Briefwechsel

Wedekind, Frank und Hirschfeld, Georg

6 Dokumente

München, 5. September 1898 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Hirschfeld, Georg

Münchner Schauspielhaus
J. Georg Stollberg


Telefonruf 1274.
München, den 5. September 1898.
Neuturmstrasse 1.


Sehr geehrter Herr HirschfeldGeorg Hirschfeld lebte als Schriftsteller in Berlin (Passauerstraße 8/9, Gartenhaus) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1899, Teil I, S. 574].,

wie Sie aus den Blättern gehörtaus der Presse, auch aus Berlin, wo gemeldet war: „Aus München wird uns geschrieben: Das Münchener Schauspielhaus, dies für die Pflege des modernen Dramas so wichtige Kunstinstitut der baierischen Hauptstadt, wird bekanntlich am 7. September wieder eröffnet werden. Wie ebenfalls bereits gemeldet, übernimmt Herr Georg Stollberg, der bisherige Oberregisseur des Schauspielhauses, die Direktion. Fast das gesammte bisherige Personal wurde wieder engagirt. Eröffnet wird das Theater mit dem vieraktigen Schauspiel ‚Die Mütter‘ von Georg Hirschfeld, dem Hauptmanns ‚Biberpelz‘ folgen soll.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 27, Nr. 443, 1.9.1898, Abend-Ausgabe, S. (3)] In München war zuletzt gemeldet: „Die Direktion ersucht uns um Aufnahme folgender Mittheilung: Das ‚Münchner Schauspielhaus‘ beginnt (wie schon erwähnt) am 7. September seine Vorstellungen mit der Aufführung des vieraktigen Schauspiels ‚Die Mütter‘ von Georg Hirschfeld.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 407, 4.9.1898, S. 2] haben werden, eröffnet Herr Director Stollberg die neue SaisonGeorg Stollberg, zuvor Oberregisseur, nun der neue Direktor am Münchner Schauspielhaus [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 443], eröffnete die zweite Wintersaison des zuvor krisengeschüttelten Theaters, eigentlich eine Neueröffnung, am 7.9.1898 mit Georg Hirschfelds Schauspiel „Die Mütter“ (1896), wie vielfach berichtet wurde (siehe oben). des „Münchner Schauspielhauses“ mit einer Aufführung von „Die Mütter“. Herr Stollberg hat der Inscenirung die denkbar größte Sorgfalt zugewandSchreibversehen, statt: zugewandt. und arbeitet mit Kräften, die sich einer ErstaufführungGeorg Hirschfelds Schauspiel „Die Mütter“ (1896), am 12.5.1895 durch den Verein Freie Bühne am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt und seitdem dort (und andernorts) im Repertoire, hatte am 7.9.1898 zwar am Münchner Schauspielhaus Premiere, in München war es aber durch den Akademisch-dramatischen Verein am 11.3.1896 im Orpheum unter der Regie von Georg Stollberg bereits aufgeführt worden. Die Presse hatte seinerzeit angekündigt: „Der Akademisch-dramatische Verein bringt demnächst vor geladenem Publikum ‚Die Mütter‘ von Georg Hirschfeld zur Aufführung, die gegenwärtig den Spielplan der Deutschen Theaters in Berlin beherrschen und auch an anderen großen Bühnen mit bedeutendem Erfolg über die Bretter gegangen sind.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 49, Nr. 112, 6.3.1896, S. 1] Dann wurde berichtet: „Am vorigen Mittwoch machte der rührige Verein ein zahlreich erschienenes Publikum im Saale des ‚Orpheum‘ mit dem vieraktigen Schauspiele ‚Die Mütter‘ von Georg Hirschfeld bekannt. [...] Die Aufführung unter der Oberregie des Herrn Stollberg war recht gut.“ [Akademisch-dramatischer Verein München. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 49, Nr. 124, 13.3.1896, Morgenblatt, S. 1] Insofern gab es bei der Ankündigung der aktuellen Premiere – „Für unser Münchner Publikum sind ‚Die Mütter‘ Novität“ – eine entsprechende redaktionelle Anmerkung: „Nicht so ganz. ‚Die Mütter‘ sind vom Akademisch-dramatischen Verein aufgeführt worden. D. R.“ [Münchner Schauspielhaus. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 407, 4.9.1898, S. 2] des Dramas in München als durchaus würdig erweisen werden. Die Hauptrolle wurde einer Schauspielerin von hohem künstlerischen Ernst, eines Frl. Ida MüllerIda Bardou-Müller (geb. Müller), seit dem 11.8.1892 in zweiter Ehe mit Max Bardou verheiratet (erste Ehe am 15.4.1882 mit Maximilian Samst, Scheidung am 10.5.1890), von Georg Stollberg als Ersatz für Irene Triesch verpflichtet und fortan am Münchner Schauspielhaus engagiert [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 443], spielte in Georg Hirschfelds Schauspiel „Die Mütter“ die weibliche Hauptrolle der Marie Weil, wie die Presse ankündigte: „In der Rolle der ‚Marie‘ wird Frl. Ida Müller [...] Gelegenheit haben, sich dem Publikum als neuengagirtes Mitglied des ‚Münchner Schauspielhauses‘ vorzustellen.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 407, 4.9.1898, S. 2] „Die Rolle der Maria wird Frl. Ida Müller Gelegenheit geben, das Münchner Publikum mit ihren künstlerischen Fähigkeiten bekannt zu machen.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 411, 7.9.1898, Vorabendblatt, S. 2] Die Inszenierung war erfolgreich, was nicht zuletzt an ihr lag: „Den Haupttheil des Erfolges kann Frl. Ida Müller [...] für sich in Anspruch nehmen. [...] Jedenfalls bewies sie in der Rolle der Marie Weil, daß sie ein großes ursprüngliches Talent besitzt. [...] Die Einstudirung macht dem künstlerischen Streben und dem Verständniß des neuen Direktors alle Ehre.“ [f.b.: Schauspielhaus. In: Allgemeine Zeitung, Jg. 101, Nr. 248, 8.9.1898, Abendblatt, S. 2] „Die neue Direktion hat einen glücklichen Griff gethan, als sie ‚Die Mütter‘ zu ihrem Debüt erwählte. [...] Da ist vor Allen Fräulein Ida Müller zu nennen [...]. Ihre Marie Weil ist eine ganz hervorragende Leistung. Die Dame versteht mit einem geringen Aufwand äußerer Mittel eine große, echt künstlerische Wirkung zu erzielen. Eine Schauspielerin moderner Schule, eine denkende Schauspielerin. Fräulein Müller soll Fräulein Triesch ersetzen. Gestern als ‚Marie‘ ließ sie uns diese treffliche Künstlerin nicht einen Augenblick vermissen. [...] Alles in Allem eine sehr gelungene Aufführung. Stollbergs Regie schuf einen stilgerechten Rahmen hiezu. Es gab viel Beifall, mehrmals bei offener Szene.“ [Münchner Schauspielhaus. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 415, 9.9.1898, Morgenblatt, S. 1] vom Göthe-Theater in BerlinIda Bardou-Müller (siehe oben) war zwar „bisher am ‚Goethe-Theater‘ in Berlin engagirt“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 407, 4.9.1898, S. 2], wie einerseits zu lesen war, andererseits, dass sie „vom ‚Theater des Westens‘ in Berlin zu uns kam“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 415, 9.9.1898, Morgenblatt, S. 1]. Die Verwechslung mag dadurch zustande gekommen sein, dass beide Bühnen denselben Besitzer hatten (Bernhard Sehring) und das Goethe-Theater (Direktion: Aloys Prasch) als eigenständige Sprechbühne des Theaters des Westens (Direktion: Heinrich Morwitz) nur kurzzeitig existierte [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 286f.]. In Berlin hieß es über die nach München engagierte Schauspielerin: „Fräulein Ida Müller (Frau Müller-Bardou), die in Berlin von ihrem früheren Engagement am Theater des Westens bekannte erste Liebhaberin und Salondame, ist von dem neuen Direktor des Münchener Schauspielhauses, dem bisherigen Oberregisseur Stollberg, auf ein Jahr unkündbar engagirt worden.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 27, Nr. 427, 24.8.1898, Morgen-Ausgabe, S. (3)] anvertraut. Herr Stollberg würde es als ein ungemein günstiges Omen für seine künstlerischen Bestrebungen betrachten, wenn Sie die/ihm/ Gelegenheit geben wollten, mit der Erstaufführung der „Mütter“ in Ihrer GegenwartGeorg Hirschfeld ist, soweit ermittelt, nicht zur Münchner Premiere seines Stücks gekommen. vor das Münchner Publicum zu treten und beauftragt, mich, seinen DramaturgenWedekind war soeben als Dramaturg und Sekretär am Münchner Schauspielhaus engagiert worden [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 443], wie auch die Presse meldete: „Herr Direktor Stollberg“ hat „als Dramaturgen den bekannten Schriftsteller Frank Wedekind gewonnen.“ [Münchner Schauspielhaus. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 407, 4.9.1898, S. 2] Wedekind war von Georg Stollberg am 22.8.1898 engagiert worden [vgl. Wedekind an Beate Heine, 25.8.1898], bezahlt wurde er ab dem 7.9.1898 [vgl. Wedekind an Georg Stollberg, 2.9.1898]., Sie höflichst dazu einzuladen. Die Vorstellung findet übermorgen, Mittwoch, den 7. September Abends ½ 8 Uhrum 19.30 Uhr (bis 22.15 Uhr), wie für die Premiere am 7.9.1898 angezeigt war: „Mittwoch, den 7. September. Zum ersten Male: Die Mütter. Schauspiel in vier Akten von Georg Hirschfeld. [...] Anfang halb 8, Ende 10¼ Uhr.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 412, 7.9.1898, General-Anzeiger, S. 2] statt.

Ich nehme die Gelegenheit wahr, geehrter Herr Hirschfeld, Ihnen die Versicherung meiner größten Verehrung zu übermitteln.

Ihr ergebenster
Fr. Wedekind.


Ich würde es mir als besondere Ehre anrechnen, Sie bei Ihrer Ankunft in München am Bahnhof erwarten zu dürfen.
d. O.


[Kuvert:]


Münchner Schauspielhaus
J. Georg Stollberg


Herrn Georg Hirschfeld
Berlin. W.
Passauerstrasse 8.

Einzelstellenkommentare

München, 10. Oktober 1898 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Hirschfeld, Georg

[Hinweis und Referat in Karl Ernst Henrici: Katalog 85 (1924), Nr. 659:]


Wedekind, Frank [...]. München, 10. Okt. 1898. [...]

Interessanter Brief an G. H., aus der kurzen ZeitWedekind war am 22.8.1898 an das Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) engagiert worden [vgl. Wedekind an Beate Heine, 25.8.1898] und dort bis zu seiner Flucht aus München am 30.10.1898 infolge des Haftbefehls in der Majestätsbeleidigungsaffäre um den „Simplicissimus“ tätig., da er am Münchener Theater thätig war. Betrifft die Verhandlungen des Münchener Schauspielhauses mit dem Schauspieler Friedrich Kayssler, die durch dessen SchuldZusammenhang nicht ermittelt. Friedrich Kayßler, der seine Bühnenlaufbahn 1895 am Deutschen Theater (Direktion: Otto Brahm) in Berlin begonnen hatte, war nach einem Engagement am Stadttheater in Görlitz [vgl. Neuer Theater-Almanach 1897, S. 361] 1898 längere Zeit am Stadttheater in Breslau tätig (durch verschiedene Pressemeldungen bezeugt – so gastierte „Herr Kayßler vom Breslauer Stadttheater“ [Hannoverscher Courier, Jg. 45, Nr. 21174, 11.2.1898, Morgen-Ausgabe, S. 2] auch in München), bis er Ende des Jahres wieder in Berlin auftrat und 1899 erneut fest am Deutschen Theater engagiert war [vgl. Neuer Theater-Almanach 1900, S. 354]. zu keinem Resultat führten.




Einzelstellenkommentare

Berlin, 13. Februar 1907 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Hirschfeld, Georg

[Hinweis in Karl Ernst Henrici: Katalog 85 (1924), Nr. 661:]


Wedekind, Frank [...] Eigh. Brief m. U. Undatiert. [...]. Mit Briefumschlag. – An G. H.


Einzelstellenkommentare

Berlin, 21. Februar 1907 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Hirschfeld, Georg

Lieber Freund,

heute morgen war ich im Lessingtheater und hoffte Dich bei der Gelegenheit vielleicht zu sehen aber die Probevermutlich bereits die Generalprobe zur Uraufführung von Georg Hirschfelds Komödie „Mieze und Maria“ (1907) am 23.2.1907 im Lessingtheater (Direktion: Otto Brahm) in Berlin, zu der angekündigt war: „In Georg Hirschfelds neuer Komödie ‚Mieze und Maria‘, die im Lessing-Theater demnächst zur ersten Ausführung gelangt, spielt Ida Orloff die Titelrolle.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 77, 15.2.1907, Morgen-Ausgabe, S. 7] Wedekind notierte am 23.2.1907 den Besuch der Uraufführung und ein anschließendes geselliges Beisammensein (mit Georg Hirschfeld, Paul Jonas, Otto Brahm, Max Bondi und weiteren Personen): „Hirschfeldpremiere. Nachher mit Hirschfeld Jonas Brahm Max Bondi e.ct. im Savoyhotel.“ [Tb] war in vollem Gang und da wollte ich mich nicht bemerkbar machen.

Ich schlage nun vor, daß | wir uns morgen Freitagder 22.2.1907, an dem Wedekind sein abendliches Beisammensein mit Georg Hirschfeld, Elly Hirschfeld, Emil Gerhäuser und Paul Lindau im Weinhaus Zum Treppchen (Unter den Linden 56) notierte: „Nachmittags kommt Gerhäuser. Abends mit Hirschfeld, seiner Frau Gerhäuser und Lindau im Treppchen.“ [Tb] Abend nach 8 Uhr20 Uhr. bei Treppchen unter den Linden, f/t/reffen. Ich würde eventuell meinen Freund Gerhäuser mitbringen, den Du ja wol von München her kennstGeorg Hirschfeld, der in Dachau bei München lebte [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1907, Teil II, Sp. 644], sich seit 1892 immer wieder in München aufgehalten hatte und Musikliebhaber war, dürfte den in München wohnenden Kammersänger Emil Gerhäuser (Widenmayerstraße 5) [vgl. Adreßbuch für München 1907, Teil I, S. 151], der als Operntenor seit Jahren zum Ensemble der Münchner Hofoper gehörte, gekannt haben..

Ich bitte Dich, Frau Elly meine schönsten Empfehlungen | auszurichten. Wenn Du einverstanden bist erwarte ich keine weitere Nachricht.

Mit besten Grüßen
Dein
FrWedekind.


Kurfürstenstraße 125.
21.2.1907.


[Kuvert:]


Herrn Georg Hirschfeld
W.Berliner Postbezirk Westen, wo das Hotel Windsor (Behrenstraße 64/65) lag (W 64) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil IV, S. 170], in dem Georg Hirschfeld logierte.
Behrenstrasse 64.
Hotel Windsor.


Einzelstellenkommentare

Prags, 4. August 1907 (Sonntag)
von Hirschfeld, Elly und Hirschfeld, Georg
an Wedekind, Frank, Wedekind, Tilly

Postkarte.


Nur für die Adresse


Herrn und Frau
Frank Wedekind
München
Amalienstr. 46irrtümliche Adresse. Wedekind wohnte in der Amalienstraße 86 (2. Stock), nur gut zwei Monate; er war dort vom 1.8.1907 bis 4.10.1907 polizeilich gemeldet [vgl. EWK/PMB Wedekind]..


Schriftliche Miteilungen


Herzliche Grüsse. Von Montagder 5.8.1907. an wieder in DachauGeorg Hirschfeld lebte inzwischen in Dachau, wie allgemein konstatiert war: „Auch Georg Hirschfeld hat sich jetzt in Münchens mittelbarer Nähe, in Dachau, angesiedelt.“ [Wilhelm Michel: Das literarische München. In Über Land und Meer, Jg. 49 (1906/07), S. 470]. Kommt Ihr?Frank und Tilly Wedekind kamen nicht nach Dachau, aber Elly und Georg Hirschfeld nach München; am 6.8.1907 ist ein Treffen mit ihnen (und dem in Dachau ansässigen schwedischen Grafiker Carl Olof Petersen, dem späteren zweiten Ehemann von Elly Hirschfeld) in der Münchner Odeon-Bar notiert: „Abends mit Hirschfelds und Petersen Odeonsbar.“ [Tb] Das wäre sehr schön. Auf Wiedersehen
Elly Hirschfeld.

Georg Hirschfeld. |


Landro und Monte Cristallo

Einzelstellenkommentare

München, 30. Dezember 1910 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Hirschfeld, Georg

Lieber Georg!

Ich kann nicht sagen daß Du mir mit Deinem Aufsatz im TagGeorg Hirschfelds Aufsatz über den Neuen Verein in München in der Berliner Zeitung „Der Tag“ [vgl. Georg Hirschfeld: Münchener Freie Bühne. In: Der Tag, Nr. 282, 2.12.1910, Ausgabe A, S. (1-2, 7)], der Wedekind besonders würdigt (siehe unten). eine große Freude gemacht hast. Das ist zu wenig. Es sind ganz andere Gefühle, die mich dem Aufsatz gegenüber bewegen. Vor allem ein Gefühl tiefer Beschämung. Von einigen Deiner Sätze freut es mich daß Du sie aussprichst, daß Du diese Überzeugung hast. Aber in der Zeitung brauchte das nicht zu stehen. Und doch bedeutet Deine BesprechungGeorg Hirschfeld besprach Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903) und ihre geschlossene Aufführung (mit einem Rückblick auf eine frühere geschlossene Vorstellung des Stücks in München) durch den Neuen Verein am 8.11.1910 am Münchner Künstlertheater (siehe unten); in der Besprechung heißt es: „Frank Wedekind ist in den letzten Jahren als Dichter und Darsteller den Münchenern sehr vertraut geworden. [...] Aber die ‚Büchse der Pandora‘ blieb ein absolut verbotenes Stück. Die hielt der Zensor mit beiden Händen umklammert [...]. Die ‚Büchse der Pandora‘ ist kein Stück, das einfach gespielt werden kann wie andere Stücke. [...] Wenn diese Tragödie auf der Bühne erscheint, kommt sie wie eine furchtbare und in ihrer Furchtbarkeit schöne Bestie, die sonst in finsterem Zwinger hausen muß. Die Zensur des Alltags muß sie einsperren. [...] Aber dieses einzigartige, außerhalb aller Gesetze stehende, psychopathische Meisterwerk ist wohl das Stärkste, was Wedekind dem Theater gegeben hat. [...] Wenn dieses Werk nicht die Zwitternatur seines Schöpfers hätte, dieses zeitlosen Genies, das vom modernen Theaterflitter umwirrt ist, dessen beste Jahre durch trübe Verkanntheit nicht zum Gipfel gelangen konnten. Ein grandioses Feuerwerk, ein Vorüberhuschen herrlichster Gedankenneuheit, kühnster Erkenntnis unserer moralischen Wirren – so ist auch dieses Werk. Nicht das Ganze bleibt mit ewiger Wucht in einem haften, sondern Einzelheiten, funkelnd und stark wie nur weniges.“ [Georg Hirschfeld: Münchener Freie Bühne. In: Der Tag, Nr. 282, 2.12.1910, S. (1-2)] sicherlich einen sehr, sehr großen Vortheil für mich. Aber wir haben | einander doch wertvolleres zu bieten. Ob das Stück nicht auch in Deinen Augen als mehr erscheint als es ist!/,/ vielleicht zum Nachtheil anderer meiner Arbeiten. Das Oppositionelle läßt es als AußergewöhnlichSchreibversehen, statt: außergewöhnlich. erscheinen, weil die Polemik, die darinsteckt nicht mehr in die Augen springt. Wenn Ihr öfter in die Stadtnach München, vom nahe gelegenen Dachau aus, wo Georg Hirschfeld nach wie vor wohnte [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1911, Teil II, Sp. 700]. kämet, dann könnte man sich darüber aussprechen. In der TorggelstubeWedekind war in den letzten Tagen mehrfach in geselliger Runde im Münchner Weinlokal Zur Torggelstube (Platzl 8) gewesen, so am 26.12.1910, 28.12.1910 und 29.12.1010 [vgl. Tb]; vom 23. bis 26.2.1911 traf er dort Georg Hirschfeld [vgl. Tb]. haben wir in letzter Zeit wieder einige vergnügte Abende verlebt. Daß Du BasilFritz Basil, Schauspieler und Regisseur am Münchner Hoftheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1911, S. 568f.], war in jüngster Zeit maßgeblich an zwei Wedekind-Inszenierungen in München beteiligt. Er hat am 17.11.1910 am Münchner Residenztheater bei der Premiere von Wedekinds Schwank „Der Liebestrank“ (1899), „das erste Stück Wedekinds überhaupt, das die Münchner Hofbühne gab“ [KSA 2, S. 1075], und in den weiteren Vorstellungen die Rolle des Fürsten Rogoschin gespielt [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 63, Nr. 538, 17.11.1910, General-Anzeiger, S. 2]; zuvor hatte er bei der geschlossenen Vorstellung von Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ durch den Neuen Verein am 8.11.1910 im Münchner Künstlertheater die Rolle des Rodrigo Quast gespielt, wie die Presse angekündigt hatte: „In Wedekinds Büchse der Pandora, die am 8. November im Künstlertheater auf Veranlassung des Neuen Vereins gegeben wird, spielt Fräulein Luise Hohorst, eine Schülerin von Fritz Basil, die Max Reinhardt für das Berliner Deutsche Theater verpflichtet hat, die Rolle der Gräfin Geschwitz. Herr Basil spielt den Athleten Roderigo Quast.“ [Vom Neuen Verein. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 63, Nr. 515, 4.11.1910, Vorabendblatt, S. 3] nicht erwähnstGeorg Hirschfeld hat Fritz Basil in der Rolle des Rodrigo Quast (siehe oben) nicht erwähnt, als er die Aufführung von Wedekinds Tragödie durch den Neuen Verein am 8.11.1910 am Münchner Künstlertheater besprach und dabei andere Schauspieler und Schauspielerinnen namentlich nannte: „Die Aufführung der ‚Büchse der Pandora‘ im Neuen Verein bot Vorzügliches durch Steinrücks Schigolch, auch Bernhard v. Jacobis Alwa Schön hatte echten Wedekind-Stil. Dem schwierigen Gelingen nahe kam eine talentvolle, neue Kraft, Fräulein Hohorst als Gräfin Geschwitz. Fräulein Terwin vom Hoftheater erwies mit ihrer Lulu wieder die gewandte, hübsche und energische Darstellerin, aber die Größe der Lulugestalt [...] kam durch sie nicht zur Geltung. Überraschend und in der Erinnerung haftend war der Marquis Casti-Piani des Herrn Graumann.“ [Georg Hirschfeld: Münchener Freie Bühne. In: Der Tag, Nr. 282, 2.12.1910, S. (2, 7)], verstehe ich von Dir. Ich fand ihn gut und wüßte seit Schildkrauts Weggang bei ReinhardtRudolph Schildkraut, noch vor wenigen Monaten Schauspieler am Deutschen Theater (Direktion: Max Reinhardt) zu Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1910, S. 285], einer von Max Reinhardts wichtigsten Ensemble-Mitgliedern und als Interpret in Shakespeare-Rollen berühmt, war nach einem Gastspiel in München am 1.10.1910 an das Berliner Apollo-Theater gegangen, ein Varietétheater; die Presse hatte bereits im Sommer berichtet: „Das bekannte Mitglied des Deutschen Theaters Rudolf Schildkraut, von dem schon lange die Sage ging, daß ihn eine unüberwindliche Sehnsucht zu der goldstreuenden Göttin des Variétés ziehe, will sich nun wirklich diesem ‚Kunst‘genre zuwenden. Der Künstler, der gegenwärtig noch im Ensemble des Deutschen Theaters in München spielt, wird am 1. Oktober auf der Bühne des Apollotheaters in einem Stück mit dem Titel ‚Der Schatten‘ auftreten [...]. Es ist [...] für Schildkraut geschrieben worden. Dieses erste Auftreten Schildkrauts auf dem Variété hat in der Hauptsache den Zweck, den von verschiedenen großen Variétébühnen des Auslandes, besonders Amerikas und Australiens, vor Abschluß von Engagements geforderten Befähigungsnachweis für das neue Fach zu erbringen.“ [Rudolf Schildkraut im Variété. In: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 425, 23.8.1910, Morgen-Ausgabe, S. (3)] Rudolph Schildkraut hat 1908 bei einem „Erdgeist“-Gastspiel in München die Rolle des Malers Schwarz gespielt [vgl. Seehaus 1973, S. 191]. niemand, der den Ton getroffen hätte.

Dir und Deiner verehrten Frau senden Tilly und dich die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahr und für alle künftigen.

Mit herzlichem Gruß
Dein ergebener
Frank.


München 30.12.10.


[Kuvert:]


Herrn Georg Hirschfeld
Dar/c/hau
bei München

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