Briefwechsel

Wedekind, Frank und Salten, Felix

6 Dokumente

Wien, 1. September 1901 (Sonntag)
von Salten, Felix
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Felix Salten vom 18.9.1901 aus München:]


Herzlichen Dank. Ich habe Ihnen noch nicht geantwortet [...]

Einzelstellenkommentare

München, 18. September 1901 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Salten, Felix

FRANK WEDEKIND.


Lieber Herr SaltenFelix Salten, Schriftsteller und Redakteur der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ in Wien (VIII, Kochgasse 32) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1902, Teil VII, S. 1037], der die Eröffnung des Jung-Wiener Theaters zum lieben Augustin (siehe unten) organisierte.,

die Sache ist also abgemachtWedekinds Mitarbeit an dem neuen Wiener Kabarett unter der Leitung Felix Saltens, das die Presse rund vier Monate zuvor erstmals angekündigt hat: „Seit dem Aufblühen der Pariser Cabarets [...] beschäftigte man sich im Kreise der modernen Wiener Künstler und Schriftsteller mit dem Plane, ein literarisches Variété zu errichten. [...] Zu Beginn der kommenden Saison wird im Theater an der Wien das ‚Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin‘ eröffnet als ein literarisches Variété, das durch die besondere Pflege der specifisch wienerischen Note in Musik, Dichtung und Malerei einen völlig unabhängigen, durchaus bodenständigen Charakter haben wird. Die artistische Leitung hat der Schriftsteller Felix Salten übernommen. [...] Wie wir erfahren, werden die Vorstellungen des ‚Theaters zum lieben Augustin‘ in der ersten Novemberwoche ihren Anfang nehmen.“ [Ein Wiener Ueberbrettl. „Theater zum lieben Augustin.“ In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 30, Nr. 133, 16.5.1901, S. 5] Wedekinds mehrfach angekündigte Vortragspremiere am Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin im Theater an der Wien (siehe unten) fand am 16.11.1901 statt: „Das Programm für den morgen stattfindenden ersten Abend des ‚Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin‘ wurde nunmehr genau bestimmt“, dabei „wird sich der Dichter Frank Wedekind dem Publicum vorstellen.“ [Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 30, Nr. 314, 15.11.1901, S. 5]. Herzlichen Dank. Ich habe Ihnen noch nicht geantwortetHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Felix Salten an Wedekind, 1.9.1901. Das Schreiben betraf Wedekinds Mitarbeit am Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin (siehe oben)., da ich immer noch nicht genau weiß, wann ich von Berlin loskommeWedekind plante zur Aufführung des „Marquis von Keith“ (1901) nach Berlin zu fahren, war aber durch Presseankündigungen irritiert [vgl. Wedekind an „Berliner Tageblatt“, 18.9.1901], „Schwierigkeiten“ [Wedekind an Hermann Bahr, 17.9.1901], über die er sich mit dem Regisseur austauschte [vgl. Wedekind an Martin Zickel, 21.9.1901]. Wann und wo – Berlin oder Wien (siehe unten) – die Uraufführung des Stücks, die in Berlin lange in Aussicht stand und schließlich am 11.10.1901 „im Rahmen eines Literarischen Abends des Berliner Residenztheaters“ [KSA 4, S. 533] unter der Regie von Martin Zickel realisiert wurde, endlich stattfinden sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch unklar., vielleicht früher als ich dachte. Eventuel gehe ich auch gar nicht hin. Die nächsten Tage müssen dies entscheiden. Auf Wunsch | des Herrn Director JarnoJosef Jarno, Schauspieler und Direktor des Theaters in der Josefstadt in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1902, S. 570], plante die Uraufführung des „Marquis von Keith“ in Wien mit Wedekind als Gast, was ebenso wie Wedekinds Gastspiel beim Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin bereits angekündigt war: „Eine interessante Nachricht kommt aus dem Theater in der Josephstadt. Frank Wedekind [...] wird sich im Laufe des nächsten Monats im Theater der Josephstadt als Dichter und Schauspieler vorstellen. Er wird in seinem modernen Drama ‚Der Marquis von Keith‘ die Rolle des Scholz geben. Die Titelrolle wird Director Jarno spielen. [...] Nach seinem Gastspiele in der Josephstadt wird Frank Wedekind im ‚Theater zum lieben Augustin‘ (‚Ueberbrettl‘) im Theater an der Wien sich hören lassen. Er wird selbstverfaßte Lieder singen und die Mandoline spielen.“ [Frank Wedekind im Josephstädter Theater. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 30, Nr. 242, 4.9.1901, S. 3] Die Wiener Inszenierung des „Marquis von Keith“ aber verzögerte sich und das Stück hatte im Theater in der Josefstadt erst am 30.4.1903 Premiere. habe ich es so eingerichtet daß die Wiener Premiere vor der Berliner stattfinden kann.

Mit bestem Gruße
Ihr
Frank Wedekind


München 18.IX.1901.
Franz Josefstraße 42.II.


Sie erhalten Nachricht sobald ich mit Berlin im klaren bin.

Einzelstellenkommentare

Wien, 18. September 1903 (Freitag)
von Salten, Felix
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Felix Salten vom 19.9.1903 aus München:]


Besten Dank für Ihre liebenswürdige Aufforderung.

Einzelstellenkommentare

München, 19. September 1903 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Salten, Felix

Lieber Herr SaltenFelix Salten, Schriftsteller in Wien (IX, Porzellangasse 45) und inzwischen Redakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1904, Teil VII, S. 1088].!

Besten Dank für Ihre liebenswürdige Aufforderungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Felix Salten an Wedekind, 18.9.1903. Felix Salten dürfte Wedekind um einen Beitrag für das von ihm geleitete Feuilleton der Zeitung „Die Zeit“ gebeten haben.. Mit Freuden nehme ich die Gelegenheit wahr, um Ihnen für die liebevolle BesprechungFelix Salten hatte die Wiener Premiere des „Marquis von Keith“ am 30.4.1903 im Theater in der Josefstadt (Direktion: Josef Jarno) äußerst lobend besprochen, nicht nur die Inszenierung, sondern auch das Stück selbst und den Stil des Verfassers, den er besonders hervorhob: „Frank Wedekind gefällt mir vor allem deshalb so sehr, weil er das Leben wie das Schaffen so gar nicht ‚literarisch‘ nimmt. So ganz ohne schulmäßige Voraussetzungen. Er faßt diese lebendige, drollige, erfreuliche und stets amüsante Welt nicht mit tintenbeklexten Fingern an, und er gibt sich nicht die lächerliche Mühe, sie in Manuscriptpapier einzuschlagen. Die Leute finden, das sei frivol von ihm. Mir scheint, als läge in diesem Vorwurf die hochmütige Pedanterie des Metiers. Er geht auch nicht umher und nimmt die Dinge wichtig. Er mißt überhaupt weder der Welt noch den Bemerkungen, die er selbst sich über diese Welt gestattet, irgendwelche Wichtigkeit bei. Er ist ganz und gar nicht feierlich, er ist niemals pathetisch, und es fällt ihm nicht ein, sentimental zu sein. Was er zu sagen hat, das wirft er so beiläufig hin, anscheinend harmlos, und mit einem kaum merkbaren, spöttischen Lächeln. Zuerst ist man über diese kunstlosen Selbstverständlichkeiten frappirt, dann aber merkt man, wie eine ungeheure Ironie in ihnen förmlich vibrirt. Zuerst stutzt man bei seinen scheinbaren Banalitäten, dann aber fühlt man, daß neue Tiefen darinnen erschlossen sind, aus deren unterstem Grund ein überwältigender Humor aufsteigt.“ [Felix Salten: „Marquis von Keith.“ (Schauspiel in fünf Acten von Frank Wedekind. Zum erstenmal am 30. April im Theater in der Josefstadt. – Literarischer Abend. In: Die Zeit, Jg. 2, Nr. 211, 1.5.1903, Morgenblatt, S. 4], die Sie dem Marquis v. Keith haben zu theil werden lassen, meinen aufrichtigen und herzlichen Dank zu sagen. Er kommt etwas spät aber meine Energielosigkeit und die Depression in der ich mich vergangenen Winter in Folge des allabendlichen öffentlichen AuftretensWedekind trat in der Wintersaison 1902/03 jeden Abend im Münchner Kabarett Die Elf Scharfrichter auf, mit dem er sich inzwischen überworfen hatte und nicht mehr Mitglied des Ensembles war. befand, können mich | vielleicht entschuldigen. Was mich neben der Rettung des Marquis an der Besprechung am meisten freute, war die klare brillante Art wie Sie geschrieben war. Indem ich das sage, fürchte ich nicht, abgeschmackt zu erscheinen, da ich voraussetze, daß Sie sich selber Ihrer Vorzüge bewußt sind und meiner Bestätigung dazu nicht bedürfen.

Mit Freuden hörte ich zu Anfang des Winters von Ihrem Erfolg in BerlinFelix Saltens Soldatendrama „Der Gemeine“ (1901) war am 25.11.1902 im Neuen Theater (Direktion: Paul Martin) in Berlin erfolgreich uraufgeführt worden (nachdem eine Aufführung des Stücks zuvor Ende 1901 in Österreich aufgrund seiner antimilitaristischen Tendenz von der Zensur verboten worden war); die Presse urteilte: „Wenn man dem lauten Beifall glauben will – und es scheint, man darf ihm dieses Mal wirklich glauben! – dann wurde gestern ein neuer Bühnenmann und ein neues Volksstück entdeckt. Der Bühnenmann wird bleiben; er hat alle Qualitäten dazu.“ [P.B.: Der Gemeine. Volksstück in drei Aufzügen von Felix Salten. Erstaufführung im Neuen Theater. In: Berliner Tageblatt, Jg. 31, Nr. 600, 26.11.1902, Morgen-Ausgabe, S. (2)] „Im Neuen Theater hat gestern wieder einmal etwas Wienerisches, das Volksstück ‚Der Gemeine‘ von Felix Salten, großen Erfolg gehabt.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 553, 26.11.1902, Morgen-Ausgabe, S. 7]. Zu meinem Bedauern bot sich mir noch keine Gelegenheit „Der Gemeine“ zu sehen, aber ich dachte damals viel an den Lieben AugustinAnspielung Wedekinds auf sein Gastspiel am Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin im Theater an der Wien unter der Leitung von Felix Salten [vgl. Wedekind an Felix Salten, 18.9.1901], das wenige Tage nach der Eröffnung am 16.11.1901 wieder schließen musste und seine vorerst letzte Vorstellung am 24.11.1901 hatte: „Das Jung-Wiener Theater scheiterte mit seinem Ueberbrettl-Programm so rasch und vollständig, daß es, wie bekannt, mit der heutigen Vorstellung seine Aufführungen vorläufig abbrechen muß. Das Publicum übte seine Censur in der radikalsten Weise, indem es nach den ersten Abenden dem Theater oder vielmehr dessen Kassen fernblieb. [...] Von Herrn Wedekind ist keine Rede mehr. Es ist eine Erleichterung daß dieser Schriftsteller, der durch seine Werke einen Namen erlangt hat, sich hier nicht mehr allabendlich in eine seiner unwürdige Situation bringt.“ [Neue Freie Presse, Nr. 13381, 24.11.1901, Morgenblatt, S. 7] Karl Kraus rechnete die „Durchfallskatastrophe“ [Die Fackel, Jg. 3, Nr. 87, Ende November 1901, S. 26] auch Felix Salten an; es habe „das allergeringste Verständnis für die Individualität Wedekind’s [...] Herr Salten bewiesen, indem er ihn vor ein zweitausendköpfiges Publicum hinausstellte, dessen Anblick den an intimen Kneipabenden Bewährten nach seinem eigenen, vor Wiener Freunden abgelegten Geständnis völlig aus der Fassung gebracht hat.“ [Die Fackel, Jg. 3, Nr. 86, Mitte November 1901, S. 20] zurück, bei dem ich Gelegenheit hatte, so bedauerlich | die Sache ausging, Sie als Künstler sowol wie als Menschen von der liebenswürdigsten Seite kennen zu lernen. Um nicht jetzt im Herbst schon wieder gezwungen zu sein, jeden Abend im Tingeltangel aufzutreten, bin ich augenblicklich mit einer TerminarbeitWedekind schrieb mit ähnlichen Worten an Karl Kraus, er „laborire [...] an einer Arbeit, die laut Contract bis 1. December fertig sein soll und die es mir [...] nicht erlaubt, große Seitensprünge zu machen“ [Wedekind an Karl Kraus, 29.9.1903]. Er hatte „eine neue Arbeit begonnen“ [Wedekind an Albert Langen, 1.9.1903], die er als ein Roman-Projekt mit dem Titel „Fanny Kettler“ bezeichnete, das mit der Terminarbeit gemeint sein könnte, oder aber das im selben Werkzusammenhang stehende Dramen-Projekt „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 368-370, 373-376], dessen weibliche Hauptfigur Fanny Kettler heißt [vgl. KSA 6, S. 41]. Wedekind gab später im Kuvert „Was ich mir dabei dachte“ (1911/12) als Entstehungszeit für „Hidalla“ an: „Geschrieben Juli 1903 bis Februar 1904.“ [KSA 6, S. 373] beschäftigt, die mich auf zwei Monate frei hält, mir aber auch keine großen Seitensprünge erlaubt. Damit Sie trotzdem an meinem besten Willen nicht zweifeln, lege ich einige Versenicht eindeutig ermittelt; es könnte sich um die beiden Gedichte „Abschied“ [KSA 1/I, S. 527f.] und „Trost“ [KSA 1/I, S. 528] gehandelt haben, die Wedekind wenige Tage später Karl Kraus zur Veröffentlichung anbot [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 29.9.1903], der sie in der „Fackel“ druckte [vgl. Frank Wedekind: Zwei Gedichte. In: Die Fackel, Jg. 5, Nr. 143, 6.10.1903, S. 26-27]. In der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ ist nach dem vorliegenden Brief bis Ende 1903 nichts von Wedekind erschienen. bei, die mir in der Sommerfrische einfielen und noch nirgends gedruckt sind. Wollen Sie mich Ihrer geehrten Frau GemahlinOttilie Salten (geb. Metzeles), Schauspielerin (Pseudonym: Ottilie Metzl), Heirat mit Felix Salten am 13.4.1902 in Wien mit Arthur Schnitzler und Siegfried Trebitsch als Trauzeugen – „Saltens Hochzeit.– Trebitsch und ich die Zeugen.“ [Tb Schnitzler] Wedekind dürfte sie während seines Gastspiels am Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin (siehe oben) persönlich kennengelernt haben. | allerergebenst empfehlen. Obschon ich nicht glaube, daß ich diesen Winter nach Wien komme, hoffe ich doch bald das Vergnügen zu haben, Sie wiederzusehen. Bis dahin mit den herzlichsten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.

19 Sept. 03.

Einzelstellenkommentare

München, 26. Juli 1910 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Salten, Felix

Sehr verehrter Herr SaltenFelix Salten (Pseudonym von Siegmund Salzmann), Schriftsteller in Wien (XVIII, Cottagegasse 37) und nach wie vor Redakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1911, Teil VII, S. 1079].!

Sehr spät komme ich dazu, Ihnen für die flammende ZustimmungFelix Salten veröffentlichte in der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ einen programmatischen Aufsatz, der zum Auftakt auf Wedekind und seine Broschüre „Schauspielkunst“ (1910) verweist: „Hier ist doch wieder einmal so was wie Auflehnung. Hier ist doch endlich wieder eine Unzufriedenheit tapfer genug, laut herauszureden. Frank Wedekind. Der hat es übrigens nie verstanden, sich zu ducken, hat es auch nie gelernt; hat sich, wie oft schon, den Mund verbrannt, und kann, wenn ihn der Aerger packt, trotzdem nicht schweigen. Deshalb verfolgt und bewitzelt ihn denn auch die schreibende Krapüle, wo sie nur kann [...]. Wie wird sie nun die kleine Broschüre zerfetzen, die er jetzt erscheinen ließ. Er nennt sie ‚Schauspielkunst‘. Und redet darin von allerlei gefährlichen Dingen. [...] Frank Wedekind scheint für sich selbst zu kämpfen; aber er kämpft für uns alle. Denn da sind unter den schaffenden Schriftstellern von heute nicht zwei, die nicht sofort den Jammer unseres öffentlichen Geisteslebens besprechen, wenn sie irgendwo sich begegnen und beisammen sitzen. Seit Jahren geht der Verdruß und die Erbitterung in der Stille unter allen umher, geht geflüstert von Mund zu Mund. Frank Wedekind aber wagt es, ein lautes Wort zu sagen. Das müssen wir ihm danken. Müssen jetzt, da er sich allein auf die Straße traut, an seine Seite treten. [...] Mir flößt es immer Ehrfurcht ein. wenn, ein schaffender Künstler einmal zu reden anfängt und sich auflehnt [...]. Mir ist es immer ergreifend, wenn solch ein Künstler das duldende Schweigen bricht, das die Lippen aller Künstler versiegelt. Wie sollte man ihn nicht mit größter Aufmerksamkeit und Achtung anhören?“ [Felix Salten: Die Künstler sollen reden. In: Die Zeit, Jg. 9, Nr. 2784, 26.6.1910, Morgenblatt, S. 1-2, hier S. 1] zu danken, die Sie meiner Broschüre in Ihrem interessanten Aufsatz in der Zeit zutheil werden ließen. Ich muß Ihnen um so mehr dafür danken, da ich gerade die öffentlichen Erörterungen meiner kleinen Schrift für die wichtigste und beste Folge halte. Es kommt mir gar nicht darauf an, mit dem was ich sagte, Recht zu haben oder zu behalten. Dagegen halte ich es für uns alle für vortheilhaft wenn die Erörterung dieser Frage in der Schwebe bleibt, wenn sie von jedem bei jeder Gele|genheit wieder aufgerollt werden kann, kurz und gut wenn wir das Recht für uns in Anspruch nehmen und erkämpfen, uns selber vertheidigen zu dürfen.

Herr Albert HelmsAlbert Helms, Schriftsteller in Hamburg (Wagnerstraße 70) und Herausgeber der Halbmonatsschrift „Die Zeitschrift“ [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1911, Teil II, Sp. 658, 2056] im Verlag von Alfred Janssen in Hamburg – Heft 1 erschien am 8.10.1910. Beiträge Wedekinds sind in dieser Zeitschrift nicht veröffentlicht. in Hamburg, der sich jedenfalls auch an Sie gewandtHinweis auf ein nicht überliefertes Anschreiben (durch das „auch“ im Hinweis auf das Schreiben an Felix Salten); erschlossenes Korrespondenzstück: Albert Helms an Wedekind, 25.7.1910. Albert Helms dürfte Wedekind um einen Beitrag in der Halbmonatsschrift „Die Zeitschrift“ (siehe unten) gebeten und zugleich darauf hingewiesen haben, dass er auch Felix Salten angeschrieben hat. hat gründet eine Revue in der ich Ihnen gerne auf Ihre Ausführungen in der „Zeit“ antwortenWedekind hat keine Antwort auf Felix Saltens Artikel (siehe oben) veröffentlicht. würde.

Mit besten Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


München, 26.7.10.

Einzelstellenkommentare

München, 4. September 1912 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Salten, Felix

[1. Briefentwurf:]


Sehr verehrter Herr Sa

Eben lese ich mit großem Interesse Ihren Aufsatz Burgtheaterprobleme. Dieses Die Lösung dieses Problems liegt für mich seit Schlenthers Weggang darin daß Sie v. Hand Direktor des Burgtheaters werden in Ihrer Benennung zum Direktor. Dieser Überzeugung hätte ich längst | öffentlich Ausdruck gegeben wenn ich nicht fürchten müßte Ihrer Ernennung dadurch zu schaden.

Trotzdem glaube ich daß heute vielleicht eine von mir unterzeichnete Anregung nützlich sein könnte besonders wenn sie an einer so weit entfernten Stelle wie d im B.T. erschiene.

Um der Sache aber | auf keinen Fall zu schaden beeinträchtigen möchte ich die Anregung nicht ohne ihr vollkommenes Einverständnis geben. Um es kurz zu sagen: Wenn Sie mir 40 – 60 Zeilen (auch mehr, wenn es praktisch erscheint) senden wollen unter die ich nur meinen Namen zu setzen brauche, | so würde ich das nach vollzogener Abschrift gerne thun und die Anregung an die von Ihnen zur in Aussicht genommene Zeitung senden. So sehr gut hoch ich über Ihre literarischen Verdienste Bescheid zu wissen glaube schätze fürchte | ich eben doch, wenn ich die Anregung selbst abfasse aus Mangel an Sachkenntnis irgend eine Dummheit zu begehen. Sie sind an Ort und Stelle und wissen was notthut, was erwartet wird. Sie würden mich mit dieser kleinen | Hilfe einfach aus einer Verlegenheit befreien. Ich möchte gerne wirken öffentlich wirken aber es müßte auch zweckmäßig geschehen.

In Erwartung Ihrer geschätzten Nachricht Mit herzlichen Grüßen
Ihr ergebener
FrW


[2. Abgesandter Brief:]


Sehr verehrter Herr Salten!

Eben lese ich mit großer Freude Ihren AufsatzFelix Salten hat im „Berliner Tageblatt“ einen Artikel veröffentlicht, der an die aktuelle Diskussion um die Nachfolge des verstorbenen Alfred von Berger (siehe unten) als Direktor des Wiener Hofburgtheaters anknüpft; darin heißt es: „Die Not des Burgtheaters [...] liegt darin, daß es [...] keinen Direktor finden kann. Die Not liegt darin, daß es keinen Direktor gibt, der dem Burgtheater zu helfen vermöchte. Und darin, daß man trotzdem von jedem neuen Direktor verlangen wird, er solle ein Helfer, ein Retter, ein Erlöser sein. [...] Ein unmögliches und törichtes Verlangen. [...] Man kann auf den frischen Berliner Boden ein Theater hinsetzen, und es hat dann die Physiognomie, hat das Schicksal des Mannes, durch dessen Willen es entstanden, durch dessen Wesen es zur Entwicklung gelangt ist. Wie das Theater von Otto Brahm oder das Theater Max Reinhardts Schöpfungen je einer bestimmten Persönlichkeit sind. Aber es ist unverständig, zu glauben, daß [...] eine Bühne wie das Burgtheater sich mit ihrem Schicksal voraussetzungslos den Fähigkeiten eines einzelnen Mannes verknüpfen läßt. [...] In Berlin wurden von Henrik Ibsen bis zu Bernard Shaw, von Maeterlinck bis Oskar Wilde neue dichterische Werte erkannt und aufgeschlossen; in Berlin wurden der Schauspielkunst neue Ausdrucksmittel gefunden. Die Menschenmassen, die hier unaufhörlich zusammenströmten, [...] waren keiner Jahrhunderte alten Tradition [...] verpflichtet. [...] Es hat sich [...] gezeigt, daß eine ungeheure Kraft in diesem Zustand lag. Die Kraft zur Gegenwart. Vor diesen Menschen war das Neue möglich, weil es neu [...]. Vor diesen Menschen, die kein Gestern aneinander gekettet hielt, sondern die sich für das ewig Künftige vereinigt hatten, wurde das Heute nicht mit dem Gedächtnis gewesener Dinge erschlagen. [...] Wie das Burgtheater jetzt ums Dasein kämpft, ist sicherlich sehr edel, aber ebenso gewiß auch hoffnungslos. Es ringt um den alten Platz, den es früher einmal innegehabt, ringt um eine Stellung, die früher einmal festgegründet war [...]. Das Burgtheater hat seine historische Bestimmung eingebüßt, nicht durch eigene Schuld, auch nicht durch das Verschulden seiner Direktoren. Sondern kraft einer Entwickelung, die gewaltiger war, als es jemals die Entwickelung eines Theaters sein kann. [...] ich vertraue der Zukunft [...]. Ich glaube an die Entwicklung und an die Zukunft des Burgtheaters, wenn auch nicht an die von morgen und übermorgen. Aber: übermorgen ist ja noch nicht aller Tage Abend.“ [Felix Salten: Das Burgtheaterproblem. Beiläufige Anmerkungen. In: Berliner Tageblatt, Jg. 44, Nr. 449, 3.9.1912, Abend-Ausgabe, S. (1-2)] Felix Salten ging auf die Berufung Hugo Thimigs zum provisorischen Direktor des Burgtheaters (siehe unten) nicht ein.Burgtheaterprobleme“. Die Lösung dieses Problemsdie Besetzung der Direktion des Wiener Burgtheaters nach dem Tod des am 24.8.1912 verstorbenen Direktors Alfred von Berger, gerade zum Beginn der Theatersaison am 1.9.1912 ein Problem. Die Presse fragte: „Wer aber wird dieser neue Mann sein? Darüber herrscht dermalen vollkommenes Dunkel, so viele Namen auch genannt werden. Vorläufig wird wieder ein provisorischer Zustand in der Leitung des Burgtheaters eintreten.“ [Zur Wiedereröffnung des Burgtheaters. In: Neuigkeits-Welt-Blatt, Jg. 39, Nr. 199, 1.9.1912, S. 10] Der Hofschauspieler und Regisseur Hugo Thimig ist zum 1.9.1912 zum provisorischen Direktor des Burgtheaters bestellt worden [vgl. Hugo Thimig – provisorischer Leiter des Burgtheaters. In: Neues Wiener Journal, Jg. 20, Nr. 6773, 1.9.1912, S. 14] und hatte dazu am 2.9.1912 vormittags auf einer Pressekonferenz eine Erklärung abgegeben über „die schwere Aufgabe, die ihm bevorstehe“ [Die provisorische Leitung des Burgtheaters. Erklärung Hugo Thimigs. In: Neues Wiener Tagblatt, Jg. 46, Nr. 240, 2.9.1912, S. 12]; seine definitive Berufung erfolgte am 12.4.1914, war aber von Anfang an absehbar, Arthur Schnitzlers Notiz vom 25.9.1912 zufolge: „Burgtheater [...] Thimig [...], der wohl definitiv wird“ [Tb Schnitzler]. liegt für mich seit Schlenthers WeggangDr. phil. Paul Schlenther, pensionierter Direktor des Wiener Hofburgtheaters und inzwischen ständiger Mitarbeiter des „Berliner Tageblatt“ in Berlin-Wilmersdorf (Kaiserplatz 14) [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1913, Teil II, Sp. 1502], war 1898 Direktor des Burgtheaters geworden, reichte nach einem Theaterskandal 1909 seine Demission ein und schied zum 28.2.1910 aus dem Amt. Sein Nachfolger wurde der nun verstorbene Alfred von Berger (siehe oben). in Ihrer BerufungFelix Salten, nach dem Tod Alfred von Bergers nicht unter den zahlreichen möglichen Kandidaten, die in der Öffentlichkeit für das Amt des Burgtheaterdirektors erwogen wurden, von Wedekind hier explizit vorgeschlagen, hatte wohl selbst Ambitionen, wie Arthur Schnitzlers Notiz vom 14.3.1913 nahelegt (die Fürstin Elisabeth Marie von Windisch-Graetz, geborene Erzherzogin von Österreich, und die Gräfin Karoline von Hadik-Futak würden ihn unterstützen, seine jüdische Konfession sei aber ein Hindernis): „Salten’s angebliche Burgdirectorschancen. Fürstin Windischgrätz, Gräfin Hadik, die ihn fördern wollen. Glaubt er’s selbst? Nur die Religion Schwierigkeiten. Schon nach Schlenthers Tod wäre einer aus dem Obersthofmeisteramt bei ihm gewesen ... ob er sich – für die Direktorchance ev. taufen ließe. Als ers strict ablehnte, habe jener Emissär geantwortet: ‚Vielleicht nützt Ihnen gerade das ...‘“ [Tb Schnitzler]. zum Direktor. Dieser Überzeugung hätte ich längst öffentlich Ausdruck gegeben, wenn ich nicht fürchten müßte, meinen den Zweck damit zu verfehlen. Trotzdem glaube ich, daß heute vielleicht eine von mir unterzeichnete AnregungEine Erklärung Wedekinds, die für Felix Salten als Direktor des Wiener Burgtheaters plädiert, ist weder im „Berliner Tageblatt“ noch, soweit ermittelt, in einer anderen Zeitung erschienen. nützlich sein könnte, besonders wenn sie an einer so | weit entfernten Stelle wie im Berliner Tageblatt zuerst erschiene. Um den Erfolg aber auf keinen Fall zu beeinträchtigen, möchte ich die Anregung nicht ohne Ihr vollkommenes Einverständnis geben. Um es kurz zu sagen, verehrter Herr Salten, wenn Sie mir 40 – 60 Zeilen (auch mehr, wenn es praktisch erscheint) senden wollten, unter die ich nur meinen Namen zu setzen brauche, so würde ich n/d/as nach vollzogener Abschrift gerne thun und die Anregung an die von Ihnen in Aussicht genommene Zeitung senden. So sehr ich Ihre Kunst verehre, | fürchte ich eben doch, wenn ich die Anregung selbst abfasse, aus Mangel an Sachkenntnis irgend eine Dummheit zu schreiben. Sie sind an Ort und Stelle und wissen, worauf es ankommt, was nottut, was erwartet wird. Sie würden mich mit dieser kleinen Hülfe einfach aus einer Verlegenheit befreien. Ich möchte gerne öffentlich wirken, aber auch zweckmäßig wirken. Deshalb wende ich mich an Sie. Sollten Sie aber jetzt eine Aktion nicht für zweckmäßig halten, dann würde ich mich sehr freuen, wenn Sie später gelegentlich darauf zurückkommen wollten.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


München, Prinzregentenstraße 50.

4.9.12.

Einzelstellenkommentare