Briefwechsel

Wedekind, Frank und Harden, Maximilian

128 Dokumente

Seite 1 von 3

Paris, 17. Juni 1892 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 17.6.1892 in Paris:]


Expedireexpedieren = zum Versand fertig machen, versenden. ExemplareWedekind schickte ein Exemplar der Erstausgabe von „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie(1891) ‒ erschienen im Verlag von Jean Groß in Zürich, auf dem Umschlag die Illustration von Franz Stuck, die eine Frühlingslandschaft darstellt [vgl. KSA 2, S. 771f.] ‒ an den bereits namhaften Kritiker [vgl. Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1892, Teil II, Sp. 367] und Schriftsteller Maximilian Harden in Berlin (Köthenerstraße 27) [vgl. Berliner Adreß-Buch für das Jahr 1892, Teil I, S. 552]. an Maximilian von Harden [...]

Einzelstellenkommentare

Dresden, 28. Oktober 1897 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

[Hinweis in Wedekinds Brief an Maximilian Harden vom 30.10.1897 aus Dresden:]


Vor einigen Tagen erlaubte ich mir, Ihnen ein älteres Stück „Die Junge Welt“ zu übersenden [...]

Einzelstellenkommentare

Dresden, 30. Oktober 1897 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Hochgeehrter Herr,

mit aufrichtiger großer Bewunderung habe ich soeben Ihren Essay „Rejane“ gelesenWedekind hat den Essay im aktuellen Heft der von Maximilian Harden herausgegebenen Wochenschrift „Die Zukunft“ [vgl. Réjane. In: Die Zukunft, Bd. 21, Jg. 6, Nr. 5, 30.10.1897, S. 220-232] gelesen und unmittelbar nach der Lektüre den vorliegenden Brief geschrieben. Bei dem Essay handelt es sich um eine Theaterrezension. Maximilian Harden sah die Abschiedsvorstellung der berühmten französischen Schauspielerin Réjane (d.i. Gabrielle Charlotte Réju) am 15.10.1897 ‒ „ich muß morgen ins Theater (Réjane)“ [Hellige 1983, S. 305], schrieb er Walther Rathenau am 14.10.1897 ‒ im Lessingtheater, wo sie zum Abschluss ihres Gastspiels in Berlin die Hauptrolle in dem Dramas „La Douloureuse“ von Maurice Donnay spielte.. Es ist mehrfach darin von „Ironie auf der Bühnefreies Zitat aus dem genannten Essay (siehe oben). Maximilian Harden hatte geschrieben, Réjane habe eine „ironische Grundstimmung, die ihr erlaubte, mit einem Blick, einem aufleuchtenden Ton, einer raschen, kaum merkbaren Geberde die Komik der ernsten und den Ernst der komischen Vorgänge zu zeigen [...]. Ironie ist der Trost und die Wonne der Müden, denen [...] die festen Grenzen von Gut und Böse verwischt sind und die nun an nichts mehr glauben [...]. Der natürliche, gesunde Mensch kennt und versteht ironische Regungen nicht; wo sie sich melden, muß schon eine Kultur überreif geworden und mit Schimmelgespinnst bedeckt [...] sein. [...] Ironie ist die letzte Stütze der dem Tode Geweihten;“ ein „fader Fäulnißduft“ sei deshalb spürbar; er gestand der Schauspielerin allerdings zu: „Frau Réjane putzt die wurmstichige Schwäche nicht zum Heldenthum heraus, sie giebt ihre sittlich kranken Geschöpfe nicht für Gesunde“ [Réjane. In: Die Zukunft, Bd. 21, Jg. 6, Nr. 5, 30.10.1897, S. 224, 226f., 229, 232].“ die Rede. Ich müßte Sie falsch verstehen, oder Sie schätzen und Sie verdammen zugleich in dieser Ironie den echten menschlichen Humor, der, quasi in Fäulniß übergegangen, seine positive Seite, seinen erhabenen Standpunkt eingebüßt hat. Eine so verstandene Ironie war mir, | ‒ neben meinem ersten und hauptsächlichsten Bestreben, Schönheit auf der Bühne zu creiren ‒ künstlerisches Princip, als ich die Tragödie „Erdgeist“ schrieb. Wenn ich mir die Freiheit nehme, Ihnen das Buch vorzulegenWedekind sandte Maximilian Harden als Beilage zum vorliegenden Brief die Erstausgabe „Der Erstgeist. Eine Tragödie“ (1895), die im Albert Langen Verlag erschienen ist [vgl. KSA 3/II, S. 858]., so glaube ich mich durch die Überzeugung gerechtfertigt, daß Sie meine Ziele im vollsten Maße würdigen und daß, wenn Sie das Stück nicht für bühnenwirksam halten, ich nicht mehr darüber im Zweifel sein kann, daß ich meine Ziele nicht erreicht habe.

Im vergangenen Winter trug sich die Dramatische Gesellschaft in Berlin | mit dem Gedanken, das Drama aufzuführen, hat dann aber davon Abstand genommenDie im Herbst 1896 gegründete Dramatische Gesellschaft zu Berlin [vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 493, 20.10.1896, Morgen-Ausgabe, S. 7], eine freie Bühnenvereinigung, die sich der Förderung des modernen Dramas verpflichtet sah, hatte um die Jahreswende 1896/97 erwogen, Wedekinds Stücke „Der Erdgeist“ und „Die junge Welt“ [vgl. KSA 1/II, S. 1308] aufzuführen, sich dann aber dagegen entschieden. Den Vorstand bildeten Ludwig Fulda und Bruno Wille, Beisitzer waren Otto Neumann-Hofer, Emil Lessing und Otto Erich Hartleben [vgl. KSA 1/II, S. 1308-1310], im Jahr darauf war Otto Erich Hartleben Vorsitzender, Theodor Entsch Schatzmeister [vgl. Beilage zur Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, Nr. 348, 18.10.1897, S. 3-4]. Wedekind verarbeitete 1897 in seinem Gedicht „Die Dramatische Gesellschaft“ [KSA 1/I, S. 381] seine Enttäuschung über die Ablehnung [vgl. KSA 1/II, S. 1307-1310]., und ich kann mich, so anmaßend es klingen mag, der Überzeugung nicht erwehren, daß man eine Wirkung für ausgeschlossen hielt, weil man die Wirkung, die man empfand für unbeabsichtigt ansah und dafür eine Wirkung erwartete, die ich vermeide.

Vor einigen Tagen erlaubte ich mir, Ihnen ein älteres Stück„Die junge Welt“ (1897) ist eine Umarbeitung oder „grundlegende Überarbeitung“ [KSA 2, S. 630] des älteren Lustspiels „Kinder und Narren“ (1891) [vgl. KSA 2, S. 643].Die Junge Weltzu übersendenHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Buchsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Maximilian Harden, 28.10.1897. Wedekind sandte Maximilian Harden „Die junge Welt. Comödie in drei Aufzügen und einem Vorspiel“ (1897); das Stück war soeben bei W. Pauli’s Nachfolger (H. Jerosch) in Berlin erschienen [vgl. KSA 2, S. 646]., in dem ich nicht diese Principien verfolge, sondern nur auf reinmenschlichen Humor ausgehe, auf eine Art spielenden Humors, wie er in den Lustspielen des 16. Jahrhunderts waltet und wie ich ihn in der modernen Literatur, wenigstens | auf moderne Stoffe verwandt, nicht vorfinde.

Dieses, geehrter Herr, sind meine Illusionen, die mich dazu drängen, Ihnen meine Arbeiten vorzulegen, und die ich mir, wenn sie nicht berechtigt sind, gerne zerstören lasse, was Sie als die für mich im vollsten Sinne maßgebende Autorität, dadurch bewirken werden, daß Sie schweigend darüber hinweg gehenMaximilian Hardens erste ausführliche Besprechung der Werke Wedekinds, darunter vor allem „Erdgeist“, erschien erst Jahre später in der „Zukunft“ vom 31.1.1903 [vgl. Martin 1996, S. 191-194].. Es bleibt mir dann nur noch die Pflicht, Sie wegen unnützer Inanspruchnahme Ihrer Zeit um Entschuldigung zu bitten.

Ich ersuche Sie, geehrter Herr, die Versicherung meiner größten Hochschätzung entgegennehmen zu wollen.

Frank Wedekind


Dresden, Walpurgisstraße 14.II. ‒ 30. Okt. 97.

Einzelstellenkommentare

München, 16. September 1903 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

[Hinweis in Maximilian Hardens Postkarte an Wedekind vom 17.9.1903 aus Berlin:]


Ihnen und Ihren Freunden danke ich herzlich für den liebenswürdigen Gruß [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. September 1903 (Donnerstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Postkarte


An Herrn Frank Wedekind
in München
Wohnung (Straße und Hausnummer) Franz Josefstr. 42 II |


Grunewald-Berlin, 17/9 1903


Verehrter Herr Wedekind,

Ihnen und Ihren Freunden danke ich herzlich für den liebenswürdigen Grußnicht überliefert (eine Postkarte oder Bildpostkarte); erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Maximilian Harden, 16.9.1903. Wer die Grußkarte mitunterschrieben hat, ist nicht ermittelt., den ich in derselben Tonart erwidere.

Zu meinen Wünschen gehört längst, Sie, dessen Gaben ich so hoch schätzeMaximilian Harden hatte Anfang des Jahres seine erste größere Würdigung Wedekinds veröffentlicht und zum Auftakt geschrieben, Wedekind sei „der begabteste der jüngeren deutschen Dramatiker“, er sei ein „merkwürdig polyglottes Talent, dem die lustigsten Bänkelsänge und wüstesten Melodramenstimmungen gelingen.“ [Theaternotizen. In: Die Zukunft, Bd. 42, Jg. 12, Nr. 18, 31.1.1903, S. 205-207, hier S. 305], endlich einmal kennen zu lernen. Ich bin recht ungesund und durch ekelste ArbeitMaximilian Harden, Herausgeber der von ihm allein verantworteten politischen Wochenschrift „Die Zukunft“ in Berlin, dürfte mit seinem Artikel über den Parteitag der deutschen Sozialdemokraten in Dresden beschäftigt gewesen sein; er klagt dort, dass in Dresden „groteske Schimpfreden [...] gegen mich ausgespien wurden“, man habe diskutiert, ob er „ein über alle Maßen abscheuliches Ungethüm sei und ob ein Sozialdemokrat für die ‚Zukunft‘ schreiben dürfe.“ [Trianon. In: Die Zukunft, Bd. 44, Jg. 6, Nr. 51, 19.9.1903, S. 455-461] belastet; sonst käme ich nach München.

Vielleicht aber kommen Sie zunächst wenigstens mal literarisch? Ich würde Sie mit Freude als MitarbeiterBeiträge Wedekinds sind in Maximilian Hardens Wochenschrift „Die Zukunft“ zunächst nicht erschienen. begrüßen.

Nochmals: besten Dank und Gegengruß
von Ihrem sehr ergebenen
Harden

Einzelstellenkommentare

München, 6. Oktober 1904 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Sehr geehrter Herr Harden,

es erübrigt mir noch, Ihnen für den schönen ang/r/egenden Abend in BerlinWedekind, der sich vom 22. bis 26.9.1904 zu einem Gastspiel in Berlin aufhielt, war gleich am ersten Abend bei dem mit Maximilian Harden befreundeten Geschäftsinhaber der Berliner Handels-Gesellschaft Dr. phil. Walther Rathenau (Viktoriastraße 3, 2. Stock) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1905, Teil I, S. 1643] zu Besuch, wie er am 22.9.1904 notierte: „Abends mit M Harden bei Dr. Ratenau diniert.“ [Tb], für Ihre persönliche BekanntschaftWedekind hat am 22.9.1904 (siehe oben) Maximilian Harden und Walther Rathenau persönlich kennengelernt. Maximilian Harden schrieb am 23.9.1904 an eine unbekannte Person: „Gestern lernte ich Wedekind kennen; einen höchst ungewöhnlichen Menschen, dessen Talent ich, nicht ohne manches Widerstreben, ungemein schätze. Als Menschen kann ich ihn freilich noch nicht durchblicken.“ [Katalog Antiquariat Herbst-Auktionen (Detmold): https://www.herbst-auktionen.de (zuletzt abgerufen 16.8.2023)] und die des Herrn Dr. Rathenau meinen aufrichtigen DankWedekind hat nicht nur Maximilian Harden seinen Dank ausgesprochen, sondern zugleich auch Walther Rathenau [vgl. Wedekind an Walther Rathenau, 6.10.1904]. Den vorliegenden Brief Wedekinds hat Maximilian Harden seinem Brief an Walther Rathenau vom 9.10.1904 beigelegt: „Und damit Sie nicht zu stolz werden: einen Wedekindbrief, den ich heute empfing.“ [Hellige 1983, S. 381] auszusprechen. Neben dem höchsten Gut auf Erden, der persönlichen Freiheit, war mir die Möglichkeit, mit Menschen meiner Verehrung und meiner Wahl verkehren zu dürfen, bei | allem was ich that von jeher das erstrebenswertheste Ziel, und Ihre Bekanntschaft rechne ich zu den größten Erfolgen die mir meine literarische Thätigkeit bis jetzt eingetragen hat.

Mit besten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


München. 6. Okt. 04Wedekind notierte am 6.10.1904: „Briefe an Rathenau [...] Harden“ [Tb]..

Einzelstellenkommentare

Berlin, 9. Oktober 1904 (Sonntag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald-Berlin, 9.10.1904


Sehr geehrter Herr Wedekind,

aufrichtig danke ich Ihnen für Ihren liebenswürdigen Briefvgl. Wedekind an Maximilian Harden, 6.10.1904. Maximilian Harden sandte diese Brief am 9.10.1904 an Walther Rathenau: „Und damit Sie nicht zu stolz werden: einen Wedekindbrief, den ich heute empfing.“ [Hellige 1983, S. 381]. Mir wars eine große, lange ersehnte Freude, Sie kennenzulernenWedekind hatte Maximilian Harden am 22.9.1904 in Berlin persönlich kennengelernt, der ihn zu einem Abendessen bei Walther Rathenau mitnahm, den er bei dieser Gelegenheit ebenfalls persönlich kennenlernte: „Abends mit M Harden bei Dr. Ratenau diniert.“ [Tb] Maximilian Harden schrieb am 23.9.1904 an eine unbekannte Person: „Gestern lernte ich Wedekind kennen; einen höchst ungewöhnlichen Menschen, dessen Talent ich, nicht ohne manches Widerstreben, ungemein schätze. Als Menschen kann ich ihn freilich noch nicht durchblicken.“ [Katalog Antiquariat Herbst-Auktionen (Detmold): https://www.herbst-auktionen.de (zuletzt abgerufen 16.8.2023)]. Und daß ich Sie so ganz unkonventionell bat, den Abend mit meinem Freunde zu verbringen, läßt sich nur durch die Thatsache begründen, daß Rathenau der feinste, verständnißvollste Bewunderer Ihrer Kunst ist, den ich kenne.

Ich hoffe, wir verlieren einander nicht wieder. Kann ichs irgend ermöglichen, so suche ich Sie bald in München auf.

Herzlich grüßt Ihr sehr ergebener
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 3. März 1905 (Freitag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 3/3 1905


Sehr geehrter Herr Wedekind,

Sie scheinen zwar diesmalWedekind war seit dem 1.3.1905 wieder in Berlin (Rückfahrt nach München am 5.3.1905) und hatte sich anscheinend noch nicht gemeldet ‒ weder bei Maximilian Harden noch bei Walther Rathenau. Sein Aufenthalt in Berlin dürfte Harden durch andere bekannt geworden sein, möglicherweise durch Max Reinhardt oder Felix Hollaender, mit denen Wedekind am 2.3.1905 in Berlin dinierte [vgl. Tb]. von Ihren neuen FreundenWährend seines letzten Aufenthalts in Berlin hatte Wedekind sowohl Maximilian Harden als auch Walther Rathenau persönlich kennengelernt, am 22.9.1904 bei einem Abendessen bei Walther Rathenau (Viktoriastraße 3) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1905, Teil I, S. 1643]. Sie zählten seitdem zu Wedekinds engerem Berliner Freundeskreis. nichts wissen zu wollen, werden mir aber gestatten, mich eines Auftrages zu entledigen, den ich sehr gern übernommen habe. Walther Rathenau, Viktoriastraße 3, der Ihnen ja gefiel, hat morgen, Sonnabend, um 8An dem auf 20 Uhr festgesetzten Abendessen am 4.3.1905 (Samstag) bei Walther Rathenau mit Maximilian Harden, Walther Rathenaus Vetter Max Liebermann, dessen Frau Martha Liebermann (geb. Marckwald) und vermutlich den Brüdern Heinrich und Julius Hart nahm Wedekind zwar nicht teil, er kam an diesem Samstag aber später hinzu, wie er am 4.3.1905 notierte: „Nachts mit Harden den Harts und Liebermann bei Walther Rathenau.“ [Tb] ein paar Menschen (darunter Liebermanns u. Ihren Ergebendsten) bei sich zum Essen und würde sich sehr freuen, wenn Sie Zeit und Lust hätten, auch zu ihm zu kommen.

Daß ich mich besonders freuen würde, Sie wiederzusehen, wissen Sie.

Mit verbindlichen Grüßen
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 12. Mai 1905 (Freitag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Maximilian Hardens Brief an Wedekind vom 4.10.1905 aus Berlin:]


[...] daß ich Ihren liebenswürdigen Besuch damals verfehlte, habe ich aufrichtig bedauert, schrieb es Ihnen auch.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 2. Oktober 1905 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Kartenbrief


An Herrn Maximilian Harden
in Berlin Grunewald
Wohnung (Straße und Hausnummer) Wernerstrasse. |


Abs: Wedekind
Schiffbauerdamm 6.III. |


Sehr geehrter Herr Harden!

Seit einigen Tagen bin ich wieder hierWedekind traf am 8.9.1905 in Berlin ein und mietete sich am 9.9.1905 in einer Wohnung „Schiffbauerdamm No 6 ein.“ [Tb]. Es wäre mir eine große Freude, wenn ich Sie gelegentlich einmal wiedersehnZu einem Wiedersehen kam es gleich am darauffolgenden Samstag (entsprechend ist von fremder Hand auf den Kartenbrief „Sonnabend abend!“ notiert), dem 7.10.1905: „Triclinium mit Harden bei Rathenau.“ [Tb] Das wird, da Wedekind auch an diesem Samstagabend in „Hidalla“ spielte (siehe unten), kaum vor 23 Uhr gewesen sein. könnte. Sind Sie vielleicht NachmittagsAls ein Treffens zu dritt ‒ Wedekind, Maximilian Harden und Walther Rathenau ‒ zur Debatte stand und Rathenau einen Abend vorschlug, verwies Harden auf Wedekinds Vorschlag und bemerkte am 5.10.1905 gegenüber Rathenau, Wedekind käme doch sicher erst gegen 23.30 Uhr und dann würde es wieder 3 Uhr nachts: „Hätten Sie [...] mich gefragt! [...] Der Knabe kommt gegen 11½; es wird 3. Hätten Sie ihn, wie er mir vorschlug, für nachmittag gebeten! ‚Jause‘ nennt mans in Wien.“ [Hellige 1983, S. 428] einmal im Café | zu treffen? AbendsWedekind war abends gebunden durch die fast täglichen Vorstellungen von „Hidalla“ am Berliner Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky), die jeweils um 20 Uhr begannen. Er spielte in dem Stück, das am 26.9.1905 Premiere gehabt hatte, die Hauptrolle des Karl Hetmann. wird es Ihnen zu spät sein, da ich selten vor 11 Uhr frei bin. Bei meinem letzten HierseinWedekinds Kurzbesuch vom 11. bis 13.5.1905 in Berlin [vgl. Tb]. habe ich Sie leider verfehltWedekind hatte Harden am 11.5.1905 nicht in seiner Wohnung im Grunewald angetroffen, wie er notierte: „Besuch bei Maximilian Harden, Walter Rathenau und Gertrud Eysold die ich alle drei nicht treffe.“ [Tb].

Mit besten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


Schiffbauerdamm 6.III.

2.10.5.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 4. Oktober 1905 (Mittwoch)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 4/10 05


Sehr geehrter Herr Wedekind,

daß ich Ihren liebenswürdigen Besuch damalsWedekind notierte am 11.5.1905 in Berlin: „Besuch bei Maximilian Harden, Walter Rathenau und Gertrud Eysold die ich alle drei nicht treffe.“ [Tb] verfehlte, habe ich aufrichtig bedauert, schrieb es Ihnen auchHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Maximilian Harden an Wedekind, 12.5.1905.. Und jetzt bin ich so von Schmerzen gepeinigtMaximilian Harden litt unter anderem unter Zahnschmerzen und hatte Fieber, wie er am 4.10.1905 an Walther Rathenau schrieb: „Seit Sonntag früh keine schmerzfreie Minute. Linke Schulter (Nr. II) und linker Backzahn furchtbar vereitert. 40°, konstatierte mein Zahnarzt.“ [Hellige 1983, S. 422], daß ich noch nicht einmal Ihren HetmannWedekind spielte in „Hidalla“ am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin die Hauptrolle des Karl Hetmann (Premiere war am 26.9.1905). Die Inszenierung, die allein bis zum Jahresende 40 Vorstellungen erlebte, hatte einen starken Publikumserfolg. sehen konnte, auf den ich mich so sehr gefreut hatte.

(Uebrigens: Blödsinn genugDie Berliner Kritik hatte kaum Verständnis für die „Hidalla“-Inszenierung – man meinte gleich am 27.9.1905, „das Ganze“ sei „ein lauwarmer Kuddelmuddel dummer Weltbeglückungsideen und halber Ironien“ (Viktor Auburtin, „Berliner Börsen-Zeitung“), beklagte „Banalitäten“ (Arthur Eloesser, „Vossische Zeitung“), sprach von einer „philosophischen Clowniade“ (Norbert Falk, „Berliner Morgenpost“), sah „Wahnwitz ohne Methode“ und „klingenden Unsinn“ (F.H., „Berliner Lokal-Anzeiger“), aber auch ein „ernstes, strenges Thesenstück“ (Monty Jacobs, „Berliner Tageblatt“), sah einen „Vortrag in fünf Akten“ (Isidor Landau, „Berliner Börsen-Courier“), zählte es zu den „unverzeihlichen Theatersünden“ („Deutscher Reichs-Anzeiger“), meinte, „den Gedanken und Sehnsüchten Hetmanns fehlen Klarheit und Schlagkraft“ („National-Zeitung“) oder „Tragik und Groteske zerfließen ineinander“ (R.P., „Die Post“), man nannte das Stück am 28.9.1905 einen „Kopfläufer“ (Paul Lerch, „Germania“) oder am 29.9.1905 „ein aus Ödipus und Sphinx [...] scheußlich zusammengekuppeltes Ungeheuer“ (Julius Hart, „Der Tag“) [vgl. KSA 6, S. 551-558]. ist über Hidalla geschrieben worden.)

Sobald ich irgend kann, komme ich ins Theater; und schlage Ihnen für den Nachmittag ein RendezvousWalther Rathenau, der Wedekind ein Treffen womöglich gemeinsam mit Maximilian Harden vorgeschlagen hatte [vgl. Walther Rathenau an Wedekind, 3.10.1905], schrieb am 4.10.1905 an Harden: „Cher, ich habe Wedekind auf Sonnabend eingeladen; er spielt und kommt erst um 11h Wollen wir zusammen vorher das Stück sehen? Wir können ihn dann gleich mit nach Hause nehmen. Ein Telephonwort, damit ich Billets besorgen kann.“ [Hellige 1983, S. 424] Rathenau hat auf diesen Brief ein markantes Wedekind-Porträt gezeichnet [vgl. Hellige 1983, S. 430], das Harden „fabelhaft ähnlich“ [Hellige 1983, S. 428] fand. Er hat diesen Brief zu schreiben Wedekind angekündigt sowie die Uhrzeit am 7.10.1905 (Samstag) – 23 Uhr nach der „Hidalla“-Vorstellung (siehe oben) – bestätigt [vgl. Walther Rathenau an Wedekind, 4.10.1905]. Harden antwortete Rathenau am 5.10.1905, er fühle sich krank und könne Wedekind daher „leider nicht sehen. [...] Ob ichs Sonnabend kann, weiß Jahwe. [...] aber etwa orgiastisch zu schwärmen, wäre in meinem Zustand (3 Tage 40°) ganz unmöglich. Wie gräßlich leid mirs tut, wissen Sie. Hätten Sie, weniger despotisch, mich gefragt! Es ist fast stillos, daß ich nicht dabei sein soll. [...] Hidalla müssen wir jedenfalls zusammen sehen.“ [Hellige 1983, S. 428] Daraufhin suchte Rathenau Harden am 6.10.1905 zu überreden: „Sie müssen morgen abend kommen, wenn Sie ein netter Kerl sind. Ich habe W. ausdrücklich um einen Endtag gebeten, um Sie zu ‚sichern‘. Eben habe ich ihm notificiert, daß Sie auszubrechen suchten, weil ich weiß, daß er sich auf Sie spitzt, und anheimgestellt, zu verschieben, wenn er das Risico nicht will.“ [Hellige 1983, S. 430] Das Treffen zu dritt am 7.10.1905 im Anschluss an die „Hidalla“-Vorstellung fand stand, wie Wedekind notierte: „Triclinium mit Harden und Rathenau.“ [Tb] vor. Hierher kann ich Sie, da Sie jeden Abend spielen, leider nicht locken.

Ich freue mich aufrichtig, Sie wiederzusehenÜber das Wiedersehen zu dritt ‒ Wedekind, Harden und Rathenau (siehe oben) ‒ am 7.10.1905 nach der Vorstellung von „Hidalla“ schrieb Rathenau am 8.10.1905 an Harden: „Lieber Maxim, es war doch ein famoser Abend [...]. Wedekind, in seiner neuen Erscheinung, war weniger Rätsel, aber sympathischer. Auch hat der große Eindruck der Vorstellung mich für ihn gestimmt.“ [Hellige 1983, S. 431], danke Ihnen für Ihren Briefein Kartenbrief [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 2.10.1905]. und bin mit herzlichem Gruß,
Ihr
Harden


Eigentlich müßten Sie selbst Etwas über Ihr Drama schreibennicht realisierter Vorschlag; eine Stellungnahme Wedekinds zu „Hidalla“ ist in der Wochenschrift „Die Zukunft“ (Herausgeber: Maximilian Harden) nicht erschienen.. Ich wills auch versuchenMaximilian Harden äußerte sich über „Hidalla“ gut drei Monate später in einem großen Artikel über Wedekinds Gesamtwerk, indem er unter anderem bemerkte: „Hetmann ist das [...] mit dem Fluch der Lächerlichkeit beladene soziale Genie, das zusehen muß, wie andere, Hohlköpfe und Lumpen, munter Kinder zeugen, das mit dem Zwergriesenschädel gegen die Mauer des Familienhauses rennt“ ‒ ausgedrückt sei in der Figur „leidenschaftlicher Glaube, so mächtig der Rhythmus einer Persönlichkeit, daß dieser schönheitssüchtige Krüppel, der doch baren Unsinn bekennt, als ein echter Prinz aus Genieland vor uns steht.“ [M.H.: Theater. In: Die Zukunft, Bd. 54, Jg. 14, Nr. 25, 13.1.1906, S. 77-86, hier S. 86]. Das wäre aber kein Hinderniß.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 4. Dezember 1905 (Montag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Postkarte


An Herrn Frank Wedekind
in Berlin NW
Wohnung (Straße und Hausnummer) Schiffbauerdamm 6 III |

Grunewald, 4/12 1905


Hochgeehrter Herr Wedekind,

mein VersuchMaximilian Harden dürfte die Postkarte an Wedekind unmittelbar nach seinem Besuch, bei dem er Wedekind in seiner Wohnung am Schiffbauerdamm 6 nicht antraf, geschrieben haben. Da die Postkarte zwischen 10 und 11 Uhr abgestempelt ist, fand der erfolglose Besuch davor statt. Wedekind hatte am 4.12.1912 vormittags „Arrangierprobe Marquis von Keith“ [Tb] im Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) – er spielte die Titelrolle in der Berliner Inszenierung des „Marquis von Keith“, deren Premiere am 13.12.1905 stattfand., Sie in Ihrer Wohnung zu finden, ist leider mißglückt; und da ich, wie immer, Visitenkarten vergessen hatte, konnte ich nicht mal acte de présence machenRedewendung ‚pour faire acte de présence‘ (frz.) = sich zeigen, präsent sein..

Meine zweimonatige akute KrankheitMaximilian Harden litt unter schmerzhaften Hautentzündungen und zog diverse Ärzte zu Rate. „Beständig die abscheuliche Furunkelei“, gegen die „fast nichts“ [Hellige 1983, S. 436] zu machen sei, klagte er Walther Rathenau am 2.11.1905, über die daraus resultierende gelegentliche „fast völlige Unbeweglichkeit des Arms“ [Hellige 1983, S. 438] am 8.11.1905, außerdem: „Vier Wochen Fieber“ [Hellige 1983, S. 439]. Dazu kamen heftige Zahnschmerzen und Zahnbehandlungen; davon hat er zwei Monate zuvor auch Wedekind geschrieben [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 4.10.1905]. hat mich um die Freude gebracht, Sie sehen zu können. Vielleicht haben Sie in einer zweiten WochenhälfteMaximilian Harden war Anfang der Woche stets sehr beschäftigt, da er dienstags das jeweilige Heft der „Zukunft“ im Einmannbetrieb fertig redigierte. „Die Zukunft“ erschien, jeweils datiert auf den folgenden Samstag, immer freitags. Wedekind wusste von Rathenau [vgl. Walther Rathenau an Wedekind, 3.10.1905], dass Harden Verabredungen von Donnerstag bis Samstag besser passten. mal Zeit und Lust, hier oder in der Stadt mit mir zusammenzuseinWedekind sah Maximilian Harden am 7.12.1905 bei einem Diner bei Walther Rathenau wieder (ohne die Begegnung zu notieren): „Abends großes Diner bei Rathenau. Ich führe Frau Kommerzienrath Deutsch zu Tisch.“ [Tb] Harden bedankte sich am 8.12.1905 bei Rathenau für den Abend: „Dank für gestern. Es war sehr schön. Deutschs [...] hatte die ungemeine Güte, mich heraus zu fahren.“ [Hellige 1983, S. 446].

Mit verbindlichen Grüßen
ergeben
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 5. Dezember 1905 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Lieber verehrter Herr Harden!

ich bedaure ungemein, daß Sie sich zu mir bemühtvgl. Maximilian Harden an Wedekind, 4.12.1905. haben, ohne daß ich die Freude hatte Sie zu sehen. Um so mehr freut es mich, daß Sie endlich Ihren Schmerzen und Leidenvgl. Maximilian Harden an Wedekind, 4.12.1905. enthoben sind. Wenn ich den nächsten Dienstagder 12.12.1905, an dem die „Generalprobe“ [Tb] zu Wedekinds Gastspielpremiere in der Titelrolle des „Marquis von Keith“ am 13.12.1905 am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin stattfand. hinter mir | habe, werde ich mir auch das Vergnügen nicht nehmen lassen, Sie aufzusuchenEin Besuch Wedekinds bei Maximilian Harden in den Tagen nach dem 12.12.1905 ist nicht belegt../,/ an einem der ersten Wochentage.

Mit den herzlichsten Glückwünschen zu Ihrer Wiedergenesung und ergebenstem Gruß
Ihr
Frank Wedekind.


5 XII 5.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 18. Januar 1906 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Kleines Theater zu Berlin
Direktion und Bureau: Unter den Linden 44

den 190


Lieber verehrter Herr Harden,

empfangen Sie meinen innigen DankWedekind bedankte sich bei Maximilian Harden für einen Artikel über sein Gesamtwerk [vgl. M.H.: Theater. In: Die Zukunft, Bd. 54, Jg. 14, Nr. 25, 13.1.1906, S. 77-86]. Walther Rathenau schrieb Harden am 20.1.1906 von seiner „vollen Freude über Ihren schönen Wedekind-Essay“ [Hellige 1983, S. 452] und Hedwig Pringsheim meinte in ihrem Brief an Harden vom 23.1.1906: „Famos der Wedekind; so gutes, treffendes hat noch niemand über ihn gesagt. Habe mich richtig drüber gefreut.“ [Neumann 2006, S. 42] für das glänzende Spiegelbild, das Sie mir vorhalten. Ich bin stolz auf das unverkennbare Wohlwollen, mit dem Sie das Bild vom ersten bis zum letzten Strich gezeichnet haben, und werde glücklich sein, wenn das Bild im Lauf der Jahre nicht schlechter wird als es heute ist. Ich hoffe mich Ihrer Güte dadurch würdig zu zeigen, daß ich auch in schärferen Beurtheilungen immer nur den Beweis Ihrer | Freundschaft sehe.

Eben komme ich aus der Hauptmannschen GeneralprobeWedekind notierte am 18.1.1906: „Generalprobe von ,Und Pippa tanzt‘ im Lessingtheater“ [Tb]. Gerhart Hauptmann notierte dazu am 19.1.1906: „‚Pippa‘ Gestern war Generalprobe. Wedekind war sehr mitgenommen. Sagte, ich habe mich übergipfelt. [...] W[edekind] stürzte auf die Bühne und in dem erstrebten und überlebten Jargon duzte er Pippa. Es riss mich.“ [Tb Hauptmann] Gerhart Hauptmanns Drama „Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen“ (1906) wurde am 19.1.1906 im Berliner Lessingtheater unter der Regie von Otto Brahm mit Ida Orloff in der Titelrolle uraufgeführt; Beginn der Vorstellung: 19.30 Uhr [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 33, 19.1.1906, Morgen-Ausgabe, 1. Beiblatt, S. (4)]. Wedekind war in der Vorstellung, wie er am 19.1.1906 festhielt: „Uraufführung von ‚Und Pippa tanzt.‘“ [Tb]. Ich bildete mir ein auf diesem oder jenem Gebiet mit ihm ringen zu können. Nun zerschlägt mir dieser Großkaufmann mit einer einzigen Schiffsladung meinen ganzen Gemüsekram. Mit dem einen Stück thut er den Sprung bis ans letzte Ende, jenseits desses/n/ es nichts mehr giebtMaximilian Harden, dem Gerhart Hauptmanns Stück „Und Pippa tanzt!“ nicht gefiel, berichtete Walther Rathenau am 20.1.1906 von Wedekinds Brief: „Wedekind schrieb mir, über dieses Werk hinaus gebe es nichts mehr.“ [Hellige 1983, S. 451].

Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


18.I.6Wedekind notiert am 18.1.1906: „Brief an Harden.“.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 19. Januar 1906 (Freitag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Postkarte


An Herrn Frank Wedekind
in Berlin NW
Wohnung (Straße und Hausnummer) Schiffbauerdamm 6 |


Grunewald, 19.1.06


Lieber Herr Wedekind,

für Ihre sehr liebenswürdigen Wortevgl. Wedekind an Maximilian Harden, 18.1.1906. danke ich Ihnen aufrichtig. Ich bin zufrieden, wenn Sie nicht unzufrieden sind; hätte selbst aber meinem VersuchMaximilian Harden hat in einem Aufsatz Wedekinds Gesamtwerk gewürdigt [vgl. M.H.: Theater. In: Die Zukunft, Jg. 14, Nr. 25, 13.1.1906, S. 77-86]. noch viel besseres Gelingen gewünscht. Doch läßt MinervaGöttin der Künste und des Handwerks in der antiken Mythologie, hier Metapher für die schriftstellerische Tätigkeit des Literatur- und Theaterkritikers Maximilian Harden. sich nicht kommandiren. Ich hoffe, Sie bald wiederzusehenMaximilian Harden sah Wedekind spätestens am 26.1.1906 in größerem Kreis wieder, wie Wedekind notierte: „Abendgesellschaft bei Borchardt mit Reinhart Rathenau Harden Holländer, Salten, Sandrock und Tilly.“ [Tb]; bald und lange.

Mit herzlichen Grüßen bin ich
Ihnen ergeben
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 11. März 1906 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Schiffbauerdamm 6. III

11.III.6.


Sehr geehrter Herr Harden!

Würden Sie mir die große Freude machen, Donnerstag, den 15. Abends 8 Uhr mit Herrn Dr. Rathenau Frau Eysoldt und mir zu Abend zu essen und zwar Markgrafenstraße No 52.A im ersten StockDas Restaurant von Jean Hupka, ein Gastwirt, der auch eine Weinhandlung betrieb, lag im 1. Stock der Markgrafenstaße 52a [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 919]. Im selben Haus gab es noch eine andere Weinhandlung., wo wir voraussichtlich unter uns | sein werden.

Ich würde mich unendlich freuen, wenn wir uns endlich einmal wieder in vertrautem KreisWedekind hat Maximilian Harden zuletzt dem Tagebuch zufolge nur größerem Kreis gesehen – so am 26.1.1906 („Abendgesellschaft bei Borchardt mit Reinhart Rathenau Harden Holländer, Salten, Sandrock und Tilly“) und zuvor am 4.1.1906 („Abend bei Kommerzienrat Deutsch“). Wedekind dachte vermutlich an intimere Zusammenkünfte wie zuletzt den Abend mit Maximilian Harden und Walther Rathenau am 7.10.1905 [vgl. Tb]. sprechen könnten.

Ich bitte Sie, meine ergebensten Grüße entgegenzunehmen.
Ihr
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 12. März 1906 (Montag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 12/3 06


Sehr geehrter Herr Wedekind,

herzlichen Dank für Ihre liebenswürdige Einladungzu einem gemeinsamen Abendessen mit ihm, Walther Rathenau und Gertrud Eysoldt in einem Restaurant [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 11.3.1906].! Ich bin traurig, daß ich ihr nicht folgen kannMaximilian Harden erwähnte die ‚halbe‘ Absage in seinem Brief an Walther Rathenau vom 15.3.1906: „Zu Wedekind werde ich nicht kommen. [...] Ich hatte W. bereits halb abgeschrieben; die andere Hälfte folgt morgen.“ [Hellige 1983, S. 466]. Es wäre auch mir eine große Freude gewesen, endlich einmal wieder ohne viele Menschen mit Ihnen zusammenzusein. Doch hoffe ich bestimmt, daß es bald möglich sein wird.

Mit bestem Gruß bin ich
Ihnen ergeben
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 12. März 1906 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Rohrpost

Kartenbrief


An
Herrn Maximilian Harden
in Grunewald Colonie
Wohnung (Straße und Hausnummer) Wernerstrasse 16. |


Sehr geehrter Herr Harden,

Frau Eysoldt sagt mir ebenGertrud Eysoldt schrieb Wedekind, sie sei am 15.3.1906 verreist, da sie in Bromberg (Bydgoszcz) die Elektra (die Titelfigur in der Tragödie des Sophokles) und Salome (die Titelfigur im Einakter von Oscar Wilde) spiele und erst am 17.3.1906 früh zurück in Berlin sei; sie schlug vor, das gemeinsame Abendessen auf den 17.3.1906 (Samstag), zu verschieben und bat, Walther Rathenau und Maximilian Harden zu grüßen [vgl. Gertrud Eysoldt an Wedekind, 12.3.1906]., daß s/S/ie Donnerstagder 15.3.1906. Wedekind hatte die Einladung an Maximilian Harden zu dem gemeinsamen Essen mit ihm, Walther Rathenau und Gertrud Eysoldt für diesen Abend ausgesprochen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 11.3.1906]. auswärts gastiere, sich aber sehr freuen würde wenn wir Sonnabendder 17.3.1906 (Samstag). zusammenkommen könnten. Würden Sie mich bis/t/te wissen lassen, ob es Ihnen auch Sonnabend am gleichen Ortim Restaurant Jean Hupka in Berlin (Markgrafenstaße 52a, 1. Stock), wie Wedekind angegeben hat [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 11.3.1906]. zur gleichen StundeWedekind hat 20 Uhr für das gemeinsame Abendessen am 15.3.1906 vorgeschlagen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 11.3.1906]. Das Souper im Restaurant Jean Hupka (siehe oben) fand dann mit Gertrud Eysoldt und Walther Rathenau ‒ allerdings ohne Maximilian Harden, der Wedekind am 12.3.1903 absagte (diesen Brief hatte Wedekind noch nicht erhalten, als er Harden den vorliegenden Kartenbrief schrieb), dafür mit Tilly Newes und Emil Gerhäuser ‒ am 17.3.1906 zu späterer Stunde statt (zuvor besuchte Wedekind andernorts ein Diner): „Diner bei Frau Dr. Löwenfeld [...]. Souppe mit Gertrud Eysold Tilly Gerhäuser und Rathenau.“ [Tb] passen würde.

Mit herzlichem Gruß
Ihr
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 14. März 1906 (Mittwoch)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 14/3 06


Sehr geehrter Herr Wedekind,

ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Liebenswürdigkeitvgl. Wedekind an Maximilian Harden, 12.3.1906.; und verwünsche mein Mißgeschick. Seit Wochen trachte ich, von den russischen Spielerndie Schauspieler und Schauspielerinnen des Moskauer Künstlertheaters, das unter der Leitung von Konstantin Sergejewitsch Stanislawski und Wladimir Iwanowitsch Nemirowitsch-Dantschenko ein vom Berliner Publikum und von der Kritik begeistert aufgenommenes Gastspiel am Berliner Theater hatte; es wurde am 23.2.1906 mit Alexei Tolstois Tragödie „Zar Fedor Iwanowitsch“ eröffnet, dem zweiten Teil der Trilogie über den russischen Großfürsten Boris Godunow zur Zeit des Zaren Fjodor I, und dauerte bis zum 24.3.1906., wie die Pflicht gebietet, das Zarendrama zu sehen. Immer trafs meine Arbeitstage. Nun habe ich endlich für Sonnabend vorgemerktfür den 17.3.1906 (Samstag), an dem die Vorstellung des Moskauer Künstlertheaters (siehe oben), die Maximilian Harden besuchte und in der „Zukunft“ besprach, um 19.30 Uhr begann: „Gastspiel des Moskauer Künstlerischen Theaters [...] Zar Feodor Joannowitsch“ [Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 139, 17.3.1906, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, S. (3)]. Maximilian Harden schrieb am 15.3.1906 an Walther Rathenau über den kommenden Samstag: „Zu Wedekind werde ich nicht kommen. Wenn ich wohl genug bin, werde ich an diesem Abend endlich das Zarenstück bei den Russen sehen.“ [Hellige 1983, S. 466]. Jammervoll. Wenn ich in meinem morschen Leib noch ein Bischen Kraft behalte, komme ich nachher noch auf ein Stündchen (Essen bekommt mir ohnehin so schlecht); es wäre mir wirklich eine Freude, Sie endlich ohne Schwarmnicht in größerer Runde. wiederzusehen. Und gehts diesmal nicht, so müssen Sie mir in der nächsten Woche, mittags, nachmittags, abends, eine Stunde schenken.

Herzlich grüßt
Ihr
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 15. März 1906 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Sehr geehrter Herr Harden!

Verbindlichsten Dank für Ihre ZusageWedekind, der am 13.3.1906 früh zu einem Gastspiel nach Dresden gereist, am 14.3.1906 aber abends wieder zurück in Berlin war [vgl. Tb], beantwortet einen Brief [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 14.3.1906], der nicht als Zusage zu seiner Einladung zu dem gemeinsamen Abendessen, das nun am 17.3.1906 (Samstag) stattfinden sollte, gedacht war, sondern als ‚halbe‘ Absage. Maximilian Harden schrieb am 15.3.1906 an Walther Rathenau: „Ich hatte W. bereits halb abgeschrieben; die andere Hälfte folgt morgen.“ [Hellige 1983, S. 466]. Wenn Sie von den Russen kommenvom Gastspiels des Moskauer Künstlertheaters, der Vorstellung am 17.3.1906 [vgl. Maximilian Harden an Wedekind 14.3.1906]., werden Sie uns um so mehr bringen. Eben sagt mir Herr Dr. Rathenau zuWalther Rathenau teilte Wedekind mit, er sei am 17.3.1906 durch ein Geschäftsessen verpflichtet, werde aber wohl später am Abend noch zu dem Beisammensein dazukommen [vgl. Walther Rathenau an Wedekind, 14.3.1906]. Er schrieb am 16.3.1906 an Maximilian Harden, das werde möglicherweise erst um 23 Uhr sein: „Zu Wedekind komme ich erst ‒ wenn überhaupt ‒ um 11 h.“ [Hellige 1983, S. 468] Harden antwortete Rathenau am 17.3.1906: „Famos selbst im Detailgeschäft unser Frank (schon der Name ist Hochstapelei). Als ich ihm abgeschrieben hatte, dankte er rohrpustend ,für die frdl. Zusage‘. Und meldete, auch Dr. R. habe zu seiner Freude zugesagt. Nun sehe ich, daß Sie auch nicht oder wenigstens erst nach der Kaffeepause kommen.“ [Hellige 1983, S. 469]. Also auf Sonnabend.

Mit herzlichem Gruß
Ihr
FrWedekind


15.III 6.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. März 1906 (Freitag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Postkarte


An
Herr Frank Wedekind
in Berlin NW
Wohnung (Straße und Hausnummer) Schiffbauerdamm 6 III. |


Grunewald, 16/3 06


Sehr geehrter Herr Wedekind,

herzlichen Dank für Ihre liebenswürdigen Wortevgl. Wedekind an Maximilian Harden, 15.3.1906..

Aber Sie dürfen sich morgen durch mich nicht stören lassen. Ich bin so wenig wohl, daß ich gar nicht sagen kann, ob mirs möglich sein wird, nach dem TheaterMaximilian Harden besuchte am 17.3.1906 die Gastspielvorstellung des Moskauer Künstlertheaters am Berliner Theater. noch zu kommen; umso weniger, als ich leider heute abends ausgehen mußMaximilian Harden besuchte am 16.3.1906 einen Empfang der Berliner Literarischen Gesellschaft, bei der Maxim Gorki zu Gast war. Maxim Gorki wurde, wie Maximilian Harden am 17.31906 an Walther Rathenau schrieb, neben Lou Andreas-Salomé, „die Halbrussin, gepackt.“ [Hellige 1983, 468] Den Tag darauf traf auch Wedekind mit dem russischen Schriftsteller zusammen, wie er am 17.3.1906 notierte: „Diner bei Frau Dr. Löwenfeld mit Gorki e.ct.“ [Tb] Nach diesem Diner ging Wedekind zu dem Beisammensein, zu dem er eingeladen hatte (siehe die vorangehende Korrespondenz).. Wenn ich irgend kann, ist mirs natürlich eine Freude, noch auf ein HalbstündchenMaximilian Harden kam nicht. Sie u. Ihre FreundeWedekind notierte am 17.3.1906 als seine Gäste Gertrud Eysoldt, Tilly Newes, Emil Gerhäuser und Walther Rathenau: „Souppe mit Gertrud Eysold Tilly Gerhäuser und Rathenau.“ [Tb] zu sehen. Aber Sie dürfen mich nicht erwarten.

Herzlich der Ihre
H.


Gratulire für RenaissanceMaximilian Harden bezieht sich auf eine Pressemeldung: „Im Kleinen Theater wird am nächsten Montag Frank Wedekinds ‚Hidalla‘, mit dem Dichter in der Hauptrolle, nach längerer Pause wieder zur Aufführung gelangen.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 126, 16.3.1906, Morgen-Ausgabe, S. 9] In der Tat wurde Wedekinds Tagebuch zufolge am 19.3.1906 noch eine Vorstellung „Hidalla“ gegeben. von „Hidalla

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. März 1906 (Samstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Postkarte


An
Herr Frank Wedekind
in Berlin NW
Wohnung (Straße und Hausnummer) Schiffbauerdamm 6 III. |


Grunewald, 17/3 06


Sehr geehrter Herr Wedekind,

eine niederträchtige Migraine erlaubt mir nur, Ihnen und Ihren GästenMaximilian Harden kam nicht zu dem Souper am 17.3.1906, zu dem Wedekind eingeladen hatte (siehe die vorangehende Korrespondenz). Es kamen, wie ursprünglich gedacht, Gertrud Eysoldt und Walther Rathenau, außerdem Tilly Newes und Emil Gerhäuser, wie Wedekind am 17.3.1906 notierte: „Souppe mit Gertrud Eysold Tilly Gerhäuser und Rathenau.“ [Tb] herzliche Wünsche und Grüße zu senden.

Ich hoffe, Sie recht bald zu sehen.

Sehr ergeben
Ihr
H.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. November 1906 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Lieber verehrter Herr Harden!

Morgen Vormittag 10 Uhr soll wenn ich recht unterrichtet bin GeneralprobeEs handelte sich am 17.11.1906 lediglich um eine Probe, wie Wedekind notierte: „Vormittags Probe in Gegenwart von Harden.“ [Tb] Hermann Bahr notierte dazu: „Auf der Probe große Confusion, weil Herr Henrich, [...] der [...] den Moritz Stiefel, die Hauptrolle, spielen soll, eine Mittelohrentzündung hat und absagt; [...] Probe natürlich verworren und ärgerlich. Ich tratsche mit Maximilian Harden, der zufällig da ist.“ [Tb Bahr, Bd. 5, S. 149] Als Ersatz für Georg Henrich wurde spät abends Alexander Moissi gewonnen. Die Generalprobe fand dann am 19.11.1906 statt: „Abends Generalprobe.“ [Tb] „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie“ wurde am 20.11.1906 in den Kammerspielen des Deutschen Theater (Direktion: Max Reinhardt) zu Berlin uraufgeführt (mit Wedekind in der Rolle des vermummten Herrn), 15 Jahre nach dem Erstdruck des Stücks, in einer Fassung, die am 24.10.1906 von der Zensur freigegeben worden war [vgl. Tb]. Maximilian Harden hatte am 14.10.1906 eines der Gutachten für eine Genehmigung der Berliner Uraufführung verfasst [vgl. KSA 2, S. 932f.] und trug „maßgeblich dazu bei, daß das Stück gespielt werden kann“ [KSA 2, S. 921]. Die Berliner Inszenierung unter der Regie von Max Reinhardt wurde zum großen Theatererfolg und „bleibt auf Jahre hin vorbildlich.“ [KSA 2, S. 921] von Fr. Erwachen stattfinden. Um wie viel Uhr, das werde ich Ihnen später noch mittheilen. Darf ich Sie nun ersuchen, Ihrem Versprechen | gemäßWedekind hatte Maximilian Harden in den Wochen zuvor häufig getroffen oder besucht, wie sein Tagebuch dokumentiert. Er sah ihn am 12.10.1906, am 14.10.1906, am 19.10.1906, am 20.10.1906, außerdem notierte er am 3.11.1906: „Nachmittags im Grunewald“ [Tb] ‒ dort wohnte Harden. Bei diesen Begegnungen dürfte die anstehende Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ durch Max Reinhardt Thema gewesen und Harden, der in Besetzungsfragen, in der Programmgestaltung und bei Proben häufig Hilfestellung für Max Reinhardt leistete, sein Versprechen, die Generalprobe zu besuchen, gegeben haben. zu kommen? Einiges ist zwar noch sehr unfertig, aber eben deshalb. Ihr Eindruck wird mir und ich glaube auch Reinhart von großem Werth sein. Eine ganz entzückende WendlaDie Rolle der Wendla Bergmann in „Frühlings Erwachen“ spielte in Max Reinhardts Inszenierung (siehe oben) Camilla Eibenschütz, Schauspielerin im Ensemble des Deutschen Theaters [vgl. Neuer Theater-Almanach 1907, S. 287]. wird Sie für die geopferte Zeit vielleicht schon reichlich entschädigen.

Herr Sally Liebling bom|bardiert mich mit Anfragen, wann die in Aussicht genommene UnterredungSally Liebling, Mitinhaber der Konzertdirektion Julius Sachs in Berlin [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 1317], war an einer Unterredung mit Maximilian Harden gelegen, um eine Lesung von ihm zu organisieren [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 17.11.1906]. Wedekind hatte ihn selbst schon einmal konsultiert, wie er am 29.12.1905 notierte: „Nachmittag bei Liebling wegen Vortrag.“ [Tb] stattfinden werde.

Mit der Bitte, Ihrer verehrten Frau Gemahlin meine ergebensten Empfehlungen auszusprechen
Sie herzlich grüßend
Ihr
Frank Wedekind


16.11.6.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. November 1906 (Samstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Postkarte


An
Herr Frank Wedekind
in Berlin W
Wohnung (Straße und Hausnummer) Kurfürstenstr. 125 III |


Grunewald, 17/11 06


Lieber Herr Wedekind,

nochmals Dank für Ihren Briefvgl. Wedekind an Maximilian Harden, 16.11.1906.. Die Vorlesung muß ich etwas vertagen; ich werde mich dann mit Herrn L. in Verbindung setzenSally Liebling, Mitinhaber der Konzertdirektion Julius Sachs in Berlin, war an einer Unterredung mit Maximilian Harden interessiert [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 16.11.1906], um eine Lesung von ihm zu organisieren..

Wird die Aufführung Ihres schönen Gedichtes verschobenDie Uraufführung von „Frühlings Erwachen“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) in Berlin fand am 20.11.1906 statt – wie angekündigt: „Die nächste Novität der Kammerspiele des Deutschen Theaters ist Frank Wedekinds Kindertragödie ‚Frühlings Erwachen‘. Die Premiere findet am Dienstag, 20. November vor den Abonnenten der Kammerspiele statt. Die Regie führt Max Reinhardt.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 580, 14.10.1906, Morgen-Ausgabe, S. (3)], so würde ich empfehlenWedekind gab die vorliegende Postkarte mit den Empfehlungen für die Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ an Max Reinhardt weiter [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 30.11.1906]., das Ganze um ein paar Zoll vom Erdboden zu heben, ins Lyrische, ins Wunderland der Phantasie. „Nichts für ungutgebräuchliche Redewendung (eine Bitte, etwa nicht übel nehmen zu nehmen).“, sagt man altmodisch in solchem Fall.

Herzlich Ihr
H

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. November 1906 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Sehr verehrter Herr Harden!

Es wird also nichts aus einem gemeinschaftlichen Wirkennicht ermittelt. Das Vorhaben hätte dem vorliegenden Brief zufolge gemeinsame Reisen eingeschlossen, womöglich Vortragsreisen.. Schade! Schade! Hier in Berlin sehe ich Sie ja auch sonst dann und wann, aber sehr leid thut es mir um etwaige gemeinschaftliche Reisen, auf die ich mich schon so gefreut hatte. Es ist wirklich schade!

Ihr Urtheil, das Sie mir als Ergebnis Ihres BesuchesMaximilian Harden besuchte am 17.11.1906 eine Probe von „Frühlings Erwachen“ [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 16.11.1906], die erste und letzte vor der Generalprobe zur Uraufführung. | der einen Probe auf der liebenswürdigen Karteeine Postkarte [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 17.11.1906]. schrieben entsprach durchaus meinem Gefühl. Ich gab Ihre Zeilen sofort an Reinhartals Briefbeilage [vgl. Wedekind an Max Reinhardt, 18.11.1906]. weiter

In einer WeinstubeIm Tagebuch ist ein Besuch Wedekinds in der Weinstube Eugen Steinert in Charlottenburg (Kurfürstendamm 22) erstmals am 14.12.1905 dokumentiert, danach bis zum vorliegenden Brief noch 21 Besuche, der letzte am 29.11.1906 zusammen mit Tilly Wedekind, Ida Orloff und Albert Steinrück: „Nachts mit Tilly Iduschka und Steinrück bei Steinert“ [Tb]., in der ich jetzt dann und wann nach der Vorstellung sitze, erfuhr ich, daß auch Sie früher öfter dort waren und so kam mir der Gedanke, ob Sie sich dazu nicht vielleicht auch jetzt wieder entschließen würden. Die Weinstube heißt Eugen | Steinert und liegt am Kurfürstendamm, neben dem Café des Westens, nicht zu verwechseln mit Steinert und Hansen, das gegenüber neben Austernmeier liegt. Heute Freitag Abend habe ich mich auf 11 Uhrum 23 Uhr. Wedekind notierte die Zusammenkunft in der Weinstube Eugen Steinert (siehe oben) am 30.11.1906: „Nachts mit Franz Evers, Konrad Ansorge Gerhäuser und Braun bei Steinert.“ [Tb] mit Franz nicht Hans Heinz Ewers dorthin verabredet. Vielleicht kommt auch Emil Gerhäuser, der in Halensee wohnt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß uns Ihr Erscheinen eine sehr große Freude wäre. Aber vielleicht ist Ihnen die Stunde zu spät. Dann würde | ich um die Erlaubnis bitten, Sie einandermal, wenn wir wieder dortWedekind besuchte die Weinstube Eugen Steinert (siehe oben) zwar sehr häufig, Maximilian Harden war dort aber nachweislich erst am 19.4.1907 in einer Runde mit dabei: „bei Steinert mit Harden Rathenau und Theodor Wolff und Cassirer Durieux Tilli.“ [Tb] zusammen kommen, telephonisch benachrichtigen zu dürfen.

Aber ein gnädiger günstiger Zufall könnte es Ihnen ja vielleicht auch heute passend erscheinen lassen.

Darf ich Sie bitten, Ihrer verehrten Frau Gemahlin meine ergebensten Empfehlungen aussprechen zu wollen.

Mit besten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


30.11.6.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. November 1906 (Freitag)
von Wedekind, Frank, Evers, Franz und Gerhäuser, Emil
an Harden, Maximilian

[Hinweis in Maximilian Hardens Postkarte an Wedekind vom 2.12.1906 aus Berlin:]


Ihnen und Ihren Freunden danke ich aufrichtig für den liebenswürdigen Gruß.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 1. Dezember 1906 (Samstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 1.12.06


Hochgeehrter Herr Wedekind,

ich danke Ihnen sehr für Ihren liebenswürdigen Briefvgl. Wedekind an Maximilian Harden, 30.11.1906 (Brief).. Leider war ich gestern nicht wohl genug, um ausgehenWedekind hatte Harden eingeladen, zu einem Beisammensein in die Weinstube Eugen Steinert in Charlottenburg zu kommen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 30.11.1906 (Brief)]. zu können. Ich werde aber sehr gern nächstens ein Rendezvous vorschlagen. Sie wissen ja, wie ich mich freue, Sie wiederzusehen. Alles Andere besprechen wir dann. Herzlich beglückwünsche ich Sie zum großen Erfolgvon „Frühlings Erwachen“ (1891), am 20.11.1906 an den Kammerspielen des Deutschen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) uraufgeführt und ein überwältigender Erfolg [vgl. KSA 2, S. 920f.]. Harden hat das Stück in einer regulären Vorstellung noch nicht gesehen, war aber bei einer Probe dabei gewesen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 16.11.1906]..

Mit besten Grüßen
und der Bitte, mich Ihrer verehrten Gattin zu empfehlen
bin ich
Ihnen sehr ergeben
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 2. Dezember 1906 (Sonntag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

(Postkarte: Herrn Frank Wedekind
Berlin W Kurfürstenstr. 125)


Grunewald 2/12 06


Sehr geehrter Herr Wedekind,

Ihnen und Ihren FreundenMaximilien Harden bezieht sich auf die Runde, die am 30.11.1906 um 23 Uhr in die Weinstube Eugen Steinert (Kurfürstendamm 22) zusammenkam sowie ihm geschrieben hat – darunter Franz Evers und Emil Gerhäuser (siehe unten) – und zu der Wedekind ihn am selben Tag eingeladen hatte [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 30.11.1906]. danke ich aufrichtig für den liebenswürdigen Grußnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Maximilian Harden, 30.11.1906. Die Postkarte (oder Bildpostkarte) wurde spät abends in der Weinstube Eugen Steinert (Kurfürstendamm 22) geschrieben und wahrscheinlich von Franz Evers und Emil Gerhäuser mitunterschrieben, die Wedekind nannte, als er Harden vorschlug, an diesem Abend um 23 Uhr dorthin zu kommen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 30.11.1906], vielleicht auch von Konrad Ansorge und Georg Braun. Wedekind notierte am 30.11.1906: „Nachts mit Franz Evers, Konrad Ansorge Gerhäuser und Braun bei Steinert.“ [Tb]. Ich werde mich sehr freuen, wenn ich bald mit Ihnen zusammen sein kann.

Herzlich grüßt Sie
Ihr
Harden


Von allen Seiten höre ichMaximilian Harden, der noch keine Vorstellung besucht hatte, dürfte von Personen im Umkreis des Deutschen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) auf den überwältigenden Erfolg von „Frühlings Erwachen“ angesprochen worden sein. Hermann Bahr, in den Jahren 1906/07 als Regisseur bei Max Reinhardt tätig, schrieb Harden am 5.12.1906 im Auftrag des Deutschen Theaters, man habe ihn „wieder ersucht, Ihnen zu sagen, daß man hier schon ein bischen gekränkt ist, wie Sie sich neuestens ,um unser Theater kümmern‘, noch nicht einmal in einer Aufführung von ‚Frühlings Erwachen‘ waren“ [Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Maximilian Harden, Nr. 2]. Erst Wochen später erschien in der „Zukunft“ eine sehr positive Besprechung des Stücks, die allerdings nicht von Harden stammte, sondern von Lou Andreas-Salomé [vgl. Lou Andreas-Salomé: Frühlings Erwachen. In: Die Zukunft, Jg. 15, Nr. 16, 19.1.1907, S. 97-100]., zu m. Freude, wie tief Ihr „Frühling“ wirkt.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 29. Dezember 1906 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Sehr geehrter Herr Harden!

Darf ich Sie um die Ehre bitten, nächsten Freitag, 4. JanuarWedekind hat am 4.1.1907 seine Gäste (Walther Rathenau, Max Reinhardt, Emil Gerhäuser, Heinrich Welti, Rudolf Blümner, Efraim Frisch, Arthur Kahane, Edmund Reinhardt, Felix Hollaender und Paul Cassirer) im exquisiten Weinlokal F. W. Borchardt in Berlin (Französische Straße 47/48) notiert: „Gastmahl bei Borchardt Rathenau Reinhart Gerhäuser Welti Blümner Frisch, ich, Kahane, Edmund, Holländer Kassirer.“ [Tb] Das waren überwiegend Leute vom Deutschen Theater – zuletzt war Wedekind am 20.12.1906 „mit dem Deutschen Theater bei Borchardt“ [Tb]; dort lief gerade mit großem Erfolg die erste Bühneninszenierung von „Frühlings Erwachen“ (am 29.12.1906 war die 25. Vorstellung). Einladungen Wedekinds zu dem Beisammensein – wie hier an Maximilian Harden – sind nur teilweise überliefert [vgl. Wedekind an Efraim Frisch, 29.12.1906; Wedekind an Heinrich Welti, 29.12.1906]. Abends 11 UhrDie späte Uhrzeit ‒ 23 Uhr ‒ erklärt sich dadurch, dass Wedekind am 4.1.1907 zunächst die Generalprobe von Gerhart Hauptmanns Drama „Das Friedensfest“ in den Kammerspielen und dann die Doppelpremiere von Goethes Stücken „Die Geschwister“ und „Die Mitschuldigen“ im Deutschen Theater besuchte [vgl. Tb], um anschließend in geselliger Runde bei Borchardt (siehe oben) zusammenzukommen. bei Borchardt in der Französischen Straße mit unseren Freunden zu einem kleinen Mahl zusammenkommen zu wollen. Sie wissen | welche Freude Ihr Erscheinen uns allen bereiten würde, ganz besonders aber
Ihrem ergebenstem
Fr. Wedekind.


Kurfürstenstraße 125.

29.XII 6.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. Dezember 1906 (Sonntag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 30/12 06


Sehr geehrter Herr Wedekind,

drei Glückwünsche schreiten voran: zur GeburtFrank und Tilly Wedekinds erste Tochter Anna Pamela wurde am 12.12.1906 „um 8 Uhr“ [Tb] morgens in Berlin geboren.Tilly und Frank Wedekinds erste Tochter Anna Pamela wurde am 12.12.1906 dem Tagebuch zufolge „um 8 Uhr“ morgens geboren. des Kindes, das ein rechter Kerl werden soll, zum Erfolg„Frühlings Erwachen“ ‒ Uraufführung an den Kammerspielen des Deutschen Theaters unter der Regie Max Reinhardts am 20.11.1906 und seitdem fast täglich zu sehen ‒ war ein sensationeller Erfolg, der „großes Aufsehen erregt und den eigentlichen Durchbruch Wedekinds als Bühnenautor markiert.“ [KSA 2, S. 920] Ihrer starken Dichtung, zum neuen Jahr, das Ihnen und Ihrer verehrten Frau viele feine Freuden bringen soll und muß.

Herzlich danke ich für Ihre liebenswürdige Einladungvgl. Wedekind an Maximilian Harden, 29.12.1906.. Wenn der (recht elende) Kadaver es irgend erlaubt, komme ichMaximilian Harden kam nicht. Wedekind hat am 4.1.1907 seine Gäste (Walther Rathenau, Max Reinhardt, Emil Gerhäuser, Heinrich Welti, Rudolf Blümner, Efraim Frisch, Arthur Kahane, Edmund Reinhardt, Felix Hollaender und Paul Cassirer) im exquisiten Weinlokal F. W. Borchardt in Berlin (Französische Straße 47/48) notiert: „Gastmahl bei Borchardt Rathenau Reinhart Gerhäuser Welti Blümner Frisch, ich, Kahane, Edmund, Holländer Kassirer.“ [Tb]; und sehr gern. Wenn auch nur auf ein Stündchen; denn für einen uralten Mann ists ja ein Bischen spät...

Prosit 1907 Ihnen Dreien!

Herzlich
Ihr
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 24. März 1907 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Lieber verehrter Herr Harden,

würden Sie Herrn Rathenau, Herrn Cassirer, Herrn Gerhäuser und besonders mir die Freude machen Charfreitag Abend um 9. Uhrum 21 Uhr am 29.3.1907 (Karfreitag), an dem Wedekind notierte: „Abends gebe ich eine Gesellschaft im Palasthotel mit Rathenau Gerhäuser Cassirer, Durieux und Tilly.“ [Tb] Dabei waren neben Walther Rathenau, Emil Gerhäuser und Paul Cassirer auch Tilla Durieux und Tilly Wedekind. im Palasthotel am Potsdamer PlatzDas Palast-Hotel (Königgrätzer Straße 130/131) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 1750] lag am Potsdamer Platz; es gab noch eine Filiale am Leipziger Platz 18/19. mit uns zu Abend zu essen.

Ich glaube Sie dann durch eine | Geschichte unterhalten zu können die sich an den Artikel Der vermummte Herr anschließt und die meines Erachtens noch nie dagewesenes Beispiel von KünstlerstolzWedekind bezieht sich auf die Reaktion seines Schneiders Johann Christoph Jureit auf Karl Schefflers Besprechung „Der vermummte Herr“ in der „Zukunft“, in der vom Kostüm des von Wedekinds gespielten vermummten Herrn in „Frühlings Erwachen“ die Rede ist, das ein Berliner Schneider gearbeitet habe: „Jetzt erscheint der vermummte Herr in einer neuen raffinirten Verkleidung; einer, die auch die ,oberen Schichten‘ der Gesellschaft kirren soll. Er kommt im eleganten Ueberrock, mit glänzend gebürstetem Cylinder, eine schwarze Maske vor dem Gesicht; [...] das monumentale Achselzucken kleidet vortrefflich in einem Gewand, das vom Modeschneider Unter den Linden bezogen ist.“ [Karl Scheffler: Der vermummte Herr. In: Die Zukunft, Jg. 16, Nr. 24, S. 403-407, hier S. 404] Wedekinds in Frankfurt am Main ansässiger Schneider dürfte sich in seinem Stolz verletzt gesehen haben ‒ jedenfalls unterbreitete Wedekind ihm einen Vorschlag, auf den Artikel zu reagieren [vgl. Wedekind an Johann Christoph Jureit, 16.3.1907]. enthält.

Wegen der Rückkehr nach dem Grunewald brauchen Sie auch nicht zu besorgt zu sein, da Herr Gerhäuser mit Ihnen den gleichen WegEmil Gerhäuser wohnte im Berliner Ortsteil Halensee (Friedrichsruherstraße 7) [vgl. Emil Gerhäuser an Wedekind, 21.11.1906], der an den Ortsteil Grunewald angrenzt, wo Maximilian Harden (Wernerstraße 16) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 801] wohnte. hat.

Also bitte, machen Sie uns | allen die Freude!

Mit ergebensten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


Kurfürstenstraße 125.

24.3.7.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 25. März 1907 (Montag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald 25/3 07


Lieber Herr Wedekind,

für Ihre sehr liebenswürdige Einladungvgl. Wedekind an Maximilian Harden, 24.3.1907. danke ich Ihnen herzlich. Ich habe Frau DeutschLili Deutsch, die Frau des AEG-Direktors Felix Deutsch, mit der Maximilian Harden gut bekannt und Walther Rathenau befreundet war, führte einen großen Salon, ein Treffpunkt bekannter Persönlichkeiten. zugesagt am Karfreitag abendsWedekind hatte Maximilian Harden für diesen Abend um 21 Uhr zu einem Essen im Palast-Hotel eingeladen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 24.3.1907]; er notierte am 29.3.1907: „Abends gebe ich eine Gesellschaft im Palasthotel mit Rathenau Gerhäuser Cassirer, Durieux und Tilly.“ [Tb] etwas bei ihr zu sein; sie will singen. Doch hoffe ich bestimmt, nachher (essen darf ich doch nicht) mit Ihnen und Ihren FreundenWedekind hatte Maximilian Harden auch im Namen von Walther Rathenau, Emil Gerhäuser und Paul Cassirer eingeladen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 24.3.1907]. ein Stündchen im Palasthotel zusammenseinzukönnen; und freue mich sehr darauf.

Es ist wirklich sehr nett, daß Sie an mich dachten.

Mit der Bitte, mich der verehrten Gattin zu empfehlen, deren holde Jugend neulicham 14.3.1907, ein festliches Abendessen ebenfalls im Palast-Hotel, zu der Artur Landsberger eingeladen hatte, wie Wedekind notierte: „Dr. Landsberger giebt ein Diner mit Georg Brandes dessen Tochter Frau Philipp Herrn Philipp, Harden, Tilly und mir im Palasthotel.“ [Tb] Gäste waren Georg Brandes, den Wedekind an diesen Abend erinnerte [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 28.3.1907], Edith und Reinhold Philipp (Tochter und Schwiegersohn des dänischen Kritikers), Maximilian Harden, Tilly und Frank Wedekind. wie Lenzwie der Frühling. neben Brandes strahlte, bin ich, herzlich grüßend, Ihr
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 29. März 1907 (Freitag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 29.3.07


Hochgeehrter Herr Wedekind,

bis zur letzten Stunde hatte ich gehofft, mit Ihnen und Ihren FreundenWedekind hatte Maximilian Harden auch im Namen von Walther Rathenau, Emil Gerhäuser und Paul Cassirer zu dem Essen im Palast-Hotel (siehe unten) eingeladen [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 24.3.1907]; bei dem Essen dabei waren außerdem Tilla Durieux und Tilly Wedekind. eine schöne NachmahlzeitMaximilian Harden, den Wedekind für 21 Uhr am 29.3.1907 zu einem Essen im Palast-Hotel (Königgrätzer Straße 130/131) eingeladen hatte [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 24.3.1907], kam nicht zu der Gesellschaft, wie Wedekinds Notiz zu diesem Abend zu entnehmen ist: „Abends gebe ich eine Gesellschaft im Palasthotel mit Rathenau Gerhäuser Cassirer, Durieux und Tilly“ [Tb]; er hatte sein Kommen zu späterer Stunde aber in Aussicht gestellt [vgl. Maximilian Harden an Frank Wedekind, 25.3.1907]. verbringen zu können. Aber ich war (und bin) von so grenzenlos abscheulichem Kopfschmerz geplagt, daß es einfach unbescheiden gewesen wäre, mich in diesem Zustand fröhlichen Menschen zuzumuthen. Mir thuts wirklich sehr leid; und ich kann nur noch einmal aufrichtig für Ihre Freundlichkeit danken.

Ihnen und Ihrer verehrten Gattin sendet herzliche Ostergrüße
sehr ergeben
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. Juni 1907 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

[Hinweis in Maxumilian Hardens Postkarte an Wedekind vom 16.6.1907 aus Berlin:]


[...] aufrichtig danke ich für Ihren liebenswürdigen Zuruf.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. Juni 1907 (Sonntag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Postkarte


An
Herr Frank Wedekind
in Berlin W
Wohnung (Straße und Hausnummer) Kurfürstenstr. 125 |


Grunewald, 16/6 07


Verehrter Herr Wedekind,

aufrichtig danke ich für Ihren liebenswürdigen Zurufnicht überliefert (wohl eine Postkarte oder ein kurzer Brief); erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Maximilian Harden, 16.6.1907. Gegen Maximilian Harden war Anfang des Monats Privatklage von Graf Kuno von Moltke wegen Beleidigung eingebracht worden. Wedekind dürfte ihm seine Solidarität versichert haben, da Harden im Zuge des Prozesses gegen ihn scharf angegriffen wurde ‒ so klagte er am 16.6.1907 gegenüber Walther Rathenau, die Presse schreibe über ihn „das Bübischste, was eine Fälscherphantasie ersinnen könnte.“ [Hellige 1983, S. 527].

Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihre verehrte Gattin
bin ich
Ihnen ergeben
Harden

Einzelstellenkommentare

Berlin, 29. Oktober 1907 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 29.10.1907 in Berlin:]


Telegramm an Harden wegen FreisprechungDas von Graf Kuno von Moltke gegen Maximilian Harden angestrengte Beleidigungsverfahren vor dem Schöffengericht in Moabit endete am 29.10.1907 mit einem Freispruch [vgl. Hellige 1983, S. 539]..

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. Juli 1908 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

An Harden

Wenn Preußen nur nicht ein so unbildsames Material wäre. Ein unfertiger Sandstein, aus dem ein Bildhauer immer vergebens Statuen zu meißeln versucht.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 11. August 1908 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Postkarte


Herrn Maximilian Harden
im Grunewald
Werner Strasse 16. |


Sehr verehrter Herr Harden!

ich verreise auf 14 TageWedekind brach am 17.8.1908 zu einem Gastspiel „Marquis von Keith“ nach Breslau auf und reiste am 27.8.1908 zurück nach Berlin [vgl. Tb]. und würde Sie gerne bitten, das Stück was ich Ihnen brachteWedekind notierte zu dem im Winter 1907/08 entstandenen Schauspiel „Oaha“ (1908), das seine Erlebnisse während seiner Mitarbeit am „Simplicissimus“ verarbeitet [vgl. KSA 8, S. 395-398], am 16.7.1908: „Ich bringe Harden Oaha, finde ihn aber nicht zu Hause.“ [Tb], derweil niemandem zu zeigen. Vor allem wäre es mir nicht lieb, wenn etwa Reinhardt es kennen lernte bevor es im Druck erscheintDie im Verlag Bruno Cassirer als „Schauspiel in fünf Aufzügen“ erschienene Erstausgabe von „Oaha“ [vgl. KSA 8, S. 419] enthält gleich zum Auftakt eine Bühnenanweisung, die sich gegen Max Reinhardt richtet: „Auffallende Dekorationen und Requisiten, Entfaltung eines besonderen Stiles, Verwendung einer Drehbühne, sowie aller sonstige Humbug einer klobigen, marktschreierischen Regie sind bei der Aufführung dieses Stückes unzulässig.“ [KSA 8, S. 13] Das Buch lag am 17.9.1908 gedruckt vor – „Cassirer bringt mir das erste fertige Buch OAHA“ [Tb] – und war wenig später als erschienen gemeldet [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 75, Nr. 230, 2.10.1908, S. 10646]., was Anfang September geschehen wird.

Mit ergebensten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


11.8.8.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. August 1908 (Montag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Postkarte an Tilly Wedekind vom 18.8.1908 aus Breslau:]


Ich bekam einen Brief von Harden [...]

Einzelstellenkommentare

München, 17. Oktober 1908 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

[1. Briefentwurf:]


Da mir Herr Direktor Reinhart die Direktion des Deutschen Theaters das Recht streitig macht über meine eigene geistige Arbeit zu verfügen, ersuche ich Sie höflichst von beiliegenden Zeilen Kenntnis nehmen zu wollen.


[2. Abgesandter Brief:]


Sehr verehrter Herr Harden!

Da mir die Direktion des Deutschen Theaters das Verfügungsrecht über meine geistige Arbeit streitig macht, ersuche ich Sie höflichst, von beiliegenden ZeilenDem abgesandten Brief liegt heute nichts mehr bei. Briefbeilage war ein von Wedekind verfasstes „Tagebuch“ [KSA 5/II, S. 278-281; vgl. 5/III, S. 695-702] über seine Auseinandersetzungen mit Max Reinhardt um die Auflösung seiner Verträge mit dem Deutschen Theater, das er seinem tatsächlichen Tagebuch zufolge am 11.9.1908 in Berlin schrieb (Entwurf der Beilage): „Ich stelle das Reinhardttagebuch zusammen bei Steinert und C. d. W.“ Am 14.9.1908 notierte er zur Herstellung des Typoskripts (Beilage): „Abschrift des Reinhardt-Tagebuches. Gebe Reinhardt Tagebuch zum Verfielfältigen.“ Eines der vervielfältigten Exemplare ging an Maximilian Harden. Kenntnis nehmen zu wollen.

Mit ergebensten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


17.10.8Im Tagebuch hält Wedekind am 17.10.1908 fest: „Tagebuch nach Berlin verschickt.“ Das ist die Beilage, die Wedekind mit Anschreiben am 17.10.1908 außer an Maximilian Harden an Emmy Loewenfeld, Fritz Andreae, Hermann Rosenberg, Robert von Mendelssohn, Walther Rathenau und Paul Cassirer sandte..


[Entwurf der Beilage:]


Tagebuch

Ich habe von Max Reinhardt das schmutzigste geschäftliche Vorgehen erfahren, das ich in meiner zwanzigjährigen Schriftstellerpraxis erlebt habe.

21.12.5.

Abschluß eines Schauspielervertrages zwischen der Direktion Max Reinhart und mir gültig vom 1.X.6 bis und mit 31.III 07 zu M. 1000 pro Monat. Direktor Reinhart hat das Recht, den Vertrag auf ein weiteres Jahr 1 X 1907 ‒ 31 III 1908 unter gleichen Bedingungen verlängert zu erklären.

15.III 06

Tartuffeprobe. Herr Max Reinhart führt Regie. Nachdem Herr Reinhart die h zwei Stunden hindurch die Rolle des Tartuffe | sehr anstrengend mit mir probiert hat stürzt Felix Holländer in der Pause mit einem fertig aufgesetzten Kontrakt auf mich zu, von dem vorher nie mit einer Sylbe die Rede war. Er bittet mich ins Bureau zu kommen und sagt versichert mir der gleiche Contrakt sei von allen übrigen Autoren des Deutschen Theaters unterzeichnet worden, ich werde daher nicht zögern ihn auch ebenfalls zu unterschreiben. Der Kontrakt verpflichtet den Unterzeichner ohne jeder Gegenleistung, ohne daß auch nur ein Aufführungstermin ++ für die einzelnen Stücke fixirt ist auf fünf Jahre alle seine dramatischen Werke zum Zweck der Aufführung zuerst dem Deutschen Theater einzureichen. Irgendwelche Gegenleistung | die dieser Verpflichtung entspräche ist in dem Kontrakt nicht fixiert. Es ist nicht einmal ein Aufführungstermin für die einzureichenden Stücke festgesetzt.

Ich unterschreibe Angespannt und verwirrt wie ich bin unterzeichne ich den Kontrakt/Vertrag/.

Nachdem dann die Probe noch etwa eine Stunde gedauert hat lädt mich Felix Holländer zum Mittagessen bei Borchart ein, an dem auch außer uns Reinhart theilnimmt Else Frl. Heims und Herr Lewin theilnehmen.

19.6.07.

Reinhardt fragt mich im Deutschen Theater ob ich dazu bereit bin meinen Schauspielervertrag mit ihm auf ein weiteres Jahr zu verlängern. Ich erkläre mich damit einverstanden.

1.X.07

Vom Seit dem 19.6.07 warte | ich vergeblich auf eine schriftliche Erledigung der von uns besprochenen KontraktverlängerungAbmachungen, treffe aber heute trotzdem pünktlich am 1.X. in Berlin ein nachdem ich die vorhergehenden drei Wochen anstrengend an den Vorbereitungen für die Aufführung gearbeitet habe, die als erste der Saison festgesetzt ist.

8.X.07 Ich gehe Nachdem ich 8 Tage auf Benachrichtigung gewartet ich ins die Kammerspielhaus, betheilige mich an den Proben und frage Felix Holländer, da schriftlichen/es/ nichts darüber abgeschlossen ist, ob mein Schauspielervertrag als verlängert zu betrachten ist oder nicht. Felix Holländer giebt die feste Zusicherung, daß der Vertrag durch die mündliche Vereinbarung thatsächlich verlängert worden ist. |

10.X.07 Felix Holländer erklärt auf der Probe sämmtlichen Beteiligten, daß vorderhand keine weiteren Proben des festgesetzten Stückes stattfinden.

11.X.07 Ich erhalte einen Brief von Herrn Edmund Reinhart, daß die Proben des festgesetzten Stückes bis auf weiteres verschoben eingestellt sind.

29.X.07 Die Proben werden unter meiner Mitwirkung wieder aufgenommen und finden bis 8.XI täglich statt.

4 XI 07 Ich gehe in die Kanzlei um meine Gage zu erheben. Der Rendant theilt mir mit, daß er keine Anweisung hat mir etwas zu bezahlen. Ich mache Herrn Max Reinhart davon Mitteilung. Herr | Max Reinhart sagt mir: „Ich werde die Sache sofort in Ordnung bringen“.

5.XI 07 Ich gehe in die Kanzlei um meine Gage zu erheben. Der Rendant theilt mir mit, daß er immer noch keine Anweisung hat mir etwas zu bezahlen. Daraufhin mache ich keine weiteren Versuche mehr meine Gage zu erheben und habe sie auch thatsächlich nicht erhalten.

8 XI 8 XI 07 Herr Reinhardt bietet mir auch eine Verlängerung des Kontraktes unter anderen veränderten Daten an, eine Verlängerung des Kontraktes unter abgeänderten Daten an, auf die ich mich aber nicht mehr einlasse.

14 XI 07 Ich mache Herrn Dramaturg Holländer Kahane Holländer Mittheilung daß ich auf mein Engagement für den laufenden Winter (M. 6000) verzichte, wenn ich dafür den am 15 III 06 unterzeichneten Autorenvertrag zurückerhalte. Herr HolländerKahane Holländer sagt entgegnet mir daß nicht er, sondern Herr Reinhart darüber zu entscheiden habe. |

15.II 08 Herr Reinhart sagt mir, daß nicht er, sondern Herr Holländer den Autorenvertrag vom 15.III.06 mit mir vereinbart habe. und giebt mir aber in Gegenwart des Herrn Direktor André die Versicherung daß er mir für die in dem Vertrag noch vorgesehenen drei Jahre eine entsprechende Entschädigung für meine Verpflichtungen auszahlen werde.

[Einweisungszeichen am linken Seitenrand]

22.4.8 Herr Max Reinhardt unterbreitet mir einen Vertrag in dem im Gegensatz zu unserer Unterredung vom [Lücke] keine Bezahlung für meine Verpflichtungen festgesetzt ist sondern von denen statt einer Garantie der Forderungen meines Verlegers | unter der Bedingung, daß ich in/an/ den Kammerspielen zu Spielhonoraren auftrete, die dreimal niedriger sind, als wie sie mir von irgend einem andern Theaterdirektor bezahlt werden. Theaterdirektor bezahlt werden.

[Einweisungszeichen am linken Seitenrand]

Ich bitte Herrn Max Reinhart inständig mir den Autorenvertrag vom 15 III 06 zurückzugeben. Meine Zugehörigkeit zum Deutschen Theater werde dadurch keinerlei Schaden erleiden, dagegen werde eine Quelle fortlaufenden Mißtrauens dadurch befestigt.

Ich erkläre Herrn Reinhart, daß ich nicht zwanzig Jahre um meine persönliche Freiheit gekämpft habe, um | schließlich ein unbezahlter Angestellter des Deutschen Theaters zu sein.

8.4.8. Herr Direktor Reinhart weigert sich mir irgendwelche Bezahlung für den Autorenvertrag zuzugestehen. Ich bitte Herrn Reinhart inständig mir den Vertrag zurückzugeben. Meine Zugehörigkeit zum Deutschen Theater werde dadurch keinerlei Schaden erleiden, dagegen werde mein Gefühl persönlicher Erniedrigung und Entwürdigung dadurch die Zurückgabe beseitigt. Ich suche Herrn Reinhardt begreiflich zu machen daß ich nicht zwanzig Jahre um meine persönliche Freiheit gekämpft habe, um | schließlich unbezahlter Angestellter des Deutschen Theaters zu sein, um schließlich weniger Rechte (in Berlin) zu haben, als jeder erste beste beliebige hergelaufene andere Schriftsteller der nach Berlin kommt zu haben. Ich suche Herrn Reinhardt ganz vergeblich davon zu überzeugen, daß der zwischen uns bestehende Vertrag zwischen anständigen Menschen unmöglich ist. und daß ein anständiger Mensch niemals auf der Erfüllung eines so unbilligen Vertrages bestehen würde.

Herr Reinhart entgegnet mir, daß den Vertrag ohne Einwilligung seiner Sozietäre nicht lösen dürfe/arf/. Auf diese handgreifliche Unwahrheit hin erkläre ich ihm daß ich mich | mit meinen Beschwerden dann eben dann eben notwendigerweise an seine Sozietäre wenden (müsse.) muß werde

Aus den mir vorgelegten Verträgen ersehe ich daß nicht ein einziger Autor des Deutschen Theaters den gleichen Vertrag wie ich unter den gleichen Bedingungen unterzeichnet hat, daß ich also durch die mir von Herrn Felix Holländer am 15.III 06 gegebene Versicherung schlechtweg betrogen worden bin. [Darunter durchgezogener Trennstrich, darunter Text in anderem Zusammenhang] |

Sollten sich die Herren Sozietäre das Deutsche Theater nicht zur Lösung des Kontraktes dazu entschließen können
Sollte der in Rede stehende Vertrag nicht gelöst werden, dann würde ich andere Maßnahmen vorbehalten mich eben gezwungen sehen für die nächsten drei Jahre meine dramatische Produktion einzustellen. In diesem Falle wäre es aber ziemlich ausgeschlossen, daß das Deutsche Theater nach Ablauf dieser Frist noch jemals eine Bühnenarbeit von mir zur Aufführung erhielte. |

Ich sage mir ganz bescheiden, daß sich der Mensch nicht zum Künstler emporringt, um durch die Thatsache daß er sich zum Künstler emporgerungen hat eine solche Ansammlung von Ekelhaftigkeiten erleben zu müssen.

Datum 1 VIII 08

1 VIII 08 Für die Gefahr Möglichkeit daß mir Herr Max Reinhart am 8. April die Wahrheit gesagt haben sollte, stelle ich aus meinen Tagebuchaufzeichnungen die auf obigen diesen Blättern enthaltenen Daten zusammen für die Sotietäre des Deutschen Theaters und richte an die Herren Sozietäre die erg des Deutschen Theaters die ergebene Bitte Herrn Direktor Reinhart zur Rückgabe Lösung des unbilligen und für mich unwürdigen Kontraktes zu bevollmächtigen, damit ich nicht nach dreijähriger künstlerischer Thätigkeit in Berlin diese Stadt mit dem Gefühl persönlicher Demütigung und Erniedrigung verlassen muß. Ich sage mir ganz bescheiden, daß sich der Mensch nicht zum Künstler emporringt um durch die Thatsache daß er Künstler geworden ist, eine solche Ansammlung von Ekelhaftigkeiten zu erleben.

Frank Wedekind


[Beilage:]


Tagebuch.

21. Dezember 1905In Wedekinds Tagebuch ist unter diesem Datum der Abschluss des Schauspielervertrags nicht vermerkt..

Abschluss eines Schauspielervertrages zwischen der Direktion Max Reinhardt vom Deutschen Theater in Berlin und mir, gültig vom 1. Oktober 1906 bis 31. März 1907 zu M. 1000 pro Monat. Direktor Reinhardt hat das Recht, den Vertrag auf ein weiteres Jahr unter gleichen Bedingungen für verlängert zu erklären.

15. März 1906Im Tagebuch ist unter diesem Datum notiert: „Tartuffeprobe. Diner mit Lewin Reinhart Holländer und Else Heims bei Borchart. Kontract auf 5 Jahre unterschrieben“. Molieres Lustspiel „Tartüff“ hatte unter der Regie von Max Reinhardt mit Frank Wedekind in der Rolle des Tartüff am 25.4.1906 am Deutschen Theater Premiere und erlebte 7 Aufführungen..

Probe von „Tartüffe“. Herr Max Reinhardt führt Regie. Nachdem Herr Reinhardt die Rolle des Tartüffe zwei Stunden hindurch sehr anstrengend mit mir probiert hat, kommt Herr Felix Holländer in der Pause mit einem fertig aufgesetzten Kontrakt auf mich zu, von dem vorher nie mit einer Silbe die Rede war. Er bittet mich ins Bureau zu kommen und versichert mir dort, der gleiche Kontrakt sei von allen übrigen Autoren des Deutschen Theaters unterzeichnet worden, ich werde daher nicht zögern ihn ebenfalls zu unterschreiben. Der Kontrakt verpflichtet den Unterzeichner, auf fünf Jahre alle seine dramatischen Werke zum Zweck der Aufführung zuerst dem Deutschen Theater einzureichen. Irgendwelche Gegenleistung, die dieser Verpflichtung entspräche, ist in dem Kontrakt nicht stipuliertvertraglich vereinbart.. Es ist nicht einmal ein Aufführungstermin für die einzelnen Stücke festgesetzt. |

2.

Abgespannt und verwirrt, wie ich infolge der vorangegangenen Anstrengungen bin, unterzeichne ich den Vertrag.

Nachdem dann die Probe noch etwa eine Stunde gedauert, lädt mich Herr Holländer zum Mittagessen bei Borchardt ein, an dem auch Herr Direktor Reinhardt und Herr Lewin teilnehmen.

19. Juni 1907Im Tagebuch ist unter diesem Datum notiert: „Besprechung mit Reinhardt.“.

Herr Reinhardt fragt mich im Deutschen Theater, ob ich dazu bereit bin, meinen Schauspielervertrag auf ein weiteres Jahr mit ihm zu verlängern. Ich erkläre mich damit einverstanden.

1. Oktober 1907Im Tagebuch hat Wedekind unter diesem Datum lediglich notiert, er habe „an Censur gearbeitet.“.

Seit dem 19. Juni warte ich vergeblich auf eine schriftliche Erledigung der zwischen uns besprochenen Kontraktverlängerung, treffe aber heute trotzdem pünktlich in Berlin ein, nachdem ich seit drei Wochen an den Vorbereitungen für die als erste der bevorstehenden Saison festgesetzte Aufführung gearbeitet habe.Seit dem 19. Juni warte ich vergeblich auf eine schriftliche Erledigung der zwischen uns besprochenen Kontraktverlängerung, treffe aber heute trotzdem pünktlich in Berlin ein, nachdem ich seit drei Wochen an den Vorbereitungen für die als erste der bevorstehenden Saison festgesetzte Aufführung gearbeitet habe.

8. Oktober 1907Im Tagebuch ist unter diesem Datum notiert: „Ich gehe auf die Probe M. v. K. Gespräch mit Holländer“. Die Premiere des „Marquis von Keith“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters unter der Regie von Frank Wedekind, der zugleich die Rolle des Konsul Kasimir spielte, fand am 9.11.1907 statt..

Nachdem ich acht Tage auf Benachrichtigung gewartet, gehe ich ins Kammerspielhaus, wo ich mich an den Proben beteilige, und frage Herrn Holländer, ob mein Schauspielervertrag, da schriftlich |
3.
nichts darüber abgeschlossen ist, als verlängert zu betrachten ist oder nicht. Herr Holländer gibt mir die feste Versicherung, dass der Vertrag durch die mündliche Vereinbarung vom 19. Juni tatsächlich verlängert worden ist.

4. November 1907Im Tagebuch ist unter diesem Datum notiert: „Keithprobe. Ich suche vergeblich Gage zu erheben.“.

Nachdem ich seit dem 8. Oktober an sämtlichen stattgehabten Proben teilgenommen, gehe ich in die Kanzlei, um meine Gage zu erheben. Der RendantBuchhalter. teilt mir mit, dass er keine Anweisung hat, mir etwas auszubezahlen. Ich mache Herrn Max Reinhardt davon Mitteilung. Herr Reinhardt sagt mir: „Ich werde die Sache sofort in Ordnung bringen.“

5. November 1907Im Tagebuch ist unter diesem Datum wie am Vortag notiert: „Keithprobe [...] Ich suche vergeblich Gage zu erheben.“.

Ich gehe in die Kanzlei, um meine Gage zu erheben. Der Rendant teilt mir mit, dass er immer noch keine Anweisung hat, mir etwas zu bezahlen. Daraufhin mache ich keine weiteren Versuche mehr zu meiner Gage zu kommen und habe sie auch tatsächlich nicht erhalten.

8. November 1907Im Tagebuch ist unter diesem Datum in diesem Zusammenhang lediglich notiert: „Generalprobe.“.

Herr Reinhardt bietet mir schriftlich eine Verlängerung des Kontraktes unter abgeänderten Daten an, worauf ich mich aber nicht mehr einlasse.Herr Reinhardt bietet mir schriftlich eine Verlängerung des Kontraktes unter abgeänderten Daten an, worauf ich mich aber nicht mehr einlasse. |

4.

14. November 1907Im Tagebuch ist unter diesem Datum in diesem Zusammenhang lediglich notiert: „Keith 4.“.

Ich mache Herrn Holländer Mitteilung, dass ich auf mein Engagement für den laufenden Winter (Mark 6000) verzichte, wenn ich dafür den am 15. März 1906 während der Tartüffe-Probe unterzeichneten Autoren-Vertrag zurückerhalte. Herr Holländer entgegnet mir, dass nicht er, sondern Herr Max Reinhardt darüber zu entscheiden habe.

15. Februar 1908Im Tagebuch ist unter diesem Datum notiert: „Große Abendgesellschaft bei Reinhart“..

Auf meine Vorstellung, dass der zwischen uns bestehende Vertrag vom 15.III.06 unbillig sei, lehnt Herr Max Reinhardt die Verantwortung ab, da nicht er, sondern Herr Holländer ihn mit mir vereinbart habe. Herr Reinhardt gibt mir aber in Gegenwart des Herrn Direktor André wiederholt die feste Versicherung, dass er mir für die in dem Vertrag noch vorgesehenen drei Jahre eine entsprechende Entschädigung für meine Verpflichtung auszahlen werde.

8. April 1908Im Tagebuch ist unter diesem Datum notiert: „Abends Unterredung mit Reinhardt und Holländer im Deutschen Theater. Nachher allein bei Steinert.“.

Herr Reinhardt weigert sich auf das entschiedenste, irgendwelche Bezahlung für die durch den Autoren-Kontrakt vom 15.III.06 mir auferlegten Verpflichtungen kontraktlich mit mir zu vereinbaren, erbietet sich aber mündlich, die Forderungen meines Verlegers an das |
5.
Deutsche Theater für die drei Jahre in bestimmter Höhe zu garantieren. Ich ersuche Herrn Reinhardt inständig, mir den strittigen Kontrakt, für den er nicht einen Pfennig bezahlt hat, zurückzugeben. Meine Zugehörigkeit zum Deutschen Theater werde dadurch in keiner Weise beeinträchtigt werden, dagegen werde mein Gefühl persönlicher Entwürdigung durch die Zurückgabe beseitigt. Ich suche Herrn Reinhardt begreiflich zu machen, dass ich nicht zwanzig Jahre um meine persönliche Freiheit gekämpft habe, um schliesslich unbezahlter Angestellter der Direktion Max Reinhardt zu sein; um schliesslich weniger Rechte in Berlin zu haben als jeder erste beste beliebige andere Schriftsteller. Ich suche Herrn Reinhardt ganz vergeblich davon zu überzeugen, dass der zwischen uns bestehende Vertrag zwischen Menschen, die gesellschaftlich miteinander verkehren, unmöglich ist und dass ein anständiger Mensch dem anderen gegenüber nie auf der Erfüllung eines so unbilligen Vertrages bestehen würde.

Herr Reinhardt entgegnet mir, dass er den Vertrag ohne Einwilligung der Sozietäre des Deutschen Theaters nicht lösen darf. Auf diese handgreifliche Unwahrheit hin erkläre ich ihm, dass ich mich dann eben an die Sozietäre des Deutschen Theaters wenden werde.

Aus den mir vorgelegten mit anderen Autoren abgeschlossenen Verträgen ersehe ich, dass kaum ein einziger mit dem von mir unterzeichneten übereinstimmt, dass ich also durch die mir am 15. März 1906 von Herrn Felix Holländer gegebene Versicherung schlechtweg betrogen worden bin. |

6.

22. April 1908Im Tagebuch findet sich unter diesem Datum kein Hinweis auf den vorliegenden Zusammenhang..

Herr Max Reinhardt unterbreitet mir schriftlich einen Vertrag, in dem auf drei Jahre eine Garantie der Forderungen meines Verlegers festgesetzt ist unter der Bedingung, dass ich in den Kammerspielen und am Deutschen Theater zu Spielhonoraren auftrete, die dreimal niedriger sind, als wie sie mir zur Zeit von anderen Theaterdirektoren bezahlt werden.

1. Juli 1908Im Tagebuch findet sich unter diesem Datum kein Hinweis auf den vorliegenden Zusammenhang. Wedekind stellte das „Reinhardttagebuch“ erst am 11.9.1908 zusammen..

Für die Möglichkeit, dass mir Herr Max Reinhardt am 8. April die Wahrheit gesagt haben sollte, stelle ich aus meinen Tagebuchaufzeichnungen die auf diesen Blättern enthaltenen Daten für die Herren Sozietäre des Deutschen Theatershier Unterstreichung und mit Einweisungszeichen versehen unten auf der Seite notierte Ergänzung zu dieser Stelle von fremder Hand: „zu denen Dr. R. gehörte, / Gaitner / Sekr.“ zusammen und richte an die Herren Sozietäre das Gesuch, Herrn Direktor Reinhardt zur Lösung des unbilligen und für mich unwürdigen Kontraktes zu bevollmächtigen, damit ich nicht nach dreijähriger künstlerischer Tätigkeit in Berlin diese Stadt mit dem Gefühl persönlicher Demütigung verlassen muss. Ich sage mir ganz bescheiden, dass sich der Mensch nicht zum Künstler emporringt, um durch die Tatsache, dass er Künstler geworden ist, eine solche Ansammlung von Ekelhaftigkeiten zu erleben. Sollte sich das Deutsche Theater nicht zur Lösung des Kontraktes entscheiden können, dann würde ich, ‒ andere Massnahmen vorbehalten ‒ mich eben gezwungen sehen, für die nächsten drei Jahre meine dramatische Produktion einzustellen. In diesem Falle wäre es aber ziemlich ausgeschlossen, dass das Deutsche Theater nach Ablauf dieser Frist noch jemals eine Bühnenarbeit von mir zur Aufführung erhielte.

Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 14. November 1908 (Samstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Maximilian Harden vom 15.11.1908 aus München:]


Für Ihre liebenswürdigen Worte in der Reinhardt-angelegenheit meinen besten Dank.

Einzelstellenkommentare

München, 15. November 1908 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Hochverehrter Herr Harden!

Trotz des Ernstes der über uns waltet, kann ich meine Freude darüber nicht verbergen, Ihren Kampfplatzdie politische Öffentlichkeit in Deutschland. Wedekind setzt zwei innenpolitische Krisen in Beziehung zueinander: Nachdem das Image Wilhelms II. durch Maximilian Hardens Enthüllungen im Zuge der Eulenburg-Affäre beschädigt war, löste die „Daily-Telegraph“-Affäre eine Staatskrise aus. Der Londoner „Daily Telegraph“ hatte am 28.10.1908 ein Interview mit dem Kaiser über das deutsch-englische Verhältnis veröffentlicht, in dem Wilhelm II. erklärte, im Unterschied zum deutschen Volk hege er höchst freundschaftliche Gefühle für England. Sein ‚persönliches Regiment‘ löste in allen Parteien Empörung aus, die Affäre kam am 10. und 11.11.1908 im Reichstag zur Sprache und Harden griff seinen alten Gegner publizistisch massiv an. So eröffnete er am 7.11.1908 in der „Zukunft“ seine Artikel-Serie „Gegen den Kaiser“, die er am 14.11.1908 fortsetzte und in diesem Heft, auf das Wedekind sich offenbar bezieht, seinen Angriff mit zwei weiteren Artikeln ‒ „Monarchen-Erziehung“ und „König Phaeton“ ‒ zuspitzte. Diese Artikel in der „Zukunft“ trafen die öffentliche Stimmungslage und wirkten entsprechend. in so herrlicher Weise geändert zu sehen. Nachdem Sie den destruktiven Feldzug endgültig siegreichAnspielung auf die Eulenburg-Affäre mitsamt der nachfolgenden Prozesse Kuno von Moltkes gegen Maximilian Harden, deren letzter dieser gewann [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 29.10.1907]. beschlossen, stehen Sie mit einem Schlage plötzlich an der Spitze des Volkes, das um | seine politische Ehre ringt. Wohin dieses Ringen führt, ist wohl das tiefste geschichtliche Geheimnis, das es seit Beginn der französischen Revolution gegeben hat. Ob die Angelegenheit im Sand verläuft oder ob sie zu eine Katastrophe führt, die Folgen, scheint mir, werden gleich schwer und erschütternd sein. Aber Deutschland muß sich meiner Ansicht nach dazu Glück wünschen, daß jemand lebt, der nicht nur selber auf das Geschehene vorbereitet war, sondern auch Andere darauf vorbereitet hat, der in dem allgemeinen Chaos | seinen ruhigen Blick bewahrt. Wie uninteressant können die größten re/ge/schichtlichen Ereignisse sein, wenn keine Persönlichkeiten dabei in den Vordergrund treten. Ob der Weg, den Sie gehen in absehbarer Zeit zu einem Erfolg führen wird scheint mir eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit. Aber der einen Thatsache sind Sie doch jetzt wohl schon sicher, daß tausende und tausende von Menschen ihre Haltung bei Ihnen suchen und an Ihnen finden, Menschen, die Ihnen zeitlebens dafür dankbar bleiben werden, wenn Sie | es Ihn ihnen jetzt auch nur ermöglichen den Gang unserer Schicksale so zu sehen, wie er sich in wirklichkeit vollzieht.

Für Ihre liebenswürdigen Wortenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Maximilian Harden an Wedekind, 14.11.1908. Maximilian Harden dürfte zu einem Brief mit Beilage [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 17.10.1908] Stellung genommen haben, zum „Reinhardt-Tagebuch“ (siehe unten). in der Reinhardt-angelegenheitWedekind hatte Maximilian Harden sein sogenanntes „Reinhardt-Tagebuch“ geschickt [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 17.10.1908], um seine Auseinandersetzungen mit Max Reinhardt um die Auflösung seiner Verträge mit dem Deutschen Theater zu Berlin zu dokumentieren. meinen besten Dank. Die Sache ist für mich erledigt, ich will nichts von Reinhardt.

Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin bitte ich meiner Tilly und meine ergebensten Empfehlungen auszusprechen und verbleibe in ernster Erwartung
mit herzlichen Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


15.11.8.

München, Prinzregentenstr. 50.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 24. Juli 1909 (Samstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

(Postkarte: Herrn Frank Wedekind
München, Prinzregentenstr. 50)


Wärmsten DankZusammenhang nicht ermittelt., lieber Herr Wedekind, und herzlichen Glückwunsch zum Riesenerfolgzum ersten Wedekind-Zyklus vom 1. bis 30.7.1909 am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg), ein Gastspiel von Frank und Tilly Wedekind, das ein großer Erfolg war., dessen Echo mich aufrichtig freut.

Mit bestem Gruß und Empfehlungen an Ihre verehrte Gattin bin ich
Ihr
Harden


M. DamenSelma Isaac, die Lebensgefährtin Maximilian Hardens, und die gemeinsame Tochter Maximiliane Harden. Diese Bezeichnung verwendete Maximilian Harden auch in einem Brief vom 24.7.1909 an seinen Freund Ernst Schweninger, bei dem Selma Isaac und Maximiliane Harden zu Gast waren: „herzlichen Dank, lieber Freund; die Damen können gar nicht genug die gütige, freundschaftliche, rührend liebenswürdige Aufnahme rühmen.“ [Bundesarchiv Potsdam, Nachlass Ernst Schweninger, 90 Schw 4, Nr. 230]. sind bei Schweningerin der maschinenschriftlichen Abschrift: Schwienger (handschriftlich korrigiert zu: Schweninger). ein paar Tage u haben vielleicht die Freude, Sie zu sehen.

Einzelstellenkommentare

München, 20. April 1910 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

[Hinweis in Maximilian Hardens Brief an Wedekind vom 24.4.1910 aus Berlin:]


[...] die liebe Sendung Ihres neuen Gedichtes [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 21. April 1910 (Donnerstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Maximilian Hardens Brief an Wedekind vom 24.4.1910 aus Berlin:]


[...] die Karte [...] kam als unbestellbar (!) zurück.

Einzelstellenkommentare

München, 23. April 1910 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Verehrter Herr Harden!

eben erhalte ich einen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Artur Landsberger an Wedekind, 22.4.1910. von Dr. Landsberger, aus dem ich ersehe, daß Sie noch dieselbe Theilnahme für meine AngelegenheitWedekinds Verlagsangelegenheiten, die Konflikte mit seinem Verleger Bruno Cassirer, über die er mit Maximilian Harden dem Tagebuch zufolge am 4.4.1910 („Nachmittag bei Harden“) bereits gesprochen haben dürfte. Die Auseinandersetzungen mit seinem Verleger sind unter dem Stichwort „Contra Cassirer“ auch in Wedekinds Notizbüchern dokumentiert [vgl. KSA 5/III, S. 126-141]. hegen. Zwischen J.R. Jonas und Dr. Oskar Meyer schweben seit 14 Tagen VergleichsverhandlungSchreibversehen statt: Vergleichsverhandlungen. Diese führten Wedekinds Anwalt Dr. Paul Jonas, Justizrat, Rechtsanwalt am Landgericht I, II, und III in Berlin und Notar (Kanzlei: Taubenstraße 16-18) [vgl. Berliner Adreßbuch 1910, Teil I, S. 1210], und Bruno Cassirers Anwalt Dr. Oscar Meyer, Rechtsanwalt und Kammergerichtsrat in Berlin (Belle-Alliance-Straße 92) [vgl. Berliner Adreßbuch 1910, Teil I, S. 1840]., nachdem ich zuvor mein Versprechen geben mußte mich um nichts mehr zu kümmern. Als Käufer | der Cassirerschen Rechte kam Georg Müller in Betracht. Daß/s/ erste Ergebnis war daß Cassirer seine ohnehin horrende Forderung um 8000 Mark erhöhte. Ich kann daher kaum mehr glauben, daß Cassirer einen Vergleich wünscht. Ich glaube, es war ihm nur darum zu thun bis zum Prozeß Ruhe vor mir zu haben.

Ich weiß nicht, verehrter Herr Harden, wie ich dazu komme, Sie | mit meinen Existenzfragen zu belästigen, aber wenn Sie Gelegenheit nehmen, mit Cassirer zu sprechen, würde es mich natürlich im höchsten Grad interessiren zu wissen wie Sie meine Sachlage ansehen. Ihre Zeit möchte ich damit gewiß nicht in Anspruch nehmen, aber vielleicht hätten Sie mir irgend einen werthvollen Wink zu geben.

Auf Dr. Landsbergers VorschlagArtur Landberger meinte in einem Brief an Maximilian Harden vom 26.4.1910, Wedekind sei „bei Justizrat Jonas in den ungeeignetsten Händen. Ich habe ihm zu Philipp geraten, und er acceptierte freudig unter der Bedingung, daß für Jonas ein plausibler Grund gefunden würde.“ [Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Maximilian Harden, Nr. 63], Rechtsanwalt Dr. PhilippIn Berlin sind für den fraglichen Zeitraum zwei promovierte Rechtsanwälte mit dem Nachnamen Philipp zu identifizieren [vgl. Berliner Adreßbuch 1910, Teil I, S. 2107; Berliner Adreßbuch 1911, Teil I, S. 2207]: Dr. Hans Philipp (Rechtsanwalt beim Berliner Landgericht I, II und III, Pressemeldungen zufolge eher auf Strafrechtsfälle und Gewaltverbrechen spezialisiert) und Dr. Richard Philipp (wie der andere Rechtsanwalt und wie Wedekinds Anwalt Dr. Paul Jonas am Landgericht II in Berlin tätig [vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 509, 30.19.1910, Morgen-Ausgabe, S. 2]; er war wohl die gemeinte Person). zuzuziehen bin ich sofort eingegangenvgl. Wedekind an Artur Landsberger, 23.4.1910.. Er wird mir | mittheilen, wie das, ohne daß sieSchreibversehen statt: sich. J.R. Jonas verletzt fühlt möglich ist.

Paul Cassirer konnte als mein künftiger Verleger nicht in Betracht kommen aus dem einfachen Grunde weil ihm seinenSchreibversehen statt: seine. anderen Geschäfte keine Zeit übrig lassen. An dem Montag als ich bei Ihnen waram 4.4.1910: „Nachmittag bei Harden“ [Tb]. kam es Abends zu keiner Besprechung weil er plötzlich verreisen mußte. Er blieb dann bis nach meiner Abreise fort und ist jetzt wieder auf Reisen. Über seine Qualitäten als Mensch und auch als Geschäftsmann, bin ich durchaus Ihrer Ansicht und schätze Paul Cassirer sehr als Freund. Leider zwangen mich die einfachsten praktischen Gründe | mich an Georg Müller zu wenden, da sonst die spärlichen Verhandlungen, die derweil stattfanden gar nicht möglich gewesen wären.

Wollen Sie bitte Ihrer verehrten Frau Gemahlin meiner Frau und meine ergebensten Empfehlungen aussprechen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


München, Prinzregentenstraße 50.

23.4.10Wedekind notierte am 23.4.1910: „Briefe an Harden Jonas Landsberger“ [Tb] – das sind der vorliegende Brief sowie Briefe an den Rechtsanwalt [vgl. Wedekind an Paul Jonas, 23.4.1910] und den mit Wedekind befreundeten Schriftsteller [vgl. Wedekind an Artur Landsberger, 23.4.1910]..

Einzelstellenkommentare

Berlin, 24. April 1910 (Sonntag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 24/4 10


Verehrter Herr Wedekind,

ich hatte Ihre Adresse nichtWedekinds letzter Brief, auf den der vorliegende Brief antwortet, enthält die Münchner Adresse (Prinzregentenstraße 50) [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 23.4.1910]. und die Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Maximilian Harden an Wedekind, 21.4.1910. Maximilian Harden bedankte sich in der verschollenen Postkarte für eine Sendung (siehe unten) und erkundigte sich nach dem Stand der Verhandlungen Wedekinds mit dem Verleger Bruno Cassirer, den er aufzusuchen gedachte, wie aus dem vorliegenden Brief hervorgeht., auf der ich für die liebe SendungHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Maximilian Harden, 20.4.1910. Wedekind schickte Maximilian Harden wohl einen maschinenschriftlichen Durchschlag seines Einakters „In allen Wassern gewaschen“, den er in einem anderen Exemplar am 20.4.1910 seinen Verleger gebracht hat: „Bringe Iawg zu Georg Müller.“ [Tb] Er hatte das Manuskript von „In allen Wassern gewaschen“ am 14.4.1910 „zu Cito“ [Tb] gebracht; „Cito“ war ein in München (Holzstraße 28) ansässiges Büro für Schreibmaschinenarbeiten (Inhaberin: Amalie Mohr) [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil I, S. 80] – eine der dort hergestellten Abschriften des Einakters, so ist anzunehmen, hat Wedekind an den Herausgeber der „Zukunft“ gesandt. Ihres neuen Gedichtes dankte, kam als unbestellbar (!) zurück. Jetzt also nochmals: herzlichen Dank. Ich fragte darin auch, wie es mit den VerhandlungenWedekinds über die Rechtsanwälte Paul Jonas und Oscar Meyer verhandelte Verlagsangelegenheiten, die Konflikte mit seinem Verleger Bruno Cassirer, über die Wedekind dem Tagebuch zufolge am 4.4.1910 mit Maximilian Harden bereits gesprochen haben dürfte und deren Stand er brieflich erläutert hat [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 23.4.1910]. stehe, damit ich nicht uninformirt zu Cassirer komme.

Nun werde ich mit Ihm sprechen; in dieser Woche, wenn er erreichbar ist. Und Ihnen dann sofort berichten.

Philipp ist ein vortrefflicher Mann, aber ich rathe: nur, wenn Jonas einverstanden ist. Sonst ists schlechter als ohne Philipp. Und die Sache ist ja höchst einfach.

Ich versuche alles Mögliche, um B C traktabel zu machen; und freue mich stets, wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann.

Haben Sie die Güte, mich Ihrer verehrten Frau zu empfehlen.

Herzlich grüßt
Harden

Einzelstellenkommentare

München, 25. April 1910 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

Sehr verehrter Herr Harden!

Ihrer liebenswürdigen AufforderungMaximilian Harden hatte nach dem Stand der Verhandlungen mit Bruno Cassirer gefragt [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 24.4.1910]. entsprechend erlaube ich mir Ihnen noch einige positive Daten über den augenblicklichen Stand meiner AngelegenheitWedekinds Verlagsangelegenheiten, die Konflikte mit seinem Verleger Bruno Cassirer, die unter dem Stichwort „Contra Cassirer“ auch in Wedekinds Notizbüchern dokumentiert sind [vgl. KSA 5/III, S. 126-141]. zu geben.

Ich muß vorausschicken, daß Herr Bruno Cassirer mit zwei Unwahrheiten arbeitet. Erstens mit der Behauptung, ich hätte ihn zum Ankauf meiner Werke verleitet, während er mir jahrelang die Propaganda die Albert Langen für meine Bücher machte als unzulänglich hinstellte, was ich auch durch Briefe beweisen kann. Zweitens mit der Behauptung, ich hätte mich ihm gegenüber | vor dem Ankauf mündlich verpflichtet, ihm meine zukünftigen übrigen Werke in Verlag zu geben.

Die Unwahrheit dieser letzten Behauptung ist durch einen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Bruno Cassirer an Wedekind, 19.11.1909. Wedekind hat am 1.4.1910 im Tagebuch notiert: „Habe die ganze Correspondenz B. Cassirer durchgearbeitet.“ bewiesen, in dem mir Bruno Cassirer selber schreibt: „Sie wünschten damals über diese Bücher keinen Vertrag abzuschließen, sagten mir aber, daß Sie natürlich keine Veranlassung hätten, mir diese künftigen Bücher nicht zu geben.“

Diese Worte entsprechen genau der Thatsache. Wenn ich aber Herrn Cassirer zum Ankauf meiner Werke verleitet hätte, dann müßte er ein Thor sondergleichen gewesen sein, sich meine künftige Produktion nicht durch schriftlichen Vertrag zu sichern. Das wäre doch sicherlich | die erste Antwort auf meine Verleitungsversuche gewesen.

Seit unserer letzten Unterredungam 4.4.1910: „Nachmittag bei Harden“ [Tb]. hat Herr Cassirer seine Verkaufsbedingungen um 8000 Mark erhöht. Angesichts dieser Thatsache schrieb ich die Erklärungdie Beilage zum vorliegenden Brief. nieder die ich am Schluß beilege. Ich habe die Erklärung sonst noch niemandem mitgetheilt. Herr Cassirer will für das Verdienst, daß er mich nicht gänzlich ruinirt, einen glatten Gewinn Verdienst von 20,000 Mark einstreichen. Ich wäre heute schon in Verlegeheit wenn mir die Einnahmen aus meinen Gastspielen nicht zugute kämen. Dabei schreibt Cassirer an seinen RechtsanwaltDer Brief Bruno Cassirers an Oscar Meyer ist nicht ermittelt.:

„Ich bitte Sie jetzt, Herrn Justizrat Jonas den Text für eine möglichst eingehende und umfassende Ehrenerklärung vorlegen zu wollen.“ |

Augenscheinlich erwartet Herr Cassirer, daß ich den Fehlbetrag, den der Käufer nicht bezahlen will, aus eigenen Mitteln erlege. Wenn ich das Geld dazu hätte, dann wäre ich also, abgesehen von dem Schaden, den mir Herr Cassirer bis jetzt zugefügt hat, auch noch um zirka 20,000 Mark geschädigt. DeDemgegenüber drängt sich mir die Frage auf, ob es denn wirklich dem Berliner Großkapital, zu dem Herr Cassirer doch ohne Zweifel gehört, da er sein Geld kaum geschäftlich engagiert, weil er zu seinem Lebensunterhalt darauf angewiesen ist ‒ ob es dem Berliner Großkapital denn wirklich so vollkommen gleichgültig bleiben kann, diese Rollen, erstens des Schädigers, zweitens des Erpressers gegenüber | einem Schriftsteller zu spielen, dem das, was er bisher erreicht hat, nicht gerade leicht ge wurde.

In welchem Maße ich durch Bruno Cassirer bis jetzt geschädigt wurde ergiebt sich aus einer Zusammenstellung meiner Einnahmen aus dem Bücherverkauf seit 1903, wobei ich die Honorare für Neuerscheinungen abziehe, weil solche ja jeweilen mehr von meiner Thätigkeit als vom Geschäftsbetrieb abhängen. Vor 1903 warfen meine Bücher keine Einnahmen ab. Weil Bruno Cassirer meine Bücher am 18. Oktober 1908 übernahm, rechne ich je vom 18. Oktober zu 18. Oktober:

18. Oktober 1903 – 1904 M. 2590

"    "        1904 – 1905  "   2200 |

18 Oktober 1905 – 1906 M. 4600

"         "       1906 – 1907  "   5200

"         "       1907 – 1908  "   5900

"         "       1908 – 1909  "   1650.

Wie dieser Rückgang des Absatzes zustande kam, ist sehr einfach. Nach Erscheinen von „Oaha“ bot der Verlag Albert Langen Cassirer selbst meine Werke zum Kauf an und Bruno Cassirer bezahlte 23,0,00Der auf den 24.10.1908 datierte Vertrag zwischen Albert Langen und Bruno Cassirer nennt einen Kaufpreis von exakt 23.500 Mark [vgl. KSA 5/III, S. 136]. Bruno Cassirer forderte dann nachträglich Unterlagen an, wie sein Brief vom 18.11.1909 an den Verlag Albert Langen dokumentiert: „Da aber, wie das ja vorauszusehen war, mit Herrn Wedekind nicht anders als durch Vermittlung der Gerichte auszukommen ist, so möchte ich für alle Fälle gerüstet sein und gern das gesamte Vertragsmaterial in Händen haben.“ [Koch 1969, S. 142]0 M. dafür, fand aber sehr bald, daß er, wie er selber schreibtnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Bruno Cassirer an Wedekind, 20.2.1909., die Bücher viel zu theuer gekauft habe und daß er von Albert Langen „hineingelegt“ worden sei. Derweil hatte er, seiner eigenen Mittheilung nach, die | Exemplare aus dem Buchhandel zurückgezogen, um seine Verlagsfirma darauf drucken la zu lassen. Nun ließ er die neuen Titel aber nicht drucken und erhöhte dafür den Verkaufspreis der mit den alten Titeln versehenen Bücher gegenüber dem Sortimentsbuchhändler. An Propaganda that er gar nichts, während er mir jahrelang die Propaganda, die der Verlag Langen mit HülfeWerbemaßnahmen; in der von Albert Langen verlegten Wochenschrift „Simplicissimus“ wurden Wedekinds Bücher annonciert, die im Albert Langen Verlag erschienen. des „Simplizissimus“ gemacht hatte, als eine für meine Bücher gänzlich unzureichende hingestellt hatte. Cassirer hat bis zum heutigen Tag nicht einmal einen Prospekt über meine Bücher drucken lassen. Er verfolgte nur den einen Zweck, durch Verkaufen der Bestände, also gewissermaßen des geschäftlichen | Handwerkszeugs, wieder zu seinen Auslagen zu kommen. Damit war ein Ertrag für mich auf unabsehbare Zeit ausgeschlossen.

Wie ich Ihnen, geehrter Herr Harden, schon mittheilteDie Mitteilung erfolgte vermutlich mündlich, dem Tagebuch zufolge entweder am 3.4.1910 („Besuch bei Harden“) oder am 4.4.1910 („Nachmittag bei Harden“)., spielte sich, als ich am 1. Februar zu Herrn Cassirer ins BureauWedekind notierte am 1.2.1910 in Berlin: „Besuch bei Cassirer.“ [Tb] Er hat die im vorliegenden Brief in dramatischer Form geschilderte Begegnung mit seinem Verleger Bruno Cassirer in einem anderen Brief als tätliche Auseinandersetzung beschrieben [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 1.2.1910]. trat, um ihn zu Rede zu stellen folgendes Gespräch zwischen uns ab:

Ich trat mit den Worten ein:
„Warum beantworten Sie meine Briefe nichts?“
Darauf Cassirer:
„Ich verbitte mir diesen Ton von Ihnen!“
Ich: „Ich kämpfe hier um meine gesellschaftliche Stellung!“ |
Er: „Verlassen Sie das Zimmer!“
Ich: „Fällt mir nicht ein, solange Sie mein Lebenswerk zugrunde richten!“
Er: „Machen Sie daß Sie hinauskommen!“
Ich: „Ich gehe nicht eher, als bis ich Antwort von Ihnen habe!“
Er: (drückt auf den elektrischen Knopf auf dem Schreibtisch) „Ich lasse Sie durch meine Leute hinaus werfen!“
Darauf erfolgte die Beleidigung.

Verehrter Herr Harden, da es sich um meine Existenz und die Existenz meines Werkes handelt, schäme ich mich nicht, Ihre Hülfe, die Sie | mir so liebenswürdig anboten mit innigem Dank in Anspruch zu nehmen.

Seien Sie herzlich gegrüßt.
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


München, Prinzregentenstraße 50

25.4.10Wedekind notierte am 25.4.1910: „12 seitiger Brief an Harden.“ [Tb].


[Beilage:]


Erklärung.

Herr Bruno Cassirer hat mich durch geschäftliche Unfähigkeit und Untätigkeit um tausende von Mark geschädigt. Solange sich Herr Bruno Cassirer Verleger nennt, ist diese Thatsache jedenfalls keine Ehre sondern höchstens das Gegentheil für ihn. Jetzt geht er darauf aus mit Hülfe dieser Thatsache sich kurzer Hand einen Gewinn von 20,000 Mark zu verschaffen. Für 23,0,000 Mark hat er meine Werke von Albert Langen gekauft und erklärt sich bereit, sie für 2/4/3,000 an einen anderen Verleger abzugeben. Mit Hülfe des Unglücks das er als mein Verleger für mich bedeutet, will er 20,000 Mark verdienen; und da ich, wenn er mein | Verleger bleibt, die nächsten Jahre mit den ärgsten finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben werde, hofft er den Preis auch zu bekommen. Herr Bruno Cassirer wünscht eine Ehrenerklärung von mir. Ich glaube es ruhig dem allgemeinen Sittlichkeitsgefühl überlassen zu können, die richtige Bezeichnung für diese Art von Charakter f/z/u finden.

Oder aber: Herr Bruno Cassirer hat gar nicht die Absicht, den Verlag meiner Werke zu verkaufen und fordert den hohen Preis nur, um keinen Käufer zu finden. In diesem Fall hat er mich dadurch, daß er den Verlag meiner Werke in einem InseratBruno Cassirer hatte folgende Anzeige aufgegeben: „Ich beabsichtige, aus meinem Verlage sämtliche bei mir erschienenen Werke von / FRANK WEDEKIND / zu verkaufen. / Es handelt sich um die Dramen: / TOTENTANZ, 4te Aufl. / BÜCHSE DER PANDORA, 6te Aufl. / ZENSUR / SO IST DAS LEBEN, 2te Aufl. / OAHA, 2te Aufl. / FRÜHLINGS ERWACHEN, 24te Aufl. / DER KAMMERSÄNGER, 4te Aufl. / ERDGEIST, 7te Aufl. / MUSIK, 4te Aufl. / JUNGE WELT, 2te Aufl. / MARQUIS VON KEITH, 2te Aufl. / um den Gedichtband: VIER JAHRESZEITEN, 4te Aufl. / und die Erzählungen: FEUERWERK, 3te Aufl. / Ich bitte die Herren Kollegen, die sich für den Ankauf der Bücher Wedekinds mit allen Vorräten und Rechten für Neuauflagen interessieren, sich mit mir in Verbindung setzen zu wollen. / Hochachtungsvoll / BRUNO CASSIRER, VERLAG. BERLIN W., / Derfflingerstr. 16.“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 77, Nr. 56, 10.3.1910, S. 3079] im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ öffentlich zum Verkauf ausbot in meinem Ansehen als Schriftsteller mit vollem Bewußtsein in so hohem Maße beleidigt und geschädigt, daß mir dadurch die Beleidigung die ich ihm zufügte reichlich aufgewogen erscheint, und ich keinen Grund einsehe, irgendwelche Erklärung abzugeben.

München April 1910
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 25. April 1910 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Harden, Maximilian

maximilian harden berlin grunewald
wernerstrasse 16

Telegraphie des Deutschen Reichs.
Amt Grunewald (Bz. Berlin).


Telegramm aus münchen [...]


herzlichen dankfür den soeben erhaltenen Brief [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 24.4.1910]. und gruss. ausführlicher brief folgtein 12 Seiten umfassender Brief [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 25.4.1910]..

wedekind

Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. April 1910 (Donnerstag)
von Harden, Maximilian
an Wedekind, Frank

Grunewald, 28/4 10


Hochgeehrter Herr Wedekind,

besten Dank für Ihren Briefvgl. Wedekind an Maximilian Harden, 25.4.1910.. Ich hatte schon vorher an Cassirer geschriebenam 24.4.1910, wie aus Maximilian Hardens Brief an Artur Landsberger vom 27.4.1910 hervorgeht: „Ich habe Sonntag, in W[edekind]’s Interesse, an Bruno C[assirer] geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten.“ [Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Maximilian Harden, Nr. 143]. Maximilian Hardens Brief an Bruno Cassirer ist nicht überliefert.. Aus seiner AntwortBruno Cassirer schrieb am 24.4.1910 an Maximilian Harden: „Sehr verehrter Herr Harden, ich bin Ihnen für Ihren Brief durchaus dankbar, aber es ist schwierig, Ihnen mit wenigen Worten Einblick in die Situation zu geben, die Ihnen natürlich vom Standpunkt Wedekinds nur einseitig geschildert worden ist. Wedekinds Verhalten mir gegenüber verbietet jede Möglichkeit eines gütlichen Ausgleichs. Ich habe, da ich seine Arbeiten nahm, seit Jahren, und im letzten Jahre intensiv, für ihn gearbeitet. Ich habe seine Produktion unter erheblichen materiellen Opfern in meiner Hand vereinigt. Dann hat Wedekind, gepackt von dem ihn verfolgenden Argwohn, daß ich, wie alle, die für ihn eintraten, auf seinen Ruin ausginge, mich schon öfters im Stich gelassen. Um nur Eines zu versichern: ich habe ohne Vertrag seiner Zusage geglaubt, daß er mir seine kommenden Bücher geben würde. Ich habe ihm vor dem Ankauf der Langenschen Bücher gesagt, daß ich die Bücher ohne diese Zusage nicht kaufen würde. Er hat diese Zusage bei dem ersten Buch, das er seitdem schrieb, gebrochen. Er beklagt das Zurückgehen seiner Einnahmen. Er hat alles gethan, um sich selbst zu schädigen. Ich habe ihm ein größeres Honorar in Aussicht gestellt für eine Gesammtausgabe, er hat sie verweigert, der Neudruck von Oaha lag 6 Monate bei ihm, er hat nichts imprimiert, ich wünschte zwei Auflagen von ‚Feuerwerk‘ zu drucken, er hat das verboten. In derselben Weise hat er im Bühnenvertrieb gegen sich selbst gewirtschaftet. Ich habe ihm von meiner Berliner Bühne das Angebot eines mehrwöchigen Gastspiels in seinen Stücken verschafft. Ein Zyklus seiner Hauptwerke sollte bei einigem Erfolg 4 Wochen gegeben werden. Das hatte ihm mindestens 7000 M. eingebracht. Er hat auch das nicht angenommen. Beinahe, als ob er sich absichtlich in eine Situation hat bringen wollen, um dann mit großer Geste sagen zu können: ich bin ein durch meinen Verleger ruinierter Schriftsteller! Wenn Sie aber anzunehmen scheinen, daß ich das Alles Wedekind entgelten lassen will, so irren Sie sich. Ich habe zunächst von einer Strafanzeige Abstand genommen, sah mich aber gezwungen, Beleidigungsklage zu erheben, um vor öffentlichen und brieflichen Verfolgungen mich zu wehren. Wedekind hat mich vor einiger Zeit bitten lassen, die Klage zurückzunehmen, und ich habe mein Einverständnis erklärt. An der Form der ‚Ehrenerklärung‘, die ich durch seinem Anwalt vereinbart habe, liegt mir an sich garnichts. Meine Ehre hat nichts zu thun mit der Meinung, die Wedekind von ihr hat. Also dieser Punkt dürfte keine Schwierigkeiten machen. Ich habe ferner erklärt, daß ich bereit bin, seine Bücher abzugeben, und ich bin mit demjenigen Verlag in Unterhandlungen getreten, der, soviel ich weiß, von Wedekind autorisiert ist. Es dürfte nur an ihm liegen, ob diese Verhandlungen zum Abschluß kommen; denn ich vermute, daß die Schwierigkeiten in den Zusicherungen liegen werden, die dieser Verlag angesichts der vorliegenden Erfahrungen von W. wird fordern müssen. Ist mein Nachfolger sicher, daß bezgl. kommender Arbeiten, Neuauflagen, Gesammtausgabe und Bühnenrechte ihm Garantien geboten werden, so dürfte der von mir geforderte Preis angemessen sein. Jeder verständige Verleger weiß sehr wohl, daß der Gesammtbesitz der Rechte Wedekinds ein moralischer Wert ist, der sich schwer bewerten läßt. Ich habe mit Vergnügen die Gelegenheit benützt, um Ihnen einige Aufklärungen geben zu können. Stets gern zu Ihren Diensten Ihr sehr ergebener Bruno Cassirer“ [Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Maximilian Harden, Nr. 24]., die heute kam, hier das Wesentlichste:

Er habe intensiv für Sie gearbeitet. Daß Sie es nicht glauben, entspringe nur Ihrem unausrodbaren Mißtrauen. Die Zusage, ihm Ihre neuen Bücher zu geben, haben Sie nicht gehalten. Gesammtausgabe verweigert. Eben so zwei Auflagen von „Feuerwerk“. Berliner Gastspiel nicht angenommen, trotzdem es Ihnen in 4 Wochen 7000 Mk eingebracht hätte. Das Alles wolle er Sie aber nicht entgelten lassen; auch nicht, was gefolgt ist. Er wolle auf Klage verzichten, bei der „Ehrenerklärung“ keine Schwierigkeit machen, Ihre Bücher dem von Ihnen autorisirten Verlag geben; sein Preis (den er fordert) sei durchaus angemessen, wenn Sie dem neuen Verleger kommende Arbeiten, Neuauflagen, Gesammtausgabe, Bühnenrechte sichern.

Der Brief, den Sie citirennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Bruno Cassirer an Wedekind, 19.11.1909. Wedekind hatte aus diesem Brief zitiert [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 25.4.1910]., wäre kein gerichtlicher Beweis für eine Unwahrhaftigkeit Cassirers. Er sagt ja, es lag kein Vertrag, aber ein Versprechen vor. Das ist aber gleich|giltig. Auf dem sogen. „Rechtsboden“ ist jetzt nichts zu erreichen; und Klugheit empfiehlt, den Mann heute nicht zu reizenMaximilian Harden schrieb am 27.4.1910 an Artur Landsberger: „Rechtlich liegt die Sache für unseren Klienten nicht gut; er darf den Gegner also nicht reizen. Ich thue, was ich irgend kann, für ihn.“ [Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Maximilian Harden, Nr. 143]. Ihre „Erklärung“die Beilage zu Wedekinds letztem Brief [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 25.4.1910]. würde Sie ans Messer liefern, und sehr harter Verurtheilung aussetzen.

Nach meiner Ueberzeugung können wir nur versuchen, in „Güte“ vorwärts zu kommen. Georg Müller wird das Geschäftliche ordentlich machen, denke ich, verhandeln und abschließen, wenns irgend geht. Ich schreibe an C und stelle ihm vor, daß es klüger sei, den an Langen gezahlten Preis zu nehmen u.sw.

Regen Sie sich, verehrter Herr Wedekind, so wenig wie möglich auf und versuchen Sie, die Sache ganz leidenschaftlos zu nehmen, wie ein Kaufmann. (Was ja nicht ganz leicht ist.) Jeder falsche Schritt kann schaden, jetzt gerade. Cassirers Brief an mich zeigt, trotz Allem, den starken Willen, entgegenzukommen. Vielleicht läßt sich auch durch LiebermannMax Liebermann war über den Konflikt Wedekinds mit Bruno Cassirer informiert. Wedekind traf den Maler dem Tagebuch zufolge am 4.4.1910 bei Paul Cassirer („bei Cassirer, wo ich Liebermann, Tuaillon und Slevogt treffe“), wo sicher davon die Rede war. noch auf ihn wirken.

Landsberger schrieb mirArtur Landsberger schrieb am 26.4.1910 an Maximilian Harden: „Ich möchte nun Wedekind, der seit dieser Affaire in seinem Schaffen lahm gelegt ist, gern, so weit oder so wenig ich dazu imstande bin, in jeder Weise unterstützen. Darf ich Ihnen, hochverehrter Herr Harden, über den Fall Jonas sprechen? Es ist doch nun einmal so, daß in allen Dingen des Verstandes Maximilian Harden die letzte Instanz ist; daß daher Ihre Güte, von der Niemand besser Zeugnis geben kann, als ich, so übermäßig in Anspruch genommen wird. Darf ich kommen? Und wann?“ [Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Maximilian Harden, Nr. 63] u will mich besuchen, um über die Sache zu sprechen.

Ich glaube, Sie wissen, daß ich thue, was ich irgend vermag, um Ihnen diese leidige Sache vom Halse zu schaffen.

Mit herzlichen Wünschen
Ihr
Harden

Einzelstellenkommentare

Seite 1 von 3