geht mit einem Schlag eine Welt auf. Morgenstern stammelt [...]: Sie glauben nicht welche Freude! Nein diese Freude! Wir gehen in den weiten, menschenleeren Stall“ [Tb]. alias RudinoKünstlername Willy Rudinoffs, unter dem er auch in Zürich aufgetreten ist – zuerst vermutlich 1887 [vgl. Raff 2015, S. 11], mit Sicherheit aber als Schnellmaler bei der „Wiedereröffnungsvorstellung des Pfauen-Theaters“ am 16.11.1889: „Besonderes Vergnügen verursachten die Leistungen des Moment-Malers Mr. Rudino, der das Portrait eines Herrn aus dem Publikum in wenigen Minuten mit großer Aehnlichkeit malte.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 69, Nr. 323, 19.11.1889, 2. Blatt, S. (2)] Seine Auftritte am 27. und 28.9.1891 (da war Wedekind nachweislich in Zürich) erfolgten ebenfalls unter diesem Namen: „Sonntag und Montag giebt im Pfauentheater Herr W. Rudino, ein Münchener Akademieschüler eine Vorstellung im Konzert-Malen.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 71, Nr. 270, 27.9.1891, S. (2)].

Da ich im 2ten Teil auftrete kann ich leider nicht zu Ihnen auf den Platz kommen

Würden Sie so liebenswürdig sein, in der PauseDie Vorstellung des Cirque d’Hiver in Paris (XI, Rue Amelot 110 und 112) hat den Pariser Theaterprogrammen zufolge um 20.30 Uhr begonnen. Willy Rudinoff ist auf Wedekind zugekommen, als er ihn erkannte, war aber im Begriff sich umzuziehen, schrieb den Zettel und man traf sich in der Pause, nach dem Zwischenakt und nach der Vorstellung, wie Wedekind am 5.12.1892 notierte: „Da er eben im Begriff ist, sich anzuziehen, trennen wir uns bis zur Pause. [...] Im Zwischenakt treffen wir uns am Stalleingang und schlendern unter dem Publicum durch den Stall. [...] Nach Schluß der Vorstellung erwarten wir ihn vor dem Ausgang der Artisten.“ [Tb] Mit dabei war dann Carl Muth, mit dem Wedekind die Verstellung besucht hatte. mich am Stall-Eingang erwarten.

W. Morgenstern

Einzelstellenkommentare

Berlin, 8. Oktober 1900 (Montag)
von Rickelt, Gustav, Rudinoff, Willy und Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Deutsche Reichspost

Postkarte


An Herrn Frank Wedekind
Schriftsteller
in Schwabing c/München
Wohnung (Straße und Hausnummer) Franz Josephstrasse |


Neues Affenhaus.

Lieber Wedekind! Damit Sie sehen, woim neuen Affenhaus des Zoologischen Gartens in Berlin, wie die Bildseite der Bildpostkarte ausweist. wir an Sie schreiben, folgt dieses KärtchenEs handelt sich um die zweite versandte Bildpostkarte ‒ voran geht eine Bildpostkarte gleichen Datums [vgl. Willy Rudinoff, Gustav Rickelt, Julia Rickelt, Lucia Rickelt an Wedekind, 8.10.1900].. Es lebe DarwinCharles Darwin, berühmt durch seine Evolutionstheorie, nach der der Mensch vom Affen abstamme – der Name des Naturforschers stellt eine Beziehung her zur Bildseite der Bildpostkarte., Blumenburg & KadelthalVerballhornung der Namen des in der Lustspielproduktion routinierten Autorenduos Oscar Blumenthal, Eigentümer des von ihm begründeten Lessingtheaters in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 242], und Gustav Kadelburg, Schauspieler und Dramatiker in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 186], die beim Publikum beliebt waren durch ihr erfolgreiches Lustspiel „Im weißen Rößl“ (uraufgeführt am 31.12.1898 im Berliner Lessingtheater); die ebenso erfolgreiche Fortsetzung, das Lustspiel „Als ich wiederkam...“ (uraufgeführt am 1.10.1898 im Lessingtheater), rezensierte am 3.10.1899 Heinrich Hart und nannte die Autoren ironisch „Blumenburg und Kadelthal“ [Heinrich Hart: Gesammelte Werke. Bd. 4: Aufsätze. Reisebilder. Vom Theater. Berlin 1907, S. 225]. Die verballhornten Namen des Erfolgsduos finden sich später in einer szenischen Glosse über sie in der satirischen Rubrik „Kasperletheater“ der von Siegfried Jacobsohn herausgegebenen Zeitschrift „Die Schaubühne“, wo sie als „Blumenburg und Kadelthal“ [Die Schaubühne, Jg. 4, Nr. 44, 29.10.1908, S. 415f.] persifliert sind.! Rickelt.

Bitte, den letzteren zu trennenGustav Rickelt, der als Regisseur am Berliner Residenztheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 245] bevorzugt Schwänke zu inszenieren hatte, wollte sich nicht in einer Reihe mit Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg (siehe oben) sehen..

Offizielle Postkarte herausgegeben von der Direction des ZOOLOGISCHEN GARTENS BERLIN.


W. Rudinoff.


Herzliche Grüsse
Julia Rickelt

Einzelstellenkommentare

Berlin, 8. Oktober 1900 (Montag)
von Rudinoff, Willy, Rickelt, Gustav, Rickelt, Julia und Rickelt, Lucia
an Wedekind, Frank

Deutsche Reichspost

Postkarte


An Herrn Frank Wedekind
Schriftsteller
in München-Schwabing
Wohnung (Straße und Hausnummer) Franz Josephstrasse |


[Bildbeschriftungen:]

Cyranoempfindsam liebende Titelfigur mit großer Nase und poetischem Talent aus dem romantischen Versdrama „Cyrano de Bergerac“ (1897) von Edmond Rostand.

Oberammergauzusammen mit dem Heiligenschein, der auf dem Foto aufgemalt ist und eine Christusfiguration herstellt, Anspielung auf die in der bayrischen Stadt stattfindenden Passionsspiele, für die sie berühmt ist.

Reb SchmulDas jiddische Wort „Reb“ bezeichnete einen frommen Juden, „Schmul“ (nach dem biblischen Propheten Samuel) war eine oft scherzhafte Bezeichnung für einen Juden.

RUDINOFF

Mimische Studien aus: „Herr und Frau Nachtigallhumoristische Zirkusnummer (ein Paar umwirbt sich mit Vogelgezwitscher); von Clowns präsentiert „eine lustige Szene ‚Herr und Frau Nachtigall‘, wobei sie den Gesang der Nachtigall täuschend imitieren.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 63, Nr. 388, 20.8.1910, Morgenblatt, S. 4]

Wir senden Ihnen herzlichste Grüsse

Sëif ben Samuel Rudinoff

Gustav Rickelt.

Julia Rickelt.

Lucia Steinbeck-Rickelt

Einzelstellenkommentare

Niagara Falls, 29. März 1902 (Samstag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

PRIVATE MAILING CARD. ‒ AUTHORIZED BY ACT OF CONGRESS OF MAY 19, 1898.

(POSTALE CARD ‒ CARTE POSTALE.)


Herrn
Frank Wedekind.
Deutscher Dichter
per Ardresse: Die 11 ScharfrichterWedekind war von Anfang an Mitglied des Münchner Kabaretts Die Elf Scharfrichter (Eröffnungsabend am 12.4.1901 allerdings ohne ihn), das seine Bühne im Hinterhaus des Wirtshauses Zum goldenen Hirschen (Türkenstraße 28) hatte und bald fast täglich Vorstellungen gab. Wedekind Auftritte mit seinen Balladen fanden eine große Resonanz und haben ihn berühmt gemacht..
in München
Germany


THIS SIDE IS FOR THE ADRESS ONLY. |


Mein lieber Frank!

Ich wünschte wohl Du wärest hier in diesem Augenblick und ständest hier mit mir unter den Niagara Fällen welche ich hiermit umtaufe und: „UeberdoucheWortneubildung in Anlehnung an „Überbrettl“ (ein solches Kabarett waren die Elf Scharfrichter), das sich begrifflich wiederum von Friedrich Nietzsches „Übermensch“ herleitet; zugleich Anspielung auf die auf der Bildpostkarte abgebildeten Niagarafälle (als überdimensionale Dusche).“ nenne. Es sendet Dir Gruß
Wilhelm Rudinoff

Menschwerdungbegrifflich seinerzeit in zwei Bereichen etabliert, theologisch (Menschwerdung Gottes durch Jesus Christus) und evolutionsgeschichtlich (Menschwerdung des Affen).s AspirantAnwärter..

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1903 (Freitag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Auf der Wanderschaft“ in: Raff 2015, S. 212:]


für Frank Wedekind

W Rudinoff

Einzelstellenkommentare

Sydney, 10. September 1903 (Donnerstag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

POST CARD

THE ADRESS TO BE WRITTEN ON THIS SIDE


Herrn
Franz Wedekind
Dichter und Schriftsteller
Germany.

München.

im Falle PrivatadresseWedekind wohnte in der Franz Josephstraße 42 (2. Stock) in München. nicht bekannt bitte „Redaction des SimplicissimusDie Redaktion der Münchner illustrierten Wochenschrift „Simplicissimus“ (verlegt und herausgegeben von Albert Langen), für die Wedekind von Anfang an als Beiträger tätig war (das erste Heft vom 4.4.1896 eröffnete mit seiner Erzählung „Die Fürstin Russalka“), hatte seit 1901 ihren Sitz in der Kaulbachstraße 91 (davor seit Gründung des Albert Langen Verlags 1896 in der Kaulbachstraße 51a, dann seit 1897 in der Schackstraße 4, danach ab Sommer 1913 in der Hubertusstraße 27).“. |


Mosmans Baydie nahe Sydney gelegene Bucht mit dem Hafen der Vorstadt Mosman.. near Sydney
Neu Süd WalesHauptstadt des britisch-australischen Bundesstaates New South Wales (Neusüdwales) war Sydney..

10/9.1903


Allerherzlichstes Gedenken!

Willy.

Einzelstellenkommentare

Durban, 26. Oktober 1903 (Montag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

UNION POSTALE UNIVERSELLE NATAL

POST CARD

THE ADRESS ONLY TO BE WRITTEN ON THIS SIDE.


Herrn
Frank Wedekind.
Dichter
in
München,
Bavaria.

Germany. |


A Zulu warrior(engl.) Ein Zulu-Krieger.

Ja, lieber Frank, hier giebts noch Menschen wie Du siehst! Was sind wir dagegen? Ich sende Dir dies als ein Zeichen daß ich [Zeichnung] Dein gedenkemarkiertes Zitat aus der zweiten und letzten Strophe des Volkslieds „Abschied vom Freunde“ (die von Willy Rudinoff in den verbalsprachlichen Text integrierte kleine Zeichnung besteht aus einem Notenschlüssel mit nachfolgend in Notenlinien eingezeichnetem Hohen c): „Tausend Grüße send’ ich aus, / Dir zu melden in das Haus: / Daß ich dein gedenke, / Daß ich dein gedenke!“ [Deutsches Lesebuch für die unteren Klassen an Gymnasien. 12. Aufl. Bd. 1. Wien 1863, S. 284] Die erste Strophe beschwört die Freundschaft: „Wenn zwei gute Freunde sind, / Die einander kennen, / Sonn’ und Mond bewegen sich, / Ehe sie sich trennen.“ Das kleine Volkslied oder vielmehr volkstümliche Kunstlied bildete sich aus Versatzstücken eines von Friedrich Silcher vertonten Lieds aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1808; mit Noten in der Ausgabe von 1827 [vgl. https://www.volksliederarchiv.de/morgen-muss-ich-fort-von-hier-silcher/].“!

Willy Rudinoff

Durban. Natal. Südafrika. 26./10.1903.

Einzelstellenkommentare

München, 4. Januar 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Rudinoff, Willy

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 4.1.1905 in München:]


Briefe an [...] Rudinoff [...]

Einzelstellenkommentare

Loschwitz, 29. Juli 1905 (Samstag)
von Rudinoff, Willy und Rudinoff, Ida
an Wedekind, Frank

Unsere am heutigen Tage vollzogene VermählungDie Heirat von Willy Rudinoff und Ida Tachau auf dem Standesamt V in Dresden war zehn Tage später unter „Eheschließungen“ öffentlich angezeigt: „W. Morgenstern, Kunstmaler in Loschwitz, mit I. Tachau in Dresden.“ [Standesamtliche Nachrichten. In: Dresdner Neueste Nachrichten, Nr. 211, 6.8.1905, 1. Ausgabe, S. 6] Sie fand der vorliegenden privaten Vermählungsanzeige zufolge am 29.7.1905 statt, einem Samstag. Das Standesamt V (Schandauer Straße 36) war samstags von 9 bis 14 Uhr geöffnet [vgl. Adreßbuch für Dresden 1905, Teil II, S. 82]. zeigen wir frohen Herzens an

Willy Rudinoff
Ida Rudinoff,
geb. Tachau.


Loschwitz bei Dresden, den 29. Juli 1905.

KünstlerhausWilly Rudinoff und seine Frau Ida Rudinoff (geb. Tachau) wohnten neuerdings in dem 1898 erbauten Künstlerhaus in Loschwitz [vgl. Raff 2015, S. 54]. Er ist zwar unter den Namen Willy Wolf Morgenstern sowie Willy Morgenstern auch in der Eisennach Straße 24 (2. Stock) in Dresden wohnhaft gemeldet, bezeichnet als „Kunststudierender“ [Adreßbuch für Dresden 1906, Teil I, S. 582; Teil III, S. 132], zugleich aber, unter den Namen Willy Morgenstern, genannt Rudinoff, sowie Willy Rudinoff-Morgenstern, im „Künstlerhaus“ in der Pillnitzer Straße 59 (2. Stock) im Dresdner Vorort Loschwitz als „Maler“ [Adreßbuch für Dresden 1906, Teil VI, S. 254, 273]. Er ist dann im Künstlerhaus auch ausdrücklich verzeichnet mit „Atelier“ [Adreßbuch für Dresden 1907, Teil VI, S. 268]..“

Einzelstellenkommentare

München, 1. August 1905 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Rudinoff, Willy

[Hinweis in Willy Rudinoffs Brief an Wedekind vom 14.4.1906 aus Loschwitz:]


[...] deinen lieben Hochzeitsbrief [...]. Dein Hochzeitsbrief [...]

Einzelstellenkommentare

Loschwitz, 1. September 1905 - 1. Dezember 1905
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Willy Rudinoffs Brief an Wedekind vom 14.4.1906 aus Loschwitz:]


Ich hatte dir vor Monaten einen langen Brief geschrieben den ich aber dann zu Schluß nicht absandte. ‒ Dieser Brief war so lang daß ein anderer Mensch gleich drei Buchkapitel hätte daraus machen können. In der That schrieb ich so lange daran, daß sich, mit dem Eintritt vieler neuer Ereignisse, dieser Brief selbst überlebt hatte und nun zwecklos geworden war.

Einzelstellenkommentare

Loschwitz, 12. März 1906 (Montag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

Künstlerhaus

Loschwitz bei Dresden


Mein lieber Frank!

Soeben höre ich, daß Du morgen in DresdenWedekind notierte am 13.3.1906: „Fahrt nach Dresden“ [Tb]. Er reiste zu dem „Ensemble-Gastspiel des Deutschen Theaters in Berlin“ [Dresdner Nachrichten, Nr. 70, 13.3.1906, S. (6)] im Dresdner Residenztheater, wo um 19.30 Uhr seine Tragödie „Erdgeist“ gespielt wurde und er seinen Prolog zum „Erdgeist“ sprach, wie die Presse angekündigt hat: „Das einmalige Gastspiel des Deutschen Theaters zu Berlin im hiesigen Residenztheater, das [...] unter Leitung Max Reinhardts am kommenden Dienstag 7 ½ Uhr abends stattfindet, bringt für diesen einen Abend eine Anzahl der berühmtesten und interessantesten deutschen Bühnenkünstler in unsre Stadt. [...] Der Dichter des eigenartigen Werkes verleiht der Vorstellung durch den Vortrag seines Prologs ein ganz besonderes Interesse.“ [Dresdner Neueste Nachrichten, Nr. 67, 11.3.1906, 1. Ausgabe, S. 2] sein wirst. Du begreifst daß ich Dich sehr gerne sprechen möchte und deßwegen bitte ich Dich mir vielleicht durch ein Telegrammnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Willy Rudinoff, 13.3.1906. Wedekind hat telegrafisch konkrete Mitteilungen gemacht, wie aus einem späteren Brief hervorgeht [vgl. Willy Rudinoff an Wedekind, 14.-16.4.1906]. mitteilen zu lassen wo und wann wir uns sehen | sehenSchreibversehen (irrtümlich Wortdopplung im Zuge des Seitenwechsels), statt: sehen. können. Ich wohne im „Künstlerhaus“Wedekind war darüber bereits informiert [vgl. Willy Rudinoff, Ida Rudinoff an Wedekind, 29.7.1905]. in Loschwitz und würde Dich am Liebsten für ein Plauderstündchen in meiner Werkstatt dort haben wollen. Selbstverständlich kannst Du bei mir zu Abend, zu Mittag oder sonst wie essen. Ich möchte gerne der „Erdgeist“ Vorstellung beiwohnen wenn irgend möglich. | Kann ich noch ein Billet kaufen so thue ich es, wenn nicht so werde ich Dir morgen Abend meine Karte senden vielleicht kannst Du mir einen Platz besorgen.

Bist Du frei nach der VorstellungWedekinds notierte am 13.3.1906 nach der „Erdgeist“-Vorstellung (siehe oben), er habe mit Theaterleuten und seinem Schwager die Dresdner Schankwirtschaft Paul Kneist (große Brüdergasse 2) besucht: „Nachher mit den Schauspielern und Walther Oschwald bei Kneist.“ [Tb] Ob Willy Rudinoff dabei war, ist unklar.?

Herzlichst
W. Rudinoff.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 13. März 1906 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Rudinoff, Willy

[Hinweis in Willy Rudinoffs Brief an Wedekind vom 12.3.1906 aus Loschwitz:]


[...] bitte ich Dich mir vielleicht durch ein Telegramm mitteilen zu lassen [...]

Einzelstellenkommentare

Loschwitz, 14. April 1906 - 16. April 1906
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

LoschwitzKünstlerhaus


Lieber Frank!

Jetzt erst komme ich dazu dir auf deinen lieben Hochzeitsbriefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Willy Rudinoff, 1.8.1905. gebührend zu antworten. Ich hatte dir jedoch vor Monaten einen langen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Willy Rudinoffs an Wedekind, 1.9.1905 bis 1.12.1905. geschrieben den ich aber dann zu Schluß nicht absandte. ‒ Dieser Brief war so lang daß ein anderer Mensch gleich drei Buchkapitel hätte daraus machen können. In der That schrieb ich so lange | daran, daß sich, mit dem Eintritt vieler neuer Ereignisse, dieser Brief selbst überlebt hatte und nun zwecklos geworden war.

Dein Hochzeitsbrief hat mich also herzlich erfreut und ich habe für diese Freude gern den Gestank ertragen der auf dem Flur vor dem Eingang der Residenztheater-BühneIm Dresdner Residenztheater fand am 13.3.1906 ein „Ensemble-Gastspiel des Deutschen Theaters in Berlin“ [Dresdner Nachrichten, Nr. 70, 13.3,1906, S. (6)] mit Wedekinds „Erdgeist“ unter der Leitung von Max Reinhardt statt. Beginn der Vorstellung war um 19.30 Uhr, Ende nach 22 Uhr. Wedekind hatte den Freund für ein Treffen vermutlich an den Bühneneingang bestellt und ihn dann möglicherweise versetzt. Er vermerkte am 13.3.1906 nach der „Erdgeist“-Vorstellung lediglich: „Nachher mit den Schauspielern und Walther Oschwald bei Kneist.“ [Tb] waltete als du mich dort auf dein Er|scheinen warten ließest. Es roch dort meistenteils nach menschlichem Urin, das ist nun etwas was ich schwer vertrage. Du weißt von meinem Pariser Engagementwohl Willy Rudinoffs Engagement 1892 im Cirque d’Hiver in Paris, bei dem er und Wedekind sich wiedergetroffen hatten [vgl. Willy Rudinoff an Wedekind, 5.12.1892]. Rudinoff war dann wieder im Herbst 1902 in Paris engagiert [vgl. Raff 2015, S. 45-47]. ich bin Stallluft gewöhnt aber wie fein ist so eine Pferdestall Luft gegen die eklen Dünste der menschlichen Excremente! Oft mußte ich auch empfinden wie fein sind doch die Circus Menschen im Gegensatz zu den Bewohnern der menschlichen Ställe! Diese Gedanken schwirrten | mir so durch den Kopf als ich da draußen stand und wartete. Ich dachte mir, wäre Frank, der liebe Frank zu mir in den Circus gekommen hätte ich ihn wohl so lange stehen lassen? Oder hätte ich ihn nicht hereinrufen lassen? Aber das sind so Gedanken die mir gewiß nur kamen weil ich von meiner früheren Carrière her so ein wenig empfindlich, am Ende leicht verletzlich geworden bin. Da ich aber ein sogenannter brutaler Kerl | bin, so sage ich dir wie mir’s ums Herz war! Dein Frei BilletWilly Rudinoff hatte sich nach einem Billet erkundigt [vgl. Willy Rudinoff an Wedekind, 12.3.1912], woraufhin ihm Wedekind offenbar zwei Freibillets hat zukommen lassen, wie der vorliegende Brief nahelegt; es dürften dem Brief insofern nicht nur eine, sondern zwei Theaterkarten beigelegen haben. Karten für die „Erdgeist“-Vorstellung am 13.3.1906 im Dresdner Residenztheater waren rar. „Das Haus war ausverkauft.“ [W.: Residenztheater. In: Dresdner Nachrichten, Nr. 72, 15.3.1906, S. (3)] habe ich nicht benutzt wie du wohl vernommen hast. Ich lege es dir hier zum Beweis wieder bei.

Erstens wollte ich nur einen Platz in von dir wenn durchaus kein Platz mehr an der Casse zu haben gewesen wäre.

Durch einen Zufall konnte ich für 10 Mk noch 2 Plätze kaufen die nicht abgeholt waren. Ferner wollte ich dich doch sehen und das wäre es wohl auch mit | deiner Anweisungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Willy Rudinoff, 13.12.1906., beim Anfang der Vorstellung Herrn Reinhardt aufzusuchen, nicht möglich gewesen.. Ich war also kreuzfröhlich mir das leisten zu können und stolz wie ein Spanier oder wie ein erstklassiger Artist setzte ich mich mit meinen russischen Juchtenstiefeln und meiner auch nicht gesellschaftlich aufgeputzten Ehefrau auf den | famosen Parketsitz. Einige meiner Nachbarn glaubten sicher ich hätte mir so hohe Stiefel angezogen weil ich eine so schlechte Meinung von der zu erwartenden Literatur hätte.

Ich belehrte selbige Leute aber, daß ich nur des schlechten Wetters wegen meine Russen anshabe.

So viel von meinen Beinen! Wie aber steht es um meine Hände? Ich wollte | ich hätte auch Juchtenhandschuhe angehabt, dauerhafte Handschuhe damit ich das KlappenKlatschen, applaudieren. etwas besser ertragen hätte! Am nächsten Tage nämlich waren meine Hände geschwollen wie die Hinterteile des Mantelpavians! Meine Stimme die ich in „Bravo Wedekind“ und „Hurrah Wedekind“ zu Schanden schrie war in einem schrecklichen Zustand. Prof. Dr. Müller mein GesangsmeisterProf. Dr. phil. Richard Müller, seit 1888 als Gesangslehrer und Stimmbildner in Dresden, seit 1890 am Königlichen Lehrerinnenseminar und an der Dresdner Musikschule als Seminaroberleiter, als der er sich nach wie vor bezeichnete, auch wenn er seit 1904 in Dresden (Fürstenstraße 69) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1906, Teil IV, S. 122] nur noch Privatunterricht erteilte, war ein renommierter Gesangslehrer und Stimmbildner. | verzweifelte an meinen hohen Tönen und meinte ein Tenor wie ich es bin dürfe überhaupt nicht „Bravo“ schreien sondern nur „Bravo“ singen. Du begreifst mit welcher Ehrlichkeit ich Bravo schreien durfte, hätte ich das Billet von Dir erhalten ich hätte mich genirt, das zu thun. Aber so?! Hatte ich nicht mein koscher(jidd.) rein (im Sinne der jüdischen Speisegesetze), einwandfrei. Geld dafür gezahlt? Aha! Also durfte ich reuelos applau|diren. Mit deinem Freibillet hätte ich die Empfindungen des bezahlten ClaqueursClaqueur (von frz. ‚claquer‘ = klatschen), jemand, der bezahlt wird, um Beifall zu klatschen. gehabt. ‒ Wenn ich aber bei der ersten Kammersänger VorstellungWilly Rudinoff hat die Uraufführung von Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ am 10.12.1899 im Rahmen der Eröffnungsmatinee der Sezessionsbühne am Neuen Theater in Berlin gesehen, die kein voller Erfolg war [vgl. KSA 4, S. 395-397]; sie fand statt, während Wedekind in der Festung Königsstein inhaftiert war. in Berlin in meiner Fremdenloge der einzige war der applaudirte so war ich hier nicht mehr allein. Ume mich herum aber saßen die Damenswohl persiflierend: Damen. Dresdens und ihre männlichen Beschützer | in schönem Kranz.

Fette, ekelhafte Tanten mit Rheumatismus in den Gelenken, Männer mit HabybärtenSchnurrbärte mit hochgezwirbelten Enden, wie Wilhelm II. einen trug, benannt nach dem Hoffriseur des Kaisers, François Haby. und andern mit würdigen grauen Gesichtsdekorationen die nach dem deutschen Professor rochen. Ringsrum aber verstreut wie die Capern in einem Beefsteak à la Tartarrohes Beefsteak, eine Art Carpaccio, das mit Kapern angemacht wurde. saßen und standen die Journalisten der Stadt, behaart, | bebrillt, angetan mit den Falten des heiligen Geistes auf ihren Stirnen. ‒ Es roch nur so nach Moral und Eau de PortugalHaarwasser.. ‒

Es war also ein erstklassiger Abend lieber Frank! Allererstklassig! Denn ich habe mich nicht gelangweilt und das will Alles sagen, welcher deutsche Dichter kann das von sich und mir sagen? | Es war sogar glänzend! Und wie hast du mich angenehm überrascht als Redner! Nein der Teufel! Das habe ich nicht geglaubt! Das war ja wirklich eine Leistung, eine NummerDer Prolog zum „Erdgeist“, in dem Wedekind bei dem Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters am 13.3.1906 im Dresdner Residenztheater als Tierbändiger auftrat, ist auch von der Presse als eine Art Zirkusnummer wahrgenommen worden. „Mit einem ‚Prolog‘ wird der wunderliche Bühnenabend eröffnet. Der Dichter spricht ihn im Kostüm eines Zirkusdirektors, im roten Manege-Frack, die Peitsche in der Hand. Dieser Prolog ist das beste am ‚Erdgeist‘, ein Witz von kühnem Wurf und genialischer Frechheit, der die Bühne, das Stück, die Welt in verwegener Phantasie mit einer Menagerie vergleicht“ [W.: Residenztheater. In: Dresdner Nachrichten, Nr. 72, 15.3.1906, S. (3)]. „Im roten Frack, mit [...] schwarzen Stulpenstiefeln angetan“, mit einer „Reitpeitsche“ als „Tierbändiger“, ist Wedekind in der Rolle beschrieben und resümiert: „Hereinspaziert in den Zirkus Wedekind!“ [Julius Ferdinand Wollf: Der Fall Wedekind und der Fall Reinhardt. In: Dresdner Neueste Nachrichten, Jg. 14, Nr. 71, 16.3.1906, S. (1)] daran man sich auf dem Variété nicht zu schämen braucht! fein, intelligent und harmonisch abgestimmt. Also ‒ Artist 1ten Ranges! Weißt du dein Prolog war so gut daß er beinahe allen anderen | Nummern die nachher kamen geschadet hat. Schade daß du damit nicht wie ich nach Australien und AfrikaWilly Rudinoff hatte Wedekind aus Australien [vgl. Willy Rudinoff an Wedekind, 10.9.1903] und Südafrika [vgl. Willy Rudinoff an Wedekind, 26.10.1903] Bildpostkarten gesandt. reisen kannst die Länder verlohnen daß man dort gewesen ist! ‒ Nicht „man“ sondern ich und du!

Heil dir also Göttermensch, Du hast mir einen seeligen Abend bereitet; das bist Du auch den Menschen schuldig, Du der so viele | seelige Nächte genossen hast. Aber schau, deine Leistung war größer! Ich habe deinen Esprit genossen ohne geistige GetränkeWilly Rudinoff war „überzeugter [...] Antialkoholiker“ [Raff 2015, S. 55]. während du fast immer deren nötig hast, oder sollte vielleicht der Erdgeist aus einer Scholle gestiegen sein welche mit Burgunder gedüngtAnspielung darauf, Wedekind habe den „Erdgeist“ unter dem Einfluss von Rotwein geschrieben, also unter Alkoholeinfluss. wurde?

Mein liebes WeibWilly Rudinoff hat am 29.7.1905 in Dresden Ida Tachau, die aus Böhmen stammte, geheiratet [vgl. Raff 2015, S. 54] und Wedekind darüber informiert [vgl. Willy Rudinoff, Ida Rudinoff an Wedekind, 29.7.1905]., mein theures herziges Kameradlein hat mit mir die Sensationen dieses Abends | genossen und darauf kannst Du dir auch ’was einbilden. Zwei Menschen wie wir, le couple(frz.) das Paar. Rudinoff, von so alter Cultur und so viel Geschmack im Genießen die wollen schon was von einem Kommödianten. Uns, weißt du, imponirt so leicht nicht was.

Par exemple(frz.) Zum Beispiel.: Imponirt uns KlingerMax Klingers symbolistisches Werk war in Ausstellungen erfolgreich. nicht, Straussens Salome nicht (seine Lieder wohl) aber Wedekind und sein | Erdgeist hat uns nicht gelangweilt und war sein Geld wert.

Zur Aufführung hätte ich Einiges zu sagen. Als RegisseurRegisseur bei dem „Erdgeist“-Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters am 13.3.1906 im Dresdner Residenztheater war Max Reinhardt; es fand statt „unter Leitung des Herrn Direktors M. Reinhardt.“ [Dresdner Nachrichten, Nr. 70, 13.3,1906, S. (6)] hätte ich darauf gedrungen daß der MalerDen Kunstmaler Schwarz spielte am 13.3.1906 bei dem „Erdgeist“-Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters am Dresdner Residenztheater Eduard von Winterstein [vgl. Dresdner Nachrichten, Nr. 70, 13.3,1906, S. (6)]. sich mehr dem Styl der Sache anpaßt er war mir im ersten Akt allzusehr der alte jugendliche Liebhaber, ein Schmachtlappen dem man eine großzügige Geste nicht zutraut, zu süß im Ton. Also sein Spiel neben dem des Dr. SchönDie Rolle des Dr. Schön spielte am 13.3.1906 bei dem „Erdgeist“-Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters am Dresdner Residenztheater Albert Steinrück [vgl. Dresdner Nachrichten, Nr. 70, 13.3,1906, S. (6)]. war wie ein Eis Baisergefrorener gezuckerter Eischnee (= Baiser) oder Eis mit Baiserhaube. neben Rostbraten. |

Ferner achte man darauf daß die gemalte Pierrot SkizzeDas im „Erdgeist“ vom Maler Schwarz gemalte Bild von Lulu als Pierrot ist vom 1. Akt an im Stück präsent. anständiger ist. Man spricht da in einem fort von einem Weib „en diable(frz.) furchtbar, unheimlich (von frz. ‚diable‘ = Teufel, Satan). Lulu wurde in Dresden als Femme fatale rezipiert, als weiblicher „Satan“ [Julius Ferdinand Wollf: Der Fall Wedekind und der Fall Reinhardt. In: Dresdner Neueste Nachrichten, Jg. 14, Nr. 71, 16.3.1906, S. (1)], wobei Gertrud Eysoldt in dieser Rolle nicht alle Kritiker überzeugte. So wurde über „Frl. Eysoldt als diabolische Lulu“ geschrieben: „es fehlt der Künstlerin für die überzeugende Verkörperung der schönen Teufelin denn doch zu sehr der äußere Charme, der Zauber der Persönlichkeit, der sich schließlich durch alle Pikanterie und Geschmeidigkeit nicht wett machen läßt.“ [W.: Residenztheater. In: Dresdner Nachrichten, Nr. 72, 15.3.1906, S. (3)]“ und findet auf dem Bilde einen ungeschickt, unfrei-gemaltes/n/ Kitsch von dem kein Mensch irgendwie künstlerisch oder sexuell begeistert wäre. Auf diese Leinwand muß ein ChèrêtJules Chéret, französischer Lithograf, Grafiker und Maler, war für eine moderne Bildgestaltung bekannt. in wenigen Strichen aber | in gekonnten Strichen. Ich finde das beleidigt den Kenner was da auf der Staffelei steht. SleevogtMax Slevogt war als Maler, Grafiker, Illustrator und Bühnenbildner äußerst produktiv und erfolgreich – „der viel umschwärmte moderne Abgott Slevogt“ [Berliner Börsenzeitung, Nr. 572, 7.12.1906, Morgen-Ausgabe, S. 7], „Slevogt, der heute zu unseren Besten zählt“ [K.: Die Ausstellung der Berliner Sezession. In: Berliner Volks-Zeitung, Jg. 54, Nr. 190, 25.4.1906, Morgenblatt, S. (1)], wurde über ihn geurteilt; er entwarf auch für Max Reinhardt Bühnenbilder und Kostüme. wird so Etwas in einer halben Stunde hinsetzen und es wird anständig sein.

Ferner trägt Frl EysoldtGertrud Eysoldt spielte am 13.3.1906 bei dem „Erdgeist“-Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters am Dresdner Residenztheater die Hauptrolle der Lulu [vgl. Dresdner Nachrichten, Nr. 70, 13.3,1906, S. (6)]. im Tanz Act ein unmögliches Varietécostüm. Sie soll sich einmal die Fougère anschauen oder Guerrero. Ueberhaupt traut ihr das Alles kein Mensch | zu! Ja sähe sie aus wie die FougèreWedekind hatte die extravagante Varietékünstlerin Eugénie Fougère in Paris kennengelernt; er setzte ihr in der Szene I/4 seiner Tragödie „Der Erdgeist“ (1895) ein Denkmal: „LULU Ich nahm Stunden bei Eugenie Fougère. Sie hat mich auch Kostüme kopieren lassen. SCHWARZ Wie sind denn die? LULU Grünes Spitzenröckchen bis zum Knie, ganz in Volants, dekolletirt natürlich, sehr dekolletirt und fürchterlich geschnürt. Hellgrüner Unterrock, dann immer heller. Schneeweiße Dessous mit handbreiten Spitzen“ [KSA 1/I, S. 332]. oder die Guererodie spanische Schauspielerin Maria Guerrero; ob Wedekind sie kannte, ist unklar.! besser noch ‒ wie die Fougère die ja aus einer ähnlichen Herkunft sein mag wie deine Loulou. ‒ Wie ich der Dresdner SalomeDie Oper „Salome“ von Richard Strauss nach Oscars Wildes gleichnamigem Stück wurde am 9.12.1905 an der Dresdner Hofoper uraufgeführt. Maria Wittich, die eigentlich einen Namen als Wagnersängerin hatte, sang und spielte die Titelrolle. (Wittich) nicht Ihren Einfluß auf Herodes glaube mit ihrem dummen blöden Tanzgethue, wie es einfach unmöglich erscheint daß Herodes ihr für den Tanz sein halbes Königreich verspricht | (am Varieté gäbe man ihr nicht 5 Mark pro Abend dafür) ebenso unglaubwürdig ist das Fräulein Eysoldt in ihren Bemühungen als SchlangendameIm Prolog zum „Erdgeist“ wird Lulu als „Schlange“ [KSA 3/I, S. 316] hereingetragen.. Nein ‒ für die erschießt sich ein einigermaßen potenter Kerl nicht und ein Dr. Schön geht nicht an ihr zu Grunde. Schau daß Du eine Fougère bekommst, mein Lieber! Auch der FürstDen Prinzen Escerny spielte am 13.3.1906 bei dem „Erdgeist“-Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters am Dresdner Residenztheater Heinrich Marlow [vgl. Dresdner Nachrichten, Nr. 70, 13.3,1906, S. (6)]. war in diesem Acte unmöglich eine comödiespielender Schmierenkerl. Er sah | jämmerlich aus und spielte ebenso unfrei wie der Maler.

Das Stück aber ist eins der lustigsten Dinge und zugleich eins der geistvollsten Dinge welche geschrieben wurden. Als ich in EnglandWilly Rudinoff hat 1901 Reisen durch England und Schottland unternommen [vgl. Raff 2015, S. 41-43]. die das T Stück von Shaw las: [„]Man and Superman“ da sagte ich mir unwillkürlich daß du von ihm beeinflußtWilly Rudinow schrieb am 11.10.1906 an Paul Fechter: „Ach, ich kenne Shaws Talent schon lange. Ich weiß noch genau den Eindruck, den mir ‚Man and Superman‘ machten! Als ich später den ‚Erdgeist‘ sah, da wußte ich, daß das Shaws Geist war. Ich schrieb in diesem Sinne an Wedekind, und er hat mir’s nicht verziehen.“ [Raff 2015, S. 115] sein müßtest. (Nicht von dem genannten Stück sondern von Shaw überhaupt!) | Ist das so? Wie dem auch sei. Die Sache ist fein. Und wieder sehe ich daß man ein Theaterstück nicht beurteilen soll ohne es gespielt auf der Bühne gesehen zu haben.

Dem Dr. Schön aber mache meine besonderen Complimente denn das ist schon was Großartiges! Er erdrückt aber auch Alles mit seiner hohen Kunst und Feinheit! ‒ Neben ihm wirken die Anderen direct dillettantisch. | Der Einzige der Dir (im Prolog) ebenbürtig ist.
‒‒

Ich sende Dir hier ein HeftWilly Rudinoff hat dem Brief ein Heft der „Zeitschrift für bildende Kunst“ beigelegt, das einen autobiografischen Beitrag von ihm enthält [vgl. W. Rudinoff: Ein Selbstbekenntnis. In: Zeitschrift für bildende Kunst, Jg. 44, Neue Folge, Jg. 17 (1905/06), Heft 2, S. 43-46]; Wedekind ist darin nicht erwähnt. Der Beitrag in diesem Heft ist in der Presse gewürdigt worden: „Die Zeitschrift für bildende Kunst, die im Verlage von E. A. Seemann in Leipzig erscheint, ein sehr exklusives, wahrhaft vornehmes Organ, das nicht einem jeden neugeheckten Bruder seine Spalten erschließt, hat Rudinoff in ihrem letzten Hefte einen anerkennenden Aufsatz gewidmet und zwei seiner schönsten Original-Radierungen beigegeben, auch mehrere davon in verkleinernden Nachbildungen in den Text gedruckt. In diesem Hefte kommt Rudinoff auch selbst zu Worte, und wir lernen ihn als einen nachdenklichen, tiefernsten Menschen kennen, der seinen Ideen auch mit der Schreibfeder gewählten Ausdruck zu geben vermag.“ [Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung, Nr. 268, 23.11.1905, S. 1] „der Zeitschrift für bildende Kunst[“] und einige BerichteWilly Rudinoff hat dem Brief einige Besprechungen der Herbstausstellung 1905 der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens im Künstlerhaus (Karlsplatz 5) beigelegt, in der er mit einer ganzen Reihe von Werken, insbesondere Radierungen ausgestellt war; er wurde als Künstler sehr gelobt und man widmete ihm ausführliche Würdigungen [vgl. Neues Wiener Tagblatt, Jg. 39, Nr. 318, 17.11.1905, S. 2; Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung, Nr. 268, 23.11.1905, S. (1); Pester Lloyd, Jg. 52, Nr. 311, 16.12.1905, S. (2-3)]. Welche Presseartikel Wedekind zugesandt erhielt, ist nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren. meiner Wiener Ausstellung.

Ich würde sehr gerne dein Portrait machen. Wäre das mal angängig? In Breslau habe ich im Kunstgewerbemuseum augenblicklich eine Ausstellung von 150 meiner Arbeiten. In der Secession | in München 4 meiner Arbeiten. Das Kupferstichcabinet in Wien hat soeben 4 meiner Radierungen angekauft was bei den BourgeoiesBourgeois (frz.) = Geldbürger, Angehöriger der Bourgeoisie. als sehr wichtig gilt, auch das Dresdner Königl. Cabinet hat den großen Guitarristen von mir gekauft und zwar auf der letzten Internationalen Graphischen AusstellungDie Internationale Graphische Ausstellung fand im Sommer 1905 im Sächsischen Kunstverein in Dresden (Brühlsche Terrasse) statt. im vorigen Jahr. Ich habe mir | jetzt eine ganz große Kupferdruck Maschiene für 1200 Mk gekauft und drucke nun alle Radierungen selbst. Auch

Ich beschäftige mich jetzt mit großer Freude auch mit der Skulptur und hoffe Dir bald etwas zeigen zu können davon.

Ich habe einen wandernden Barden, ganze Figur etwa 50 centimeter | hoch in Arbeit die so hoffe ich eine eigenartige Note zeigt. Auch ein überlebensgroßes Portraitrelief meines Gesanglehrer des Prof. Müller in Dresden geht seiner Vollendung entgegen.

Meine Stimme macht in letzter Zeit sehr große Fortschritte und hat an Ausgeglichenheit gewonnen. Ich denke aber daß ich | nicht damit in die Oeffentlichkeit treten werde. Die Sache mit der Stimme interi/e/ssirt mich für mich und ich habe so meine sinnliche Freuden an einem schönen Ton der aus meiner Kehle kommt. Ich studire jetzt den Lohengrin und zwar mit gutem Gelingen

Ich lege dir hier eine kleine RadierungDie mit Widmung versehene Radierung „Anita la Feria“ (exakte Maße der Platte: 6,3 x 9,1 cm), die dem Brief beilag, zeigt die spanische Tänzerin Anita de la Feria (Künstlername von Anita Reguera) von vier Gitarristen begleitet mit angedeutetem Publikum bei einem Auftritt im Pariser Theater Folie Marigny [vgl. Raff 2015, S. 202], wo sie im Sommer 1902 im Rahmen einer Tournee ein mehrwöchiges Gastspiel hatte; Premierenvorstellung der ‚lasziven‘ und ‚aufregend betörenden‘ „Anita de la Feria, la danseuse espagnole lascive et troublante“ [Le Figaro, Jg. 48, 3. Serie, Nr. 214, 2.8.1902, S. (1)] im Marigny (Avenue des Champs-Élysées), wie das Theater genannt wurde, war am 2.8.1902. Genannt wurde sie auch „Anita de la Feria, la belle Catalane“ [La Revue diplomatique, Jg. 24, Nr. 22, 2.6.1901, S. 10]. Sie ist in einem fiktiven Brief Willy Rudinoffs an Wedekind, den Willy Rudinoff seinem Brief an Artur Kutscher vom 23.5.1930 maschinenschriftlich beilegte, vielfach erwähnt [vgl. Raff 2015, S. 83-87]. bei für dich. Es ist die spanische Tänzerin Anita la Feria | mit welcher ich im Folies Marigny in Paris engagirt war.

Ferner die Zeitschrift für bildende Kunst mit einigen Radierungen von mirim beigelegten Heft der „Zeitschrift für bildende Kunst“ (siehe oben)..

Solltest du dich nun bald ehelich verbindenWedekind war mit Tilly Newes, die er am 29.5.1905 in Wien kennengelernt hatte, verlobt; er heiratete sie am 1.5.1906 in Berlin. so empfange Du sowohl wie Deine Gemahlin meine allerherzlichsten Glückwünsche.

Meine Frau grüßt dich und dankt sehr | für deine Wünsche.

Ich fange erst heute an meine Hochzeitsbriefe zu beantworten. Ich war vorher nicht in einer Stimmung für die Glückwünsche zu danken da mir meine Frau krank geworden war und zwar kurz nach der HochzeitWedekind hat eine Vermählungskarte erhalten [vgl. Willy Rudinoff, Ida Rudinoff an Wedekind, 29.7.1905].. | Jetzt sind wir aber beide in bester Gesundheit. Seit einigen Monaten bin ich nicht mehr Vegetarier. Als ich dich zuletzt in München sahWilly Rudinoff hatte im Herbst 1901 in München bei dem von Josef Vallé geleiteten Parodietheater Die Zwölf Scharfrichterinnen (eröffnet am 5.6.1901) und in dem von Henry Huline geleiteten Varieté Kil’s Kolosseum (Spielzeit in diesem Jahr bis 30.11.1901) gastiert [vgl. Raff 2015, S. 41] und dürfte Wedekind getroffen haben. war ich recht in einem neurasthenischen Zustand, ich bildete mir ein ich litte an einer todtbrin|genden Krankheit! Es war Alles nur Einbildung. Ich bin so gesund wie möglich und bin in der Ehe so glücklich und lebensfroh daß ich verstehe di da wie nur meine sexuelle Abstinenz und mangelhafte Befriedigung an meiner NeurasthenieNervenschwäche, um 1900 ein Modeleiden. Schuld war. Es lebe die Liebe und besonders die Meine!

Willy. |


Nachschrift.

I

Heute ist der erste Ostertagder 15.4.1906, Ostersonntag.! Ich stand um 7 Uhr früh auf; etwa um 10 Uhr kam Prof. Müller um zu seinem Portrait welches ich modellire zu sitzen. Das ging so bis etwa 11 30 Uhr. 30 Minuten. Die Wonnen die einem das Formen eines menschlichen Angesichtes verschafft sind so ganz besonderen Sachen zuzurechnen. Mein lieber Professor sagte mir neulich daß einer seiner SchülerDr. Alfred von Bary, Hofopernsänger in Dresden [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 354], zunächst Nervenarzt in Leipzig, sang vor der Generaldirektion der Dresdner Hofoper „Probe, wurde sofort engagiert und setzte auf Kosten der Intendanz seine Gesangsstudien bei Professor Dr. Richard Müller in Dresden noch eine Zeitlang fort. Am 2. November 1901 debütierte er als Lohengrin mit durchschlagendem Erfolge.“ [Bühne und Welt, Jg. 6, 2. Halbjahr (1904), S. 884] der jetzige Hofopernsänger v. Barry das Singen eines schönen [Zeichnung]ein auf eine Notenlinie eingezeichnetes a (Notenkopf und Notenhals), das im übernächsten Satz nochmals gezeichnet und im Anschluss daran verbalsprachlich benannt ist. mit den Genüssen eines CohitusVerballhornung oder Schreibversehen, statt: Coitus (lat.) = Geschlechtsverkehr. vergleicht. Wollust liegt, wenigstens so eine Art Wollust liegt wohl in jedem Schaffen. Um 1130 gingen wir ins Musikzimmer | und ich repetirte den ganzen dritten Act Lohengrin und das ist nicht so von Pappe. Meine Stimme macht sich jetzt. Meine Frau ist schon auf die hohen [Zeichnung] A’s eifersüchtig. Soweit gehts bei mir aber doch nicht. ‒ Ich habe wohl meine Freude an einem schönen Ton, ja so ein Ton hat sogar etwas Berauschendes aber sonst regt es mich weiter nicht auf. Der Nachmittag brachte mich im Luft und SonnenbadeFreikörperkultur in sogenannten Licht- und Luftbädern im Zuge der Lebensreform um 1900. wieder nackt zur Natur zurück. | In Berlin kann man sich das nicht so leicht leisten, wie? Meine Frau und ich also sind endlich mal Mensch oder besser Thier und freuen uns jedes Sonnenstrahls der unsere Haut trifft. ‒ In solchen Momenten findet man es höchst überflüssig daß ein Mensch Sensationen in einer radirten Linie, in einem schönen Ton oder im Kneten von Ton sucht. Sonne und ein warmes Menschenkind welches einem ganz zugetan ist, ‒ Sakrament, man ertappt sich da auf Süßlichkeiten | die komisch wirken dürften, wenn ich’s nicht so ehrlich meinte! ‒ Ueberhaupt die Cultur! Hast Du schon Australien gesehen? Nein? Also kennst du noch nicht viel von der Welt! ‒

Wenn man so aus der großen weiten Welt kommt weißt Du dann kommt einem der ganze Schwindel hier so verdammt lächerlich vor. Man hat vor rein gar nichts mehr Respect. Ich schenk dir die ganze deutsche Litteratur für 4 Wochen Wanderschaft im Australischen Urwald oder ein Küstenspaziergang in Neu Süd Wales. |


Nachschrift.

II

Und so ein Corroberie FestCorroboree (auch: Corroberie) = traditionelle Zeremonie der Aborigines in Australien, eine festliche Veranstaltung mit Tanz, Musik, Gesang und Körperbemalung. mit den Buschleuten in Queensland! Da pfeife ich auf die Bühnen und SubscriptionsbälleEröffnungsbälle. Berlins und die von Paris.

Ach die Würde! O über Eures Würde Ihr Menschen!

Da sollt ihr mal so einen Buschmann tanzen sehn!

Freuen? Wenn ihr Freude sehen wollt so wohnt einem Corroberie Fest bei!

Und agieren und Pantomime?

Da solltet Ihr meine Wilden sehn! |

Du begreifst wie mir da der Berliner „Jeist(berlinernd) Geist; hier verballhornend gemeint.“ vorkommen muß! Nicht wahr?

Ich habe es mir nie träumen lassen daß meine Productionen auf der Bühne mich noch so weit bringen würden. Ich erhielt im letzten Jahr 70 £ per Woche das macht 7000 Francs per Monat. Das ist unverschämt, ich weiß es.

Aber ich muß es wohl wert | gewesen sein! ‒ Ja sicher waren meine Leistungen noch mehr wert. Wenn man nämlich 70 Pfund per Woche bezahlt erhält ist man sicher 140 £ werth, erhält man aber nur 3 Mark pro Abend so ist das noch zu viel. ‒

Ressner hat dir wohl von meiner Landbebauungs PeriodeWilly Rudinoff hatte an der pommerschen Ostseekünste ein Anwesen in dem Dorf Järshagen erworben (das er dann bald wieder verkaufte), um dort als Landwirt und Gutsherr tätig zu sein [vgl. Raff 2015, S. 53]. Dort haben ihn Carl Rößler (Franz Ressner), Gustav und Julia Rickelt besucht [vgl. Rickelt 1930, S. 165]. in Pommern erzählt. Ich habe da viel Amüsantes | erlebt. Davon erzähle ich Dir mal persönlich Etwas.

Kommst Du mal wieder nach Dresden? ‒

Ich bitte dich flehentlich Grüße die ganzen Erdgeist Darsteller von mir denn sie haben sich große Verdienste erworben bei mir in meinem Herzen. Ich fand nämlich die Cultur durch dieses Stück wieder erträglich! Besonders aber den Dr. Schön! Das war Etwas!

Grüße mir auch die Lebensdilettanten der Berliner Bohême oder was sonst Dir Erfreuliches nahe tritt und giebt dir ein liebes Weib das süße Glück das ich genieße so soll sie gesegnet sein.
Willy. |


P.S.

Mir fällt noch ein, daß ich dir noch erklären wollte warum ich dich in Berlin nicht aufsuchteWilly Rudinoff dürfte zur Eröffnung einer Ausstellung seiner Werke in Berlin am 9.5.1905 – sie lief etwa zwei Wochen und war in der Presse angekündigt: „Eröffnung der Collectiv-Ausstellung der Werke des Malers und Radirers W. Rudinoff in Casper’s Kunstsalon, Behrenstrasse 17“ [Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 232, 8.5.1905, Montags-Ausgabe, 1. Beiblatt, S. (2)] – für einige Tage in der Stadt gewesen sein; Wedekind war vom 11. bis 13.5.1905 in Berlin [vgl. Tb]..

Ich dachte mir wenn so Jemand plötzlich eine Art Berühmtheit in Berlin wird, dann ist es gemeinhin Berliner Art, daß er von dem Kreise der ihn berühmt machte, ganz in Anspruch genommen wird.

Ich bin aber so selbstherrlicher Art und bin mir meines Wertes so sicher bewußt, daß ich so mediocremittelmäßige. Naturen wie sie sich in Berlin um die Großen des Tages drängen schwer auf die Dauer goutirenGeschmack an etwas finden. kann ohne gelangweilt zu werden. Meistens sind das doch Leute die mehr so eine Art Wiener oder literarisches Caféhaus-Glorie haben. Die Menschen haben kaum mehr von der Welt gesehen als das Café am Nachmittag und zur Nacht. In der Kunst ‒ haben sie gelesen und nicht gearbeitet. | Ihr Leben besteht aus Gemeinplätzen und sie sind zufrieden wenn Herr Cohn und Herr Schulzehier wohl im Sinn: Hinz und Kunz. „Cohn“ (der Name signalisiert jüdische Herkunft) und „Schultze“ (der Name gilt als typisch deutsch) waren stark verbreitete Nachnamen. es Ihnen schriftlich giebt daß sie etwas bedeuten. Die Luft in diesen ihren Versammlungsorten ist mir zu schlecht, ich bin von der großen herrlichen Natur bessere Luft gewöhnt und mehr Qualität im Geiste.

Dich mein lieber Frank genieße ich unter dem Gesindel nicht genügend, dich brauche ich allein in einem behaglichen deiner und meiner würdigen Raum, ein paar Leute von Werth am Ende noch aber auch die genieße ich lieber in ihren Büchern als in corpore. Alles Leute ohne Harmonie. | So eine Sp+++++ +++ reine Schauspielerei Corona(lat.) Krone; gemeint ist: Korona = fröhliche Runde (umgangssprachlich) oder Horde (abwertend). ist mir ekelhaft weil sie oder er gleich glaubten sie wären Götter, wenn ein Journalist der irgend einen Franzosen imitirt, Ihnen sagt: „der oder die war glänzend“ ‒ Ach wie bescheiden!

Spricht man sonst mit Ihnen so verstehen S sie von der Kunst genau soviel ‒ wie ‒ wie ‒ na wie diejenigen in Berlin, di be welche sich Künstler nennen und einen solchen markieren. ‒

Ich muß an die Abende denken die ich kurz vor meiner Reise nach Australien in ParisWilly Rudinoff hat im Herbst 1902 in Paris den Schriftsteller Anatole France (mit ihm verbrachte er vier Abende) und den Zeichner Théophile-Alexandre Steinlen (ihn hat er porträtiert) getroffen und freundete sich mit beiden an [vgl. Raff 2015, S. 45f.]. mit Anatole France und Steinlen verbracht habe um vor der Berliner Gesellschaft und entourage des grands hommes(frz.) im Gefolge großer Männer (Leute). den richtigen Respect zu haben. | Die Berliner „Entourage“ der „Erfolgreichen“ ist zu unharmonisch zu saudumm. ‒

Ich erinnere mich noch eines Abends in dem ich in deiner Gesellschaft in einer Weinkneipevermutlich die Münchner Künstlerkneipe Dichtelei (Türkenstraße 81) um 1890/91 [vgl. Willy Rudinoff an Wedekind, 30.10.1890]; der Abend, den Wedekind im Beisein Willy Rudinoffs mit Otto Erich Hartleben, Conrad Ansorge und Max Halbe dort verbrachte, ist nicht ermittelt. war. Hartleben, Ansorge, Halbe u.s.w. Ich fand daß selbst diese Leute einen Menschen nicht nach dem beurteilen was er ist sondern was er ist scheint also einer vom Varieté, ein „SchnellmalerAnspielung auf Wedekinds Jugendstück „Der Schnellmaler oder Kunst und Mammon. Große tragikomische Originalcharakterposse in drei Aufzügen (1889), das der Verfasser Willy Rudinoff übergeben hat, wie dieser sich erinnerte: „Wedekind brachte mir eines Tages ein kleines gedrucktes Heftchen. Es war sein Drama ‚Der Schnellmaler‘. Mit tiefem Ernst sagte er zu mir: ‚Sie werden gewiß diesem Drama das Verständnis entgegenbringen, welches ich vom Publikum nicht erwarte.‘“ [Willy Wolf Rudinoff: Wedekind unter den Artisten. In: Der Querschnitt, Jg. 10, Heft 12, Ende Dezember 1930, S. 801-807, hier S. 805] also minderwertig unter uns Göttern, uns Dichtern. All diese Menschen sind nur so in so fern interessant als sie willkommenen Stoff für eine Posse bieten. Im Uebrigen aber soll man der Gesellschaft rathen ein Luftbad zu nehmen damit man s mal sieht was an Ihnen ist und damit sie besser riechen. ‒

Herzlichst
Seëif ben SamuelWilly Rudinoff hat mit diesem Namen auch früher schon unterzeichnet [vgl. Willy Rudinoff, Gustav Rickelt, Julia Rickelt, Lucia Rickelt an Wedekind, 8.10.1900]..


[Beilage: Radierung „Anita la Feria“ mit Widmung (Raff 2015, S. 202):]


WRudinoff

Mit frdl. Gruss an Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Loschwitz, 14. April 1906 (Samstag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Anita la Feria“ in: Raff 2015, S. 202:]


WRudinoff

Mit frdl. Gruss an Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Dresden, 31. Januar 1907 (Donnerstag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zeichnung: Tierbändiger]


Herrn
Frank Wedekind
ThierbändigerAnspielung auf den Prolog zum „Erdgeist“, in dem Wedekind am 13.3.1906 bei dem „Erdgeist“-Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters am Dresdner Residenztheater als Tierbändiger auftrat. Willy Rudinoff hat sich in einem ausführlichen Brief über diesen Auftritt zwar begeistert geäußert [vgl. Willy Rudinoff an Wedekind, 14.-16.4.1906], in selben Brief aber auch ausgeführt, dass er Wedekinds „Erdgeist“ von George Bernard Shaw inspiriert sehe, was Wedekind ihm übel genommen habe, wie Willy Rudinoff am 11.10.1906 Paul Fechter berichtete: „Ich schrieb in diesem Sinne an Wedekind, und er hat mir’s nicht verziehen.“ [Raff 2015, S. 115] Der Tierbändiger aus dem Prolog zum „Erdgeist“, der als Zeichnung und begrifflich forciert das Kuvert prägt, mag als humoristisch angelegter Versöhnungsversuch gewertet werden.
in
Berlin
Deutschland |


[roter Buntstift, Querformat:]

Adressat unbekannt als Thierbändiger!
W.R.Mit seinen Namensinitialen hat Willy Rudinoff sich hier als Absender zu erkennen gegeben.


[Tinte, um 90 Grad nach links gedreht:]

Adressat ist nicht unter die Thierbändiger zu finden.

Briefträger
August Lampewohl fingierte Person. Ein Briefträger dieses Namens ist in Berlin nicht nachweisbar; verzeichnet sind mit dem Namen August Lampe ein Maurer, ein Molkereibesitzer, ein Schlosser, ein Telefonarbeiter [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 1330]..


Adressat ist obdachlos daher nicht bekannten Aufenthalsbewusst falsche Schreibweise (komisch intendiert), statt: Aufenthalts..


[Tinte, um 180 Grad nach rechts gedreht:]

Nicht auffindbar im AdressbuchWedekind war im „Berliner Adreßbuch 1906“ nicht verzeichnet, dann allerdings schon (Stand Ende 1906), als Schriftsteller Frank Wedekind (W 62, Kurfürstenstraße 125, 3. Stock) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 2583; Teil III, S. 429].bei die Dichterbewusst falsche Schreibweise (komisch intendiert), statt: bei den Dichtern. nachfragen!

WillemDer Nachname „Willem“ kommt im „Berliner Adreßbuch 1907“ nicht vor; es dürfte sich bei dem Namen des fiktiven Postinspektors um eine Camouflage auf Willy Rudinoffs Vornamen „Wilhelm“ handeln..
Postinspector


[Tinte, um 270 Grad nach rechts gedreht:]

Das Bild is gut!fingiertes Zitat, das hier dem bekannten Berliner Kunstkritiker Fritz Stahl in den Mund gelegt ist, der als Feuilletonredakteur für das „Berliner Tageblatt“ Ausstellungen besprach.

Fritz Stahl geborner LevisohnFritz Stahl (ein Pseudonym) hieß eigentlich Siegfried Lilienthal, worüber ein Stadtbuch mit humoristischem Einschlag auch informierte. „Siegfried Lilienthal, Wilmersdorf, Uhlandstr. 66. Bekannter unter dem Namen Fritz Stahl. Berlins lautester Kunstkritiker. Wie sah Goethe aus? Wie sah Bismarck aus? Wie sieht Fritz Stahl aus?“ [Berlin und die Berliner. Leute. Dinge. Sitten. Winke. Berlin 1905, S. 122].


Neues Theater sendenDas Neue Theater (Direktion: Max Reinhardt) in Berlin (NW, Schiffbauerdamm 5) hat zum Deutschen Theater gehört [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 272], das den „Erdgeist“ inszeniert hat. So notierte Wedekind am 19.2.1906 „Erdgeistprobe im Neuen Theater“ [Tb] oder am 25.2.1906 „spreche den Prolog im neuen Theater“ [Tb]..


[blauer Buntstift, um 360 Grad nach rechts gedreht:] Verzogen oder verheiratet.

Im zoologischen Gartenvermutlich Anspielung auf eine humoristisch gemeinte Bildpostkarte, die Rudinoff (zusammen mit befreundeten Leuten) aus dem Berliner Zoologischen Garten mit Abbildungen aus dem Affenhaus einmal an Wedekind geschickt hat [vgl. Gustav Rickelt, Willy Rudinoff, Julia Rickelt an Wedekind, 8.10.1900]. unbekannt.


[Tinte, Querformat:]

Zurück!
wxBedeutung nicht eindeutig aufzulösen; im Englischen ist „wx“ eine Abkürzung für „Wetter“ („weather“)..


[Tinte, um 360 Grad nach rechts gedreht:]

1 teBedeutung nicht eindeutig aufzulösen; möglicherweise eine Markierung für eine ‚erste‘ Sendung.
Rwohl nochmals Rudinoffs Nachnamensinitiale.

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Paris, 15. Juni 1908 (Montag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Postkarte an Willy Rudinoff vom 17.6.1908 aus Berlin:]


[...] ich danke Dir bestens für Deine freundlichen Grüße aus Paris, auch für die außerordentliche feine Postkarte.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. Juni 1908 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Rudinoff, Willy

Lieber Freund, ich danke Dir bestens für Deine freundlichen Grüße aus Parisnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Willy Rudinoff an Wedekind, 15.6.1908., auch für die außerordentliche feine Postkarte. Ich komme eben aus WienWedekind reiste am 10.6.1908 abends um 22 Uhr von Wien ab: „Esse [...] zu Abend fahre zum Nordwestbahnhof und um 10 Uhr nach Berlin“ [Tb]. Er dürfte also am 11.6.1908 wieder in Berlin gewesen sein. von der unerwarteten Lösung eines LebensräthselsFrank Wedekinds Bruder Donald Wedekind hat sich am 5.6.1908 in Wien das Leben genommen und wurde am 9.6.1908 auf dem Döblinger Friedhof beerdigt.. Im HerbstFrank und Tilly Wedekind bezogen am 1.10.1908 in München eine Wohnung im 3. Stock der Prinzregentenstraße 50. siedle ich nach München über. Wenn Du im Lauf des Sommers noch nach Berlin kommst, dann besuche mich doch bitte.

Mit herzlichsten Grüßen
Dein
Frank Wedekind


Berlin den 17.6 08.

125. Kurfürstenstraße

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Transportschiff auf einem Fluss“ in: Raff 2015, S. 213:]


Meinem lieben Frank Wedekind
WRudinoff

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Dans la rue Caulaincourt Montmartre“ in: Raff 2015, S. 204:]


Meinem lieben Frank Wedekind.

W Rudinoff

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Artisten-Café Berlin“ in: Raff 2015, S. 209:]


W Rudinoff
seinem lieben Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Avenue du Bois de Boulogne“ in: Raff 2015, S. 203:]


Meinem lieben Frank Wedekind.
WR.

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

d. 7.8.1912.


Mein Lieber!

Beim Absenden der RadierungenWilly Rudinoff hatte Wedekind am selben Tag als Beilagen zu seinem ersten Brief vom 7.8.1912 eine ganze Reihe seiner Radierungen geschickt. wollte ich dir einige Pressberichte über meine Ausstellungen beilegen, welche für mich zwar nicht irgendwie autoritativ sind, dich aber interessirt hätten. Ich vergaß, daß dieselben | in meinem Koffer liegen welcher schon nach HollandWilly Rudinoff war im Begriff, zu einem Gastspiel in die Niederlande aufzubrechen; ab dem 12.8.1912 war er postlagernd in Amsterdam zu erreichen. unterwegs ist. Was ich hier fand waren nur einige Berichte über mein Sänger DebütWilly Rudinoff trat seit 1911 mit einem „kraftstrotzenden Heldentenor“ [Kutscher 1, S. 191] als Opernsänger auf Opernbühnen auf, der erste dieser Auftritte sei in Heidelberg gewesen [vgl. Raff 2015, S. 68]. Berichte darüber liegen dem Brief nicht mehr bei. und eine KritikDie Besprechung der in einer Ausstellung in Stuttgart gezeigten Werke Willy Rudinoffs liegt dem Brief nicht mehr bei. meiner Stuttgarter Collectiv Ausstellung, das lege ich hier bei und sende dir von | Amsterdam einige ausführliche Besprechungen meiner Dr Dresdner AusstellungDie Presse hat über die am 21.4.1907 im Kunstsalon Emil Richter (Inhaber: Hermann Holst) eröffnete Ausstellung berichtet: „Die Rudinoff-Ausstellung im Kunstsalon Richter wurde heute vormittag um 11 Uhr in Gegenwart Prinz Johann Georgs und seiner Gemahlin, sowie zahlreicher Gäste feierlich eröffnet. Sie umfaßt im ganzen 316 Werke, Gemälde, Pastelle, Aquarelle, graphische und plastische Arbeiten, das ganze bisherige Lebenswerk des Künstlers und ist die seit langem interessanteste und wertvollste Ausstellung, die Dresden gesehen hat.“ [Dresdner Neueste Nachrichten, Nr. 107, 21.4.1907, 1. Ausgabe, S. 2] Gemeldet wurde: „In Emil Richters Kunstsalon (Prager Straße) findet die Sonder-Ausstellung von W. W. Rudinoff ein außerordentlich reges Interesse.“ [Dresdner Nachrichten, Nr. 117, 28.4.1907, S. (4)]. Von dieser Veranstaltung findest Du auch hierbei einen Katalogder Katalog der Rudinoff-Ausstellung im Kunstsalon Emil Richter in Dresden [vgl. W. W. Rudinoff. Sonder-Ausstellung von Gemälden, graphischen und plastischen Arbeiten in Emil Richters’s Kunst-Salon. Dresden 1907], verlegt von den Werkstätten für Buch- und Steindruck Rudolf Kleinhempel, eine Beilage zum vorliegenden Brief.. Ausserdem ein PoemDas unbetitelte hymnische Gedicht (sechs Strophen mit je vier Versen) der Lyrikerin, Feministin und Frauenrechtsaktivistin Marguerite Coppin, eine Beilage zum vorliegenden Brief, ist datiert auf den 7.1.1900 und war inspiriert durch ein Aufsehen erregendes Christusgemälde Willy Rudinoffs (der Künstler war zum Katholizismus konvertiert), das seinerzeit auf der Jahresausstellung in Brügge ausgestellt war [vgl. Raff 2015, S. 37-39]; unterschrieben ist es: „En revenant du Salon de Bruges, dimanche 7 Janvier, 1900“ [Raff 2015, S. 38]. Im Katalog der Rudinoff-Ausstellung der Grafton Galleries in London ist das Gedicht im französischen Original und in englischer Übersetzung abgedruckt [vgl. Exhibition of works by M. Rudinoff, including examples in oil, water-colour, etching, and dry point. London 1901, S. 24-27 (online: https://archive.org/details/exhibitionofwork00rudi/); zu einer deutschen Übersetzung vgl. Raff 2015, S. 190]. Das Gedicht liegt dem Brief nicht mehr bei. der belgischen Dichterin Marguerite Coppin welches es durch die Ausstellung meines Leidens und LiebesmenschenJesus Christus, bezogen auf Willy Rudinoffs Christusgemälde (siehe oben). in der | Jahresausstellung in Bruges, veranlaßt worden ist. Ich denke es ist ein schönes Gedicht und im Grunde hat sie, die Dichterin, meinen Schöpfungsgedanken, außerordentlich feinfühlend erkannt.

Dein getreuer
Willy Rudinoff

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Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

d. 7.8.1912.

z.Zt: Feldafing am Starnberger See
Hotel Neuschwanstein


Ich sende Dir, mein Lieber, per Post einige meiner RadierungenBeilage waren vermutlich elf jeweils mit Widmungen für Wedekind versehene Radierungen (siehe die Hinweise zur Materialität).. Ich grüsse Dich recht herzlich und bitte auch deiner verehrten Frau meine Empfehlungen auszurichten, falls sie sich noch meiner erinnertFrank Wedekind hat mit Willy Rudinoff zwar am 6.7.1912 in München einen Abend verbracht [vgl. Tb], Tilly Wedekind aber hat ihn Jahre zuvor zuletzt gesehen und überhaupt erst kennengelernt. Das war am 5.2.1907 nach einem Auftritt Willy Rudinoffs im Berliner Varieté Wintergarten im Weinhaus Zum Treppchen (dabei war auch Herrmann Oelschläger): „Abends mit Tilly im Wintergarten. Nachher bei Treppchen mit Öhlschläger und Rudinoff.“ [Tb] Tilly Wedekind erinnerte sich im Jahr 1953 (Typoskript im Nachlass) an die Begegnung mit Willy Rudinoff: „Ich sah ihn mit Wedekind im ‚Wintergarten‘ in Berlin und wir sassen nachher in einer Kneipe beisammen.“ [Raff 2015, S. 182].

Dein
Willy Rudinoff.


ab 12ten d. M.
Amsterdam. Poste restante(frz.) postlagernd..


[1. Beilage: Radierung „Dans la rue Caulaincourt Montmartre“ mit Widmung (Raff 2015, S. 204):]


Meinem lieben Frank Wedekind.
W Rudinoff


[2. Beilage: Radierung „Die Tänzerin Dot Hardy“ mit Widmung (Aa, Wedekind-Archiv J, Nr. 23):]


Meinem lieben Frank Wedekind
in herzlichster Zuneigung
W Rudinoff.


[3. Beilage: Radierung „Nachtvögel im Café de la Paix“ mit Widmung (Le1, Wedekind-Archiv, D 441):]


Meinem lieben Frank Wedekind
WR.


[4. Beilage: Radierung „Artisten-Café Berlin“ mit Widmung (Raff 2015, S. 209):]


W Rudinoff
seinem lieben Frank Wedekind


[5. Beilage: Radierung „Avenue du Bois de Boulogne“ mit Widmung (Raff 2015, S. 203):]


Meinem lieben Frank Wedekind.

W.R.


[6. Beilage: Radierung „Le peintre Th. Steinlen“ mit Widmung (Raff 2015, S. 203):]


WRudinoff
seinem Frank Wedekind
herzlichst zugeeignet


[7. Beilage: Radierung „Flussufer in einer Stadt“ mit Widmung (Raff 2015, S. 206):]


W Rudinoff
seinem lieben Frank Wedekind


[8. Beilage: Radierung „Ansicht einer Hafenstadt“ mit Widmung (Raff 2015, S. 208):]


Seinem lieben Frank Wedekind zugeeignet
W Rudinoff.
Globetrotter


[9. Beilage: Radierung „Industriestadt an großem Fluss“ mit Widmung (Raff 2015, S. 208):]


seinem lieben Frank Wedekind.
WR


[10. Beilage: Radierung „Auf der Wanderschaft“ mit Widmung (Raff 2015, S. 212):]


für Frank Wedekind
W Rudinoff


[11. Beilage: Radierung „Transportschiff auf einem Fluss“ mit Widmung (Raff 2015, S. 213):]


Meinem lieben Frank Wedekind
WRudinoff

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Flussufer in einer Stadt“ in: Raff 2015, S. 206:]


WRudinoff
seinem lieben Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Ansicht einer Hafenstadt“ in: Raff 2015, S. 208:]


Seinem lieben Frank Wedekind zugeeignet
WRudinoff.
Globetrotter

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[RadierungDie in Paris entstandene Radierung „Nachtvögel im Café de la Paix“ [vgl. Raff 2015, S. 46] wurde auf „wohl 1902“ [Raff 2015, S. 205] datiert. Nachtvögel im Café de la Paix]


Meinem lieben Frank Wedekind
WR.

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[RadierungDie Radierung „Die Tänzerin Dot Hardy“ ist 1902 entstanden [vgl. Raff 2015, S. 204], vermutlich in Paris.Die Tänzerin Dot Hardy]

Meinem lieben Frank Wedekind
in herzlichster Zuneigung
W Rudinoff.

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Le peintre Th. Steinlen“ in: Raff 2015, S. 203:]


WRudinoff
seinem Frank Wedekind
herzlichst zugeeignet

Einzelstellenkommentare

Feldafing, 7. August 1912 (Mittwoch)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

[Zitat der Widmung auf der Radierung „Industriestadt an großem Fluss“ in: Raff 2015, S. 208:]


seinem lieben Frank Wedekind.
WR

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München, 21. August 1912 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Rudinoff, Willy

München, 21.VIII.1912.


An Willy Rudinoff v. G. g. Kuenstler.


Lieber Freund!

Wie ein Fürst beschenkst Du mich! Als Künstler bist Du ja ein Fürst. Als Mensch, in der souveränen Art, wie Du Dein Leben gestaltest, auch. Aber rein sachlich genommen, machst Du mir ein ganzes Kupferstich Kabinet zum GeschenkWilly Rudinoff hatte Wedekind am 7.8.1912 (siehe seinen ersten Brief unter diesem Datum) eine ganze Reihe seiner Radierungen geschickt, darüber hinaus Presseartikel über seine Ausstellungen und einen Ausstellungskatalog (siehe seinen zweiten Brief unter dem Datum 7.8.1912).. Meine Frau brachte es mir am Vormittag herein, ich lag noch zu Bett. Ich warf den Schlafrock um, derweil löste sie die Stricke, bog die Kartons auseinander und dann erfreuten wir uns mehr als eine Stunde lang an einem Blatt nach dem anderen.

Meiner früheren Unkenntnis zur Schmach muß ich gestehen, daß ich Dein Lebenswerk seitdem mit ganz anderen Augen ansehe. Du bist einer der Allerersten.

Wenn Du der allgemeinen Anerkennung dieses Sieges in breitester Oeffentlichkeit immer noch geflissentlich ans dem Wege gehst, so thust Du das doch wahrscheinlich auch nur aus Liebe zu Deiner Bühnenthätigkeit.

Seit sechs Jahren, seit meiner Verheirathung, hängt die OelskizzeWilly Rudinoffs Selbstporträt im altniederländischen Stil in Öl auf Pappe gemalt [vgl. Raff 2015, S. 70, 229], das er Wedekind offenbar im Jahr 1900 übergeben hat und das dem vorliegenden Brief zufolge seit 1906 bei ihm über dem Schreibtisch hing (zuerst also in Berlin, seit 1907 dann in München), hat dem Maler selbst nicht gefallen. Tilly Wedekind erinnerte sich 1953 (Typoskript im Nachlass) an Willy Rudinoff: „Wir haben ein Selbstporträt von ihm – Frank hatte es aufgehängt – es ist nach Rubens-Manier gemalt – aber Rudinoff war entsetzt, als er es bei uns an der Wand sah. [...] Er nahm mir, nach Wedekinds Tod, das Versprechen ab, es wegzutun. – Da aber Frank es aus Sympathie und Pietät aufgehängt hatte – hängt es auch heute noch bei uns.“ [Raff 2015, S. 182f.]; Kadidja Wedekind hat dazu 1971 auf das Blatt notiert, das sei wohl ein Irrtum ihrer Mutter, das Gemälde sei vermutlich verbrannt., die Du mir vor zwölf Jahren hier in München schenktest, über meinem Schreibtisch. Aber Deine prachtvollen Radierungen werden jedes meiner Zimmer schmücken und ich werde sie täglich mit gleicher Freude genießen. Du und Deine verehrte liebe Gemahlin, Ihr werdet sie hoffentlich auch bei uns sehen, wenn Ihr wieder nach München kommt. Diesmal war ich Strohwittwer und unser ZusammenseinWedekinds alter Freund war seit Anfang Juli 1912 zu einem Gastspiel in München, im Deutschen Theater, dem Varieté in der Schwanthaler-Passage, und trat dort unter dem Namen „William Rudinoff “ als „Universal-Künstler“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 65, Nr. 333, 3.7.1912, Vorabendblatt, S. 8] auf. Wedekind hat die Vorstellung am 6.7.1912 gesehen, suchte den befreundeten Künstler in der Garderobe auf und ging mit ihm in sein Stammlokal; er hielt fest: „Im Deutschen Theater. Dann mit Rudinoff und Frau in der T.St.“ [Tb] Wedekind war in der Torggelstube nicht nur mit Willy und Ida Rudinoff, mit in der Runde waren auch Max Halbe, Gustav Waldau und Erich Mühsam [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 8.7.1912], wobei dieser am 7.7.1912 über den weit in die Nacht reichenden Abend zuvor notierte: „Wedekind saß besonders mit dem Feuerfresser Rudinoff und dessen Frau zusammen.“ [Tb Mühsam] in der Torggelstube war der schönste Abend meiner StrohwittwerschaftWährend Frank Wedekind sich in München aufhielt (seit dem 30.6.1912, davor war er in Dresden), war seine Frau Tilly Wedekind mit den Kindern vom 20.6.1912 bis 15.7.1912 zu Besuch bei ihrer Schwiegermutter in Lenzburg..

Mit besten Grüßen und Empfehlungen von uns beiden an Dich und Deine verehrte Frau und auf baldiges frohes Wiedersehn Dein alter
Frank Wedekind.

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Algier, 16. Februar 1913 (Sonntag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

POST CARD Carte postale POSTKARTE
[...]


An den Dichter
Frank Wedekind
Prinzregenten Str. 50
München
Allemagne.


Algier den 16.2.1913.

Hotel Victoria.


Gruss aus Afrika.

Willy Rudinoff und Frau


[Zeichnung] |


191 A – Femme des Ouled-Naïls. ND Phot.

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Bou Saâda, 4. März 1913 (Dienstag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

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RÉPUBLIQUE FRANÇAISE


CARTE POSTALE

Ce côté est exclusivement réservé à l’adresse.


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Da ich befürchte daß diese Zeichnung (auf dem eigentümlichen Postamt hier) Liebhaber finden könnte schicke ich sie inn einem Enveloppe(frz.) Briefumschlag. Das Kuvert ist nicht überliefert.. |


[Zeichnung]


Araberdorf „Bou-Saâda
Sahara-Hochplateau
den 4. März 1913.


In dieser herrlichen Unendlichkeit gedenke ich deiner und sende dir diesen Gruß.
WRudinoff.

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Alexandria, 12. September 1913 (Freitag)
von Rudinoff, Willy
an Wedekind, Frank

Carte postale

Poste Egyptienne


Herr Frank Wedekind
Dichter
50. Prinzregenten Str.
München
Allemagne.


[Zeichnung]


Grüße aus Alexandrien
WRudinoff.|


Réunion d’une Circoncision arabe

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