Briefwechsel

Wedekind, Frank und Bodmer, Hans

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Lenzburg, 24. Oktober 1895 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Bodmer, Hans

Herrn Dr. Hans BodmerDr. phil. Hans Bodmer, Lehrer in Zürich (Gemeindestraße 19) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1896, Teil I, S. 51], der 1882 den Lesezirkel Hottingen mitbegründet hat, jene inzwischen allseits geschätzte literarische Gesellschaft in Zürich (Hottingen gehörte seit 1893 zur Stadt Zürich), die Vorträge und Lesungen veranstaltete, war der Präsident des Hottinger Lesezirkels [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1896, Teil III, S. 74]., Präsident des Lesezirkels „Hottingen“
Zürich


Sehr geehrter Herr Doctor,

erlauben Sie mir die ergebenste Anfrage, ob es möglich wäre, vor den geehrten Mitgliedern des „Lesezirkels Hottingen“ einen dramatischen VortragWedekind bot dem Lesezirkel Hottingen einen Vortrag von Henrik Ibsens „Gespenstern“ an, den er wohl schon früher gehalten hat [vgl. Wedekind an Otto Eisenschitz, 24.10.1895] und den er kurz darauf – spätestens am 28.10.1895 [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 29.10.1895] – unter dem Pseudonym Cornelius Minehaha im Arbeiterbildungsverein Eintracht (Präsident: Ludwig Witt) in Zürich (Neumarkt 5) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1896, Teil III, S. 79] hielt, wie die Presse berichtete: „Henrik Ibsens ‚Gespenster‘ wurden auf der kleinen Bühne des Festsaales der Eintracht am Neumarkt von dem bekannten Rezitator Cornelius Minehaha in sehr bedeutsamer Weise interpretiert.“ [Tages Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich, Nr. 259, 4.11.1895, 2. Beilage, S. (1)]Gespenster“ von H. Ibsen, zu halten. Über die Bedingungen würden wir uns ohne Schwierigkeiten einigen. Ich bin eben noch im Begriff mit derartigen Vorträgen zu beginnen, und würde es Ihnen überlassen, ein beliebiges Entrée(frz.) Eintritt, Zugang. zu bestimmen, das die Kosten des Abends einbringen könnte. Die Zwischenakte des Stückes lasse ich durch dem Stoff angepaßte Klaviervorträge, wenn möglich Piècenpièce (frz.) = Stück. 1895 erschien das siebte von zehn Heften der „Lyrischen Stücke“ („Lyriske stykker“) – kurze Klavierstücke – des norwegischen Komponisten Edvard Grieg. von Greeg, ausfüllen Ich würde Sie dabei nur um die Erlaubniß bitten, unter einem beliebigen angenommenen NamenWedekind trat beim Arbeiterbildungsverein Eintracht in Zürich unter dem Pseudonym Cornelius Minehaha auf (siehe oben); er erzählte später, er sei „als Ibsen-Recitator unter dem Namen Cornelius Minehaha“ [Wedekind an Jaroslav Kvapil, 24.4.1901] in Zürich aufgetreten, „unter dem Namen des Recitators Cornelius Mine-Haha“ habe er eine „vollkommen freie Recitation der ‚Gespenster‘“ [Wedekind an Ferdinand Hardekopf, 28.4.1901] geboten. auftreten zu dürfen, indem ich meinen Schriftstellernamen gern von meiner Thätigkeit als Recitator getrennt halten möchte.

Was meine Person und meine künstlerische Befä|higung betrifft, so darf ich Sie bitten, sich bei Herrn Schriftsteller Karl HenckellWedekinds Freund Karl Henckell in Zürich (Mühlebachstraße 90) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1896, Teil I, S. 203]. oder bei der Neuen Zürcher Zeitung, speciell bei Herrn Dr. BiseggerDr. phil. Walter Bissegger in Zürich (Plattenstraße 76), „Redaktor der ‚N.Z.Z.‘“ [Adressbuch der Stadt Zürich für 1896, Teil I, S. 45], der seit 1885 in der Chefredaktion der „Neuen Zürcher Zeitung“ war., erkundigen zu wollen. Ihre geschätzte Entgegnung ersuche ich Sie, mir hierher zukommen zu lassenHans Bodmer hat am 9.11.1895 insofern wohl nach Lenzburg geantwortet – Wedekinds neue Wohnadresse in Zürich (Festgasse 21) dürfte er nachträglich noch nach der datierten Beantwortungsnotiz auf den vorliegenden Brief notiert haben (siehe zur Materialität) – und seine Antwort dürfte nach Zürich weitergeleitet worden sein (oder er bekam den Brief zurück und versandte ihn erneut und nun an die Adresse in Zürich); in einem anderen in Lenzburg geschriebenen Brief kündigte Wedekind an: „Ich siedle Ende dieser Woche nach Zürich über, Briefe werden mir aber nachgeschickt.“ [Wedekind an Otto Eisenschitz, 24.10.1895]. Sollten Sie geneigt sein, auf meinen Vorschlag einzugehenEine vom Lesezirkel Hottingen 1895/96 veranstaltete Rezitation Wedekinds ist nicht nachweisbar., so würde ich zur persönlichen Besprechung nach Zürich kommen.

Mit der Bitte, die Versicherung meiner vorzüglichsten Hochschätzung entgegen nehmen zu wollen
ergebenst
Frank Wedekind.


Lenzburg, Aargau. 24. October 95.

Einzelstellenkommentare

Zürich, 9. November 1895 (Samstag)
von Bodmer, Hans
an Wedekind, Frank

[Hinweis durch die Beantwortungsnotiz auf Wedekinds Brief an Hans Bodmer vom 24.10.1895 aus Lenzburg:]


Beantw. am 9. Nov. 1895.

Einzelstellenkommentare

Zürich, 5. November 1917 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Bodmer, Hans

Sehr verehrter Herr DoctorDr. phil. Hans Bodmer, Präsident des Hottinger Lesezirkels.!

Darf ich Sie höflichst ersuchen meinem NeffenArmin Wedekind jun. war soeben in Zürich zum Dr. med. promoviert worden. Seine Ende 1917 im „Journal für Psychologie und Neurologie“ (Band 22, Heft 6; Band 23, Heft 1) veröffentlichte Dissertation „Beiträge zur Kasuistik der psychischen Infektionen“ wurde auch separat im Verlag Barth publiziert (Leipzig 1917; 78 Seiten). Da sein Vater krank war, vertrat er ihn als Arzt einige Tage in der Praxis [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 16.11.1917]. Frank Wedekind berichtete seiner Frau über Zusammentreffen mit dem Neffen: „Armin jun. ist hier.“ [Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 8.11.1917] Er teilte ihr mit, er sei „mehrmals mit Armin jun. zusammen“ [Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 16.11.1917] gewesen, aber, „die Beziehungen“ hätten sich „etwas gelockert“, da sein Neffe „sich in die Theaterangelegenheiten mischte“ [Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 21.11.1917]. Herrn Dr. A. Wedekind für heute AbendWedekind notierte am 5.11.1917: „Herakles Vortrag im Hottinger Lesezirkel.“ [Tb] Über die erfolgreiche Lesung in Zürich (20 Uhr bis 21.30 Uhr) schrieb die Presse: „Der kleine Tonhallesaal sah am Montag abend ein zahlreiches Auditorium: Frank Wedekind las im Rahmen der vom Lesezirkel Hottingen veranstalteten Abende für Literatur und Kunst sein Drama ‚Herakles‘. [...] Unser Auditorium belohnte die Vorlesung mit kräftigem Beifall, und es stellt gewiß nicht den kleinsten innern Erfolg des Abends dar, daß die Hörer in lautloser Stille fast anderthalb Stunden verharrten, und niemand sich zu früherm Aufbruch genötigt meinte.“ [T. (Hans Trog): Frank Wedekind im Lesezirkel. In: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 138, Nr. 2093, 6.11.1917, 1. Abendblatt, S. (1)] Möglicherweise ist auch der Abend des 17.11.1917 gemeint, an dem der Literarische Klub des Hottinger Lesezirkels seine Wintersitzungen ebenfalls mit einem Vortrag Wedekinds eröffnete. Dazu eingeladen hatte ihn der Vizepräsident des Vereins, Prof. Dr. Robert Faesi [vgl. Wedekind an Robert Faesi, 25.10.1917]. einen Platz überlassen zu wollen. Mit verbindlichstem | Dank im Voraus

Ihr ergebener
FrWedekind.


Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare