Briefwechsel

Wedekind, Frank und Brandes, Georg

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München, 30. März 1904 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

Sehr geehrter Herr Professor!

Hochgeehrter MeisterWedekind hat die Anrede „Hochgeehrter Meister!“ [Wedekind an Georg Brandes, 24.10.1904], „Hochverehrter Meister!“ [Wedekind an Georg Brandes, 6.4.1908; vgl. Wedekind an Georg Brandes, 10.1.1909, 19.1.1909, 12.10.1910 und 8.4.1914] sowie in der Doppelform „Hochverehrter Meister! Sehr geehrter Herr Professor!“ [Wedekind an Georg Brandes, 27.8.1910] fast ausnahmslos nur für Georg Brandes gewählt, der in Verbindung mit der in den Briefen an ihn immer wieder geäußerten jahrzehntelangen Wertschätzung des dänischen Literarhistorikers und Kulturkritikers sowie in Verbindung mit der Mitte bis Ende März erfolgten Anfrage des Verlegers Julius Bard an Wedekind, einen Band in der von Georg Brandes herausgegebenen Reihe „Die Literatur“ im Verlag Bard, Marquardt & Co. zu veröffentlichen [vgl. Franz Blei an Wedekind, 1.4.1904; Georg Brandes an Wedekind, 21.10.1904], als Adressat des vorliegenden Briefentwurfs anzunehmen ist.!

Wollen Sie einem Ihnen fernstehenden erlauben, mir/den/ an sich nicht erquicklichen Anlaßnicht ermittelt; es hat sich offenbar um einen polemischen Presseartikel gehandelt, gegen den Georg Brandes Stellung genommen hat. als günstige willkommene Gelegenheit wahrzunehmen, um Ihnen den Ausdruck größter Verehrung eines vierzigjährigen LebensWedekind wurde am 24.7.1904 vierzig Jahre alt. zu Füßen legen zu dürfen. Den Artikel in der W.V.nicht ermittelt. den Sie als ein freches Lügenmachwerk bezeichnen, habe ich zu meiner Freude nicht zu Gesicht bekommen. Dagegen bin ich der festen Überzeugung daß diese Auslassungen der |

Ich bin glücklich darüber, daß ein nichtssagender Zufall mir ermöglicht, Ihnen den meinen Dank für die stärksten nachhaltigsten geistigen Anregungen, die ich in meinem Leben empfangen habe, aussprechen zu können.

Im Gefühl größter Ehrerbietung
FrW.

Einzelstellenkommentare

Kopenhagen, 21. Oktober 1904 (Freitag)
von Brandes, Georg
an Wedekind, Frank

VERDENSPOSTFORENINGEN
(UNION POSTALE UNIVERSELLE.)
DANMARK.
BREVKORT. (CARTE POSTALE.)


Paa denne Side skrives kun Adressen. (Côté réservé à l’adresse.)


Til Herrn Frank Wedekind
Franz Josephstrasse 42
München |


Kopenhagen 21 Oct. 04


Hochgeehrter Herr

Sie hatten Herrn Bardder Verleger Julius Bard in Berlin (Culmbacherstraße 3), mit Eugen Marquardt Geschäftsführer des Verlags Bard, Marquardt & Co. (Lützowplatz 8) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1905, Teil I, S. 66], in dem die im Frühjahr 1904 gegründete bibliophile Reihe „Die Literatur. Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen“ erschien, die Georg Brandes herausgab. Julius Bard und Georg Brandes haben im März 1904 Gerhart Hauptmann angeschrieben (ein ähnliches Schreiben dürfte auch Wedekind erhalten haben): „Unter der Redaktion von Herrn Professor Dr. Georg Brandes, wird demnächst [...] eine Sammlung allgemein aesthetischer und litteraturgeschichtlicher Monographien erscheinen. [...] Die Unterzeichneten erlauben sich die höfliche Anfrage, ob Sie [...] geneigt sind, Beiträge für die Sammlung zu liefern.“ [Staatsbibliothek zu Berlin, Nachlass Gerhart Hauptmann, GH Br NL A: Julius Bard Verlag für Literatur und Kunst] In der Werbeanzeige für die Reihe, jeweils im Anhang der Bände abgedruckt, ist Frank Wedekind ab Band 11 unter den alphabetisch aufgeführten Mitarbeitern zu finden. Im Sommer waren einige Bände angekündigt [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 33, Nr. 320, 26.6.1904, Sonntags-Ausgabe, S. (3)], dann die ersten vier Bände [vgl. Hannoverscher Courier, Jg. 51, Nr. 25103, 21.7.1904, Abend-Ausgabe, S. 8] und schließlich Band 5 bis 7 erschienen [vgl. Neues Wiener Abendblatt, Jg. 38, Nr. 239, 29.8.1904, S. 8], für den Herbst Band 8 bis 13 angekündigt [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 71, Nr. 225, 27.9.1904, S. 8143]. freundlichst eine Studie über Ibsen versprochenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Julius Bard, 24.3.1904. Wedekind, der bereits einen größeren Aufsatz über Henrik Ibsen publizierte hatte, zuerst 1895 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ [vgl. KSA 5/III, S. 755], dann überarbeitet in der Münchner Zeitschrift „Freistatt“ [vgl. Frank Wedekind: Schriftsteller Ibsen und „Baumeister Solneß“. Ein kritischer Essay. In: Freistatt. Kritische Wochenschrift für Moderne Kultur, Jg. 4, Heft 28, 13.7.1902, S. 285-289], dürfte dem Verleger auf dessen Anfrage hin eine Ibsen-Studie für die von Georg Brandes herausgegebene Reihe (siehe oben) versprochen haben, die nicht zustande kam.. Eine solche wird von Ihrer Hand vom höchsten Interesse sein. Um so mehr bedaure ich, dass Sie seit einiger Zeit von dem Plane nicht mehr sprechen. Es wird mich nicht weniger als ihn erfreuen, wenn Sie Ihr Versprechen halten.

Hochachtungsvoll
ergebenst
Georg Brandes

Einzelstellenkommentare

München, 24. Oktober 1904 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

Hochgeehrter Meister!

Sie beschämen mich tief durch Ihre freundliche Aufforderungvgl. Georg Brandes an Wedekind, 21.10.1904., während ich scheinbar so wenig Eifer gezeigt habe mich an einem Werke zu betheiligen, das Ihren Namen trägtGeorg Brandes war Herausgeber der Reihe „Die Literatur. Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen“, die im Verlag Bard, Marquardt & Co. in Berlin erschien.. Ich freue mich aber ausserordentlich | dass mir dadurch Gelegenheit gegeben ist, ohne aufdringlich zu erscheinen, Ihnen für ungezählte Stunden des Genusses und für die kraftvollsten Anregungen, die ich in meinem Leben erfahren habe, meinen ehrerbietigen Dank aussprechen zu dürfen. Mehr als zwanzig Jahre sind es jetzt, dass ich mich an dem frischen belebenden Trank stärke, den Sie der Welt in Ihren Schöpfungen | reichen. Meine Verehrung für Sie ist mir so zu Fleisch und Blut geworden, dass mich beim Lesen Ihrer Zeilen eine Art von Schwindel erfasste, eine Angst, ob die Umgebung, in die ich mich wie im Traum versetzt sehe, für mich von Dauer sein werde, ob ich nicht wie aus einem Traum plötzlich daraus erwache. Da sich die wenigen bleibenden Erfolge erst im Lauf von Jahrzehnten ausscheiden | rechne ich mit der erwähnten Möglichkeit auch in allem Ernst und mit ziemlicher Ruhe. Trotzdem werde ich es aber stets zu den grössten Ehrentiteln meines Lebens zählen, dass ich bevorzugt war, Ihnen meinen Dank für das, was ich und was Tausende Ihren Werken schulden, aussprechen zu dürfen.

Wegen der Ibsen-ArtikelWedekind sollte einen Band über Henrik Ibsen für die Reihe „Die Literatur. Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen“ schreiben, der nicht zustande kam. Georg Brandes hat ihn dann selbst geschrieben; er erschien als Band 32 und 33 der Reihe [vgl. Georg Brandes: Henrik Ibsen. Mit 12 Briefen Henrik Ibsens. Berlin 1906]. werde ich heute noch an Herrn Barthder Verleger Julius Bard in Berlin (Culmbacherstraße 3), mit Eugen Marquardt Geschäftsführer des Verlags Bard, Marquardt & Co. (Lützowplatz 8) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1905, Teil I, S. 66], in dem die Reihe „Die Literatur. Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen“ erschien, die Georg Brandes herausgab. in Berlin schreiben. Sie sind bis auf weniges fertig.

Ihr dankbar ergebener
Frank Wedekind


München 24. October 1904.

Einzelstellenkommentare

Kopenhagen, 3. November 1904 (Donnerstag)
von Brandes, Georg
an Wedekind, Frank

Kopenhagen 3 Nov. 04Wedekind nahm später in einer Briefbeilage auf diesen Brief Bezug („Noch am 3 November 1904 schrieb mir einer der geistvollsten Männer, die je gelebt haben“) und zitierte aus ihm [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 10.1.1909].Wedekind nahm später in einer Briefbeilage auf diesen Brief Bezug („Noch am 3 November 1904 schrieb mir einer der geistvollsten Männer, die je gelebt haben“) und zitierte aus ihm [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 10.1.1909].


Sehr geehrter Herr

Ihr Briefvgl. Wedekind an Georg Brandes, 24.10.1904. hat mich erstaunt und erfreut. Ich ahnte nicht, von Ihnen gekannt zu sein.

Wäre ich nicht ein mit Arbeit und Beschäftigungen verschiedener Art wahnsinnig belasteter Mann, hätte ich Ihnen gleich geschrieben.

Ich danke Ihnen für Ihre anerkennenden Worte.

Von Ihnen kenne ich drei SachenGeorg Brandes nimmt hier auf, was er 1903 in „Gestalten und Gedanken“ (siehe unten) über Wedekind geäußert hat: „Nur drei seiner Schauspiele sind mir bekannt: ‚Frühlingserwachen‘, das die Erotik Halberwachsener behandelt, ‚Marquis von Keith‘, welches das Leben von Abenteurern und Schwindlern schildert, endlich das dies Jahr erschienene Drama ‚Die Büchse der Pandora‘.“ [Georg Brandes: Gestalten und Gedanken. Essays. München 1903, S. 1] Frühlingserwachen, das mir zuwider ist, Keith und Pandora, die mich durch das grosse Talent fesseln. Ich mag nicht das SprachgemengselGeorg Brandes hat über die Mehrsprachigkeit in Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903) in „Gestalten und Gedanken“ (siehe unten) bemerkt: „Als ein Beispiel unter vielen, wie rücksichtslos Wedekind sich über alles, was Brauch und Sitte, ob es auch noch so verständig ist, hinwegsetzt, sei nur erwähnt, daß man in dem Stücke abwechselnd deutsch, französisch und englisch spricht, je nach der Nationalität der Auftretenden. Die fremden Sprachen werden in der Regel so ziemlich richtig gesprochen, am unsichersten ist das Französische behandelt. Ein Wunder an mephistophelischem Humor ist die lächerliche Diktion des Schweizers im letzten Akt.“ [Georg Brandes: Gestalten und Gedanken. Essays. München 1903, S. 3] in dem letzten Schauspiel; es scheint mir, man müsse alles in seiner Sprache sagen.

Ich selbst halte sehr an meiner Sprache, | sehe nie eine Uebersetzung von mir an; und es ist mir eigentlich sehr unlieb, nur in Uebersetzungen gekannt zu sein. Aber es kann ja nicht anders sein, wenn man einer kleinen Sprachgemeinde gehörtSchreibversehen, statt: angehört..

Für IbsenAnspielung auf Wedekinds Versprechen, einen Band über Henrik Ibsen für die Reihe „Die Literatur. Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen“ (Herausgeber: Georg Brandes) im Verlag Bard, Marquardt & Co. in Berlin abzuliefern [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 24.10.1904], der nicht zustande kam. mit seinen kurzen Sätzen bedeutet das wenigerist das weniger wichtig.. Uebrigens vergleiche ich michGeorg Brandes war Däne, Henrik Ibsen Norweger, beide Autoren Skandinavier, die im deutschsprachigen Raum auf Übersetzungen ihrer Werke angewiesen waren. natürlich nicht mit ihm.

Hochachtungsvoll
Georg Brandes.


Ich habe ein PaarSchreibversehen, statt: paar. Worte über Sie geschriebenGeorg Brandes hat sich im ersten Kapitel „Deutsche Dramatiker“ seiner Essaysammlung „Gestalten und Gedanken“ (1903 in München im Albert Langen Verlag erschienen) ausführlich über zwei Dramatiker geäußert, über Erich Schlaikjer und über Wedekind [vgl. Georg Brandes: Gestalten und Gedanken. Essays. München 1903, S. 1-6], über den er einleitend schrieb: „Frank Wedekind, der in München lebt und dessen Erzeugnisse das Gepräge der Rücksichtslosigkeit tragen, die dem künstlerischen Zigeunerleben Süddeutschlands eigen ist, wurde in Hannover 1864 geboren. [...] Frank Wedekind ist die Mephistogestalt in Deutschlands artiger Litteratur [...]. Wedekind ist verwegen bis zur Frechheit [...]. Er handhabt das Anstößigste, als wäre es für den, der die Menschennatur kennt, das Selbstverständliche. Doch hat er die seltene Gabe, ein Individuum leibhaftig vor uns hinzustellen, und ist überdies außerordentlich geistvoll. Die Gespräche in seinen Dramen sprühen von Witz und überraschenden Einfällen.“ [S. 1] Georg Brandes hat insbesondere die Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903) kommentiert, über die er einleitend bemerkte: „Sein neues Schauspiel ‚Die Büchse der Pandora‘ ist mit einer Flottheit und Frechheit ohne gleichen geschrieben. Es brennt sich der Erinnerung durch die Kraft ein, mit der die Gestalten wiedergegeben sind, wie durch den kaltblütigen Galgenhumor, durch den der äußerste Effekt in der Darstellung des Gräßlichen erzielt wird. Galgenhumor ist überhaupt die Form von Laune, auf die Wedekind das Alleinrecht besitzt.“ [S. 2] in der Sammlung ,,Gestalten und Gedanken“.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. März 1907 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

Hochgeehrter Herr Brandes,

ich nehme mir die Ehre, Ihnen mit gleicher PostHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zum übersandten Aufsatz (siehe unten); erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Georg Brandes, 28.3.1907. meinen AufsatzWedekinds Aufsatz über Henrik Ibsen [vgl. KSA 5/II, S. 131-144, 176-188], der zwölf Jahre zuvor in vier Folgen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienen ist [vgl. Frank Wedekind: Schriftsteller Ibsen („Baumeister Solneß“). In: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 116, Nr. 243, 2.9.1895, Morgenblatt, S. (1-2); Nr. 244, 3.9.1895, Morgenblatt, S. (1-2); Nr. 245, 4.9.1895, Morgenblatt, S. (1-2); Nr. 246, 5.9.1895 Morgenblatt, S. (1-2)]. Wedekind dürfte allerdings die Zweitfassung versandt haben, den Nachdruck in der „Fackel“ [vgl. Frank Wedekind: Schriftsteller Ibsen und „Baumeister Solneß“. Ein kritischer Essay. In: Die Fackel, Jg. 8, Nr. 205, 11.6.1906, S. 5-20], den er Georg Brandes eines Vortrags wegen später dann nochmals zu senden versprach [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 6.4.1908]. über Baumeister Solnes zu übersenden. Heute würde ich den Aufsatz voraussichtlich in weniger anmaßendem | Tone schreiben, aber vor zwölf Jahren empfand ich es als meine Pflicht, die Blicke auf mich zu lenken. Das nordische Buchnicht ermittelt., von dem Sie an jenem Abendam 14.3.1907 in Berlin, ein festliches Abendessen im Palast-Hotel (Königgrätzer Straße 130/131) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 1750], zu dem Artur Landsberger (der zukünftige Schriftleiter der wenig später gegründeten Zeitschrift „Morgen“, die Georg Brandes dann mitherausgab) eingeladen hatte, wie Wedekind notierte: „Dr. Landsberger giebt ein Diner mit Georg Brandes dessen Tochter Frau Philipp Herrn Philipp, Harden, Tilly und mir im Palasthotel.“ [Tb] sprachen, habe ich noch nicht kennen gelernt, da ich den Titel vergessen habe, werde mich aber nächster Tage bei Frau PhilippEdith Philipp (geb. Brandes), die ältere Tochter von Georg Brandes, verheiratet mit dem Kaufmann Reinhold Philipp, mit dem sie in Berlin (Prinzenstraße 96) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 1798] lebte; beide waren am Abend des 14.3.1907 (siehe oben) ebenfalls Gäste. nach dem Titel | erkundigen. An den schönen Abend im Palasthotel denke ich mit großer Freude zurück und darf vielleicht hoffen, daß es mit der einmaligen BegegnungWedekind hat den berühmten dänischen Literarhistoriker und Kulturkritiker Georg Brandes, Professor für Philosophie in Kopenhagen, dem vorliegenden Brief zufolge am Abend des 14.3.1907 (siehe oben) persönlich kennengelernt. nicht sein Bewenden haben möge.

Meine Frau bittet mich besondersMaximilian Harden hatte Wedekind daran erinnert, dass seine Frau Tilly sich an jenem Abend des 14.3.1907 (siehe oben) offenbar mit Georg Brandes nett unterhalten hat [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 25.3.1907]., Ihnen ihre | Empfehlung auszusprechen.

Mit ergebensten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


Kurfürstenstraße 125.

28. März 1907.

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Berlin, 28. März 1907 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

[Hinweis in Wedekinds Brief an Georg Brandes vom 28.3.1907 aus Berlin:]


[...] ich nehme mir die Ehre, Ihnen mit gleicher Post meinen Aufsatz über Baumeister Solnes zu übersenden.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. März 1908 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

[Hinweis in Wedekinds Notizbuch (Nb 53, Blatt 70v):]


30.III [...]

Schicke Bücher an Brandes.

Abreise von Berlin nach Leipzig.

Einzelstellenkommentare

Kopenhagen, 1. April 1908 (Mittwoch)
von Brandes, Georg
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Georg Brandes vom 6.4.1908 aus Berlin:]


[...] die Ehre, die Sie mir zugedacht haben [...]. Nun erweisen Sie mir die Ehre, mich aufzufordern, ich möchte Ihnen etwas über mich schreiben.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 6. April 1908 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

Hochverehrter Meister!

Sehr geehrter Herr Brandes!

ich glaube, daß die Ehre, die Sie mir zugedacht habenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Georg Brandes an Wedekind, 1.4.1908. Georg Brandes dürfte auf die Büchersendung regiert haben, die Wedekind ihm hat zukommen lassen [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 30.3.1908], und ihm angekündigt haben, in Berlin über Wedekind Werk einen Vortrag zu halten (siehe unten). Wedekind fand diese Ankündigung wohl vor, als er am 4.4.1908 abends von Leipzig zurück nach Berlin kam [vgl. Tb]., zu groß für mich ist. Ich sage daß/s/ vom rein praktischen Standpunkt aus. Ich glaube, Sie würden sehr viel Widerspruch finden und die Thatsache allein, daß Sie in Berlin über mich sprechen,Der Vortrag von Georg Brandes über Wedekind sollte am 25.4.1908 in der Berliner Philharmonie stattfinden, wie die Presse ankündigte: „Professor Georg Brandes aus Kopenhagen hält am 25. April in der Philharmonie einen Vortrag über Frank Wedekind“ [Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 197, 16.4.1908, Abend-Ausgabe, S. (3)], veranstaltet von der Zeitschrift „Morgen“ (Berlin), deren Mitherausgeber Georg Brandes war (Schriftleiter: Artur Landsberger): „NÄCHSTER VORTRAG DER WOCHENSCHRIFT ‚MORGEN‘ / SONNABEND, den 25. April ‒ abends 8 ‒ Oberlicht-Saal der Philharmonie / Georg Brandes über Frank Wedekind“ [Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 198, 17.4.1908, Morgen-Ausgabe, 3. Beiblatt, S. (3)]. Der Vortrag fand wie angekündigt statt: „Heute abend 8 Uhr spricht im Oberlichtsaal der Philharmonie Georg Brandes über Frank Wedekind“ [Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 209, 25.4.1908, Morgen-Ausgabe, S. (3)]. würde mir sehr viel Neider schaffen. Nun kommt aber noch | etwas dazu. Ich verreise in acht TagenWedekind reiste am 13.4.1908 von Berlin ab: „Abfahrt von Berlin nach München.“ [Tb] nach München und bin vom 23 anFrank und Tilly Wedekinds Gastspiel am Theater am Franzensplatz in Graz begann am 23.4.1908 (bis zum 25.4.1908); sie reisten dazu dem Tagebuch zufolge am 21.4.1908 von München ab („Abreise nach Graz“), wo sie am 22.4.1908 eintrafen („Ankunft in Graz“). Frank Wedekind reiste am 26.4.1908 allein weiter nach Wien („Vier Uhr fahr ich nach Wien“) zu seinem Gastspiel vom 9. bis 22.5.1908 in „Frühlings Erwachen“ am Wiener Deutschen Volkstheater. in Graz und Wien verpflichtet. Meinem Empfinden nach würde es aber, da man weiß daß ich in Berlin wohne, häßlich aussehen, wenn ich bei Ihren Worten nicht anwesendWedekind war seiner Gastspielreise wegen (siehe oben) am 25.4.1908 zum Vortrag von Georg Brandes (siehe oben) nicht in Berlin. wäre. Es betr erübrigt jetzt noch, Ihnen, verehrter Herr, meinen aufrichtigen und herzlichen Dank für die außerordentliche Ehre auszusprechen, die Sie mir zugedacht haben. Wegen des Ibsen-AufsatzesWedekinds Aufsatz über Henrik Ibsen war zuletzt in der „Fackel“ abgedruckt [vgl. Frank Wedekind: Schriftsteller Ibsen und „Baumeister Solneß“. Ein kritischer Essay. In: Die Fackel, Jg. 8, Nr. 205, 11.6.1906, S. 5-20]. habe ich meine | sämmtlichen Fackelnummern durchsucht, kann aber kein Exemplar mehr finden. Von Wien ausWedekind traf am 26.4.1908 in Wien ein und blieb bis zum 23.5.1908 in der Stadt [vgl. Tb]. Treffen mit Karl Kraus sind in dieser Zeit nicht belegt. werde ich mir erlauben Ihnen ein Exemplar zu senden. Ich mag mich von hier aus nicht an den Herausgeber Karl Kraus nicht wenden, da ich mit diesem KlefferErich Mühsam hatte die Abrechnung von Karl Kraus mit Maximilian Harden (siehe unten) als „Denunziationsgekläff“ [Erich Mühsam: Karl Kraus. Die Erledigung eines Nachrufs. In: Morgen, Jg. 2, Nr. 8, 21.2.1908, S. 243] bezeichnet. seit der Hardenaffaireseit dem Herbst 1907, als Karl Kraus seine erste großangelegte Polemik gegen den Berliner Publizisten veröffentlicht hatte [vgl. Maximilian Harden. Eine Erledigung. In: Die Fackel, Jg. 9, Nr. 234/235, 31.10.1907, S. 1-36]. nichts zu thun haben möchte. Nun erweisen Sie mir die Ehre, mich aufzufordern, ich möchte Ihnen etwas über mich schreiben. Ich thue das sehr gern, nicht in der Voraussicht, daß Sie über mich sprechen, sondern weil ich von einem Manne, den ich so verehre | wie Sie, nicht gerne mißverstanden werden möchte. Sie schrieben mir einmalvgl. Georg Brandes an Wedekind, 3.11.1904., daß Ihnen mein ,,Frühlings Erwachen“ nicht gefiele. Ich glaube dies Mißfallen lag daran, daß Sie es bei der ersten Lektüre zu ernst auffassten und den Humor übersahen, den ich mit vollem Bewußtsein in jede Scene hineinzulegen suchte. Ich machte die gleiche Erfahrung mit WidmanSchreibversehen, statt: Widmann. in Bern, der das Buch bei seinem Erscheinen vor zwanzig JahrenJoseph Victor Widmann, seinerzeit Chefredakteur des zur Berner Tageszeitung „Der Bund“ gehörenden „Sonntagsblatt des Bund“, in dem er am 22.11.1891 die Erstausgabe von „Frühlings Erwachen“ (1891) besprochen hat [vgl. KSA 2, S. 861f.]. Er bemerkte zur Handlung, dass sie „zu einer tragischen Katastrophe führt“, und in der Gesamteinschätzung, das Stück sei „ein aus innerer Notwendigkeit heraus gewordenes Lebens- und Sittenbild, […] eine Dichtung, die der Verfasser sich von der Seele schreiben mußte wie Goethe seinen ‚Werther‘.“ [Sonntagsblatt des Bund, Nr. 47, 22.11.1891, S. 375-376] In seiner Rezension des Bands „Die Fürstin Russalka“ (1897) erklärte er generell zu Wedekinds „phantastischen Theaterspielereien“, diese seien „eigentlich nur Scenarien zu satirischen Komödien, […] so willkürlich, daß sie schwerlich jemand zu Ende lesen wird.“ [Sonntagsblatt des Bund, Nr. Nr. 27, 4.7.1897, S. 215] als entsetzlich ernst hinstellte, während er heuteJoseph Victor Widmanns neuere Stellungname zu „Frühlings Erwachen“ ist nicht ermittelt. davon als von einer Tragikomödie spricht. Nun habe ich nur noch folgendes zu sagen: | Als Tragikomödien habe ich meine sämmtlichen Sachen gedacht, so wie mir auch Richard III (ohne mich im geringsten vergleichen zu wollen) als Tragikomödie erscheint. Ich habe diese Bezeichnung natürlich bei keiner meiner Arbeiten gewählt, weil ich das für den Gipfel der Humorlosigkeit halten würde.

Das ist alles, verehrter Herr Brandes, was ich Ihnen über mich zu sagen weiß. Wollen Sie bitte Ihrer verehrten Frau Gemahlin Johanne Louise Henriette Brandes (geb. Steinhoff), genannt Gerda, geschiedene Frau von Adolf Strodtmann (der deutsche Übersetzer von Georg Brandes), seit dem 29.7.1876 mit Georg Brandes verheiratet.meine ergebenste Empfehlung aussprechen.

Meine Frau läßt sich gleichfalls | empfehlen. Ich aber danke Ihnen, daß ich die Freude hatte, Sie kennen zu lernenWedekind hat Georg Brandes am 14.3.1907 in Berlin persönlich kennengelernt: „Dr. Landsberger giebt ein Diner mit Georg Brandes dessen Tochter Frau Philipp Herrn Philipp, Harden, Tilly und mir im Palasthotel.“ [Tb] Eine weitere Begegnung gab es am 1.3.1908 (hier war außer Edith Philipp, der Tochter von Georg Brandes, nun auch dessen Gattin Gerda Brandes dabei): „Dr. Landberger giebt ein Diner bei Adlon. Anw. Brandes Frau Tochter Carl Hauptmann Gerharts zweiter Sohn“ [Tb]..

Mit ergebensten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


6.4.8.

Einzelstellenkommentare

München, 10. Januar 1909 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

[1. Briefentwurf:]


Hochverehrter Meister!

Vor drei Tagen bekam ich die Ihre kritische Abhandlung über meine Arbeiten zugeschickt, die Sie im Pester LloidSchreibversehen, statt: Lloyd (gemeint ist die ungarische Tageszeitung „Pester Lloyd“). abdrucken ließen. Erlauben Sie mir, Ihnen die Mitteilung zu machen, daß ich trotz der kri/skep/tischen Haltung die Sie meinen Arbeiten gegenüber in den EinleitendenSchreibversehen, statt: einleitenden. Worten eizunehmenSchreibversehen, statt: einzunehmen. scheinen vorgeben in einer/m/ erstenSchreibversehen, statt: ernsten. Besprechung Aufsatz höher noch niemals eingeschätzt wurde, als wie Sie mich beurtheilen. Wäre mir in Deutschland die öffentliche Meinung nur halb so günstig, wie Ihre Einschätzung Beurtheilung, dann hätte ich allerdings keinen Grund, mich selber zu vertheidigen. Solange aber die Aufführungen meiner ernstesten Arbeiten noch polizeilich verboten sind, kann | ich nicht eingestehen, daß ich mich durch eigene Rechtfertigung meiner Bestrebungen erniedrige. Ich bin auch ziemlich gewiß daß keine deutsche Tageszeitung von Bedeutung, weder das Berliner Tageblatt noch die Frankfurter Zeitung, sich zum Abdruck Ihrer/s/ Abhandlu Auf Besprechung Beurtheilung bereit gefunden hätte.

Die hohe Bewerthung, die s/S/ie meinen Arbeiten zutheil werden lassen, mußte mich um so mehr überraschen, da ich seit vier Jahren weiß, daß Ihnen der/ie/ ho auffallendste Seite meiner Produktion, die sexuelle Schamlosigkeit, durausSchreibversehen, statt: durchaus (so im abgesandten Brief). Im Erstdruck: „daraus“ [GB 2, S. 215]. unsympathisch ist. Aber jeder Mensch hat wol irgend einen Stachel etwas Absonderliches, das ihn vorwärts treibt und und wird dann eventuell durch das Verlangen, diese Absonderlichkeit zu begreifen vorwärts getrieben i/I/ch gebe auch ohne weiteres zu, daß ich dieser einen Monomanie alles übrige | verdanke.

Großen Dank schulde ich Ihnen für das unverkennbare Wohlwollen, das Sie aus kühlen Betrachtungen zu warmherzigen bedingungslosen Aussprüchen gelangen läßt auf die ich Zeit meines Lebens stolz sein werde.

Manchmal stellen Sie eine Frage. Beim Lesen Ihrer Besprechungen hatte ich natürlich den Eindruck, als sei die Frage an mich gerichtet. So kam ich unwillkührlichSchreibversehen, statt: unwillkürlich. dazu einige Notizen aufzuschreiben. Ich nehme mir die Freiheit, d/s/ie Ihnen beiliegend zuzusenden. Manchmal hatte ich das Bedürfnis mich zu rechtfertigen. Verdenken Sie es mir bitte nicht, daß ich das als Künstler nicht für unter meiner Würde hielt. |

Darf ich Sie bitten, geehrter Herr Brandes, Ihrer verehrten Frau Gemahlin meiner lieben Frau und meine herzlichen Empfehlungen auszusprechen.

Über unseren gemeinsamen Freund, dem ich die Ehre verdanke, mit Ihnen bekannt zu sein, sind seitdem die furchtbarsten Schicksalsschläge hereingebrochen. Bis jetzt weiß ich leider nicht mehr darüber als was in den Zeitungen stand.

Ich danke Ihnen und bin in der Verehrung, die ich Ihnen schon als Schüler entgegenbrachte
Ihr ergebener
FrW.


[2. Abgesandter Brief:]


Hochverehrter Meister!

Vor drei Tagenam 7.1.1909; wer Wedekind den Aufsatz (siehe unten) zugeschickt hat, ist unklar. bekam ich Ihre kritische Abhandlung über meine ArbeitenDer Aufsatz, veröffentlicht in der „Weihnachts-Beilage des ‚Pester-Lloyd‘“, der in Budapest erscheinenden großen ungarischen Tageszeitung, ist nach einer kurzen Einleitung in zehn nummerierte Abschnitte („I.“ bis „X.“) gegliedert [vgl. Georg Brandes: Frank Wedekind. In: Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 65-68]. Georg Brandes kommt auf alle Werke Wedekinds zu sprechen, die Wedekind in der Briefbeilage anspricht. zugeschickt, die Sie im Pester LloidSchreibversehen, statt: Lloyd. abdrucken ließen. Erlauben Sie mir, Ihnen die Mittheilung zu machen, daß ich in einem ernsten Aufsatz höher noch niemals eingeschätzt wurde, als wie Sie mich beurtheilen. Wäre mir in Deutschland die öffentliche Meinung nur | halb so günstig wie Ihr Urtheil, dann hätte ich allerdings keinen Grund, mich zu vertheidigen. Solange aber die Aufführungen meiner ernstesten Arbeiten noch polizeilich verboten sind, kann ich nicht eingestehen, daß ich mich durch eigene Verteidigung meiner Arbeiten erniedrige. Ich bin auch ziemlich gewiß, daß keine deutsche Tageszeitung von Bedeutung, weder das Berliner Tageblatt noch die Frankfurter Zeitung, sich zum Abdruck Ihrer Besprechung bereit gefunden hätte. |

Ihre hohe Bewertung mußte mich um so mehr überraschen, da ich seit vier Jahren weiß, daß Ihnen gerade die auffallendste Seite meiner Produktion, die sexuelle Schamlosigkeit, durchaus unsympatischSchreibversehen, statt: unsympathisch. ist. Vielleicht bin ich selber nur durch das Verlangen, diese Absonderlichkeit zu begreifen vorwärts getrieben worden.

Großen Dank schulde ich Ihnen für das unverkennbare Wohlwollen, das Sie aus kühlen BetrachtungenGeorg Brandes hat einleitend erklärt: „Ich möchte versuchen, leidenschaftslos, doch nicht kalt oder gleichgültig, mir selbst Rechenschaft über Wedekinds Wesen als Autor abzulegen.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 65] zu warmherzigen bedingungslosen Aussprüchen | gelangen läßt, auf die ich Zeit meines Lebens stolz sein werde.

Manchmal stellen Sie eine Frage. Beim Lesen Ihrer Besprechung hatte ich natürlich den Eindruck, als sei die Frage an mich gerichtet. So kam ich unwillkührlichSchreibversehen, statt: unwillkürlich. dazu einige Notizendie Beilage zum vorliegenden Brief. aufzuschreiben. Ich nehme mir die Freiheit, sie Ihnen beiliegend zu senden. Manchmal hatte ich das | Bedürfnis mich zu rechtfertigen. Verdenken Sie es mir bitte nicht, daß ich das als Künstler nicht für unter meiner Würde hielt.

Darf ich Sie bitten, geehrter Herr Brandes, Ihrer verehrten Frau Gemahlin meiner lieben Frau und meine herzlichen Empfehlungen auszusprechen.

Über unseren gemeinsamen | FreundArtur Landsberger, der Wedekind persönlich mit Georg Brandes bekannt gemacht hatte, als er am 14.3.1907 in Berlin ein festliches Abendessen veranstaltete: „Dr. Landsberger giebt ein Diner mit Georg Brandes dessen Tochter Frau Philipp Herrn Philipp, Harden, Tilly und mir im Palasthotel.“ [Tb] Wedekind, der Georg Brandes an dieses Treffen erinnerte [vgl. Wedekind an Georg Brandes. Berlin, 28.3.1907], ist ihm, wieder vermittelt über Artur Landsberger (inzwischen leitender Redakteur der von Georg Brandes mitherausgegebenen Zeitschrift „Morgen“, die Wedekinds „Musik“ erstveröffentlichte), am 1.3.1908 ein weiteres Mal begegnet (außer Edith Philipp, der Tochter von Georg Brandes, war nun auch dessen Gattin Gerda Brandes dabei): „Dr. Landberger giebt ein Diner bei Adlon. Anw. Brandes Frau Tochter Carl Hauptmann Gerharts zweiter Sohn“ [Tb]., dem ich die Ehre verdanke, mit Ihnen bekannt zu sein, sind seitdem die furchtbarsten SchicksalsschlägeDolly Landsberger (geb. Pinkuß), die junge Gattin von Artur Landsberger, hatte an Silvester 1908 im Berliner Hotel Esplanade durch einen Sprung aus dem Fenster einen Selbstmordversuch verübt (die Presse hat darüber berichtet). Wedekind erfuhr von dem „Unglück“ [Wedekind an Artur Landsberger, 13.1.1909] am 6.1.1909 durch seine Frau, die wiederum von Elisabeth Steinrück darüber informiert worden ist: „Tilly besucht Frau Steinrück. Nachricht vom Sturz Dollys Landsbergers aus dem Fenster“ [Tb]. Der Vorfall stand im Zusammenhang mit einem Gesellschaftsskandal, Streitigkeiten mit den Schwiegereltern (die 16 Jahre alte Dolly Landsberger war die Tochter der Schriftstellerin Gertrud Wertheim aus erster Ehe, in zweiter Ehe nun mit Wolf Wertheim aus der Berliner Kaufhausdynastie verheiratet), die juristisch gegen ihren 30 Jahre alten Schwiegersohn vorgingen – die Presse berichtete, Artur Landsberger werde „wegen Entführung einer Minderjährigen“ angeklagt, da er Dolly Pinkus „geheiratet, nachdem er sie gegen den Willen ihrer Eltern heimlich entführt hatte“ [Strafverhandlung gegen Dr. Landsberger. In: Neues Wiener Journal, Jg. 17, Nr. 5470, 13.1.1909, S. 7] (Landsberger wurde freigesprochen, es kam aber zur Scheidung der gerade erst geschlossenen Ehe). hereingebrochen. Bis jetzt weiß ich leider nicht mehr darüber als was in den Zeitungen stand.

Ich danke Ihnen und bin in der Verehrung, die ich Ihnen schon als Schüler entgegen brachte
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


München, Prinzregentenstraße 50

10.1.9.


[Beilage:]


In eine defensive Stellung bin ich dadurch gekommen, daß sämmtliche Bühnen Jahre hindurch meinen dramatischen Arbeiten verschlossen waren. Darauf begann ich mit meinen Arbeiten selbst Reklame für meine Arbeiten zu machen. Ich hielt das für meine Pflicht, da ich Jahre hindurch gezwungen war, im Tingeltangel aufzutreten.

Das Thema, das ich in „Zensur“ behandeln wollte, war der ExibitionismusSchreibversehen, statt: Exhibitionismus. oder die Schamlosigkeit, natürlich nicht die Schamlosigkeit der Tänzerin sondern meine eigene. Dabei war es mir darum zu thun, dem Publicum einen Stoff mundgerecht zu machen, der mir seit langer Zeit vorschwebt, den ich aber bis jetzt | noch nicht zu behandeln wagte: Die WiedervereinigungZitat (Dr. Prantl an Buridan) aus „Die Zensur“ (1908), 2. Szene: „Stammt denn vielleicht das Wort von der Wiedervereinigung von Kirche und Freudenhaus im sozialistischen Zukunftsstaat nicht von Ihnen?!“ [KSA 6, S. 226] von Kirche und Freudenhaus im sozialistischen Zukunftsstaate.

Mit dem SatzEs folgt ein Zitat aus „Die Zensur. Theodizee in einem Akt“ (1908), 2. Szene (der Literat Walter Buridan zu Dr. Cajetan Prantl): „Ich kenne nichts Bedauernswürdigeres auf dieser Welt als einen Dummkopf, der nicht an Gott glaubt!“ [KSA 6, S. 222] Das hat auch Georg Brandes zitiert: „Buridan fühlt sich als im höchsten Maße religiös [...]. Doch es kommt noch stärker: Ich kenne nichts Bedauernswürdigeres auf dieser Welt als einen Dummkopf, der nicht an Gott glaubt.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 65]: ,,ich kenne nichts Bedauernswürdigeres als einen Dummkopf der nicht an Gott glaubt“ meinte ich: Ein Mensch der nicht denken kann, dem das Einmaleins nicht zur Verfügung steht, kann nichts besseres thun als an Gott zu glauben, da er in der Religion die Resultate menschlichen Denkens wenigstens in groben allgemeingültigen Normen gebrauchsfähig vorfindet.

Hätte Franz Lindekuh„Literat“ [KSA 6, S. 180] in „Musik. Sittengemälde in vier Bildern“ (1908). Georg Brandes zufolge „verteidigt“ das Stück „auf geistreiche Weise einen gewissen Franz Lindekuh, dessen Namen genau so viele Silben hat wie der Name Frank Wedekind.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 65] in den Mitteln zur Verhütung eines Selbstmordes wählerischer sein sollen? – Es kam Franz Lindekuh bei der Verhütung eines Selbstmordes wohl mehr auf den glücklichen Erfolg als auf die Eleganz der Ausführung an. Er handelt nach dem ganz | primitiven Grundsatz, daß man unter zwei Übeln immer das kleinere wählen muß.

Musik“ ist eine sehr leichte Arbeit. Mir kam es nur auf Gestaltung und Festlegung des Stoffes an, an dem ich nicht das kleinste Motiv geändert habe. Mancher hätte gesagt: Der Stoff ist nichts als eine Zote, eine Stammtischanekdote. Andere hätten vielleicht gesagt: In dem Stoff liegt das Motiv zu einem ernsten Drama. Ich hätte beides für unkünstlerisch gehalten und habe mich nur aus künstlerischen Gründen zu der rohen KarrikaturSchreibversehen, statt: Karikatur. entschlossen, die ich in dem Stück gezeichnet zu haben glaube. Bis jetzt wurde übrigens noch jede Darstellerin der Clara HühnerwadelKlara Hühnerwadel, „Musikschülerin“ [KSA 6, S. 156] in „Musik“ (1908). plötzlich als eine ungeahnt glänzende Schauspielerin gefeiert. |

Karl HetmannHauptfigur in „Hidalla oder Sein und Haben. Schauspiel in fünf Akten“ (1904). Georg Brandes meint: „Hetmann ist in seiner Kritik nicht so neu und originell, wie er vermutet und wie er von den anderen betrachtet wird.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 65] ist weitaus die wirksamste Bühnenfigur, die ich mir bis jetzt gelungen ist. Hidalla ist öfter gespielt worden als Erdgeist. Ich habe den Hetmann über hundert Mal gespielt. Seine Theorien sind nur Kolorit und bleiben völlig wirkungslos. Die Wirkung der Rolle ist die Leidenschaft. Der Zweck des Stückes war nicht Belehrung sondern Verführung. Es ist im 4. Akt mit klaren Worten ausgesprochenvon Morosini über Hetmann; Zitat aus „Hidalla“, 4. Akt: „Zu schwächlich, um mit anderen Männern ehrlich um ein Weib zu kämpfen, zu eingebildet, um sich selbst um ein Weib zu bemühen, wollten Sie Ihre Person so hoch postieren, daß sämtliche Weiber kniefällig vor Ihnen nach Liebe jammern und jede sich selig preist, wenn Sie Zwergriese sich ihrer erbarmen!“ [KSA 6, S. 89]: Er wollte seine Person so hoch postieren, daß die Weiber kniefällig vor ihm um Liebe jammern und jede sich glücklich schätzt, wenn er sich ihrer erbarmt.

Die junge WeltWedekind meint sein ungefähr gleichzeitig mit „Frühlings Erwachen“ (1891) entstandenes Lustspiel „Kinder und Narren“ (1891), das er umarbeitete und umbenannte in „Die junge Welt“ (1897). Georg Brandes dazu: „Sein Schauspiel ‚Die junge Welt‘, das unter dem Titel ‚Kinder und Narren‘ 1891 erschien, ist in seinem ersten Aufzug, der in einer Mädchenschule vorgeht, eine heitere Vorstudie zum ‚Frühlingserwachen‘.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 66]. und „Frühlings Erwachen“ schrieb ich im Kampf und im bewußten Gegensatz gegen den damals (1890) in | Deutschland auftauchenden Realismuszeitgenössisch synonym mit Naturalismus. Das Motto von „Kinder und Narren“ lautet: „Der Realismus ist eine pedantische Gouvernante. Der Realismus hat dich den Menschen vergessen lassen. Kehr zur Natur zurück!“ [KSA 2, S. 105], der mir, im Gegensatz zu seinen Vorbildern im Ausland, als die ausgemachte Banalität, Spießbürgerlichkeit und Schulmeisterei erschien.

In „Totentanz“ schwebte mir die Absicht vor, einen an Enttäuschung sterbenden Mephistonach Mephistopheles, der Teufelsfigur aus Goethes „Faust“, die Wedekind in einem Briefentwurf [vgl. Wedekind an Victor Barnowsky, 4.6.1907] für sein Stück „Totentanz“ (1905) als Vorbild reklamiert und sterbend imaginiert hat. zu schildern.

Im Jahr 1895 wollte ich meine Utopia schreiben. Der Roman war auf 18 Kapitel berechnet von denen nur die ersten 3 fertigWedekind hat sein Romanprojekt „Mine-Haha“ nicht abgeschlossen [vgl. KSA 5/II, S. 1054f.], das Fragment aber in drei Kapitel gegliedert [vgl. KSA 5/II, S. 1061] in der Zeitschrift „Die Insel“ veröffentlicht [vgl. Frank Wedekind: Mine-Haha. In: Die Insel, Jg. 2, Nr. 7, April 1901, S. 27-36, Nr. 8, Mai 1901, S. 93-111, Nr. 9, Juni 1901, S. 234-255]. Georg Brandes nennt das Fragment eine „schwache, langweilige Erzählung“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 67]. wurden, die ich dann, nur wegen stilistischer Qualitäten, die sie mir zu haben schienen, unter dem Titel „Mine-Haha“ herausgab.

Der Kammersänger ist das erste Stück, in dem ich für meine Arbeiten, von denen kein Verleger und kein Theater etwas wissen wollte, Reklame machte. | Der alte Professor Dühringaus „Der Kammersänger. Drei Szenen“ (1899). Georg Brandes spricht von dem „halb rührenden, halb lächerlichen Genius, dem Komponisten Dühring. Er ist genau so amüsant auf der Bühne, wie peinlich langweilig in Wirklichkeit.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 65] spricht Wort für Wort meine eigenen Gefühle aus.

Die Namen Sonnenstich, Fliegentod e.ct.Namen der Professoren in „Frühlings Erwachen“ (1906), Szene III/1 [vgl. KSA 2, S. 354-358]. Georg Brandes hat dazu über Wedekind erklärt: „Er hat einen Haß gegen die Dummheit und die Pedanterie berufsmäßiger Erzieher, der sich sogar dadurch befriedigt, nach der Art des XVII. und XVIII. Jahrhunderts ihnen satirisch erklärende Namen zu geben, wie Sonnenstich, Fliegentod, Knüppeldick, Zungenschlag.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 67] wählte ich nur weil sämmtliche Professoren auf eine Scene zusammengedrängt sind, in der mir für eine zartere Charakterisierung nicht Raum genug schien.

Der Marquis von Keith ist eine ebenso dankbare Rolle wie Carl Hetmann und viel leichter zu spielen. Außerdem enthält das Stück aber in Ernst Scholzaus „Marquis von Keith (Münchener Scenen). Schauspiel in fünf Aufzügen“ (1901), zweite Auflage „Der Marquis von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen“ (1907). Georg Brandes nennt ihn den „Gegenpol“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 68] zum Marquis von Keith., wie ich aus eigener Erfahrung weiß, eine ebenso wirksame Rolle wie im Marquis. Trotzdem wurde das Stück trotz guter Darstellung bis jetzt noch überall abgelehnt. Ich führe das nur als Beweis dafür an, daß ich zur Selbstvertheidigung und zum Reklamemachen immer noch Ursache genug habe. |

Mit Moral und Religion zu arbeiten lernte ich durch das Verbot der Büchse der PandoraAnspielung auf die Zensurprozesse um Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ wegen ‚Verbreitung unzüchtiger Schriften‘ gegen Autor und Verleger am 12.5.1905 am Landgericht I Berlin sowie am 10.1.1906 am Landgericht II Berlin [vgl. KSA 3/II, S. 1146-1181], auf die Georg Brandes in seinem Resümee Bezug nimmt: „Wedekinds Dichterleben, das von zwei Prozessen erschüttert und bestimmt wurde, hat einen Satiriker gereift, einen Tragikomiker wachgerufen. Aus dem Gaukler entwickelte sich ein Idealist, aus dem Galgenhumoristen ein Moralist mit Pathos des Verkannten.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 68]. Ich bin immer noch froh, daß ich diese beiden Pferde reiten gelernt habe. Ohne meine Religion wäre die Büchse der Pandora heute eingestampft.

Lulu ist war mir die Verherrlichung des Körperlichen, ebenso wie Mine-Haha. Ich lud ihr deshalb moralisch alle Scheußlichkeiten auf, um die Tragfähigkeit des Körperlichen zu demonstrieren.

Die strafende GerechtigkeitGeorg Brandes über „Die Büchse der Pandora“ (1903), 3. Akt: „Wieder hier liegt die strafende Gerechtigkeit Wedekind hier am Herzen.“ [Pester Lloyd, Jg. 55, Nr. 308, 25.12.1908, Morgenblatt, S. 68] ist eine Erfindung meines Verlegers Cassirer„Die Büchse der Pandora. Tragödie in drei Aufzügen“ (1903) wurde von Bruno Cassirer in Berlin verlegt [vgl. KSA 3/II, S. 862], nicht von Albert Langen, der seinerzeit noch Wedekinds Verleger war.. Mir war nie etwas in der Welt widerwärtiger und als Strafe und von Gerechtigkeit habe ich nie etwas erwartet oder gehalten. Wenn ich den Marquis von Keith und Lulu unglücklich werden ließ, so that ich das aus reiner Verehrung | ebenso wie in Totentanz, weil das ein tragisches EndeSelbstmord im „Marquis von Keith“ (Titelfigur) und in „Totentanz“ (Casti Piani), Mord in „Die Büchse der Pandora“ (Ermordung Lulus) mit dem eine Tragödie pointierenden Schlusswort der Gräfin Geschwitz: „O verflucht!“ [KSA 3/I, S. 540] doch wol immer der größte und schönste Abschluß eines Lebensbildes ist. Ich bin sogar der Ansicht, daß das Wesen der Tragödie seit Shakespeare einzig auf dieser rein äußerlich ästhetischen Thatsache beruht.

Buridan sagtWalter Buridan, „Literat“ [KSA 6, S. 207] im Einakter „Die Zensur“ (1908), in der 2. Szene: „Ich habe mein halbes Leben lang ohne Kunst gelebt. Ohne Religion könnte ich nicht eine Minute leben.“ [KSA 6, S. 226], daß fr ohne Religion könne er nicht eine Minute leben, weil Religion für ihn, wie für den Jesuitismus nichts anderes als das Einmaleins ist.

Es giebt kaum mehr eine geistige Qualifikation, die man mir nicht schon zum Vorwurf gemacht hätte. Mich freut, dasSchreibversehen, statt: daß. sich darunter auch die Moral befindet. Ich habe das Motiv vor fünf Jahren schon im Totentanz benutzt, in dem Casti Piani von sich sagt, er sei Moralistder Zuhälter Casti Piani in „Totentanz“ (1905) zu Elfriede von Malchus: „Ich bin ‒ ‒ ‒ Moralist! [KSA 6, S. 111]. |

Wenn kein Künstler sich dazu erniedrigen dürfte, sich selber zu vertheidigen, dann müßte der Künstler wohl auch eine persönliche Auszeichnung und Ehre darin erblicken, zu verhungern oder im Tingeltangel aufzutreten. Richard Wagner war anderer Ansicht. Noch am 3 November 1904 schrieb mirvgl. Georg Brandes an Wedekind, 3.11.1904 (in diesem Brief auch das hier nachfolgende Zitat). einer der geistvollsten Männer, die je gelebt haben: „Von Ihnen kenne ich drei Sachen, Frühlings Erwachen, das mir zuwider ist ... e.ct.Frlgs Erw wird heute allgemein als meine bedeutendste Arbeit gepriesen, eine Ansicht, die ich nicht theile. Aber vor neunzehn Jahren, als ich Frlgs Erwachen geschrieben hatte, versicherte mir ein Münchner Staatsanwaltnicht identifiziert., daß ich, wenn das Buch in Deutschland erschiene, ins Zuchthaus kommen würde. Wenn ich in meinen Arbeiten auf meine Arbeiten selber hindeutete, habe ich das immer mehr als eine berechtigte Reklame aufgefaßt, denn als eine Selbstvertheidigung.

Einzelstellenkommentare

Kopenhagen, 13. Januar 1909 (Mittwoch)
von Brandes, Georg
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Kutscher 3, S. 242 (Fußnote):]


[...] demArtur Kutscher verweist mit „dem“ auf Julius Kapp, von dessen Monographie „Frank Wedekind. Seine Eigenart und seine Werke“ (1909) in dem nicht überlieferten Brief offenbar die Rede war, wie aus Wedekinds Antwort hervorgeht: „Die Kappsche Schrift kenne ich wohl.“ [Wedekind an Georg Brandes, 19.1.1909] Georg Brandes erst den Stil verbessern mußte, s. Georg Brandes’ Brief an Wedekind vom 13. Januar 09.


[2. Hinweis und Zitat in Kutscher 3, S. 248:]


Brandes behauptet in einem BriefeEs dürfte sich um den hier erschlossenen Brief handeln, da das Zitat sich auf den in Wedekinds Werk zentralen Sexualdiskurs bezieht und Wedekinds Werk in seiner Eigenart insgesamt zur Debatte stand [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 10.1.1909].: „Was in alter Zeit die Bibel den Schriftstellern war, das ist Ihnen Krafft-EbingGeorg Brandes meint Richard von Krafft-Ebings Buch „Psychopathia sexualis. Eine klinisch-forensische Studie“ (1886), dessen Lektüre für Wedekind früh bezeugt ist. Wedekind notierte am 8.8.1889 in München: „Gestern abend im Bett dacht ich an die Anecdote aus Krafft-Ebing: Die Pariser Cokotte mit der Buldogg.“ [Tb].“

Einzelstellenkommentare

München, 19. Januar 1909 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

Hochverehrter Meister!

ich danke Ihnen herzlich für Ihre liebenswürdigen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Georg Brandes an Wedekind, 13.1.1909.. Gewiß, die Harfe ist kein Schild. Die Kappsche SchriftGeorg Brandes hatte die Monographie „Frank Wedekind. Seine Eigenart und seine Werke“ (1909) von Julius Kapp offenbar kritisch beurteilt und stilistisch bemängelt, wie die Bemerkung von Artur Kutscher nahelegt, der zu dem Verfasser meinte, „er will ein Führer zu Wedekind sein“, „dem Georg Brandes erst den Stil verbessern mußte“ [Kutscher 3, S. 242] – unter Hinweis auf den nicht überlieferten Brief [vgl. Georg Brandes an Wedekind, 13.1.1909]. Wedekind hat sich bald darauf mit Julius Kapp in Frankfurt am Main getroffen, wie er im Tagebuch notierte – so am 2.2.1909 („Dr. Julius Kapp besucht mich. Mittagessen im Ratskeller. Besichtigung von Römer und Göthehaus. [...] Mit Heines und Dr. Kapp im Kaiserkeller“), 3.2.1909 („Abendessen im Kaiserkeller Mit Dr. Kapp lange Sitzung in der Bar“) und 4.2.1909 („mit Kapp Lanz Pottof im Kaiserkeller und d. Bar Kapp schickt Tilly einen herrlichen Strauß und schenkt mir sein Liszt Wagnerbuch“). kenne ich wohl. Ich glaube aber nicht, daß ich das Gefallen Herrn Kapps finden würde, wenn ich unbekannt wäre. In lebhafter Erinnerung ist mir ein PassusWedekind hatte in der letzten Folge der im „Morgen“ publizierten „Erinnerungen“ (siehe unten) in der Passage über den Philosophen Eduard von Hartmann gelesen: „Immer wieder kam er darauf zurück, daß seine Zeitgenossen ihn nicht nach Verdienst anerkannten. In Zeitschriften und Zeitungen würde er aus purem Neide – er sprach dieses Wort mit einer ganz eigenartigen Betonung aus – totgeschwiegen, würde nie gelobt wie es ihm zukam.“ [Georg Brandes: Erinnerungen. In: Morgen, Jg. 2, Nr. 33, 14.8.1908, S. 1069] aus Ihren Berliner | ErinnerungenGeorg Brandes hatte von 1877 bis 1883 in Berlin gelebt; seine „Erinnerungen“ daran erschienen in vier Folgen (die erste Folge zusätzlich mit dem Untertitel „Einleben in Berlin“ überschrieben) mit insgesamt 13 römisch bezifferten Abschnitten in der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift „Morgen“ [vgl. Georg Brandes: Erinnerungen. In: Morgen, Jg. 2, Nr. 23/24, 5.6.1908, S. 738-741 (I-IV), Nr. 26, 26.6.1908, S. 819-825 (V-VIII), Nr. 30, 24.7.1908, S. 967-971 (IX-X), Nr. 33, 14.8.1908, S. 1064-1071 (XII-XIII)]., wo sich E. v. Hartmann auf der Höhe seines Ruhmes über Mangel an Anerkennung beklagt. Ich nahm mir gleich beim Lesen ein warnendes Beispiel daran.

Die Notizeneine umfangreiche handschriftliche Briefbeilage [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 10.1.1909], die ich mir erlaubte Ihnen zu senden habe ich in Abschrift in meinem Notizbuch für den Fall, da ich jemals etwas davon nötig haben sollte.

Für Landsberger hat mein Freund BierbaumWedekind hatte Otto Julius Bierbaum, der wie er selbst Autor der von Artur Landsberger redigierten und von Georg Brandes mitherausgegebenen Zeitschrift „Morgen“ gewesen ist, dem Tagebuch zufolge in den letzten Tagen häufig gesehen – so am 14.1.1909 („Ich treffe Bierbaum“), 16.1.1909 („Bierbaum kommt zum Abendessen“) und 18.1.1909 („Mit Tilly und Bierbaum im Intimen Theater“). seither eine | Lanze in der ÖffentlichkeitOtto Julius Bierbaum hatte sich in der „Frankfurter Zeitung“ gegen einen Artikel in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ empört, in dem die Nachricht vom Selbstmordersuch Dolly Landsbergers (Artur Landsbergers Gattin) in der Silvesternacht als „so ziemlich der widerlichste Skandal, den Berlin seit langem gesehen hat“ [Richard Nordhausen: Der fröhliche Anfang. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 7, 6.1.1909, S. 1] kommentiert worden ist: „Eine junge Frau stürzt sich vom dritten Stockwerke auf die Straße und bleibt mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen. Nur wie durch ein Wunder ist die noch nicht Siebzehnjährige dem Tode entgangen, und es bleibt noch ungewiß, ob sie mit dem Leben davonkommen wird. Ein trauriger Fall, nicht wahr? Nein doch, der Anlaß zu einem Feuilleton mit der Überschrift ‚Der fröhliche Anfang‘. [...] Herr Richard Nordhausen [...] gibt die Zeitungsnotiz wieder und fügt unmittelbar hinzu: ‚Es ist so ziemlich der widerlichste Skandal, den Berlin seit langem gesehen hat.‘ Wie? Kein trauriges Ereignis, das Mitleiden erweckt? Die Tat der jungen Frau, die vielleicht Zeit ihres Lebens verkrüppelt bleiben wird, ist ein Skandal? [...] Ist es zu glauben? Ist es möglich, daß eine so widerliche Gefühlsroheit sich in einer deutschen Zeitung äußern durfte? [...] Die Roheit drapiert sich [...] auch noch als Idealismus. Gerade darum gehört sie an den Pranger. Gerade, weil es wahr ist, daß unserer Kultur die Gefahr droht, die man [...] als die amerikanische bezeichnen kann, dürfen wir es nicht schweigend hinnehmen, daß diese Wahrheit zum Deckmantel roher Gehässigkeit und Klatschgier mißbraucht wird.“ [Otto Julius Bierbaum. Roheit. In: Frankfurter Zeitung, Jg. 53, Nr. 8, 8.1.1909, 2. Morgenblatt, S. 1] Richard Nordhausen wiederum reagierte öffentlich auf Bierbaums Entgegnung: „Herr Otto Julius Bierbaum nennt in der Frankfurter Zeitung meinen Aufsatz ‚Der fröhliche Anfang‘ eine Roheit. [...] Er behauptet, ich hätte die Verzweiflungstat der jungen Frau Dolly L. einen Skandal genannt. [...] Herr Bierbaum hat mich, absichtlich oder unabsichtlich, falsch verstanden. [...] Herr Bierbaum behauptet weiter, ich hätte eine Wahrheit zum Deckmantel roher Gehässigkeit und Klatschgier mißbraucht, Klatsch verbreitet, auf Klatsch gespannt gemacht. Tragisches unter dem Gesichtswinkel des Klatsches betrachtet.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 15, 12.1.1909, Vorabendblatt, S. 2] gebrochen. Aber Bierbaum hat seit dem Unglückdie von Wedekind bereits angesprochenen „Schicksalsschläge“ [Wedekind an Georg Brandes, 10.1.1909], Artur Landsbergers juristische Querelen mit den Schwiegereltern und vor allem der Selbstmordversuch seiner jungen Gattin in der Silvesternacht (siehe oben), ein Gesellschaftsskandal und für ihn in der Tat ein „Unglück“ [Wedekind an Artur Landsberger, 13.1.1909]. auch nichts näheres erfahren als Sie und ich.

Ich hoffe, daß ich recht bald wieder die Freude haben werde, Ihnen zu begegnen.

Mit herzlichen Wünschen und Grüßen
in Verehrung
Ihr
Frank Wedekind.


19.1.9.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 27. August 1910 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

[1. Briefentwurf:]


Hochverehrter Meister!

Sehr geehrter Herr Professor!

Unser gemeinsamer Freund, Herr Artur Landsberger ermutigt mich, Ihnen meine letzten drei Einakter vorzulegen. Da ich hier in der Sommerfrische keine Exemplare davon bei mir habe, beauftragte ich meinen Verleger sofort, beauftrage ich meinen V sie Ihnen zu schicken. Würden Sie | es mir nicht für als unbescheiden oder unkünstlerisch halten anrechnen, wenn ich mir einige Bemerkungen dazu erlaube, die ich dem Publicum vorenthalte. Die drei Einakter sind nichts anderes als ein dreiaktiges Drama Schauspiel, das von dem ich in Zwischenräumen einen Akt nach dem anderen veröffentlichte weil mich die deutsche Kritik | für künstlerisch tot und völlig steril geworden ver erklärt hatte. Das Das Schauspiel heißt: Schloß Wetterstein, eine Familientrilogie. Der erste Akt zuletzt erschienene Akt ist: In allen Sätteln gerecht. Der zweite Akt ist: Mit allen Hunden gehetzt. Der dritte Akt, den ich zuerst erscheinen ließ ist: In allen Wassern gewaschen.

Im ersten Akt erlaubte ich mir, mit größter uneingeschränkter | Ehrerbietung an Ibsens Familiendramen anzuknüpfen. Denn alles, was ich in den drei Akten zu sagen hatte, waren meine eigenen persönlichen Erfahrungen über die von Ibsen behandelten Familienprobleme. Daß mir alles Gegenständliche, alle Geschehnisse nur Vorwände waren unter denen ich meine Überzeugungen aussprechen konnte, werden können Sie, verehrter Herr Brandes, als reiner Künstler mir unmöglich verzeihen. Das ist auch der Grund, weshalb ich Ihnen offen bekenne, was ich dem Publikum, der Kritik oder dem Literaturdozenten gegenüber niemals zugeben eingestehen würde. Halten Sie es bitte nicht für leere Redewendung, wenn ich gerade von Ihnen lieber zu meinem Nachtheil richtig als zu meinem Vortheil unrichtig beurtheilt werden möchte. | Wenn Sie mir das meine Offenheit als Stolz anrechnen, könnte ich nichts einwenden. Vielleicht überwiegt aber doch meine Verehrung für Ihr Werk und der Dank, den ich Ihnen seit bald dreißig Jahren entgegenbringe.

Unserem gemeinsamen Bekannten Willy Grétor danke ich es, daß ist mir doppelt lieb geworden, da er uns zur meiner Ansicht nach zur schönsten und seit dem Hauptmann von Köpenick zum schönsten und echtesten Berliner Kulturereignis verholfen hat.

Darf ich Sie ersuchen, Frau Brandes meine ergebenste Empfehlung auszusprechen. In der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehn mi mit herzlichem Gruß
Ihr
FrW.


[2. Abgesandter Brief:]


Lenzburg, Ct. Aargau, Schweiz

27. August 1910.


Hochverehrter Meister!

Sehr geehrter Herr Professor!

Unser gemeinsamer FreundArtur Landsberger, über den Wedekind Georg Brandes am 14.3.1907 [vgl. Tb] persönlich kennengelernt hatte und der zuvor schon als gemeinsamer „Freund“ [vgl. Wedekind an Georg Brandes, 10.1.1909] bezeichnet wurde., Herr Artur Landsberger, ermutigt mich, Ihnen meine drei letzten Einakter„In allen Sätteln gerecht. Komödie in einem Aufzug“, „Mit allen Hunden gehetzt. Schauspiel in einem Aufzug“ und „In allen Wassern gewaschen. Tragödie in einem Aufzug“, 1910 im Albert Langen Verlag erschienen [vgl. KSA 7/II, S. 690] und 1912 zu „Schloß Wetterstein. Schauspiel in drei Akten“ zusammengeführt [vgl. KSA 7/II, S. 692]. vorzulegen. Da ich hier in der Sommerfrische keine Exemplare bei mir habe, beauftragte | ich meinen Verlegervgl. Wedekind an Georg Müller, 26.8.1910., sie Ihnen zu schicken. Würden Sie es mir nicht als unbescheiden oder unkünstlerisch anrechnen, wenn ich mir einige Bemerkungen dazu erlaube, die ich dem Publicum vorenthalte. Die drei Einakter sind nichts anderes als ein dreiaktiges Schauspiel, von dem ich in Zwischenräumen einen Akt nach dem anderen veröffentlichte, weil mich die deutsche Kritik für künstlerisch tot und völlig steril | geworden erklärt hatte. Das Schauspiel heißt: „Schloß Wetterstein. Eine Familientrilogie“. Der erste, zuletzt erschienene Akt ist: „In allen Sätteln gerecht.“ Der zweite Akt ist: „Mit allen Hunden gehetzt“. Der dritte Akt, den ich zuerst erscheinen ließ, ist: „In allen Wassern gewaschen.“

Im ersten Akt erlaubte ich mir, mit größter uneingeschränkter Ehrerbietung an Ibsens Familiendramen anzuknüpfen. Denn alles, was ich in den drei Akten zu sagen hatte, waren | meine eigenen persönlichen Erfahrungen über die von Ibsen behandelten Familienprobleme. Daß mir alles Gegenständliche, alle Geschehnisse nur Vorwände waren, unter denen ich meine Überzeugungen aussprechen konnte, können Sie, verehrter Herr Brandes, als Vorkämpfer einer lauteren Kunst, mir unmöglich verzeihen. Das ist auch der Grund, weshalb ich Ihnen offen bekenne, was ich dem Publicum, der Kritik oder dem Literaturlehrer gegenüber niemals einge|stehen würde. Halten Sie es bitte nicht für leere Redewendung, wenn ich von Ihnen lieber zu meinem Nachtheil richtig als zu meinem Vortheil unrichtig aufgefaßt werden möchte. Wenn Sie mir meine Offenheit als Stolz anrechnen, könnte ich nichts einwenden. Vielleicht überwiegt aber doch meine Verehrung für Ihr Werk und der Dank, den ich Ihnen seit bald dreißig Jahren entgegen bringe.

Unser gemeinsamer BekannterWedekind erinnert Georg Brandes an Willy Gretor, ehemals dessen Mäzen [vgl. Wolff-Thomsen 2006, S. 111-113], mit dem Georg Brandes seinerzeit einen regen Austausch pflegte, wie sein 1891 bis 1901 mit ihm geführter Briefwechsel dokumentiert [vgl. Wolff-Thomsen 2006, S. 201-219]. Wedekind hat Willy Gretor 1894 in Paris kennengelernt (siehe seine Korrespondenz mit ihm) und dort als „Sekretär“ [Wedekind an Ferdinand Hardekopf, 28.4.1901] für ihn gearbeitet, wobei „sich weder der Umfang noch die Dauer seiner Tätigkeit für Gretor bestimmen“ lassen, aber anzunehmen ist, „daß Wedekind vollkommen selbständig arbeiten konnte – so daß die finanziellen Zuwendungen eher einer mäzenatischen Beziehung denn einem [...] geregelten Arbeitsverhältnis entsprachen.“ [Wolff-Thomsen 2006, S. 131] Theodor Wolff erinnerte sich später, Wedekind habe „in Paris zum Hofstaat eines merkwürdigen, abenteuerlichen Dänen, der Maler, Mäcen, schrankenloser Gelegenheitssucher, verführerisch geistvoller Lebemann und sonst noch vielerlei war“ [Martin 2017, S. 157], gehört – Willy Gretor. Willy Grétor ist mir doppelt lieb | geworden, da er uns meiner Ansicht nach seit dem Hauptmann von Köpenickseit einer spektakulären Hochstaplergeschichte. Der Schuster Wilhelm Voigt hatte sich am Nachmittag des 16.10.1906 als Hauptmann verkleidet mit Hilfe einiger Soldaten, die ihn für einen Offizier hielten, Zugang in das Rathaus von Köpenick verschafft, es besetzt, den Bürgermeister verhaftet und die Gemeindekasse geplündert; es belustigte der „blinde Gehorsam“ und die Neigung, „vor jeder Offiziersuniform stramm zu stehen, gleichviel wer darin steckt“, eine Geschichte, „wie sie kein Witzblatt besser erfinden könnte.“ [Paul Block: Der Hauptmann von Köpenick. In: Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 529, 17.10.1906, Abend-Ausgabe, S. (1)] zum schönsten und erfreulichsten Berliner Kulturereignisironische Anspielung auf eine der „spektakulärsten Erwerbungen der Berliner Museen“ im Kaiserreich, die „mit Gretors Namen [...] verbunden“ [Wolff-Thomsen 2006, S. 22] war, die Affäre um den 1909 getätigten Ankauf einer angeblich von Leonardo da Vinci gefertigten Flora-Büste aus englischem Besitz für das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin durch den Kunsthistoriker und Generaldirektor der Berliner Museen Wilhelm von Bode (durch seinen Bevollmächtigten Hans Posse), bei dem Willy Gretor, sein Kunstagent [vgl. Wolff-Thomsen 2006, S. 140-183], zunächst als Dolmetscher vermittelte. „Dr. Posse hatte sich, da er die englische Sprache nicht fließend beherrscht, Herrn Willy Gretor als Dolmetscher mitgenommen.“ [Der Besuch in Southampton. Die „Flora“-Angelegenheit. In: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 208, 26.4.1910, Morgen-Ausgabe, S. (2)] Willy Gretor, den Wedekind 1894 in Paris kennengelernt hatte (siehe oben) und der zum Vorbild wurde für die Hochstaplerfigur des Marquis von Keith [vgl. KSA 4, S. 478], galt allerdings als Mann im Hintergrund – „Herr Gretor, der aus dem Florahandel bekannte Beauftragte Bodes“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 447, 3.9.1910, Abend-Ausgabe, S. (3)] – und als suspekt: „die Presse wird [...] die Rolle, die Herr Gretor in der Angelegenheit gespielt hat, gründlicher aufzudecken haben, als es manchen Leuten recht sein mag.“ [Das System Bode und die Florabüste. In: Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Nr. 25, 4.2.1910, S. 98] Maximilian Harden fasste zusammen: „Die Mehrheit des Preußischen Abgeordnetenhauses hat den Ankauf und die Ausstellung der Florabüste gebilligt. Der Erwerber, Generaldirektor Bode, hatte sie für ein Meisterwerk Leonardos erklärt [...]. Der Minister hat behauptet, Herr Willy Gretor habe bei dem Ankauf der Büste nicht mitgewirkt. Nicht direkt: mag sein. [...] Und im Friedrich-Museum wird, mit Zustimmung des Kultusministers, eine englische Wachsbüste aus dem Jahr 1846 als ein Meisterwerk italienischer Hochrenaissance ausgestellt.“ [Bode-Posse. In: Die Zukunft, Jg. 18, Nr. 32, 7.5.1910, S. 178-183] Artur Kutscher meinte: „Wedekind zweifelte keinen Augenblick, daß die viel umstrittene Florabüste Lionardos von ihm sei.“ [Kutscher 1, S. 280] Erich Mühsam notierte am 25.8.1911: „Besonders wurde natürlich die Ungeheuerlichkeit des Diebstahls der Mona Lisa erörtert. Wedekind deutete an, daß er Willy Gretor in Verdacht habe, mit der Geschichte in Verbindung zu stehn. Auch mir war dieser Gedanke schon gekommen: In der Flora-Büsten-Angelegenheit war er der eigentliche Macher gewesen, – Harden hatte seine Beteiligung damals als Beweis für die Unechtheit angeführt.“ [Tb Mühsam] verholfen hat.

Darf ich Sie ersuchen, Frau Brandes meine ergebenste Empfehlung auszurichten. In der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehn
mit herzlichen Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Kopenhagen, 23. September 1910 (Freitag)
von Brandes, Georg
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis, Referat und Zitat in Kutscher 3, S. 105-106:]


LucknersMeinrad Luckner [vgl. KSA 7/II, S. 826] aus „Mit allen Hunden gehetzt“ (1910), der sich erschießt [vgl. KSA 7/1, S. 58]. [...] Selbstmord erscheint wohl nicht zwingend, aber doch möglich. Brandes meint zwar, erstens werde LeonoreLeonore von Gystrow [vgl. KSA 7/II, S. 822f.] aus dem Schauspiel „Schloß Wetterstein“ (1912), das sich aus den Einaktern „In allen Sätteln gerecht“ (1. Akt), „Mit allen Hunden gehetzt“ (2. Akt) und „In allen Wassern gewaschen“ (3. Akt) zusammensetzt, die alle 1910 erschienen sind. ihm nicht unausstehlich werden wegen zu dreister Annäherung, das sei Doktrin, und dann schieße sich dieser Mensch doch unmöglich tot, weil das Weib ihm zuwider sei. [...] In dem Brandesschen Briefe heißt es: „Ernstlich: interessiert Sie so eine idiotische Bestie, deren einzige Wollust es ist, ein armes Luder röchelnd zu sehen? Fühlen Sie eine Art kühle Bewunderung für ihn? Was sollen wir andern daraus machen, daß es auch vielleicht solche Käuze innerhalb und außerhalb der Irrenhäuser gibt? Der ganze Aktder Einakter „Mit allen Hunden gehetzt“ (1910). läuft darauf hinaus, daß er EffieEffie [vgl. KSA 7/II, S. 806] ist die Tochter der Leonore von Gystrow (siehe oben). vernichtet. Er ist irgendwie Bild, Sinnbild. Sie sprechen dadurch irgendeine persönliche Überzeugung aus. Bitte, sagen Sie mir welche.“


[2. Hinweis und Zitat in Kutscher 3, S. 108:]


Am einwandfreiesten ist der ersteder erste der drei Einakter (siehe oben), „In allen Sätteln gerecht“ (1910)., nach Brandes „ein völlig wohlgelungener tour de force“.


[3. Hinweis und Zitat in Kutscher 3, S. 247:]


Georg Brandes meinte am 23. September 1910: „Sie haben die außerordentliche Stärke, daß Sie nie langweilig, nie trivial werden. Leider fallen Sie nicht selten in die andere Gruft, paradox anstatt einfach originell zu sein.“

Einzelstellenkommentare

Berlin, 12. Oktober 1910 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

Hochverehrter Meister!

sehr spät komme ich dazu, Ihnen für die liebenswürdigen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Georg Brandes an Wedekind, 23.9.1910. Georg Brandes hat sich in dem nur in Auszügen bekannten Brief ausführlich über Wedekinds Einakter (siehe unten) geäußert., mit denen Sie mich bedachten und beehrten zu danken. Herr Dr. LansbergerSchreibversehen, statt: Landsberger. giebt mir Gelegenheit, wieder in Ihrer GesellschaftWedekind hatte Georg Brandes am 14.3.1907 bei einem von Artur Landsberger veranstalteten Abendessen persönlich kennengelernt – „Dr. Landsberger giebt ein Diner mit Georg Brandes dessen Tochter Frau Philipp Herrn Philipp, Harden, Tilly und mir im Palasthotel“ [Tb] – und ist ihm am 1.3.1908 wiederum bei einem solchen von Artur Landsberger veranstalteten Abend – „Dr. Landberger giebt ein Diner bei Adlon. Anw. Brandes Frau Tochter“ [Tb] – erneut begegnet. Die nächste Begegnung dieser Art fand am 15.10.1910 statt (siehe unten). zu sein | und ich möchte vorher nicht noch als unhöflich erscheinen. Ihren Brief erhielt ich zugleich mit Ihrem herrlichen Schreiben„Es handelt sich um einen sehr persönlich gehaltenen offenen Brief“ [Bohnen 1978, S. 118] von Georg Brandes an Alexandra Kropotkin, genannt Sascha, die Tochter des mit Brandes befreundeten russischen Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, der zuerst in dänischer Sprache in einer literarischen Monatsschrift erschienen ist [vgl. Et brev. Til Fröken Sacha Kropotkin. In: Tilskueren, Jg. 27, Januar 1910, S. 1-8]; eine in einer Zeitschrift oder Zeitung veröffentlichte Übersetzung (deutsch, französisch oder englisch) des offenen Briefs – Wedekind dürfte seiner Mutter eine solche geschickt haben – ist nicht ermittelt. an die Fürstin Kropotkin, das ich meiner Mutter in die Schweiz geschicktHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 25.9.1910. hatte. Meine Mutter war begeistert davon. Sie schrieb mirnicht überlieferter Brief; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 28.9.1910.: „Wer so schreiben könnte.[“] Die Fragen, | die Sie an mich zu stellen die Freundlichkeit haben, kann ich augenblicklich nicht beantworten, da ich in BerlinWedekind ist am 30.9.1910 zu seinem Gastspiel vom 6. bis 19.10.1910 am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) nach Berlin gereist [vgl. Tb], das mit der Berliner Premiere seines Stücks „Die Zensur“ eröffnet wurde. zu keinem klaren Gedanken komme. Das lebendige Interessean den drei Einaktern „In allen Sätteln gerecht“, „Mit allen Hunden gehetzt“ und „In allen Wassern gewaschen“, die Georg Brandes ausführlich kommentiert hatte [vgl. Georg Brandes an Wedekind, 23.9.1910]., das Sie für meine Einakter übrig haben, war mir eine innige große Freude. Von ganzem Herzen | freue ich mich darauf, Sie am Sonnabendder 15.10.1910, an dem Wedekind nach seiner Gastspielvorstellung im Kleinen Theater (siehe oben) die Gesellschaft notierte, zu der Artur Landsberger eingeladen hatte: „Nachher Landsberger Gesellschaft. Fulda Karl Hauptmann Reike Frau Goldmann Brandes Reinhardt Barnowsky.“ [Tb] wiederzusehenWedekind sah Georg Brandes nicht nur am 15.10.1910 wieder (siehe oben), sondern auch an den darauf folgenden zwei Tagen. Er besuchte am 16.10.1910 um 17 Uhr im Hotel Excelsior den Vortrag von „Georg Brandes über Jeanne d’Arc im Wandel der Zeiten“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 513, 9.10.1910, Morgen-Ausgabe, 10. Beiblatt, S. (2)] und nahm abends nach seinem siebten Gastspielauftritt in „Die Zensur“ wie Georg Brandes (außerdem Georg Reicke, Arthur Landsberger und Ludwig Fulda) an einem Abendessen für Carl Hauptmann auf Einladung von Max Reinhardt teil [vgl. Berger 2001, S. 192]: „Brandes Vortrag über La Pucelle. [...] Zensur 7. Unbehagliches Abendessen bei Steinert in Charlottenburg.“ [Tb] Wedekind notierte außerdem am 17.10.1910 Georg Brandes’ Besuch der achten Gastspielvorstellung im Kleinen Theater und ein Beisammensein mit ihm zu späterer Stunde im Weinlokal A. Frederich: „Zensur 8. Mit Tilly bei Frederich. Georg Brandes war im Theater und kommt zu uns“ [Tb]..

Mit ehrerbietigem Gruß
Ihr ergebenster
Frank Wedekind.


12.10.10.

Einzelstellenkommentare

München, 8. April 1914 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

München, den 8. April 1914.


Hochverehrter Meister!

Lieber, verehrter Herr Brandes!

wollen Sie meiner Frau und mir erlauben, Ihnen zu Ihrem Aufenthalt in BerlinZusammenhang nicht ermittelt. die herzlichsten Grüße und Glückwünsche zu übersenden. Im Lauf des vergangenen Winters las meine Frau mir an manchen | Abenden Kapitel aus Ihren WerkenWedekind notierte am 30.11.1913 und 1.12.1913 jeweils „Tilly liest Shakespeare von Brandes“ [Tb]; das könnte die vor Jahren im Albert Langen Verlag erschienene Monographie über den englischen Dramatiker gewesen sein [vgl. Georg Brandes: William Shakespeare. Paris, Leipzig, München 1896]. Wedekind notierte außerdem am 27.12.1913: „Tilly liest Brandes über Richard III.“ [Tb]; das könnte das Kapitel „Richard III.“ aus Band 6 der von Albert Langen verlegten Gesamtausgabe „Gesammelte Schriften“ gewesen sein [vgl. Georg Brandes: Englische Persönlichkeiten. Zweiter Teil. William Shakespeare. Erster Teil. München 1904, S. 162-179]. vor und wir gedachten Ihrer jedes Mal wieder mit den Gefühlen größter Bewunderung für den Menschenforscher und Künstler.

Ihr ergebener
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 10. Juni 1914 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Brandes, Georg

ERICH REISS VERLAG

BERLIN W. 62.
WICHMANNSTR. 8a


den 10. Juni 1914.

München, Prinzregentenstrasse 50.


Hochgeehrter Herr Professor,

wollen Sie mir erlauben, ein Erfordernis unserer Zeit zu nennen. Maximilian Harden erlebte, vor drei JahrenWedekind hatte bereits zu Maximilian Hardens 50. Geburtstag am 20.10.1911 im Erich Reiß Verlag (Berlin) ein Gedenkbuch mit Würdigungen des Publizisten geplant [vgl. Wedekind an Ernst Schweninger, 7.4.1911; Wedekind an Erich Reiß Verlag, 21.9.1911] – ein nicht realisiertes Projekt., ohne dass etwas davon verlautete, sein fünfzigstes Jahr. Soll der grösste, verdienstvollste Kämpfer im Vergleich zu hundert namhaften Männern keiner Verehrung würdig sein oder scheinen? Ihm tut es keinen Eintrag, unsere Kinder denken seiner mit Stolz, aber dem Lebenden wurde ein Gut entzogen, ein Besitz unterschlagen und totgeschwiegen.

Ich beabsichtige im Verlage Erich ReissIm Erich Reiß Verlag (Berlin) erschienen Maximilian Hardens Bücher. ein Maximilian Harden-GedenkbuchEntwürfe Wedekinds zu einem solchen von ihm im Erich Reiß Verlag herausgegebenen Gedenkbuch sind unter dem Stichwort „Hardenbuch“ oder „Harden Buch“ erhalten [vgl. KSA 5/III, S. 565]. herauszugebenMaximilian Hardens Lebensgefährtin Selma Isaac hatte Fritz Mauthner bereits am 13.2.1914 die geplante Herausgabe einer Festschrift für den Publizisten durch Wedekind angekündigt, eine Broschüre im Erich Reiß Verlag, in der „eine Reihe Großer unserer Nation zur Würdigung des Wirkens von Harden“ Beiträge schreiben sollten: „Wedekind wird der Leiter oder literarische Herausgeber des Bändchens sein, mit dessen Erscheinen M.H. natürlich überrascht wird.“ [Leo Baeck Institute (New York), Fritz Mauthner Collection, Box 2]. Sollten Sie, hochverehrter Herr Professor, Ihrer aufrichtigen Ueberzeugung über Maximilian Harden als Mensch und Schriftsteller in dem Buch einen ausführlichen Beitrag widmen? Dann versichere ich Sie meines Dankes für die Zeit, die ich noch mit Ihnen erlebe.

Wollen Sie, hochgeehrter Herr Professor, den Ausdruck grösster Hochschätzung entgegennehmen von
Ihrem ergebenen
Frank Wedekind.


Herrn Professor Georg Brandes
Kopenhagen, Strandboulevard 27.

Einzelstellenkommentare