Briefwechsel

Wedekind, Frank und Dehmel, Richard

15 Dokumente

Zürich, 29. August 1893 (Dienstag)
von Hartleben, Otto Erich, Wedekind, Frank, Blei, Franz, Tomarkin, Elias, Hinrichsen, Otto und Wedekind, Donald (Doda)
an Dehmel, Richard

– Carte postale. –
Union postale universelle. – Weltpostverein. – Unione postale universale.
SUISSE. SCHWEIZ. SVIZZERA.


Nur für die Adresse.
Côté réservé à l’adresse.
Lato riservato all’ indirizzo.


Herrn Richard Dehmel
Pankow. bei Berlin
Parkstr. 25Dr. phil. Richard Dehmel wohnte in Pankow (Parkstraße 25, 1. Stock) [vgl. Berliner Adreß-Buch für das Jahr 1894, Teil V, S. 133] und ist dort bis 1899 als wohnhaft nachgewiesen [vgl. Adreßbuch für Berlin 1899, Teil I, S. 233].I |


– und sollst in deinen LüstenZitat zweier Verse aus der letzten Strophe von Richard Dehmels Gedicht „Bastard“ (1893): „und sollst in deinen Lüsten / nach Seele dürsten wie nach Blut“ [Richard Dehmel: Aber die Liebe. Ein Ehemanns-und-Menschenbuch. Mit Deckelzeichnung von Hans Thoma und Handbildern von Fidus. München 1893, S. 15].
nach Seelen dürsten wie nach Blut.

___ ___ ___

Wir grüßen dich aus der Meyereiaus der Wirtschaft Zur Meyerei (Inhaber: Heinrich Widmer) in Zürich (Spiegelgasse 1) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1894, Teil II, S. 562]. zu Zürich! Heil! Dein Otto Erich


Herr Hartleben hat mir heute Ihre GedichteOtto Erich Hartleben hat Wedekind Richard Dehmels im Verlag von Dr. E. Albert & Co. in München erschienenen Lyrikband „Aber die Liebe“ (1893) geschenkt, aus dem die zum Auftakt auf der Postkarte zitierten Verse stammen (siehe oben). geschenkt. Empfangen Sie meinen Dank
Frank Wedekind.


Hoffentlich ist Ihnen die „Rechtschaffene„Die rechtschaffene Frau. Drama in drei Akten“ (1893) von Franz Blei, im Verlag des Bibliographischen Bureaus in Berlin erschienen. nicht schlecht bekommen. Herzl. Gruss Fr. Blei


In Hochtg E. Toma, SüdfrüchtehändlerAnspielung unklar.


Hinrichsen, ein auch Anwesender grüsst


[am linken Rand:]

Ich schliesse mich an
Donald L. Wedekind

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Leipzig, 4. Februar 1898 (Freitag)
von Liliencron, Detlev von, Merian, Hans, Heine, Carl, Martens, Kurt, Schweizer, Victor, Kühn, Paul, Rehburg, Max, Brecher, Gustav, Steiger, Edgar, Weber, Hans von, Heine, Beate, Wedekind, Frank und Klinger, Max
an Dehmel, Richard

Deutsche Reichspost
Postkarte


An Richard Dehmel
in Pankow bei Berlin
Wohnung (Straße und Hausnummer) Parkstr. 25. |



WirDetlev von Liliencron hat Gustav Falke am 5.2.1898 die Zusammensetzung der Runde geschildert, die nach dem Vortrag von Max Grube und seiner eigenen Lesung von Gedichten am 4.2.1898 „im oberen Saale des Hotel de Pologne“ bei dem „vierten Gesellschafts-Abend“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 61, 4.2.1898, Morgen-Ausgabe, 4. Beilage, S. 887] der Literarischen Gesellschaft in Leipzig zusammensaß: „Wir saßen nach der Vorlesung in einem besonderen Zimmer, das Merian hatte für uns reservieren lassen, im Restaurant des Neuen Theaters. Und zwar (das wurde allgemein anerkannt) ist noch nie auf Erden eine ‚solche‘ Gesellschaft friedlich beieinander gewesen. [...] Reihenfolge um den Tisch: 1. Frau Dr. Heine. 2. Rudolf v. Gottschall!!! 3. Oberregisseur Dr. Max Grube mit wohlgezählten 39 Orden. 4. Max Klinger – – – ! 5. Ich. 6. Die reizende Frau Dr. Anwalt. 7. Dr. Heine (ist bald in Hamburg mit seiner Ibsen-Truppe). 8. Kurt Martens (konservativ). 9. Edgar Steiger (Sozialdemokrat). 10. Max Rehburg, Fräulein Rehburgs Neffe, den ich eingeladen hatte. 11. Hans v. Weber (Aristokrat-Anarchist). 12. Dr. Anwalt (Ästhetiker). 13. Dr. Viktor Schweizer (äußerst konservativ, Literarhistoriker, Redakteur der Leipziger Zeitung = Kreuzzeitung). 14. Dr. Paul Kühn (nationalliberal, Literarhistoriker, Redakteur der nationalliberalen Leipziger Neuesten Nachrichten). 15. Gustav Brecher, 20 Jahre alt, das äußerste Musikgenie unserer Zeit, dessen 1. Symphonie neulich kein Geringerer als Richard Strauß aufgeführt hat! 16. Dr. Hausdorff (Astronom, Philosoph, Nietzscheaner pur sang, reicher Dozent). 17. Eine wunder-wundervolle Rumänin in Nationaltracht, stets mit gezücktem Dolch!!!, die wegen Klinger und mir gekommen war, Frau Elsa Assenijeff. 18. Hans Merian. 19. Frank Wedekind, der seinem Todfeind R. v. Gottschall gegenübersaß, diesem später den Pelz anzog p.p.p.“ [Spiero 1927, S. 315f.] grüßen Dich. Detlev.


Klinger


Herzlichen Gruß Wedekind.


Kurt Martens


Beste Grüße! Beate Heine.


Hans Merian


Dr. Carl Heine


Dr. V. Schweizer.


P. Kühn


Max Rehburg.


Gustav Brecher


Edgar Steiger


Hans v Weber.

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Leipzig, 16. Februar 1898 (Mittwoch)
von Weber, Hans von, Halbe, Max, Grothe, Hugo, Martens, Kurt und Wedekind, Frank
an Dehmel, Richard

C. Hans von Weber
Schleussiger Weg 1a. pt.Stempelaufdruck der Adresse des Schriftstellers Hans von Weber in Leipzig (Schleußiger Weg 1a, Parterre) [vgl. Leipziger Adreß-Buch für 1898, Teil II, S. 279], Schriftführer der Literarischen Gesellschaft in Leipzig [vgl. Leipziger Adreß-Buch für 1898, Teil II, S. 220].


Deutsche Reichspost
Postkarte


An
Herrn Dr. phil. Rich. Dehmel,
Dichter
in Berlin-Pankow.
Wohnung (Straße und Hausnummer) |


Lieber Herr Doctor Dehmel,
Wir grüßen Sie an sehr fidelem Abend nach Premièrenach der von der Literarischen Gesellschaft in Leipzig veranstalteten Premiere von Max Halbes Schauspiel „Eisgang“ (1892) am 16.2.1898 um 20 Uhr: „Litterarische Gesellschaft in Leipzig. IV. Theater-Abend im Theatersaale des Krystallpalastes Mittwoch, den 16. Februar. Anfang pünktlich 8 Uhr. Zum ersten Male: Eisgang. Modernes Schauspiel in 4 Aufzügen von Max Halbe. Regie: Dr. Carl Heine.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 83, 16.2.1898, Morgen-Ausgabe, S. 1201] von Halbe’s Eisgang. freundlichen Gruß
Hans v Weber


Besten Gruß in Erinnerung alter Zeiten!
Ihr Max Halbe


Grothe


Viele Grüße!
Kurt Martens.


Wedekind

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Blankenese, 27. November 1901 (Mittwoch)
von Dehmel, Richard
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Richard Dehmel vom 2.1.1914 aus München:]


[...] danke ich Ihnen auch spät noch für die lieben Briefe vom 27. November 1901 [...]

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Bad Elster, 28. Juni 1903 (Sonntag)
von Dehmel, Richard
an Wedekind, Frank

28.6.3Wedekind dankte für diesen Brief knapp elf Jahre später [vgl. Wedekind an Richard Dehmel, 2.1.1914]..


In seinem Brief an Dehmel vom 2.1.1914 schrieb Wedekind: „Und nun danke ich Ihnen auch spät noch für die lieben Briefe vom 27. November 1901 und vom 28. Juni 1903.“

Verehrter Herr Wedekind!

Ich habe eben Ihr herrliches Schauspiel„So ist das Leben. Schauspiel in fünf Akten“ (1902), im Albert Langen Verlag in München erschienen [vgl. KSA 4, S. 579]. mit dem schauderhaften Titel „So ist das Leben“ gelesen und kann nun aus meinem Herzen keine MördergrubeRedewendung (‚aus seinem Herzen keine Mördergrube machen‘ = offen äußern, was man denkt und empfindet) nach Matthäus 21,13. machen. Ich fühlte mich einmal in unsern grünen Jahrenin unserer Jugend. | bemüßigt, Sie an Nietzsches Wort zu erinnern: wirf den HeldenZitat aus dem ersten Teil von Friedrich Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“ (im Kapitel „Vom Baum am Berge“): „Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!“ [Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Chemnitz 1888, S. 58] in deiner Seele nicht weg! Das revocire ichnehme ich zurück, widerrufe ich. hiermit feierlichst; und wenn Ihnen diese Phrase zu spaßhaft klingt, dann grüße ich Sie im Ernst
als Ihr mitkämpfendster NarrAnspielung auf das Narrenmotiv in „So ist das Leben“ (siehe oben), ausgeformt in der Hauptfigur König Nicolo, die am Ende des Stücks äußert: „Ihr Lieben erlaubt schon, daß ich lache, da ich doch nun einmal dafür bezahlt bin, närrisch zu sein!“ [KSA 4, S. 293]
R. Dehmel,
eines von den Millionen WesenZitat aus „So ist das Leben“, 3. Akt, 8. Bild (Figurenrede König Nicolo): „Aber weißt du, welcher Stolz mir dieses Dasein ermöglichte? Hier kämpft nur eines von Millionen Wesen, zu unerforschlicher Prüfung berufen.“ [KSA 4, S. 280], zu unerforschlicher Prüfung berufen.“

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Blankenese, 18. Juni 1912 (Dienstag)
von Dehmel, Richard
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Pressebericht (Das Wedekind-Bankett. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 307, 19.6.1912, Morgen-Ausgabe, S. [2]):]


Zwar waren [...] Richard Dehmel, die mit anderen namhaften Männern zu dem Feste geladenDie Veranstalter des Banketts zu Ehren Wedekinds am 18.6.1912 waren in der Presse genannt, darunter Richard Dehmel: „Zu Ehren des Dichters Frank Wedekind wird morgen (Dienstag) abend im Hotel Esplanade ein Bankett stattfinden. Die Einladungen tragen die Unterschriften: Paul Cassirer ‒ Richard Dehmel ‒ August Gaul ‒ Gerhart Hauptmann ‒ Max Liebermann ‒ Max Reinhardt ‒ Ludwig Tuaillon ‒ Theodor Wolff.“ [Ein Wedekind-Bankett. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 304, 17.6.1912, Abend-Ausgabe, S. (3)] hatten, durch mißliche Zufälle am Erscheinen verhindert, aber sie hatten ihre Teilnahme an allem Guten, was Wedekind gesagt und gewünscht wurde, durch herzliche Telegramme ausgedrückt.

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Berlin, 18. Juni 1912 (Dienstag)
von Cassirer, Paul, Reinhardt, Max, Gaul, August, Liebermann, Max, Wolff, Theodor, Dehmel, Richard, Hauptmann, Gerhart und Tuaillon, Louis
an Wedekind, Frank

ZU EHREN DES DICHTERS FRANK WEDEKIND WIRD DIENSTAG, DEN 18. JUNI 1912, ABENDS 9 UHR21 Uhr. IM HOTEL ESPLAMADE, BELLEVUESTRASSE, EIN BANKETT (HERRENDINERein Diner nur mit Herren. Ein Berichterstatter zeigte sich darüber verwundert: „Warum man für das [...] von Paul Cassirer, Gerhart Hauptmann, Max Liebermann, Richard Dehmel, Theodor Wolff, Ludwig Tuaillon und anderen Kunsthonoratioren veranstaltete ‚Frank Wedekind-Bankett‘ [...] gerade das Motto: ‚Nur für Herren‘ wählte, vermag ich nicht einzusehen.“ [Walter Turszinsky: Wedekind-Bankett. In: Prager Tagblatt, Jg. 37, Nr. 170, 22.6.1912, Morgen-Ausgabe, S. 1]) VERANSTALTET, AN DEM TEILZUNEHMENan dem großen Bankett zu Ehren Wedekinds – veranstaltete im Anschluss an den Wedekind-Zyklus vom 1. bis 15.6.1912 am Deutschen Theater zu Berlin – im Hotel Esplanade in Berlin am 18.6.1912, zu dem Wedekind notierte: „Festessen im Esplanade Hotel.“ [Tb] Die Veranstaltung war in der Presse angekündigt: „Zu Ehren des Dichters Frank Wedekind wird morgen (Dienstag) abend im Hotel Esplanade ein Bankett stattfinden. Die Einladungen tragen die Unterschriften: Paul Cassirer ‒ Richard Dehmel ‒ August Gaul ‒ Gerhart Hauptmann ‒ Max Liebermann ‒ Max Reinhardt ‒ Ludwig Tuaillon ‒ Theodor Wolff.“ [Ein Wedekind-Bankett. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 304, 17.6.1912, Abend-Ausgabe, S. (3)] Richard Dehmel, Gerhart Hauptmann und Max Liebermann waren zu dem Festbankett nicht erschienen, wie das „Berliner Tageblatt“ am nächsten Morgen berichtete (auch über die gehaltenen Reden, die erste von Alfred Kerr), das rund 70 Anwesende zählte (darunter eine Dame, Helene Stöcker) [vgl. Das Wedekind-Bankett. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 307, 19.6.1912, Morgen-Ausgabe, S. (2-3)]. SIE GEBETEN WERDEN.


PAUL CASSIRER RICHARD DEHMEL
AUGUST GAUL   GERHART HAUPTMANN
MAX LIEBERMANN   MAX REINHARDT
LUDWIG TUAILLON   THEODOR WOLFF


COUVERT à M. 5,–   ANMELDUNGEN AN DAS HOTEL ESPLAMADE

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München, 30. März 1913 (Sonntag)
von Lasker-Schüler, Else, Wiener, Oskar, Kraus, Karl, Wedekind, Frank, Parsenow, Kete, Pagel, Gerhard, Ficker, Ludwig von, Marc, Franz, Marc, Maria und Wedekind, Tilly
an Dehmel, Richard

Postkarte


Herrn Richard Dehmel
Blankenese bei Hamburg


[Zeichnung]

München. Theresienstr. 80.
(Pension ModernDie Pension Modern (Theresienstraße 80) war „die Lieblingspension von Else Lasker-Schüler in München“ [Pfäfflin 2011, S. 70; mit Abbildung]; dazu gehörte das Wiener Café Modern im gleichen Haus..) |


Kalif, ich grüße Sie! Jussuf von Thebenliterarisches Alter Ego Else Lasker-Schülers (geschaffen nach der Scheidung von Herwarth Walden am 1.11.1912), etwa in der illustrierten Prosasammlung „Der Prinz von Theben. Ein Geschichtenbuch“ (1914) im Verlag der Weißen Bücher (Leipzig); sie hat eine Visitenkarte „Jussuf Prinz von Theben“ drucken lassen [vgl. Klüsener/Pfäfflin 1995, S. 125; mit Abbildung] und außer Manuskripten auch Korrespondenz mit diesem Pseudonym unterschrieben.

[Zeichnung]


Wiener


Karl Kraus


Frank Wedekind.


Tilly Wedekind.


Kete Parsenow Fox.


Gerhard Pagel


Ludwig v Ficker


Frz Marc


Mareia Marc

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München, 17. November 1913 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Dehmel, Richard

dr richard dehmel
b hamburg Blankenese


Telegraphie des Deutschen Reichs.
Amt Blankenese


Telegramm aus münchen [...]


dem grössten deutschen dichterWedekind dürfte etwa zeitgleich mit dem Telegramm seinen „Witz“ [KSA 5/III, S. 709] über Richard Dehmel verfasst haben: „Warum ist R. Dehmel der größte Deutsche Dichter? – Weil man seine sämmtlichen Gedichte auch von hinten lesen kann, ohne daß es ihrem geistigen Gehalt den geringsten Eintrag thut.“ [KSA 5/II, S. 505] richard dehmel zum fünfzigsten geburtstagRichard Dehmel beging am 18.11.1913 seinen 50. Geburtstag. Ein Glückwunschschreiben Richard Dehmels zum 50. Geburtstag Wedekinds am 24.7.1914 ist nicht überliefert; er beteiligte sich auch nicht an der Spendensammlung des Komitees zur Ehrung Frank Wedekinds [vgl. Richard Dehmels Brief an das Komitee vom 15.6.1914; Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Handschriftenabteilung, Nachlass Richard und Ida Dehmel, DA : Br : D : 1789], trug allerdings zum „Wedekindbuch“ ein Gedicht bei [vgl. Friedenthal 1914, S. 157]. herzlichste glückwünsche
frank wedekind

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Blankenese, 19. November 1913 (Mittwoch)
von Dehmel, Richard
an Wedekind, Frank

Bl. b/Hmbrg. 19.11.13.


Lieber Wedekind!

Haben Sie wirklich „dem größten deutschen DichterZitat aus Wedekinds Geburtstagstelegramm [vgl. Wedekind an Richard Dehmel, 17.11.1913].“ telegraphiert? Ich kann es noch garnicht recht fassen. Nicht blos des Superlativs wegen; ich meinte, Sie könnten mich nicht leiden. Denn vor JahrenHinweis auf Briefe aus den Jahren 1901 [vgl. Richard Dehmel an Wedekind, 27.11.1901] und 1903 [vgl. Richard Dehmel an Wedekind, 28.6.1903], bestätigt durch Wedekinds Dank dafür [vgl. Wedekind an Richard Dehmel, 2.1.1914]. habe ich einigemal versucht, Ihnen ein bißchen Liebe in den bittern Trank Ihrer (auch meiner) Einsamkeit zu träufeln, doch es kam nie ein Zeichen der Gegenliebe. Und nun | auf einmal dies Telegramm! Es hat mich beschämt, ich bewundre Ihr Herz. Ich würde es nicht über mich vermögen, einen Andern den Größten zu nennen; und ich bitte Sie in Demut, dieses Wort auszulöschen zwischen uns. Es bleibt in meinem Herzen verschlossen; ich habe es keinem einzigen der Geburtstagsgäste gezeigt, trotz meiner unsäglichen Freude darüber (einer Freude, die mehr Ihnen als mir galt). „Denn wir sind allzumal SünderBibelzitat: „sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ [Römer 3,23]. und mangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben möchten“.

Ihr Dehmel.

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München, 2. Januar 1914 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Dehmel, Richard

2. Januar 1914.


Hochverehrter Herr Dehmel!

Empfangen Sie aufrichtigen herzlichen Dank für Ihre lieben Zeilenvgl. Richard Dehmel an Wedekind, 19.11.1913.. Ich hab es schon so gemeint. Dem größten Dichter Deutschlands sandte ich meine Glückwünsche, und die Gelegenheit, meiner Überzeugung Ausdruck zu geben, war mir eine große Freude. Sie haben aber wahrlich mein Zeugnis nicht nötig. Jeder gebildete junge Mensch sagt es mir mit den Worten, die ich an Sie weitergab.

Und nun danke ich Ihnen auch spät noch | für die lieben Briefe vom 27. November 1901nicht überlieferter Brief; erschlossenes Korrespondenzstück: Richard Dehmel an Wedekind, 27.11.1901.. und vom 28. Juni 1903vgl. Richard Dehmel an Wedekind, 28.6.1903.. In dem zweiten Brief haben Sie die Güte, mich zu einem Schauspiel zu beglückwünschen, dessen Hauptrolle heute, zehn Jahre später, noch von keinen drei SchauspielernDie Hauptrolle des König Nicolo in „So ist das Leben“ (1902) haben bis dahin Emanuel Reicher (Berlin 1903), Tom Farecht (Hamburg 1911), Julius Grevenberg (Graz 1912) und Felix Baumbach (Karlsruhe 1913) gespielt [vgl. Seehaus 1973, S. 518f.]. Wedekind „wagt erst spät die Verkörperung der Titelrolle (erstmals in Zürich am 15. Mai 1909), in der er auch nicht sehr häufig gastiert.“ [Seehaus 1973, S. 480] gespielt wurde. Das schreib ich weiß Gott nicht um zu klagen, Ihnen ergeht es in dieser Hinsicht schmählicher als mirRichard Dehmels literarischer Erfolg gründete sich auf seine Lyrik, seine Theaterstücke wurden kaum rezipiert und waren kaum ertragreich; so antwortete er am 15.6.1914 dem Komitee zur Ehrung Frank Wedekinds anlässlich von dessen 50. Geburtstag: „Sehr geehrte Herren! Sie ersuchen mich nun schon zum dritten Mal um einen Geldbeitrag zu der Wedekind-Spende. Daß ich zweimal mit Schweigen geantwortet habe, dürfte doch wohl genug sagen. Leider bin ich durchaus nicht der Krösus, für den man mich erfreulicherweise hält. Auf das Haus, das man mir als vermeintlichen Überfluß zum 50. Geburtstag geschenkt hat, mußte ich dreißigtausend Mark Hypotheken aufnehmen, um meine Schulden auszugleichen. Wedekinds Jahreseinnahme ist mindestens um das dreifache höher als meine; also wäre es lächerlich, wollte ich ihm Geld zum Geburtstag schenken. Mit den besten Wünschen für Erfolg Ihrer Sammlung“ [Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Handschriftenabteilung, Nachlass Richard und Ida Dehmel, DA : Br : D : 1789].. Ich suche mich nur zu entschuldigen, da alles in mir auf ein Ziel, die Darstellung meiner Stücke konzentriert war. Durch meinen Freund, Dr. Kutscher, höre ich öfter von IhnenArtur Kutscher und Richard Dehmel standen in regem Austausch (bezeugt durch ihre unveröffentlichte Korrespondenz).. Außerdem liebe ich heute | Ihre herrlichen Werke, die zu lesen ich in meinen damaligen Nöten keine Muße fand

Dem größten deutschen Dichter herzlichste Glückwünsche für das Jahr 1914 und alle künftigen Jahre.

Ihr
Frank Wedekind.

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Berlin, 9. Januar 1914 (Freitag)
von Dehmel, Richard
an Wedekind, Frank

[Hinweis und Zitat in Kutscher 3, S. 266:]


Wedekind will [...] mit der Existenz überhaupt gegebene Themen. [...] er findet sie [...] in der Physis, im Eros. Dehmel stimmte ihm zu (Br. vom 9.1.14). „Schließlich hat die ganze Dichterei doch nur den Zweck, daß man seine TierbändigerkräfteAnspielung auf den oft von Wedekind gespielten „Tierbändiger“ [KSA 3/I, S. 403] im Prolog zum „Erdgeist“ (1901); in seinem Beitrag zum „Wedekindbuch“ schreibt Richard Dehmel von „Tierbändigerlust“ [Friedenthal 1914, S. 157]. prüft. Also wollen wir zu Gott bitten, daß er die Bestien – in uns wie außer uns – noch lange nicht in HaustiereZitat aus dem Prolog zum „Erdgeist“ (1901): „Was sieht man denn in Lust- und Trauerspielen / Haustiere, die so wohlerzogen fühlen“ [KSA 3/I, S. 315]. verwandeln möge.“

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Autrêches, 22. Februar 1915 (Montag)
von Dehmel, Richard
an Wedekind, Frank

22.2.1915.


Lieber Wedekind, wie finden Sie dasDas Foto ist nicht greifbar; lediglich eine Kopie der von Richard Dehmel beschrifteten Rückseite findet sich bei dem Brief. Ein Foto, das den bartlosen Richard Dehmel mit fast geschlossenen Augen im Schützengraben zeigt, wahrscheinlich das fragliche Bild, ist allerdings in seinem Nachlass überliefert und abgedruckt [vgl. Sabine Henning/Annette Laugwitz/Mathias Mainholz/Rüdiger Schütt/Sabine Walter: WRWlt – o Urakkord. Die Welten des Richard Dehmel. Herzberg 1995, S. 166].? So seh ich ohne den griesengrieselich = „grausig [...] schaurig“ [DWB, Bd. 9, Sp. 265]. BartRichard Dehmel hatte bis dahin stets Bart getragen. Wedekind trug keinen Bart; lediglich nach der Operation am 29.12.1914 ist ihm ein Bart gewachsen, den er am 12.1.1915 wieder abnahm: „stehe auf, nehme mir den Bart ab.“ [Tb] aus. Ich war ganz baff über unsre Ähnlichkeit. Oder können Sie keine entdecken? Na, hoffentlich istʼs der „Typ der Epoche‚Typus der Epoche‘ findet sich formelhaft vor allem in kunsthistorischer oder auch literaturgeschichtlicher Fachliteratur.“; dann dürfen wir uns ja gratulieren. Aber ich werde mir den braven Bart doch lieber wieder wachsen lassen; grausig, wieviel soʼn nackter Mund verrät.

In alter KriegskameradschaftEmphase des kriegsbegeisterten Richard Dehmel, sein Gefühl der Verbundenheit mit Wedekind zum Ausdruck zu bringen; außerdem Anspielung auf den gemeinsamen Auftritt am 18.9.1914 in den Münchner Kammerspielen: „Vaterländische Feier. [...] Einleitende Worte: ‚Vom deutschen Vaterlandsstolz‘ – ‚Deutschland bringt die Freiheit‘. (Frank Wedekind). [...] Richard Dehmel. ‚Alldeutschlands Erweckung‘.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 67, Nr. 479, 18.9.1914, General-Anzeiger, S. 2]
Ihr Dehmel.


[Beilage:]


Nicht Wedekind, sondern Dehmel.

22. Febr. 1915

(Schützengraben bei Autrêches)


[Kuvert:]


Feldpost.
An den Dichter

Frank Wedekind.
München. |


Abs.: Ltnt. DehmelRichard Dehmel, der sich gleich zu Kriegsbeginn als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte, war am 28.12.1914 zum Leutnant befördert worden und erfuhr davon am 3.1.1915 [vgl. Dehmel 1919, S. 150f.]. Er gehörte dem Infanterie-Regiment „Graf Bose“ (1. Thüringisches) Nr. 31 in Altona an, das Teil der 36. Infanterie-Brigade in Rendsburg war, die zur 18. Division in Flensburg des IX. Armee-Korps in Altona gehörte. Das I. und das II. Bataillon wurden aus Musketieren gebildet..
IX. Armeekorps, 18. Div.
Linien-Inf.-Regt. 31,
Batl. I.

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München, 6. März 1915 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Dehmel, Richard

München 6. März 1915.


Lieber hochverehrter Richard Dehmel!

Empfangen Sie herzlichen Dank für Übersendung des teuren AndenkensRichard Dehmel hatte seinem Brief ein Foto von sich beigelegt [vgl. Richard Dehmel an Wedekind, 22.2.1915], was er auf dem vorliegenden Brief notierte: „(Ich hatte ihm das kleine Photo aus dem Schützengraben geschickt, wodrauf ich ihm ähnlich sehe).“. Die Ähnlichkeit auf dem Bild kommt daher, daß Sie Ihre wirkungsvollen Augen niederschlagen. Ich kann aber | die Gelegenheit nicht versäumen, Ihnen meine größte Bewunderung vor Ihrem selbstlosen aufopferdenSchreibversehen, statt: aufopfernden. EntschlußRichard Dehmel war zu Kriegsbeginn unter den Kriegsfreiwilligen – Erich Mühsam vermerkte am 11.8.1914: „Es ist Irrsinn, daß Leute wie Dehmel sich freiwillig gemeldet haben“ [Tb Mühsam] – und hat das auch publik gemacht, so etwa in einem offenen Brief, der redaktionell eingeleitet war: „Richard Dehmel, der bekanntlich als Kriegsfreiwilliger ins Feld gezogen ist, hat vor dem Abmarsch einen Brief an seine erwachsenen Kinder geschrieben, in dem er Rechenschaft über seinen Eintritt ins Heer ablegt. Das schöne Dokument deutscher Gesinnung wird uns zum ersten Abdruck zur Verfügung gestellt.“ [Richard Dehmel: An meine Kinder. In: Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 514, 9.10.1914, Abend-Ausgabe, S. (2)] Erich Mühsam notierte dazu am 21.10.1914: „Gestern sprach ich mit Heinrich Mann [...]. Mit gleichem Widerwillen beurteilten wir beide den offenen Brief, den Richard Dehmel vor seinem Einrücken in die Front an seine Kinder gerichtet hat.“ [Tb Mühsam] Richard Dehmels Verlag, die Herold’sche Buchhandlung in Hamburg, hat sein Bändchen „Volksstimme – Gottesstimme. Kriegsgedichte“ (1914) am 29.9.1914 damit beworben: „Unter der Kriegspoesie des Jahres 1914 [...] gehören diese 12 Gedichte Richard Dehmels zu den allerbedeutendsten und tiefempfundensten. Sie atmen den Geist, der den 51jährigen Dichter schon in den ersten Mobilmachungstagen als Kriegsfreiwilligen zu den Waffen greifen ließ. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist er bereits auf der Fahrt nach dem Westen, um die Lücken im 31. Inf.-Rgt. mit auszufüllen. Für sein Regiment hat er deshalb den Ertrag der Gedichte bestimmt.“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 81, Nr. 229, 2.10.1914, S. 7526] auszusprechen. Außerdem wird uns allen die Freude zu theil, Gedichte von Ihnen zu erhalten, die man nicht vergißt. Erst vor wenigen Tagen fand ich solche Kleinode in einem Zyklus der Neuen RundschauRichard Dehmels Gedichte „Arie an die neuen drei Grazien aus dem Herzen eines ehrlichen Leutnants“, „Moralische Legende“, „Sehnsucht im Sturm“, „Das Flammenwunder“, „Gelöbnis“, „Aufstieg“ und „Lied ob der Nacht“ in der von S. Fischer in Berlin verlegten Zeitschrift „Die neue Rundschau“ [vgl. Kriegsvorboten. Gedichte von Richard Dehmel aus den Tagen des faulen Friedens. In: Die neue Rundschau, Jg. 25, Heft 11, November 1914, S. 1579-1583].. Ich lag die letzten drei Monate krankWedekind hatte am 29.12.1914 eine erste Blinddarmoperation: „Werde mit dem Sanitätswagen in die Klinik gebracht und operiert.“ [Tb] Er notierte am 9.1.1915: „Mit dem Sanitätswagen nach Hause gebracht.“ [Tb] Die Wundheilung gestaltete sich langwierig und problematisch; zuletzt hatte er am 2.3.1915 und dann wieder am 8.3.1915 notiert: „Bei Skanzoni zum Verbinden.“ [Tb] | und hatte während der ganzen Zeit Ihre ausgewählten GedichteDas 22. Tausend von Richard Dehmels Lyrikband „Hundert ausgewählte Gedichte“ (1909), seinerzeit im S. Fischer Verlag in Berlin als dritte Ausgabe der „Ausgewählten Gedichte“ (1902) erschienen, nun verlegt von der Herold’schen Buchhandlung in Hamburg, lag gedruckt vor [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 81, Nr. 269, 20.11.1914, S. 8648]. neben meinem Bett, ich verdanke Ihnen manchen Genuß in den schlaflosen Nächten. Gott behüte Sie und erhalte Sie uns in dem schweren Los das Sie sich freiwillig aufgebürdet. Denn wie es bei Ihnen zugeht das weiß ich aus den Berichten des Dr. Artur Kutscher, | der auf einige Tage hierArtur Kutscher, vom 12.9.1914 bis 3.2.1915 „in wechselnder Stellung“ [Kutscher 1960, S. 106] in der Nähe von Reims an der Westfront eingesetzt, dann in der Champagne, war vom 25.2.1915 bis 21.3.1915 auf Heimaturlaub in München und Wedekind hat ihn dem Tagebuch zufolge mehrfach gesehen – so am 26.2.1915 („Artur Kutscher überrascht mich im Bett“), 27.2.1915 („Professor Artur Kutscher kommt zum Abendessen“), 1.3.1915 („Krokodil Kutscher“), 8.3.1915 („Krokodil mit Kutscher Henckel Mühsam Wilm“) und 20.3.1915 („HTR mit Kutscher Friedenthal Vesper. Kutscher fährt mich nach Hause, kehrt morgen ins Feld zurück“). weilte. Kutscher bittet mich, Ihnen seine Grüße zu bestellen. Auch er hatte große Freude an dem interessanten Bild. Wenn Europa nur bald zur Besinnung kommt und Ihnen ermöglichSchreibversehen, statt: ermöglicht. aus den Schrecknissen zurückzukehren und sich des Dankes Aller zu freuen, die Sie lieben und sich vor Ihren Werken und Ihrer Tat in Verehrung und Bewunderung beugen. Das wünscht Ihnen von Herzen
Ihr alter
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Autrêches, 12. März 1915 (Freitag)
von Dehmel, Richard
an Wedekind, Frank

[Hinweis und Zitat in Kutscher 3, S. 186f.:]


Dehmel, der Wedekind sein Feldbildein Foto von Richard Dehmel aus dem Feld, im Schützengraben [vgl. Richard Dehmel an Wedekind, 22.2.1915]. geschickt hatte*, antwortete auf den bewundernden Brief des Dichtersvgl. Wedekind an Richard Dehmel, 6.3.1915. am 12.III.15: „Ach, lieber Wedekind, Sie meinenʼs gut, aber es ist nicht viel los mit meiner ‚TatBriefzitat [vgl. Wedekind an Richard Dehmel, 6.3.1915]; gemeint ist Richard Dehmels Meldung als Kriegsfreiwilliger.‘. Die tun ja Hunderttausende jetzt; sollten das wirklich lauter ‚Helden‘ sein? Ich meinerseits muß mit dem ollen Odysseus sagen: Ich habe schon Hundsgemeineres erduldetfreies Zitat aus Homers „Odyssee“ (20. Gesang): „Dulde nun aus, mein Herz! noch Härteres hast Du geduldet, / Jenes Tags, da in Wuth der ungeheure Kyklop mir / Fraß die tapferen Freundʼ“ [Johann Heinrich Voß: Homer’s Odyssee. Stereotyp-Ausgabe. Stuttgart, Tübingen 1847 (= Homer’s Werke. Bd. 2), S. 418]. Harry Graf Kessler notierte, Richard Dehmel habe ihm in einem Gespräch erläutert, diese Stelle (‚Du hast sonst schon Schlimmeres erduldet‘) bei Homer müsse mit „noch Hundsgemeineres“ übersetzt werden, „aber das wirkt bei uns viel zu grob und ganz anders als bei Homer.“ [Tb Kessler, 4.9.1901], – nicht bloß als Eckensteher„herumlungernder müßiggänger“ [DWB, Bd. 7 (Neubearbeitung), Sp. 49]. des deutschen Geistes. Die Kriegsstrapazen sind nicht annährend so hart wie z. B. die einer Hochgebirgstour; und das bißchen Leibes- und Lebensgefahr, das droht ja auch im Frieden Millionen von Arbeitern in Bergwerken und anderen Betrieben, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Mir war es einfach widerlich, wie die Zeitungen mich plötzlich als eine Art Tyrtäoswie der antike Elegiker Tyrtaios aus Sparta, der Verse mit politischem Inhalt verfasste, „Kampfparänesen (‚Anfeuerungen‘)“, mit homerischen „Wörtern und Wendungen durchsetzt.“ [Brodersen/Zimmermann 2006, S. 619] ausposaunten, während an meinen viel besseren Dichtungen beständig herumgenörgelt wird, wenn man sie nicht ganz und gar totschweigt. Man kommt sich wahrhaftig nicht als Held vor, wenn man meistens nichts weiter verrichten kann als Nachtwächter- und Schutzmannsdienste; und es ist eigentlich ein übles Zeichen für den Bildungsstand unserer Heeresleitung, daß man mich dauernd im Schützengraben liegen läßt. Denn das einzige wirklich Schwere für einen an geistige Arbeit gewöhnten Menschen ist der fürchterliche Stumpfsinn, in dem man rettungslos versinkt bei dieser Grabenhockereidas Hocken im Schützengraben. Richard Dehmel notierte am 22.2.1915: „Die gefahrlose Hockerei macht uns allesamt mißmutig.“ [Dehmel 1919, S. 206]. Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, ob es nicht von mir eine Narrheit war, die Muskete in die Hand zu nehmen, nichts weiter als Abenteuerlust, und die wird einem hier gründlich verekelt, wo man mehr mit dem Dreck als mit dem Feind zu kämpfen hat. Jedenfalls könnte ich zu Hause Besseres tun für unser liebes Vaterland, wenn man hinter diesem Begriff etwas Höheres sieht als den gemeinsamen Futtertrog. Ein einziger gut gebauter Satz, den Sie an Ihrem Schreibtisch ersinnen, ist für das künftige Deutschland doch wertvoller als alle Lehmschanzen, die wir hier aufwerfen. Aber was hilftʼs, ich muß halt weiter rackern, nach dem Sprichwort: wer A gesagt hat. Hoffentlich sagen die Herren Diplomaten bald Z! Mit diesem frommen Wunsch Ihr Dehmel.“

*„Ganz baff über unsre ÄhnlichkeitBriefzitat [vgl. Richard Dehmel an Wedekind, 22.2.1915]. ... grausig, wieviel so’n nackter Mund verrät.“

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