Briefwechsel

Wedekind, Frank und Eysoldt, Gertrud

10 Dokumente

München, 20. Dezember 1902 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Eysoldt, Gertrud

München, 20.XII.1902.


Sehr geehrte gnädige FrauGertrud Eysoldt, Schauspielerin am Kleinen Theater (Schall und Rauch) in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1903, S. 269]. Wedekind dürfte den Brief an das Kleine Theater in Berlin (Unter den Linden 44) adressiert haben, zu dessen Ensemble Gertrud Eysoldt gehörte, die in Berlin-Halensee wohnte (Bornimerstraße 10).!

Erlauben Sie mir, Ihnen den Ausdruck schrankenloser Bewunderung zu Füßen zu legen für den herrlichen Sieg, den Sie über das spröde ungefüge Material meines Stückes davongetragen haben. Ich hoffe nur, daß die Freude über diesen TriumphGertrud Eysoldt spielte in der später legendären „Erdgeist“-Inszenierung, die am 17.12.1902 unter der Regie von Richard Vallentin am Kleinen Theater in Berlin Premiere hatte und Wedekinds erster größerer Theatererfolg war, mit großem Erfolg die Hauptrolle der Lulu. „Erst dank des Erfolgs der Berliner Premiere (1902) hält sich das Stück konstant im Spielplan der deutschen Bühnen. Der Berliner Aufführungserfolg [...] verdankt sich [...] vor allem auch der Interpretation der Rolle Lulu durch Gertrud Eysoldt.“ [KSA 3/II, S. 1203] Ihrer Kunst Sie einigermaßen entschädigt für die Opfer, die Sie an geistiger Arbeit, an Nervenanspannung und Aufregung dem Stücke dargebracht haben. Ich wünschte nur, ich könnte Ihnen alles das mündlich aussprechen und noch weit sehnlicher wünsche ich, Sie recht bald selber als Lulu bewundern zu können, mich davon überzeugen zu können, mit welchen Zaubermitteln Sie die Wuth des Publikums niedergehalten und siegreich überwunden haben. Aber heute AbendWedekind trat am 20.12.1902 in München mit seinen Liedern bei den Elf Scharfrichtern auf (Türkenstraße 28), bei der Premiere einer neuen „Ehren-Exekution“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 592, 20.12.1902, General-Anzeiger, S. 1] des Kabaretts. Die Presse kündigte seinen Auftritt an: „Wie bereits gemeldet, findet heute, Samstag, die Ehrenexekution des neuen Programms, Sonntag, 21., die erste öffentliche Exekution statt. Das Programm wird [...] enthalten: [...] die Scharfrichter Frank Wedekind und Balthasar Starr werden neue, eigene Kompositionen zum Vortrag bringen.“ [Die Elf Scharfrichter. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 593, 21.12.1902, S. 4] Sie berichtete: „Die Elf Scharfrichter haben uns zu Weihnachten ein neues Programm bescheert, das am Samstag vor geladenem Publikum die Feuerprobe zu bestehen hatte. [...] Frank Wedekind zeigte wieder seine Vielseitigkeit in theils ernsten, theils satirischen und lustigen Liedern.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 597, 24.12.1902, Vorabendblatt, S. 4] Wedekind trug nachweislich „Pharus“ [vgl. KSA 1/III, S. 561f.] und „Stallknecht und Viehmagd“ [vgl. KSA 1/IV, S. 1091] vor. habe ich selber wieder in | meiner Rolle als Bänkelsänger Premiere und es werden wol noch einige Tage vergehenWedekind war spätestens am 29.12.1902 in Berlin [vgl. Wedekind an Rudolf von Poellnitz, Insel-Verlag, 29.12.1902], um die erfolgreiche „Erdgeist“-Inszenierung mit Gertrud Eysoldt als Lulu (siehe oben) zu sehen, deren Premiere er wegen seiner Auftritte bei den Elf Scharfrichtern nicht hatte besuchen können. Das Kleine Theater hatte auf die Anreise Wedekinds insistiert [vgl. Kleines Theater Berlin an Wedekind, 23.12.1902] und übernahm die Reisekosten [vgl. Wedekind an Kleines Theater Berlin, Edmund Reinhardt, 27.12.1902]., bevor ich mich frei machen kann. Wenn nur nicht bis dann schon wieder all die Mühe und Aufopferung, die das Stück gekostet hat, nutzlos geworden ist; aber auch dann bleiben Sie für Ihr Leben meines Dankes gewiß.

In größter Verehrung Ihr
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 25. Juni 1904 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Eysoldt, Gertrud

München, 25.VI.1904.


An Gertrud EysoldtGertrud Eysoldt, die Wedekind mit ihrer Darstellung der Lulu in der „Erdgeist“-Inszenierung des Kleinen Theaters in Berlin (Premiere: 17.12.1902) zu seinem ersten größeren Theatererfolg verholfen hat [vgl. KSA 3/II, S. 1203], hielt sich als Ensemble-Mitglied des Berliner Kleinen Theaters mit seinem Gastspiel am Münchner Volkstheater bis zum 3.7.1904 [vgl. Allgemeine Zeitung, Jg. 107, Nr. 290, 30.6.1904, S. 10] noch in der Stadt auf..

Ich glaube eine Große Seele entdeckt zu haben, vor der ich anbetend auf den Knien liege. Die Größe Ihres künstlerischen Genies wird mir nur dadurch erklärlich, daß Sie als Menschenkind noch höher stehen denn als Künstlerin. Verzeihen Sie die Plumpheit der Worte. Ich weiß, daß Sie selber an ihre Echtheit glauben. | GesternWedekind notierte am 24.6.1904: „Abends Erdgeist.“ [Tb] Er besuchte die im Rahmen des Berliner Gastspiels (siehe oben) gegebene „Erdgeist“-Vorstellung (Beginn: 20 Uhr, Ende gegen 23 Uhr) [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 290, 24.6.1904, Vorabendblatt, S. 6] mit Gertrud Eysoldt in der Rolle der Lulu im Münchner Volkstheater, die vom Münchner Publikum und von der Kritik mit Beifall aufgenommen wurde [vgl. KSA 3/II, S. 1227]. Hanns von Gumppenberg schrieb: „Im Volkstheater brachte gestern das Ensemble des Kleinen und Neuen Theaters Wedekinds Tragödie ‚Erdgeist‘ zu Ehren. [...] Frau Eysoldts Verkörperung der Lulu ist entschieden das schauspielerisch Beste, Interessanteste und Ueberzeugendste, das ich bisher von ihr zu sehen bekam [...]. Der Applaus des trotz Feiertags und schönen Wetters leidlich gefüllten Hauses war von Anbeginn sehr lebhaft; vom zweiten Aktschlusse ab wurde auch Wedekind mit und nach den Hauptdarstellern oftmals gerufen: zuletzt nahm der Beifall wieder die stürmischeren Formen einer begeisterten Huldigung an.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 294, 26.6.1904, S. 3] ging mir plötzlich das Verständnis für den Ausspruch auf: Fordere viel, das rät mein Stolz!Zitat aus dem Gedicht „Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?“ (später: „Klage der Ariadne“) im letzten Teil von Friedrich Nietzsches „Zarathustra“ (Kapitel „Der Zauberer“): „Verlange Viel – das räth mein Stolz!“ [Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Vierter und letzter Theil. Leipzig 1891, S. 29] Das Zitat ist spezifisch an die Briefempfängerin adressiert, denn Gertrud Eysoldt versiegelte ihre Korrespondenz auf dem Kuvert durch Siegelmasse mit dem Aufdruck „Verlange Viel das rät mein Stolz“ [vgl. Gertrud Eysoldt an Wedekind, 7.10.1904]. Das Siegel bemerkte am 1.8.1903 auch Hermann Bahr: „Brief der Eysoldt. Ihr graues Siegel hat die Inschrift: Verlange viel, das ist mein Stolz!“ [Tb Bahr, Bd. 3, S. 360]

Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare

Westerland, 25. Juli 1904 (Montag)
von Eysoldt, Gertrud
an Wedekind, Frank

Postkarte


An Frank Wedekind.
in München.
Wohnung (Straße und Hausnummer.) (p. Adr. die Elf Scharfrichter) |


Westerland. Haus Carstensen.

25. Juli. 1904.


Frank Wedekind – mögen Sie mir Ihre Adresse schreibenvgl. Wedekind an Gertrud Eysoldt, 8.8.1904.?!

Ich grüsse Sie sehr herzlich.
Gertrud Eysoldt.

Einzelstellenkommentare

München, 8. August 1904 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Eysoldt, Gertrud

Meine süße Gottheit!

Deine Kartevgl. Gertrud Eysoldt an Wedekind, 25.7.1904. hat vierzehn Tage gebraucht, um zu mir zu gelangen; so bin ich sehr im Zweifel, ob Dich diese Zeilen noch in WesterlandWedekinds Brief dürfte Gertrud Eysoldt noch in Westerland, dem Seebad auf Sylt, erreicht haben, da die neue Spielzeit des Kleinen Theaters in Berlin, zu dessen Ensemble die Schauspielerin gehörte, erst am 1.9.1904 begann. finden.

Ich schreibe in dem Ton, | in dem ich Dir gegenüber denke. Zu meinen Berechnungen habe ich kein Vertrauen; so muß mir die einfache Wahrheit als das richtigste erscheinen. Ich habe nichts oder nur sehr wenig bei Dir zu verlieren, kann also wohl nur gewinnen. Du hast mich zu einem sehr bescheidenen Menschen | gemacht, nichts was die Ansprüche betrifft aber in Bezug auf meine Selbsteinschätzung. Und ich bin gar nicht unglücklich darüber. Nehmen ist seliger als GebenVerkehrung der auf ein Bibelwort zurückgehenden Redewendung „Geben ist seliger denn Nehmen“ [Apostelgeschichte 20,35], ein Satz, der in der Bibel in der Abschiedsrede des Paulus an die Ältesten von Ephesus als Wort von Jesus ausgewiesen ist – rhetorisch nimmt Wedekind hier den quasi religiösen Anspielungshorizont der verzückten metonymischen Anrede „süße Gottheit“ für Gertrud Eysoldt wieder auf., wenigstens solange noch Aussicht ist, daß die Gabe nicht verweigert wird. Übersieh mich also | bitte nicht in Deinem Glücke, mit vollen Händen geben zu können.

Dein
Frank Wedekind.


München, Franz Josefstraße 42.II.

8 August 1904.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 7. Oktober 1904 (Freitag)
von Eysoldt, Gertrud
an Wedekind, Frank

7. Oct. 1904.

Unter den Linden 43.IVGertrud Eysoldts neue Adresse in Berlin (Unter den Linden 43, 4. Stock) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1905, Teil I, S. 429]; sie hatte zuvor in Halensee (Bornimerstraße 10, 2. Stock) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1904, Teil I, S. 384] gewohnt und war gerade umgezogen..


Frank Wedekind. – Seid gegrüsst! – Die Hunde erfreuen mich alle sehr. Es wird ein ganzer Hofstaat sammt Herrinnen. Den Fifi habe ich persönlich gekannt. Der RusseRussischer Schwarzer Terrier, eine russische Hunderasse. ist aber der Vornehmste – ein echt altadeliger Cavalier mit einer „Princessin“! | Nun warte ich noch auf den PudelHunderasse. – den Bulldogbritische Hunderasse. – den SpanielOberbegriff für einige Jagdhundrassen, darunter der genannte King Charles Spaniel.King CharlesCavalier King Charles Spaniel, eine britische Hunderasse. – –?

Wann bekomme ich einmal einen Brief?! Ich brauche einen. Ich muss zu Haus bleiben für Tage – bin erkältet – darf nicht spielen. – Die Wohnung ist noch in UnordnungGertrud Eysoldt war noch beim Einrichten der neuen Wohnung (siehe oben). – Tapezierer und Glaser hausen | da. Die Zimmer stehen mit einsamen Möbeln und Kisten da. Eigentlich gefällt mir das. Ich gehe gern durch die leeren Zimmer – man ist nicht mehr gesellschaftlich rangiert darin.

Gestern kam mein erster Besuch. Eine reizende junge Fraunicht identifiziert.. Eine von denen, die man flüchtig kennen gelernt hat – mit | denen man ein Lächeln tauscht, wenn man sie sieht – die auftauchen im Gewühl der Strassen plötzlich und denen man dann jedesmal nachschaut – ein Weilchen sich in’s Sinnen verliert und die man immer wieder vergisst. Sie kam zum ersten Mal zu mir – brachte ein Anliegen geschmackvoll vor – strahlte von Heiterkeit und | Eleganz und sass lange bei mir in einem der leeren Zimmer – auf einer Bücherkiste – von unten kam das Gesumm der Strasse herauf, der Laut der Pferdehufe auf dem Asphalt – die Lichter von den Häusern warfen flackernde Scheine in die vorhanglosen Fenster – und mir war so | wohl zu Mute – die kleine Frau war mir so lieb und so nah durch den Contrast des Milieus und ihrer Kleidung – sie war ganz ihrem Kreis und dieser Mauer der Gesellschaft enthoben, ganz bei mir – ein Stück Lebensschmuck. So weihe ich mir gern die Räume ein – es muss da | eine goldene Stimmung durchfliegen.

Möbel sind eigentlich auch etwas so Dummes, Abhängiges, Verworrenes wie Kleidung. Wenn ich nicht Freunde hätte, die Ort und Stelle haben wollen – wo sie ausruhen und Theetrinken mögen nach ihrem Geschmack – ich zöge wahrhaftig lieber ohne Eigentum herum. – | Ich bin nicht abhängig von der Decoration – ich schöpfe gern selbst aus der Situation und in die Situation. Ist das wieder Irrsinn??

Traumulus ist banalGertrud Eysoldt hat inzwischen eine Vorstellung der tragischen Komödie „Traumulus“ (1904) von Arno Holz und Oskar Jerschke besucht, die mit Albert Bassermann in der Titelrolle am Lessingtheater (Direktion: Otto Brahm) in Berlin gespielt wurde. Wedekind hat die Uraufführung am 24.9.1904 gesehen, als er in Berlin war. Er hat sich an diesem Tag mit Gertrud Eysoldt getroffen, war aber ohne sie im Lessingtheater, wie er am 24.9.1904 festhielt: „Ich diniere mit Gertrud Eisoldt im Kaiserkeller, fahre mit ihr durch den Thiergarten. Abends Traumulus von Arno Holz.“ [Tb] Den Tag darauf traf er sie wieder und stand abends mit ihr auf der Bühne, als er im Neuen Theater den Prolog zum „Erdgeist“ sprach (sie spielte in der Tragödie die Lulu), wie er am 25.9.1904 notierte: „Stehe um 2 Uhr auf [...] diniere mit Gertrud Eysold im Kaiserkeller. Abends Prolog“ [Tb]. Seine Eindrücke von der Uraufführung des „Traumulus“ dürfte er ihr jedenfalls mitgeteilt haben, bevor er am 26.9.1904 aus Berlin abreiste: „Abschied im Neuen Theater. [...] Abfahrt nach München“ [Tb]. Nach der Uraufführung des „Traumulus“ bis zum vorliegenden Brief fanden weitere Vorstellungen des Stücks am 27. und 29.9.1904, vom 1. bis 3.10.1904 sowie am 5. und 6.10.1904 statt. Da zugleich Wedekinds „Erdgeist“ mit Gertrud Eysoldt als Lulu im Neuen Theater mit Vorstellungen am 25. und 28.9.1904, am 2.10.1904 sowie am 4. und 5.10.1904 auf dem Spielplan stand, kann die Schauspielerin nur am 27. oder 29.9.1904, am 1. oder 3. oder 6.10.1904 eine Vorstellung des „Traumulus“ gesehen haben.. Ich hatte Sehnsucht nach Frühlings ErwachenWedekind dürfte mit Gertrud Eysoldt in Berlin (siehe oben) über „Frühlings Erwachen“ gesprochen haben, über seine geplante Lesung des Stücks, die am 18.10.1904 in München stattfand, wie er im Tagebuch festhielt („Vortrag Frühlings Erwachen“). Vorbereitungen notierte Wedekind in München am 11.10.1904 („Frühlings Erwachen studiert“), am 12.10.1904 („Frlgs Erwachen eingerichtet“), 13.10.1904 („Frühlings Erw. zum Vortrag eingerichtet“), 14.10.1904 („Frl. Erwachen eingerichtet“), 16.10.1904 („FrErw. memoriert“) und 17.10.1904 („FrErw. Memoriert“).. Du liebes geniales Bilderbuch Du!

Einen Gruss!
Gertrud Eysoldt.


[Kuvert:]


Frank Wedekind.
München.
Franz-Josefstrasse 42.II.

Einzelstellenkommentare

München, 23. Oktober 1904 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Eysoldt, Gertrud

[Hinweis in Gertrud Eysoldts Telegramm an Wedekind vom 24.10.1904 aus Berlin:]


[...] woher weiss frank wedekind [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 24. Oktober 1904 (Montag)
von Eysoldt, Gertrud
an Wedekind, Frank

Telegramm.


= frank wedekind muenchen
franz josefstrasse 42 2 = |


Kgl. Bayer. Telegraphenanstalt München


Aufgegeben in Berlin [...]


woher weiss frank wedekindHinweis auf eine nicht überlieferte Mitteilung; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Gertrud Eysoldt, 23.10.1904. Da die Schauspielerin „Frühlings Erwachen“ als „Bilderbuch“ [Gertrud Eysoldt an Wedekind, 7.10.1904] bezeichnet hat, dürfte der Autor ihr mitgeteilt haben, was sie seiner Ansicht nach „an dem bilde entzueckt“ (so im vorliegenden Telegramm, das auf die nicht überlieferte Mitteilung wohl unmittelbar reagiert hat). was mich so sehr an dem bilde entzueckt
= gertrud eysoldt.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 31. Oktober 1905 (Dienstag)
von Eysoldt, Gertrud
an Wedekind, Frank

31. October. 1905.


Lieber verehrter Frank Wedekind.

Ich bitte Sie mich einmal zu besuchenWedekinds Besuch fand gleich am Tag darauf zur gewünschten Uhrzeit (siehe unten) statt, wie er am 1.11.1905 in Berlin notierte: „Abends zwischen 6 und 7 besuche ich Gertrud Eysoldt.“ [Tb]. Ich möchte Sie wirklich gern allein sprechen – zwischen | sechs und siebenzwischen 18 und 19 Uhr. haben Sie gewiss irgendwann einmal Zeit. Oder mögen Sie nicht zu mirGertrud Eysoldt wohnte in Berlin (Unter den Linden 43, 4. Stock) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 457]. kommen? Dann muss ich eben vergeblich warten.

Es grüsst Sie Ihre
Gertud Eysoldt.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 12. März 1906 (Montag)
von Eysoldt, Gertrud
an Wedekind, Frank

Lieber verehrter Frank Wedekind.

Seien Sie lieb und verschieben SieWedekind berief sich gegenüber Maximilian Harden auf den vorliegenden Brief Gertrud Eysoldts [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 12.3.1906], um das zur Debatte stehende Treffen zu verschieben (siehe unten). – wenn es Ihnen Allen möglich ist – unser Zusammensein auf den 17.Das Zusammensein wurde vom 15.3.1906 (Donnerstag) auf den 17.3.1906 (Samstag) verschoben. Es fand zwar mit Frank Wedekind, Gertrud Eysoldt und Walther Rathenau statt, allerdings ohne Maximilian Harden, der abgesagt hatte [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 12.3.1906 und 14.3.1906], dafür mit Emil Gerhäuser und Tilly Newes, außerdem zu späterer Stunde als ursprünglich geplant [vgl. Walther Rathenau an Wedekind, 14.3.1906]. Wedekind notierte am 17.3.1906: „Souppe mit Gertrud Eysold Tilly Gerhäuser und Rathenau.“ [Tb]

Ich bin am 15.Wedekind hatte zu einem gemeinsamen Abendessen ‒ er, Gertrud Eysoldt, Walther Rathenau, Maximilian Harden ‒ am 15.3.1906 um 20 Uhr im Restaurant Jean Hupka im 1. Stock der Markgrafenstaße 52a in Berlin eingeladen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 11.3.1906]. verreist ‒ | spiele in Bromberg Electra und SalomeGertrud Eysoldt spielte bei ihren Gastspiel am Stadttheater in Bromberg [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 316] die Titelrollen in der Tragödie „Elektra“ von Sophokles und im Einakter „Salome“ von Oscar Wilde. und komme erst am 17. früh hierGertrud Eysoldt war am 17.3.1906 früh wieder in Berlin, ist vermutlich also mit einem Nachtzug von Bromberg (Bydgoszcz) gekommen (siehe oben). wieder an.

Wenn Sie nicht die Einladung abändern können ‒ so grüssen Sie mir Dr. Rathenau herzlich und Harden und ich hoffe Sie dann | doch alle Drei einmal bei mirEin solches Treffen hat sich nicht ergeben oder ist jedenfalls nicht nachweisbar. zu sehen ‒ ich will es Ihnen schon behaglich bei mir machen. Sie bleiben ja Gott sei Dank hier in Berlin und ich bin unendlich glücklich darüber.

Auf Wiedersehn morgen frühbei der gemeinsamen Abreise nach Dresden, die Wedekind am 13.3.1906 notierte: „Fahrt nach Dresden [...] Erdgeist“ [Tb]. In Dresden gab das Ensemble des Berliner Deutschen Theaters ein „Erdgeist“-Gastspiel am Residenztheater, wie die Presse angekündigt hatte: „Ein interessantes Gastspiel findet Dienstag, den 13. d. M im Residenztheater statt: Max Reinhardt, der Leiter des Deutschen Theaters zu Berlin, wird mit den Künstlern dieser Bühne Frank Wedekind’s Tragödie ‚Erdgeist‘ zur Aufführung bringen. Der Dichter selbst spricht zu Beginn der Vorstellung seinen ‚Prolog zum Erdgeist‘. In der Aufführung sind alle ersten Kräfte des Deutschen Theaters, welche die Rollen des Wedekindschen Werkes in Berlin gespielt haben, beschäftigt, u. a. Gertrud Eysoldt (in der Titelrolle)“ [Dresdner Journal, Nr. 56, 8.3.1906, nachmittags, 1. Beilage, S. 441]. Während Wedekind am 14.3.1906 seine „Rückfahrt nach Berlin“ [Tb] antrat, reiste Gertrud Eysoldt von Dresden weiter zu ihrem Gastspiel nach Bromberg (siehe oben)..

Ihre
Gertrud Eysoldt.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 25. Juni 1906 (Montag)
von Eysoldt, Gertrud
an Wedekind, Frank

25. Juni. 1906Wedekind dürfte den Brief aus Berlin in München empfangen habe, da er am 25.6.1906 aus Berlin abreiste: „Abends Abreise nach München.“ [Tb].


Lieber Frank Wedekind!

Ich habe mich entzückt an der Fülle der roten RosenWedekind notierte am 22.6.1906 in Berlin: „Tilly und ich gehen in Erdgeist“ [Tb]. Auf dem Spielplan des Deutschen Theaters (Direktion: Max Reinhardt), zu dessen Ensemble Gertrud Eysoldt gehörte, stand an diesem Abend Wedekinds Tragödie: „Deutsches Theater. Heute: Erdgeist. Anfang 7 ½ Uhr.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 286, 22.6.1906, Morgen-Ausgabe, S. 12] Wedekinds Rosen dürfte Gertrud Eysoldt, die „Erdgeist“ 1902 durch ihre Interpretation der Lulu den Durchbruch auf der Bühne verschafft hat [vgl. KSA 3/II, S. 1203] und seitdem die berühmteste Lulu-Darstellerin war, nach der Vorstellung erhalten haben.! Sehr herzlichen Dank für soviel Duft und Farbe! Ob ich Sie wohl vor meiner Sommer|reise noch zu sehen bekomme? Ich bin am 8.am 8.7.1906. Die Presse berichtete: „Gertrud Eysoldt hat vor einigen Tagen im Breslauer Sommertheater ein Gastspiel absolviert und als Lulu im ‚Erdgeist‘ den in Berlin ja schon bekannten starken Eindruck gemacht. Noch besser gefiel die Künstlerin in Ibsens ‚Nora‘.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 349, 12.7.1906, Abend-Ausgabe, S. (3)] von Breslau zurück – bleibe hier bis zum 12. Juli und reise dann an die Seemöglicherweise wieder nach Sylt [vgl. Gertrud Eysoldt an Wedekind, 25.7.1904].. Und wo werden Sie sein? Wedekind reiste am 30.7.1906 von München ab in die Schweiz, nach Lenzburg, wo er Sommerwochen verbrachte, am 11.8.1906 die Rückreise nach München antrat und von dort am 17.8.1906 zurück nach Berlin reiste [vgl. Tb].Sagen Sie es mir, damit ein Gruss von mir Sie einmal unterwegs erreichen kann. | Freuen Sie sich auf Ihren Sommer?? Ich bin stets so gut aufgehoben in meinen Ferien – ich zeige da die Welt – ich habe etwas zu schaffen, immer wieder neu zu beleuchten, zu verschenken –
auch arbeiten will ich – aber vor allem viel Glück nehmen und geben! – | Das Beste dabei ist – es gelingt mir immer.

Von Herzen Grüsse – ich habe Sie lieb – das wissen Sie –
Ihre
Gertrud Eysoldt.

Einzelstellenkommentare