Briefwechsel

Wedekind, Frank und Wedekind, Donald (Doda)

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München, 18. Dezember 1884 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Friedrich Wilhelm, Wedekind, William, Wedekind, Emilie (Mati), Wedekind, Donald (Doda), Wedekind, Erika (Mieze), Wedekind, Emilie

München, im December 1884.


Ihr Lieben,

ich wünsche e/E/uch allenDer Brief wendete sich an die Eltern und die zu Weihnachten auf Schloss Lenzburg versammelten Geschwister. eine recht fröhliche Weihnachtszeit und für die Zukunft alles Gute, das der Himmel beschehrenSchreibversehen, statt: bescheren. kann. Von den Herrlichkeiten Münchens wüßt’ ich Euch viel zu erzählen und wills auch thun in einem längeren Briefe so bald die FerienDie Weihnachtsferien der Ludwig-Maximilians-Universität dürften am Montag, den 22.12.1884 begonnen haben und dauerten bis zum 4.1.1885. begonnen haben. Beiliegend einstweilen einige Beispielewohl beigelegte Ansichtskarten oder Fotografien.. Doda möge seinen Schiller brav durchstudiren und zwar mit Maria Stuart anfangen und | Fiesko und die Räuber erst nach dem Wallenstein lesen.

Es ist dies das erste Mal, das ichSchreibversehen, statt: daß ich. Weihnachten in der Fremde zubringen und bin sehr darauf gespannt, wie mir das vorkommen wird. Hoffentlich denkt i/I/hr am Heiligen Abend an unsFrank und Armin Wedekind, die sich ein Zimmer in München (Türkenstraße 30, 1. Stock) teilten.; so wird uns der Verlust und das Heimweh leichter zu ertragen sein. Ich weiß noch nicht recht, ob wir hier in München auch einen Weihnachtsbaum bekommen, aber viel Rares wird wol schwerlich daran hängen und auch die Fröhlichkeit dabei wird nicht den heimischen Familien-Charakter tragen. Aber wenn mir dieses Jahr die Gunst versagt ist, Weihnachten in Euerm lieben Kreise zu feiern, | so weiß ich umso mehr das Glück zu schätzen, einen so herben Verlust schmerzlich empfinden zu können in der schönen Erinnerung an andere Jahre und in der Hoffnung Euch, meine Lieben froh und gesund einst wiederzufinden. –– Mit tausend herzlichen Grüßen an Euch alle zusammen und an den strahlenden Weihnachtsbaum verbleib’ ich in unvergänglicher Treue Euer Franklin.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 23. Juli 1886 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Lieber Bebiefamiliärer Kosename von Frank Wedekind (auch: Bebi).!

Ich gratulire die/r/ herzlich zu deinem GeburtstagFrank Wedekinds 22. Geburtstag am 24.7.1886. und hoffe, daß ich dich bald sehen werde. Vor 4 Wochen hat der Goldigedie Katze auf Schloss Lenzburg [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 31.12.1885], die auch Schneekönig genannt wurde. Donald Wedekind widmete ihr ein Kapitel in seinen Erinnerungen „Kindheitstage“ [in: Donald Wedekind: Oh, du mein Schweizerland! Novellen und Erinnerungen. Berlin 1905, S. 22-26]. 3/1/ Prinzensiehe dazu auch die Schilderung in Emilie (Mati) Wedekinds Geburtstagsbrief [vgl. Emilie (Mati ) Wedekind, 23.7.1886]. und 2 Prinzessinen gelegt. Der Prinz ist gelb und heißt Murr. D. Meine Prinzessin heißt Nora und Miezefamiliärer Kosename von Erika Wedekind. ihre Kathakinka. Sie spielen jetzt schon, aber der Schneekönig behandelt sie gar nicht wie Prinzen, sondern beißt viel in den Schwanz. Einmal versteckte er sie in den Schrang/k/ in der Wohnstube. Die Nora (Nurr) hat | einen ganz schwarzen Mund. Bis vor 14 Tagen war das „Männle“nicht identifiziert. bei uns, und vie hat oft mit uns SöldenDonald Wedekind hatte zu seinem 14. Geburtstag am 4.11.1885 von seinem Bruder Armin „Amerikanische Sölden“ [Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 19.12.1885] geschenkt bekommen; gemeint sein dürften Spielzeugsoldaten. gesti/p/ielt. Vor 8/4/ Tagen kam Walther Dürst mit KreisförstersRudolf Heusler, der Onkel von Walter Dürst; mit beiden war Armin Wedekind 1877 als Jugendlicher gemeinsam auf Wildschweinjagd [vgl. Lenzburger Neujahrsblätter, 27 (1956), S. 54]. J/V/olantjägergemeint ist vermutlich ein Jagdhund für Flugwild (von frz. ‚voler‘) – der dann genannte „Naßrieshund“, möglicherweise eine verballhornte Bezeichnung einer dafür geeigneten Hunderasse. zu uns. Auf einmal sprang der Goldige dem Naßrieshund auf den Kopf und hat ihn so zerkrazt, daß er jämmerlich heulte. Am Dienstag ist HermannEs dürfte sich um Wedekinds Freund Hermann Plümacher handeln, den Sohn der ‚philosophischer Tante‘ Olga Plümacher, der seit Längerem erkrankt war. Vier Wochen zuvor hatte Frank Wedekind ihm Grüße nach Lenzburg bestellt [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.6.1886]. fo abgereist. Es gru/ü/ßt und kann dich leider nicht küssen

Dein Bruder
D. Wedekind.

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Lenzburg, 25. September 1887 (Sonntag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.

Herrn Franklin Wedekind
Schönbühlstrasse No 10
Fluntern (Hottingen)
Zürich. |


25. Sept. 1887.


Lieber Bebi!

Aufs Papas Veranlassung hin frage ich dich, ob ich nicht na Mitte oder Ende nächster Woche zu dir kommen könnte, um 8 Tage bei dir zu bleiben. Papa würde allen Unterhalt bez für mich bezahlen und ich e/ä/sse an eurem TischWedekind aß mittags in der Pension Buchmann (Seefeldstr. 1) im Züricher Vorort Riesbach [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1887, Teil I, S. 62]. Über die große Runde berichtete er später in einem Interview: „allmittags war der Tisch recht groß, da eine kunterbunte Gesellschaft mit hungrigen Mägen sich einfand. Kaufleute, Reisende und auch zwei junge Stürmer und Dränger, die die Welt am liebsten aus den Angeln gehoben hätten, zwei – – – Dichter: Karl Henckell und Frank Wedekind.“ [KSA 5/II, S. 568] bei Frau Buchmann,. mit der ich Du würdest mir einen grossen Gefallen tun damit. Schreibe mir baldSchreibversehen, statt: mir so bald. wie möglich. Papa lässt dir sagen, deinen Briefvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 19.9.1887. bekommen zu haben. Adieu lieber Bruder, grüsse Hamifamiliärer Kosename für Armin Wedekind (auch: Hammi)., Herrn HenkellDer Schriftsteller Karl Henckell aus Hannover war aufgrund von politischer Verfolgung im Deutschen Reich im April 1886 nach Lenzburg gekommen, wo sein Bruder Gustav Henckell eine Konservenfabrik betrieb. Er verlobte sich Ende Mai 1887 kurzzeitig mit Wedekinds Schwester Erika [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 318]. von mir.
Donald Wedekind.


[um 90 Grad gedreht über den Text geschrieben:]

Heute Morgen war ich mit Herrn GustavGustav Henckell aus Hannover, seit 1886 Konservenfabrikant in Lenzburg (Henckell, Zeiler und Cie, später Hero) und Bruder von Karl Henckell. bummeln gewesen. Hoffentlich sehenSchreibversehen, statt: sehe. ich dich bald.

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Zürich, 26. September 1887 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 28.9.1887 aus Zürich:]


Den Brief an Donald hab’ ich bereits von Herzen bereut. […] Mein Brief an Doda war die einzige Kundgebung meiner inneren Stimmung […].

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Zürich, 27. September 1887 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 28.9.1887 aus Zürich:]


Ich habe ihn bereits um Verzeihung gebetenHinweis auf das nicht überlieferte Schreiben. […].

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Livorno, 12. April 1888 (Donnerstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

LivornoDonald Wedekind war nach dem Besuch der 1. Klasse des Gymnasiums zum Ende des Schuljahres (am 7.4.1888) von der Kantonsschule Aarau abgegangen und sollte in Livorno auf Wunsch des Vaters eine kaufmännische Lehre absolvieren. den 12. April 1888.


Lieber Bebi!

Soeben komme ich vom Caffeé postaléDas Caffè della Posta befand sich in der Via Vittorio Emanuele 52 in der Nähe der Piazza Guerrazzi, „der Post gegenüber“ [Karl Baedeker: Italien. Handbuch für Reisende. Zweiter Theil: Mittel-Italien und Rom. Coblenz 1862, S. 10] und besaß einen Garten. heim. Es ist dort ungemein schön. Man sitzt do unter Orangenbäumen und schlürft seinen Sorbet„Getränk von abgezogenem Wasser von Rosen, Veilchen, Lindenblüthen, Safran u. dgl., mit Saft von Citronen, Limonen u. Pomeranzen gemischt u. mit Ambra, Moschus u. dgl. gewürzt, oft mit Eis gekühlt“ [Pierer's Universal-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 16. Altenburg 1863, S. 305]. ein. Ein edles Getränke. Gerade gemacht dazu, um nachher die gesichert zu sein gegen die vielen, feurigen Augen, die man auf der F/V/ittorio Emanuele“Die Via Vittorio Emanuele II, die Hauptstraße Livornos, führte von der Piazza Micheli zur Piazza della Repubblica – 1946 wurde die im Volksmund verbreitete Bezeichnung Via Grande offizieller Straßenname. zu sehen bekommt. O, sie sind prachtvoll, die italjänischen Mädchen. Ich habe noch nie so viel schöne Gesichter unter so schlechten Kleidern gesehen, wie hier. Und wie wenig spröde sie sind. Das bekam ich schon auf meiner Reise von Mailand nach Genua zu schmecken. Ich sass zwischen, oder lag viel mehr, denn es war Nachts um 11 Uhr und die wenigen Passagier/re/ hatten es sich bequem gemacht, zwischen 2 Genueserinnennicht identifiziert., welche mich von beiden Seiten küssten, was mir in beiden Leben noch nie passirt ist, indem sie einander immer zu kicherten „profitare di l’occasione“(ital.) ‚Nutzen Sie die Gelegenheit‘. | In Alessandria hatten wir Aufenthalt. Da holte die eine aus ihrem Busen, der hier in Italien als gebräuchliche Speisekammer dient, ein paar Mandeln und bot sie mir an. Ich ass und wir assen eine Viellie doppelte„Vielliebchen-Essen, die Sitte, Zwillingsfrüchte oder die in Krachmandeln etc. vorkommenden Doppelkerne geteilt zu essen, worauf die Beteiligten sich beim Wiedersehen mit ‚Guten Morgen, Vielliebchen‘ zu begrüßen haben und derjenige, der dies zuerst tut, vom andern ein Geschenk erwartet.“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl. Bd. 20. Leipzig, Wien 1908, S. 153], a/w/orauf sie mich eidas hier vermutlich begonnene und zunächst gestrichene „einluden“, hat Donald Wedekind später vergessen in den Satz wiederaufzunehmen. ohne die Entscheidung des Zufalls abzuwarten, ich solle morgen und/m/ 10 Uhr in der Via grande del Norte No 21 mich einfinden. Ich tat dass und war punkt 10 Uhr da. Die Damen sind leider noch d nicht aufgestanden. Ich tat wartete und bald darauf kamen 2 ganz kolossal steife junge Damen herein, unter in denen ich kaum meine Reisegefährtinnen erkannte. Die Nacht speziell scheint bei den Italjänern di das Leben zu sein.

Hier in Livorno gefällt es mir sehr gut, dassSchreibversehen, statt: das. heisst, so lange wie’s dauertDonald Wedekind brach seine Lehre in Livorno bereits nach wenigen Monaten ab.. Die Stadt ist gross, schön, das aber etwas langweilig. Ich gehe jetzt sehr viel in die Kirche. Erstens wegen me der schönen MussikSchreibversehen, statt: Musik., die man dort umsonst geniessen kann,. Dann aber auch wegen | wegen meiner pfäffischen Bekanntschaft, die ich auf eine eigene Weise gemacht habe. Es war 6 Uhr Abends, der DomDer dem heiligen Franziskus geweihte Dom befand sich an der Piazza Vittorio Emanuele (heute: Piazza Grande). gedrängt voll, als die Messe zu Ende war. Der BischoffLeopoldo Franchi war am 7.6.1886 zum Bischof von Livorno ernannt worden und hatte das Amt bis 1898 inne., der in der Festwochedie Osterwoche; der Ostersonntag fiel auf den 1.4.1888. celebrirtdie katholische Messe gefeiert, eine kirchliche Zeremonie durchgeführt., verliess das Gebäude. Hinter ihm her der Vikarnicht identifiziert., der die grosse Bibel trug, aus der er das goldene Buchzeichen verlor. Ich hob es auf und brachte es ihm in den Wagen. Er sagte, ich solle um 68 Uhr abends zu ihm in sein Haus PizzaSchreibversehen, statt: Piazza (ital.: ‚Platz‘). Cavour kommen. Ich folgte dieser Einladung und verlebte einen äusserst angehnehmen Abend, bei famosem Wein, famosem Gebäck und unter lauter schwarzen Pfaffen. Sie lockten unp/d/ pfiffen aufs feinste und ich zeigte mich ihnen gegenüber auch nicht ganz abgeneigt, nur um solche Abende noch öfters zu geniessen. Der Grosspfaffhier wohl als (nicht zwingend ironisches) Synonym für General- oder Großvikar, als dem Stellvertreter des Bischofs und Vorgesetzten der Pfarrer – Donald Wedekinds Gastgeber. lud mich denSchreibversehen, statt: denn. auch ein, wieder zu kommen. Die Liebeserklärungen werden hier in Livorno auf die gelungenste Weise gemacht die ich je gesehen habe. Man stellt sich nämlich, bevor die Messe zu Ende ist vor die H/K/irchentüre und wartet, bis die | betreffende herauskommt. Dann giebt man ihr meuchlingsaus dem Hinterhalt, hinterrücks. einen Kuss, der, wenn man ihr gefällt mit einem Kuss, wenn nicht, mit einer Ohrfeige erwiedertSchreibversehen, statt: erwidert. wird. Ohrfeigen giebts viele, aber wenn man zuletzt nur den Kuss hat, so hat man daran schon etwas, was man anderswo nicht so leicht bekommt. Man hat dann allerdings nach einer solchen Katastrophe auch einen Stärkepudding der Hauptbestandteil von Gesichtspuder ist Mais- oder Kartoffelstärke.auf den Lippen, denn die Damen hier sind alle geschminkt. Selbst die gemeinsten und schmutzigsten, alten Fischerweiber haben eine Tournürehier: im Unterrock zu tragendes Formkissen über dem Gesäß (auch: ‚Cul de Paris‘); kurzlebige Frauenmode Ende der 1880er Jahre. und sind geschminkt. Das Meer ist wundervoll. Man kommt fast in Versuchung zu dichten. Grüsse alle, Henckell k den kleinender Schriftsteller Karl Henckell, der fünf Jahre jüngere Bruder des Lenzburger Konservenfabrikanten Gustav Henckell; mit beiden war die Familie Wedekind befreundet. nämlich, besonders. Sage ihm, er solle doch hierher kommen, oder komm du, es ist wirklich schön. Grüsse auch EmmyEmma Frey, die Verlobte von Armin Wedekind, wie spätere Briefe Donald Wedekinds nahelegen.,

Dein Bruder
Donald.


Meine Adresse ist.

S. D. W.
presso la Sigra(ital.) bei Frau. Benedetta Botta
Via Goldoni 3/I.
Livorno

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Livorno, 4. Mai 1888 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Livorno 4. Maggio(ital.) Mai.


Lieber Bebi!

Habe die Güte und gieb diesen Brief so bald als möglich an Hamifamiliärer Kosename für Armin Wedekind (auch: Hammi). ab, da ich seine AdresseVor seiner Niederlassung als Arzt in Riesbach im Herbst 1888 wohnte Armin Wedekind gegenüber dem Bezirksarzt Gottlieb Frey im Zürcher Vorort Hottingen (Freie Straße 14) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1888, Teil I, S. 93]. nicht weiss. Ich glaube, es hat noch keinen Maler gegeben, der während seines Werdens schon so viel Bedeud’s gemacht hat, wie dein SchnellmalerWedekind schloss eine erste Fassung von „Der Schnellmaler“, seiner „Großen tragikomischen Originalcharakterposse in drei Aufzügen“, im April 1886 ab, und überarbeitete sie später mehrfach– so im Frühjahr und Herbst 1887 [vgl. KSA 2, S. 545f.]. Die endgültige Fassung schloss er vermutlich im Sommer 1888 ab; sie diente „als Druckvorlage für die – auf Vermittlung von Karl Henckell – 1889 bei J. Schabelitz in Zürich erschienene Erstausgabe“ [KSA 2, S. 546]. , Papa schrieb mirDer Brief Friedrich Wilhelm Wedekinds an Donald Wedekind ist nicht überliefert. Frank Wedekind hat seinem Vater offenbar regelmäßig über den Arbeitsfortschritt an seinem Stück berichtet [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 17.11.1887]. auch davon. Übrigens scheint er so schnell nicht zu sein, denn du gehst doch schon eine lange Zeit mit | ihm schwanger. Er verspricht eine recht schwierige Geburt. Macht er dir aber solche Wehen, dass du mir noch nicht mal kannst schreiben, so bedaure ich dich sehr. Henckell hat mir eine Cartedie Postkarte von Karl Henckell an Donald Wedekind ist nicht überliefert. geschrieben. Indess verbleibe ich immer dein treuer Bruder, der immer gern deinen Cacao und deine NovellenBis Anfang Mai 1888 hatte Wedekind die Erzählungen „Fanny“ [vgl. KSA 5/I, S. 14-19; 594], „Marianne“ [vgl. KSA 5/I, S. 37-76; 734], „Gährung“ [vgl. KSA 5/1, S. 21-36; 644] und „Ein böser Dämon“ [KSA 5/1, S. 77-93; 524] abgeschlossen. Keine der Arbeiten war publiziert. verdaut hat. Schreibe mir, wann es dir beliebt. Grüsse Frl. Weinernicht identifiziert., und die BuchmannenWedekinds Pensionswirtin Anna Barbara Buchmann-Schellenberg und deren Stieftochter Anna Buchmann im Zürcher Vorort Riesbach (Seefeldstr. 1) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1887, Teil I, S. 62], bei denen er auch regelmäßig zu Mittag aß., TomarElias Tomarkin, Medizinstudent in Zürich, war mit Armin, Frank und Donald Wedekind befreundet., und HenckellDer Schriftsteller Karl Henckell war seit Sommersemester 1887 in Zürich als Student eingeschrieben und wohnte (Schönbühlstraße 24) in der gleichen Straße wie Frank Wedekind (Schönbühlstraße 10)..


Es grüsst Dich innig Dein treuer Bruder Donald.

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Burgdorf, 16. Oktober 1888 (Dienstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

BurgdorfIm Winterhalbjahr 1888/89 besuchte Donald Wedekind das Gymnasium in Burgdorf. 16 October 1888


Lieber Bebi!

Ich und das Anderenicht ermittelt. sind hier gut angekommen, Letzteres auch schon wieder fort gegangen. Im Eisenbahnzuge ist kam mir in den Sinn, dass ich O meine Briefe an PapaDie Briefe Donald Wedekinds an seinen Vater sind nicht überliefert; Friedrich Wilhelm Wedekind war am 11.10.1888 überraschend gestorben. zugleich mit einem an Fischvermutlich Karl Fisch, Professor für alte Sprachen an der Kantonsschule Aarau., in der Nachttischschublade des Zimmers, in dem der Samowarrussischer Teekocher. steht, also in deinem früheren Z Schlafzimmer, habe liegen lassen und bitte dich nun mir dieselben sobald wie möglich zu schicken, damit sie niemand anders in die Hände fallen. Gieb sie keinem zu lesen, ob du sie selber lesen willst, ist mir nicht gleichgültig, doch überlasse ich es dir. Was ich darin verbrochen habe, ist verziehen; es kann mir niemand einen Vorwurf daraus machen, als höchstens ich mir | selber. –

Was den Journalisten anbetrifft so werde ich mir die Sache überlegen, nur möchte ich dich bitten, meine Pla Anerbieten als Landwirt und Oekonom des Schlosses bei Willi’sWilliam Wedekind, der eine kaufmännische Ausbildung in Yverdon und Lausanne erworben hatte, war seit dem 23.4.1886 in New York. allfälliger/m/eventuellem. Ausbleiben sowol bei Mama als auch den andern zu unterstützen, doch nur soweit als es deine eigenen Pläne nicht kreuzt. Es ist schon in Livornovor der Wiederaufnahme des Schulbesuchs hatte Donald Wedekind kurzzeitig eine kaufmännische Lehre in Livorno begonnen. so eine gewisse Lust in mich gekommen mit Ertrag, mit wirklich sichtllichen Ertrag und Anstrengung zu arbeiten und dieser Sucht, die ja gewiss eine Nützliche ist, muss Genüge geleistet werden, wenn ich nicht versumpfen soll. Du kannst dir kaum denken, wie wol ich mich die letzten Tage fühlte, wie ich sah, dass ich mich einigermassen nützlich machen konnte und dass man etwas von meinenSchreibversehen, statt: meinem. Rat Gebrauch mach| machteSchreibversehen; Silbenwiederholung beim Seitenwechsel.. Gerade solche Sachen wie Weinlese, Weinmachen, Studenankauf(schweiz.) Stude = Staude [vgl. Schweizerisches Idiotikon, Band 10, S. 1342]., Hof in Ordnung halten, später auch Milchwirtschaft traue ich mir zu unter Mamas Anleitung führen zu können. Meine Geschäftskenntniss würde gepaart mit Mamas Einsicht und Klugheit ein gutes Resultat ergeben. Daneben könnte ich ja immer noch meineSchreibversehen, statt: meinen. Geist bilden, wozu ja Papas reichhaltige Bibliothek genügend Material liefern würde. Wie gesagt, wenn Willi kommt, ist er jedenfalls am besten dazu gei/e/ignet, kommt er aber nicht, so liegt kein Grund vor, dass ich es nicht sein sollte. Du könntest dann ruhig weiter studiren oder auch dich ganz der Schriftstellerei widmen, wozu ja dann bei mir z/Mam/ma im Schloss genügend Platz wäre. | Was die VormundschaftDonald Wedekind benötigte bis zu seiner Volljährigkeit mit dem vollendeten 20. Lebensjahr (4.11.1891) einen männlichen Vormund. anbetrifft, so wäre ich mit H. Dr FreiDer Bezirksarzt und spätere Schwiegervater von Armin Wedekind, Gottlieb Frey, aus dem Zürcher Vorort Hottingen., dem/n/ ja auch Mamma wünscht, sehr zufrieden, da wir ihn doch kennen und Hami sein Schwiegersohn ist, hingegen, ist mir jeder andere auswärtige auch willkommen, gegen jeden Lenzburger aber protestire ich, was allerdings nicht viel nützen wird. Über die Vormundgeschichten magst du mir hie und da schreiben, wenn sie in Gang sind, über die andern will ich nichts wissen, da ein Brief verloren gehen könnte. Der mittlere Teil und das Ende dieses Briefes ist auch an Mamma gerichtet. – Ich wünsche eine gute Weinlese und einen leidlichen Ertrag. Den Schnaps kauft man am besten beim SchatzmannDer Kaufmann Friedrich Schatzmann betrieb in Lenzburg ein Spezereigeschäft.. Wenn Willi Nachricht von sich giebt, so schreib mir etwas weniges darüber. Herzliche Grüsse an Mama, Mieze, die ich am besten nach StettinErika Wedekind besuchte im Herbst und Winter 1888/89 in Stettin die Familie von Josephine Brunnckow (Grabowerstraße 34, 2. Stock) [vgl. Adreß- und Geschäfts-Handbuch für Stettin 1889, S. 25], die sie 1887 während ihres halbjährigen Aufenthalts im Lausanner Pensionat Duplan kennengelernt hatte. In Stettin nahm sie Unterricht bei Hermann Kabisch, dem Direktor der Akademie für Kunstgesang, und trat erstmals öffentlich als Sängerin auf [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 139; 319]. täte, doch nur wenn sie mit Vergnügen geht, weil sonst der Erfolg zweifelhaft ist, an Mati Emma, detta(ital.) ‚genannt‘, ‚alias‘; vermutlich Anspielung auf die geplante Hochzeit von Emma Frey und Armin Wedekind., Hami, Gustav, CarlDer Lenzburger Konservenfabrikant Gustav Henckell und sein Bruder, der Schriftsteller Karl Henckell, mit denen die Familie Wedekind befreundet war., Fischerein „Bediensteter auf Schloss Lenzburg“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 68]., Carlinenicht identifiziert; auch: Caroline (so im nächsten Brief); im Kontext der Aufzählung vermutlich eine Angestellte auf Schloss Lenzburg., Annivermutlich eine Hausangestellte auf Schloss Lenzburg., an Frau EichenbergerZugeh- und Waschfrau auf Schloss Lenzburg. und dich
D Wedekind

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Lenzburg, 3. November 1888 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 14.11.1888 aus Burgdorf:]


Zuerst meinen innigsten Dank für deine […] GratulationHinweis auf das nicht überlieferte Schreiben..

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Burgdorf, 14. November 1888 (Mittwoch)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Burgdorf. 14.XI.1888


Lieber Bebi!

Zuerst meinen innigsten Dank für deine haarbringende GratulationHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 3.11.1888. Donald Wedekind feierte am 4.11.1888 seinen 17. Geburtstag, zu dem er von seinem Bruder offenbar ein Haarwuchsmittel bekommen hatte.. Ich wende sie mit dem besten Erfolge an. Anbei liegt ein kleines WerkDonald Wedekinds beigelegter Text ist nicht überliefert. Wie die weitere Korrespondenz nahelegt, handelte es sich wahrscheinlich um das Manuskript der Erzählung „Der Gang nach der Teufelsbrücke“ (1889)., das ich mir zu meinem speziellen Vergnügen zum Geburtstag geschenkt habe und um dessen Durchsicht ich dich bitte. Nicht dass ich verlange, du sollest es corrigiren bis Alles gut daran wäre, denn ich weiss wol, dass in dem Fall sehr wenig mehr übrig bliebe. Nein, ich wünsche nur, dass du mich auf die grössten Verstösse aufmerksam machst. Würdest | du es aber trotzdem der Mühe wert finden, die Sache etwas eingehender zu behandeln, so sollte mich das ungemein freuen, und könntest du auf meinen besonderen Dank rechnen. Das Ent Werk dankt seine Entstehen einer gewissen Tatkraft, die von der ich dir früher schon einmal geschriebenvgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 16.10.1888. habe. Zuerst habe ich eine kleine Charakteristikder Text ist nicht überliefert. der italjenischen Geistlichkeit auf’s Papier gebracht, fand sie aber eines feineren Papires als Concepteinfachste Papiersorte neben dem hochwertigeren Kanzlei- , Post- und Velinschreibpapier. unwürdig. Diese Sache nun hat mir schon etwas mehr Vergnügen gemacht, so dass ich mir wirklich darin gefiel sie mir selbst laut vor zulesen. Fällt dein Urteil nicht gar zu schlecht aus (weswegen ich dich um ein | möglichst richtiges bitte) so soll mir das eine Aufmunterung zu ferneren Taten sein. Was mir hauptsächlich nicht daran gefällt sind die a häufigen Wiederholungen. –

Indem ich dich versichere dass mir ein wahres und richtiges Urteil von weitaus angenehmer und auch jedenfalls von grösserem Vorteil ist, empfhehle ich mich deinemr gütigen Urteil Kritik und verbleibe dein treuer Bruder
DWedekind


P. S. = |
Gestern erhielt ich die 50 frs und danke Mama nebst den innigsten Grüssen. Brief wird nächstens erscheinen. Von Mieze e bekam ich eine ganze Schachtel Confect, wirklich ganz köstliche Sachen. In der SchuleDonald Wedekind besuchte im Winterhalbjahr 1888/89 das Gymnasium in Burgdorf. geht es sehr gut. Meine Photographien hoffe ich in nächster Zeit zu empfangen. Es freut mich dasSchreibversehen, statt: dass. Spanien zu Frankreich hältAnlass unklar. In der Presse vielfach zitiert wurde ein Berliner Brief der Wiener „Politischen Correspondenz“, der von „Anzeichen einer Annäherung Spaniens an Frankreich“ berichtete: „Die wachsende Intimität zwischen den beiden Nachbarländern ist bereits bei verschiedenen Gelegenheiten in einer Weise erkennbar geworden, wie man es nach der Aufnahme, die König Alfonso bei seinem letzten Aufenthalte in Frankreich gefunden hatte, kaum für möglich gehalten hätte“; genannt wurde unter anderem „die Cooperation Frankreichs und Spaniens auf dem Gebiete der marokkanischen Frage“ [Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 3128, 9.11.1888, Morgenblatt, S. 4]. Damit galt der Versuch Otto von Bismarcks, Frankreich außenpolitisch zu isolieren, als gescheitert: „Daß die Andeutungen der Politischen Korrespondenz nicht eine bloße Phantasmagorie sind, nicht bloß eine vielleicht müßige Konjektur, kann man bei der Stellung jenes diplomatischen Organs und bei der vorsichtigen Art, in welcher seine Berliner Nachrichten immer redigirt waren, wohl unzweifelhaft annehmen.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 68, Nr. 318, 13.11.1888, 1. Blatt, S. (2)] . Grüsse an die HenckelsDer Lenzburger Konservenfabrikant Gustav Henckell und sein Bruder, der Schriftsteller Karl Henckell, mit denen die Familie Wedekind befreundet war., an Carolinewie in seinem letzten Brief, grüßt Donald Wedekind mit Caroline (Carline), Anni und Frau Eichenberger nicht näher identifizierte Angestellte auf Schloss Lenzburg., das Vieh, Anni, EichenbergenSchreibversehen, statt: Eichenberger., Mati, Emma. Ist Fischerein „Bediensteter auf Schloss Lenzburg“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 68]. noch da? Bitte einmal TillisTilly Kammerer, eine Cousine aus New York, Tochter von Emilie Wedekinds Bruder Libertus Kammerer [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 80], die Donald Wedekind bei ihrem Besuch in Lenzburg im Sommer 1885 kennengelernt hatte. Adresse. Nachrichten von WilliWilliam Wedekind war seit dem 23.4.1886 in New York.? Adieu
Cher frère(frz.) Lieber Bruder.

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Lenzburg, 17. November 1888 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 21.11.1888 aus Burgdorf:]


Deinen Bericht vom 17. habe ich erhalten und mit dem grössten Vergnügen gelesen.

Einzelstellenkommentare

Burgdorf, 21. November 1888 (Mittwoch)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Burgdorf. 21. Nov.
1888.


Lieber Bebi!

Deinen Bericht vom 17.nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 17.11.1888. habe ich erhalten und mit dem grössten Vergnügen gelesen. Es sollte mich ungemein freuen, wenn du es irgendwo unterbringen könntest, geht es aber nicht, so brauchst du dir deswegen keine Sorgen zu machen, | dass ob mich das auf eine Weise entmutige, denn als ich dir das Ding schickteDonald Wedekinds Text, den er seinem Bruder zur Korrektur gesandt hatte [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 14.11.1888], ist nicht überliefert. Wie die weitere Korrespondenz nahelegt, handelte es sich um das Manuskript der Erzählung „Der Gang nach der Teufelsbrücke“ (1889)., wagte ich gar nicht dem/n/ Gedanken an einSchreibversehen, statt: eine. Druckfähigkeit der Skizze zu haben, bringst du es irgendwo an so ist es mir eine an sehr, sehr angenehme Überraschung, aber nicht weniger die Erfüllung meiner Erwartungen. Ich bin | dir natürlich sehr zu Dank verpflichtet, dass du dir die Mühe nimmst und mein Manuscript corrigirst. Das allein schon nehme ich als vollen Beweis für das Nichtvorhandensein einer allzu schwachen Sache an, denn es ist i unmöglich, dass du deine Zeit einem unnützen Werke opferst. | Muss ich beim Abschreiben auch noch eine Seite je blank lassen? Du könntest mir gelegentlich etwas schreiben in Beziehung auf VormundschaftDonald Wedekind benötigte bis zu seiner Volljährigkeit mit dem vollendeten 20. Lebensjahr einen männlichen Vormund. und AnderesBezug unklar., es würde mich sehr interessiren!

Indem ich durchaus keine Antwort erwarte, denn ich weiss dass du jetzt viel zu tun hast verbleibe ich dein treuer Bruder
D Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Burgdorf, 11. Dezember 1888 (Dienstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Burgdorf. 11. Dez.
1888.


Lieber Bebi!

Nachdem das Manuscriptder Erzählung „Der Gang nach der Teufelsbrücke“ (1889). schon einmal wegen schlechter Schrift g zurückgesandd/t/t worden ist, lie und ich es einem Mitschülernicht identifziert. zum Abschreiben gegeben habe kommt es mir soeben mit beigelegten Begleitschreibennicht überliefert. wieder zu. Ich erwartete nichts anversehentlicher Wortabbruch beim Seitenwechsel; zu ergänzen wäre: anderes, aber.| freue mich sehr des angenehmen Ton’s, den Herr WidmannDer Schweizer Literaturkritiker und Schriftsteller Joseph Victor Widmann war Literaturredakteur bei der Berner Zeitung „Der Bund“, dem Donald Wedekind offenbar seine Erzählung zur Publikation angeboten hatte. darin anschlägt. Ich glaube fast ihm danken zu müssen. Wenn du noch irgend welche Aussicht dafür in irgendeinem andern Blatte hast, die dir wolbemerkt nicht zu viel Mühe macht, so mi wäre ich dir sehr dankbar dafür, obschon es mir Vergnügen | machen würde die Sache Herrn Widmann zu lassenDonald Wedekinds Erzählung erschien unter eigenwilligem Autornamen in der Berner Zeitung [vgl. Donald Lenzelin: Der Gang nach der Teufelsbrücke. In: Der Bund, Jg. 40, Nr. 148, 28.5.1889, S. (1-3) und Nr. 149, 29.5.1889, S. (1)]., den ich seiner reizenden Complimente wegen recht lieb gewonnen habe. Immerhin mag ich nicht bis im Sommer warten, um dann z mit anzusehen, wie er für „nichts stehen kann“ was nebenbei eine ganz famose Formel ist. Also wenn du etwas damit anfangen | kannst, so tu es.

Die Zeilen von Herrn Widmann bewahre mir auf bis Weihnachten, ich möchte sie gerne behalten als Andenken an mein erstes Werk.

Samstagden 22.12.1888. über acht FageSchreibversehen, statt: Tage. sind Ferien.

Gruss an alle
Dein treuer Bruder
DWedekind

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 9. März 1889 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 2.4.1889 aus San Francisco:]


Am 28. vergangenen Monats empfieng ich deinen lieben Brief […] Die übrigen Neuigkeiten, die dein Brief enthielt […]

Einzelstellenkommentare

San Francisco, 2. April 1889 (Dienstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

San FranziscoDonald Wedekind war im Februar 1889 zu Verwandten seiner Mutter in die USA gereist. Über seinen Reiseweg von Paris über New York, St. Louis, Kansas City und Santa Fé bis San Francisco berichtete er am 17.11.1889 in einem Brief an seine Schwester Emilie (Mati) [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 138]. 2 M/A/ March. April 1889


Lieber Bebi!

Am 28. vergangenen Monats empfieng ich deinen lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 9.3.1889., den ich mit dem größten Vergnügen gelesen habe. Die Empfehlung an Herrn HansenEs dürfte sich um das Empfehlungsschreiben (nicht überliefert) von Oscar Asmussen handeln [vgl. Oscar Asmussen an Wedekind, 28.2.1889], das vermutlich an Oscar Asmussens Großvater mütterlicherseits adressiert war, den Vater von Louise Asmussen (geb. Hansen) in New York. gab ich gleich am nächsten Tag ab. Sie hatte jedoch, wie alle andern keinen Erfolg, als daß H. Hansen mir versprach SchülerDonald Wedekind versuchte in San Francisco, als privater Sprachlehrer Geld zu verdienen. zuzuSchreibversehen (fehlende Vervollständigung des Wortes beim Seitenwechsel), statt: ‚zuzuführen‘ (oder ein semantisch ähnliches Verb). | und daß ein Schweizernicht identifiziert. den ich zufällig auf dem Wege nach der Brauereinicht ermittelt; in San Francisco gab es Ende des 19. Jahrhunderts über 20 Brauereien. in’s Schlepptau genommen hatte, eine Stelle in derselben bekam. Die übrigen Neuigkeiten, die dein Brief enthielt, haben mich außerordentlich gefreut. Ich wünsche fast, daß dein Schnellmaler nicht einschlägtFrank Wedekinds Posse „Der Schnellmaler oder Kunst und Mammon“ ist im Frühjahr 1889 im Verlags-Magazin (J. Schabelitz) in Zürich erschienen [vgl. KSA 2, S. 546, 551]., damit ich dich hier haben kann. Angenehmer wäre es natürlich, wenn er Erfolg haben würde, und du dennoch, z. B. mit Hami, der hoffentlich einen vernünftigen | EntschlußInnerhalb der Familie Wedekind gab es Vorbehalte gegenüber Armin Wedekinds Heiratsplänen mit Emma Frey, Tochter des Bezirksarztes Gottlieb Frey, bei dem er assistierte. Die Eheschließung hatte am 21.3.1889 stattgefunden, Donald Wedekinds Formulierung legt nahe, dass er dies noch nicht wusste. fassen wird, hierher kämst. Frau ObenauerErnestine Obenauer, eine „Freundin seiner Mutter“ in San Francisco [Parker 2020, S. 19], die Donald Wedekind später um Geld bat, wie Frank Wedekind aus einem Brief der Mutter [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 16.6.1889] erfuhr [vgl. Tb, 17.6.1889]. freut sich schon königlich darauf. Emmy würde mich zwar dauern, doch ist sie sicherlich eher zur alten Jungfer veranlagt als zur Hausfrau und Mutter. Auch glaube ich nicht, daß der alte Frei seine vertraute Stellung zu uns aus Rache in irgendwelcher Weise mißbrauchen würde.

Stellung habe ich bis jetzt noch nicht, wenigstens keine feste. Meine Freunde, die ziemlich zahlreich sind, be|mühen sich gemäß ihren Außsagen sehr, doch soll es schwer sein, etwas zu finden. Mit der Zeitung ist es nicht. Der California Democrat älteste deutsche Tageszeitung in Kalifornien (gegr. 1853) mit Sitz in San Francisco (Montgomery Ecke Sacramento Street).hat keine Arbeiter nötig. Außerdem ist es ein sehr einseitiges Blatt, ein Copie der engl. Blätter, denen der litterarische Teil vollständig fehlt. Hingegen glaube ich, daß es wol sich wol lohnen würde ein litterarisches Journal zu gründen, mit etwas poetischenSchreibversehen, statt: poetischem. Anstrich. Nicht für die | Männer, denn die wollen nichts anderes lesen als Politik und Geschäfte, sondern für die Frauenwelt, die hier überhaupt dier einzige Vertreter für Wissenschaft und Kunst ist. Das sagte mir auch Herr Hansen, indem er mir empfahl, in den Mädchenschulen meine KartenDonald Wedekind verteilte Visitenkarten mit der Aufschrift: „DONALD WEDEKIND / Teacher of German, French, Italian – Latin and Greek / Mathematics, Physics, Geography and History / 16 MONTGOMERY AVE., ROOM NO. 6 SAN FRANCISCO / HOURS, 1 TO 2 P. M.“ [Mü, FW B 304] verteilen zu lassen, da diese allein Lust zum Erlernen fremder Sprachen hätten. Ich habe auch dem|gemäß 5600 Exemplare verteilt und verteilen lassen, doch bis jetzt ohne Erfolg. Ich bin durch alle Priesterschaften gelaufen, von den Jesuiten an bis zu den einfachen Franziscadenern, doch ohne Erfolg. Ich frage den Tag hindurch 5 – 10 Mal Leute auf der Straße, die mir darnach aussehen, doch als ob sie etwas bräuchten. Ich denke es wird noch kommen. Hamis Papiereunklar; vermutlich hatte Armin Wedekind, der in Oakland geboren war, Unterlagen zu seiner Herkunft oder aber Unterlagen über die amerikanische Auswanderungszeit (1849-1864) seines Vaters Friedrich Wilhelm Wedekind angefordert, dessen Erbe er für seine Geschwister und seine Mutter verwaltete. werden von der deutschen Unterstützungsge|sellschaftDie 1854 von Wedekinds Vater mitgegründete Allgemeine Deutsche Unterstützungsgesellschaft in San Francisco kümmerte sich um notleidende deutsche Einwanderer und betrieb ein Krankenhaus [vgl. Allgemeine Deutsche Unterstützungs-Gesellschaft von San Francisco, Cal. Geschichtliche Mittheilungen seit ihrer Gründung am 7ten Januar 1854, bis zum Vierzigjährigen Stiftungsfeste am 7ten Januar 1894. Gesammelt und zusammengestellt von Eugen Römer. San Francisco 1894]. ausgestellt und demnächst abgeschickt, hoffentlich braucht er sie nicht mehr. Von Karl Henckell halte ich gar nicht mehr viel, immerhin la grüße ihn aufs herzlichste von mir. Das Leben ist hier sehr angenehm, wozu hauptsächlich das prachtvolle Klima beiträgt. Jeden Sonntag gehe ich nach AlamedaStadt auf der gleichnamigen Insel vor Oakland am Ostufer der San Francisco Bay; dort wohnten die Obenauers (Central Avenue 2516), wie Donald Wedekind seiner Schwester Mati am 17.11.1889 aus Kansas City schrieb: „Alameda, so heisst der Platz, wo die Obenauer wohnen, ist wie ein Paradies. Am Sonntag spielten Davie Obenauer Maria Steffen und ich an der Northbeach.“ [Aa, A II b]. Frau Obenauer hält sehr viel von mir. Sie giebt mir immer einSchreibversehen, statt: eine. Unmasse Kuchen mit, daß ich für die Woche etwas | zu essen haben. Ich habe schon verschiedene Male die Heilsarmee aufgesucht. Jeden Abend gehe ich zur Schule zur schnelleren Erlernung der engl. Sprache. Wie geht es Gustav? Minnadie Cousine Minna von Greyerz; der Anlass der Gratulation ist nicht bekannt. gratulire ich. Meine beiden BriefeAdressaten unklar. Donald Wedekinds Briefe an Lenzburger Verwandte oder die Familie sind nicht überliefert. werden gut angekommen sein. Grüße an alle. Hoffentlich bald Antwort von Mama. Den Bekannten sage nur, ich mache riesige Geschäfte. Ich glaube wirklich, daß bald jemand von Euch kommen wird.

Dein treuer Bruder
Donald |


Mieze mag sich nur bald verheiratenArmin Wedekind berichtete im Herbst von Verlobungsabsichten seiner Schwester mit „Apotheker König“ [Armin Wedekind an Frank Wedekind, 27.11.1889].. Mama halte ich für eine der besten Frauens der Welt. Willi soll mir sehr viel Geld machen und sich dann seine CousieneSchreibversehen, statt: Cousine. Anna anhängenWilliam Wedekind heiratete seine Cousine Anna Wilhelmine Kammerer am 25.7.1889 in Zürich., so beneide ich ihn schon nicht. Für SadiSpitzname Karl Henckells auf Schloss Lenzburg [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 139]. halte ich es das Beste, er stürzt sich irgend wohinunter, aber nicht zu hoch. Grüße Carlinenicht identifiziert (in anderen Briefen Donald Wedekinds auch in der Schreibung: Caroline). und Mati. Sie möge mir auch mal schreiben. Kommt Augustnicht identifiziert. noch immer?

DW.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 17. Dezember 1889 (Dienstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Dr. Wilh. Wedekind
Schloss Lenzburg
SCHWEIZ.


Lenzburg, den 17 Dez. 1889
(Canton Aargau)


Lieber Bebi

Mit Vergnügen kann ich dir melden, daß ich am Sonntagmorgenden 15.12.1889. glücklich und so weit auch gesund in Basel die Schweiz betrat. Ich fuhr am 24 November von Kansas City, meinem letzten Wohnorte ab und erreichte am 26. New JorkSchreibversehen, statt: New York., wo ich mich nicht weiter aufhielt, sondern mich sofort einschiffte auf „City of ParisDie City of Paris war ein in Großbritannien gebautes Passagierschiff der Inman Line, das als schnellstes Schiff auf der Nordatlantikroute galt; ihre Jungfernfahrt fand am 3.4.1889 auf der Route von Liverpool nach New York statt. Sie fasste 1740 Passagiere. dem größten und comfortabelst eingerichteten OceansteamerOzeandampfer. der Welt. Die Fahrt dauerte 7 Tage über Queenstown in Ireland; In Liverpool | nahm ich London Daily Express, der mich in 3 StunddenTatsächlich betrug die Fahrzeit zwischen Liverpool und London mit dem Expresszug knapp 4 ½ Stunden [vgl. Travelers’ Official Railway Guide for the United States and Canada, Jg. 22, Nr. 4, September 1889, S. XII]. nach London brachte. In London wurde ich von Influenza befallen, das mich 3 Tage im Bett hielt. Nachdem das Geld von Mama mich erreicht hatte, reiste ich am 14ten Dezember ichSchreibversehen, statt: in. Gesellschaft des Erzbischofs von CanterburySeit 1882 hatte dieses Amt Edward White Benson inne., des Bisch. von LincolnEdward King, seit 1885 Bischof von Lincoln., des Bischof von LiverpoolSeit 1880 war dies John Charles Ryle., von ManschesterSchreibversehen, statt: Manchester. nas/c/h Dover über Chatham und Canterbury. Das Boot brachte und/s/ in 3 Stunden nach Calais, von wo uns der Zug über Laon, Dernierwohl Schreibversehen, statt: Tergnier (ein Eisenbahnknotenpunkt)., RheimsSchreibversehen, statt: Reims. und | Delle nach Bâle(frz.) Basel. trug. Von Basel fuhr ich direch/c/t nach Zürich, wo ich von mein Hami meinen Husten identifizirt haben wollte. Wir aßen zu Mittag bei Tante Frey, Kastanien und Aepfel, gewürzt von des alten Doctors Vorlesungen über Influenza. AbensSchreibversehen, statt: Abends. 10 Uhr kam ich nach Hause und fühleSchreibversehen (Auslassung), statt: fühle mich. gegenwärtig sehr gut, bis würdeSchreibversehen, statt: wenn. nicht ein fortwährender Husten, den die andern allerdings nicht für schwer halten | mich d/i/n einem fort aufregen würde.

Es würde mich sowol als auch die Andern sehr freuen wenn du zu Weihnachten heimkommen könntest und dann etwas da bleiben k würdest. Es ist unser aller Wunsch. Ich hatte eigentlich die Idee dich in MünchenFrank Wedekind wohnte seit dem 5.7.1889 wieder in München. zu besuchen aber das Geld hat nicht mehr gereicht. Es hat mich sehr sehr gefreut, daß du meine Skizze in die Zeitung gebrachtDonald Wedekinds Erzählung „Der Gang nach der Teufelsbrücke“ war während seines USA-Aufenthalts im Mai 1889 in der Berner Tageszeitung „Der Bund“ erschienen [vgl. Der Bund, Jg. 40, Nr. 148, 28.5.1889, S. (1-3) und Nr. 149, 29.5.1889, S. (1)]. Er hatte seinen Text im Dezember 1888 dem Literaturredakteur der Zeitung, Joseph Victor Widmann, zur Publikation angeboten [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 11.12.1888], deren Realisation dann offenbar sein Bruder organisierte, der auch Belegexemplare anforderte [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 11.6.1889]. hast und | danke ich dir dafür. Also noch einmal: Wir alle würden uns freuen dich zu haben und ich verbleibe dein treuer Bruder
Donald

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 31. Januar 1890 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloss Lenzburg 31 JanZu dem Brief notierte Frank im Tagebuch: „Ich bleibe liegen bis mir meine Wirthin gegen zwölf die Monatsrechnung bringt, die ich nicht bezahlen kann nebst einem Brief von Donald. Donald hat vergeblich beim Gymnasium in Zürich anzukommen versucht, worauf man dahin übereingekommen sei, er solle die Fremdenmaturität machen. Am anderen Morgen widerrufe Mama telegraphisch ihre Einwilligung, kommt dann um zwölf persönlich und stellt ihm die Alternative, Buchdrucker zu werden oder ans Gymnasium in Aarau zurückzukehren. Mit freundlicher Miene praktiziert sie ihm seine Uhr weg und nimmt ihn mit nach Lenzburg zurück von wo er mir am nämlichen Abend schreibt, ich möge ihm Geld schicken daß er hierher kommen könne.“ [Tb, 1.2.1890]


Lieber Bebi!

Soeben bin ich in Begleitschaft von Mamma hier obenauf Schloss Lenzburg. angekommen, ohne etwas in Zürich ausgerichtetDonald Wedekind besaß nach den abgebrochenen Schulbesuchen in Aarau (1887) und Burgdorf (1889) und nach seiner Rückkehr aus Amerika keinen Schulabschluss, so dass sich seine Mutter, um eine Fortsetzung seines Schulbesuchs bemühte. zu haben. Dienstagden 28.1.1890. war der Rector der Kantonsschuledie 1833 gegründete Kantonsschule Zürich (Rämistrasse 21) [vgl. Adressbuch für Zürich 1890, Teil I. S. 171] beherbergte ein Gymnasium und eine Industrieschule und befand sich am unteren Teil des Zürichbergs. nicht zu sprechen. Mittwochden 29.1.1890. morgen kam Mamma mit dem 10 Uhr Zug auf dem Bahnhof in Zürich an, wo ich sie abholte. Nachdem ich vielleicht eine halbe Stunde mit ihr spaziren gegangen war, wanderte ich zum Gymnasium hinauf. Rector WirzDer Altphilologe Dr. Hans Wirz (Plattenstraße 26, Fluntern) [vgl. Adressbuch für Zürich 1890, Teil III, S. 25] war von 1883 bis 1899 Rektor der Kantonsschule Zürich. behauptete, er nähme nie Schüler inmitten des Quartals auf, noch sei es für mich möglich im Frühjahr aufgenommen zu werden, wenn | ich nicht ganz auf der Höhe der Klasse sei, ferner sei ja in solchen Fällen die FremdenmaturitätZulassungsprüfung an der Universität Zürich für Nichtschweizer und Schweizer ohne schweizerische Matura. [„]viel angenehmer.“

Ich stattete diesen Bericht um zwei Uhr bei HamiDonald Wedekinds Bruder Armin wohnte im Zürcher Vorort Riesbach (Seefeldstraße 81) [vgl. Adressbuch für Zürich 1890, Teil I, S. 356], wo er eine Arztpraxis hatte. in Beisein von Mamma und Emma ab, worauf beschlossen wurde, daß ich mich in bi in der Zeit von jetzt zum Frühjahr solle vorbereiten, entweder um die Fremdenmaturität zu machen, oder das Aufnahmeexamen in die 4.te Klasse der Kantonsschule. Nachher kam noch die alte Frau FreyArmin Wedekinds Schwiegermutter Elise Frey. und muß sich jedenfalls bei Hami über mich aufgehalten haben, denn heute machte er mir heftige Vorwürfe. Die ganze Bande LeemanEmilie Leemann (geb. Kammerer) in Riesbach (Feldeggstraße 52) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1890, Teil I, S. 199], Witwe von Gustav Leemann, war eine Cousine der Mutter Emilie Wedekind (geb. Kammerer) und wohnte in unmittelbarer Nähe von Armin Wedekind. Sie hatte drei Töchter: Elisabeth, Emilie und Helene [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 146, 254]. und ich rannten mit Mamma | auf den Bahnhof, wo ich mich unglücklicherweise in einen Streit mit Mamma einließ, der damit endete, daß sie mir schnell adieu sagte. Heute morgen, nachdem ich von Prof. BlümnerHugo Blümner, Professor für Archäologe und Altphilologie an der Universität Zürich, wohnte im Zürcher Vorort Hottingen (Klosbach 65) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1890, Teil I, S. 43]. Er war im Wintersemester 1889/90 Rektor der Universität Zürich [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 70, Nr. 17, 17.1.1890, S. (4)]., bei dem ich mich der nach der Fremdenmaturität erkundigt hatte, zu Hami zurückkam, erfuhr ich, daß Mamma telegraphirtDas Telegramm von Emilie Wedekind an Armin Wedekind vom 31.1.1890 ist nicht überliefert. hatte, ich solle doch keine Wohnung mieten, sie komme um 12 Uhr. Frau Leemann hatte indessen Hami den Vorgang erzählt und letzterer empfieng mich mit einer Moralpredigt, die ich geduldig anhörte. Als Mama endlich kam, sagte sie kurzweg, sie habe jetzt nur zwei Wege für mich, entweder ich wür|de Buchdrucker oder sie gäbe kein Geld mehr her. Als ich sagte, Buchdrucker wolle ich nicht werden, rief sie mir zu, dann hätten wir nichts mehr miteinader zu tuhnSchreibversehen, statt: miteinander zu thun.. Ich war schon im Begriff mich zu empfelenSchreibversehen, statt: empfehlen., als sie mit der falschesten Miene der Welt auf mich zukommt und mir meine Uhr aus der Tasche reißt und sie mit triumphirender Bewegung Hami übergiebt, der als Schutztruppe hinter ihm/r/ stand. Ich Mich entsetzte dieses abgemachte, falsche Benehmen der beiden derart, daß ich ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer verließ. Bei der ganzen Scene war Frau LehmannSchreibversehen, statt: Leemann. natürlich auch gegenwärtig. Ich spazirte eine | Zeit lang dem QuaiArmin Wedekinds Wohnung in der Seefeldstraße 81 lag nur 350 Meter entfernt vom Ufer des Zürichsees. entlang und gieng dann wieder hinauf und sagte Mamma das, was ich ihr schon lang zu sagen gewillt war, daß ich gern bereit sei, an einem andern Gymnasium das Examen zu machen, hieß es, dazu sei weder Zeit noch Geld, entweder ich müßte mich für Aarau entschließenDonald Wedekind hatte 1888 die Kantonsschule Aarau nach der 1. Klasse verlassen. und dann jeden Tag heimkommen, oder Buchdrucker werden, vor welchen beiden Sachen ich einen solchen Ekel habe, daß ich gar nicht daran denken mochte. Um aber der Sache ein Ende zu machen, sagte ich für ArauSchreibversehen, statt: Aarau. zu und fuhr um 7 mit Mama heim, ohne 1 Franken in der Tasche. Mama und | Hami scheinen die strengsten Maßregeln bei allfälliger WiedersetzungSchreibversehen, statt: Widersetzung. in And/w/endung bringen zu wollen. Da ich mich aber eher meiner lieben Mutter unter der Zimmertühre am StrickAnspielung auf einen Selbstmord durch Erhängen. verreckeSchreibversehen; der Satzanfang erfordert ein anderes Prädikat, etwa: opfere., als daß mich Polizei anrührt, so werden jedenfalls die nächsten Tage laut werden. Daß die ganze Sache Complottgeheime Absprache, Verschwörung. ist, geht schon daraus hervor, daß sie erst jetzt, da du fort bist, so mit aller Macht gegen mich losziehn. Hami will mich nicht in Zürich, und Mamma will mich zu Hause, obschon sie weiß, daß ich nicht mit ihr auskomme.

Ich bitte dich nun inständigst, an Mamma zu | schreibenvgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 1.2.1890. und ihr zu sagen, solche wiedrigeSchreibversehen, statt: widrige., knechtische Rohheiten sein zu lassen und mich nicht so fürchterlich zu tyrannisiren. Ich bin bereit, auf irgend ein Gymnasium zu gehen, nur nicht nach Aarau und nicht dahin, wo ich zwei Jahre nachzuholen habe. Das beste wäre, du würdest mir Geld senden, daß ich zu dir kommen könnte, aber jedenfalls so, daß das wi/m/ir nicht vornweg genommen werden kann. Also in Banknoten oder mit der besonde und poste restantefrz.) postlagernd.. Schreibe mir jedenfalls sofortvgl. Frank Wedekind an Donald Wedekind, 1.2.1890. Zu dem nicht überlieferten Schreiben notierte Frank Wedekind: „Ich schreibe ihm sowohl wie Mama, ich werde ihn auf meine Kosten die Fremdenmaturität absolviren lassen und erwärme mich noch bis Nachts zwölf Uhr an meiner Großmuth ohne etwas zu arbeiten.“ [Tb, 1.2.1890] was du tuhn willst und kannst, denn viel Geduld wird weder Hami noch Mamma haben und dann | hieß es für mich einfach, aus der Welt, denn noch einmal solch eine hündisches Befragen/handl/ung wie heute könnte ich nicht ertragen. Also, bitte, tuh etwas, du bist gerade so gut mein VormundBis zu Donald Wedekinds Volljährigkeit am 4.11.1891 bzw. der Benennung eines Vormunds entschieden die erwachsenen Geschwister über seinen Zugriff auf das väterliche Erbe. wie die andern und hast auch ein Wort dazu zu sagen. Oh, es ist fürchterlich.

Wenn ich je in die freien Jahre komme, werde ich mit Schauder an diesen Tag zurückdenken, und wenn ich vorher abfahre, werde ich mit Fluchen zur Hölle fahren. Also bitte sofort.

Dein treuer Bruder
Donald.


Schicke den Brief ja so, daß ich ihn aus erster Hand erhalte

Einzelstellenkommentare

München, 1. Februar 1890 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[1. Hinweis und Referat in Frank Wedekinds Tagebuch vom 1.2.1890 in München:]


Ich schreibe ihm [Donald] sowohl wie Mama, ich werde ihn auf meine Kosten die FremdenmaturitätZulassungsprüfung an der Universität Zürich für Nichtschweizer und Schweizer ohne schweizerische Matura. absolviren lassen



[2. Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 6.2.1890 aus Lenzburg:]


Deinen Brief erhielt ich gestern Abend.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 6. Februar 1890 (Donnerstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg 6 Februar 1890


Lieber Bebi!

Deinen K/B/riefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 1.2.1890. erhielt ich gestern Abend. Er hat mich sehr beruhigt. Noch bevor ich dein Schreiben empfangen hatte, hatte ich meine Zeugnisse nach SolothurnDonald Wedekind bewarb sich zur Fortsetzung seiner Anfang 1889 abgebrochenen Schullaufbahn am Gymnasium in Solothurn und trat dort im Frühjahr 1890 in die 5. Klasse ein. geschickt, wohin ich heute behufs Examens reiste. Das Resultat ist noch nicht sicher, aber doch sehr wahrscheinlich. Ich werde jedenfalls nicht höher als 2.te Klasse GymnasiumDonald Wedekind folgt hier der Zählweise der Gymnasialklassen in seiner vorherigen Schule, der Kantonsschule Aarau, in der auf zwei Jahre Progymnasium, vier Gymnasialklassen folgten. In Solothurn entsprach dies der 5. Klasse. kommen. Mama wäre damit zufrieden, doch scheinten mir 2 ¼ in dem traurigen Orte zuzubringende Jahre furchtbar unerträglich. Von der FremdenmaturitätZulassungsprüfung an der Universität Zürich für Nichtschweizer und Schweizer ohne schweizerische Matura. will Mama durchaus nichs/t/s wissen. Allerdings könnte ich dieselbe des angestrichenen Paragraphen wegenHinweis auf eine nicht überlieferte Beilage mit Regelungen zur Fremdenmaturität, auf die sich Frank Wedekind auch gegenüber seiner Mutter bezog, die wegen Donalds Schulabbrüchen eine Anmeldung für unmöglich erklärt hatte, während Frank Wedekind schrieb, dass er „aus dem gedruckten Reglemente ersehe daß er dessen unbeschadet im Frühling 91 zugelassen wird“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 8.2.1890]. Analog zu den Minimalaltersgrenzen an den regulären Schulen, die je nach Kanton zwischen 18 ½ und 20 Jahren lagen [vgl. G. Finsler: Die Lehrpläne und Maturitätsprüfungen der Gymnasien der Schweiz. Materialien und Vorschläge. In: Zeitschrift für Schweizerische Statistik, Jg. 29, 2. Quartalsheft, 1893, S. 174], dürfte auch für die Fremdenmaturität eine solche Altersgrenze bestanden haben, die Frank Wedekinds Angaben zufolge bei 19 ½ Jahren lag. nicht vor Frühling über ein Jahr machen. Doch wäre ich immerhin ein volles Jahr gewonnen im Vergleiche zu SoloturnSchreibversehen, statt: Solothurn. und die Wahrscheinlichkeit des Aushaltens des kürzeren Termines, wie des Bestehens | der Prüfung ist im Falle der Fremdenmaturität die größere. Die in Solothurn bestandene Prüfung könnte kaum schlimmen Einfluß haben. In d Deutsch, Französisch, Englisch genügten die Leistungen zur Aufnahme in die dritte Klasse. In Physik, Mathematik und Latein ich hinten nach bin.

Ich würde es vorziehen die Fremdenmaturität zu machen, erstens der Zeitersparniß, zweitens der größeren Annehmlichkeit wegen. Da aber Mama durchaus nichts von der Sache wissen will, was ich in/au/s einem elenden Wortstreit, über den ich mich jetzt noch ärgere, ersehen habe, di so werde ich zuerst eine Antwort von dir abwarten, was ich sehr gut tuhn kann, da ich mir noch ein paar freie Tage ausbedungen habe. Schreibe mir ganz wie du über die Sache denkst, und zwar sofort, da ich so wenig wie möglich Zeit verlieren will.

Im Übrigen kann ich dir d nicht sagen, wie sehr es mich | gefreut hat, daß ich wenigstens an dir noch eine Stütze gefunden habe, so daß ich also doch nicht ganz verlassen und rechtlos in der Welt stehe. Der Verlust der Uhrangesprochen in der vorangegangenen Korrespondenz [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1890]. ärgert mich nicht, aber der Gedanke an die Tat.

Ich habe wieder eine Geschichtenicht ermittelt; von der Anlage her ähnlich zu seiner ersten Geschichte ist die Erzählung „Der Kandidat am goldenen Thore“, die in Donald Wedekinds Novellenband „Das rote Röckchen“ (1895) erschienen ist. geschrieben. Sie ist nicht das geworden, was sie hätte werden sollen, sie ähnelt zu sehr der erstenDonald Wedekinds erste Publikation, die Erzählung „Der Gang nach der Teufelsbrücke“, war im Vorjahr in der Berner Tageszeitung „Der Bund“ erschienen [vgl. Der Bund, Jg. 40, Nr. 148, 28.5.1889, S. (1-3) und Nr. 149, 29.5.1889, S. (1)].. Eigentlich wollte ich die Romantik ganz weglassen, aber sie kam doch hinein. Ich werde sie noch einige Male zu meinem Vergnügen durchlesen, und sie dir dann schicken.

Ich wollte ich hätte Thomar hier.

Dein treuer Bruder
Donald


Prof. BlümerSchreibversehen, statt: Blümner; bei Prof. Hugo Blümner, dem Rektor der Universität Zürich, hatte sich Donald Wedekind zuletzt wegen der Fremdenmaturität erkundigt [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1890]. sagte weiter nichts.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 7. Februar 1890 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg 7. Februar 1890


Lieber Bebi!

Ich bin in die 2.te Klasse des GymnasiumsDonald Wedekind hatte sich am Gymnasium in Solothurn beworben und trat dort im Frühjahr 1890 in die 5. Klasse ein, folgt hier aber in der Zählweise der Kantonsschule Aarau, die er zuletzt besucht hatte. Dort wurden zwei Progymnasiums- und vier Gymnasialklassen gezählt. auf genommen. Zudem kommt noch, daß das Schuljahr in Solothurn erst im Herbst beginnt. Ich könnte dem nach erst nächsten Herbst in die 3te Klasse promovirt werdenversetzt, befördert werden. und hätte also im Ganzen noch 2 ¾, fast volle 3 Jahre dort zu verweilen. Ich bin nun durchaus nicht gesonnen hinzugehen, kann aber ohne deine Hülfe auch nicht nach Zürich gehen, weshalb ich die Sendung der 50 frs mit Sehnen erwarten, solt/l/te auch deine Antwort auf meinen gestrigen Briefvgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 6.2.1890. anders lauten. Ich sah erst vorhin aus dem Programmdas jährlich erscheinende Programm der Kantonsschule Solothurn., daß die Maturität wie auch der Anfang des Schuljahres im Herbst sind. | Es handelt sich nun darum, volle 1 ½ Jahre zu sparenbei Ablegung der Fremdenmaturität (siehe dazu die vorangegangene Korrespondenz). Frank Wedekind teilte am folgenden Tag seiner Mutter mit, dass er seinen Bruder Donald auf eigene Kosten darin unterstützen wolle [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 8.2.1890]. Dazu kam es jedoch nicht, Donald Wedekind schloss die Schule in Solothurn 1892 mit der Maturität ab., was doch wahrhaftig der Mühe wert ist. Jedenfalls beantworte auch diesen Brief sofort, da ich darauf warte. Für mich ist die Entscheidung gemacht. Mama schrieb heute an Hami. Ich habe große Furcht vor seiner Roheit.

Was meine GeschichteDonald Wedekind hatte das Manuskript einer nicht näher identifizierten Erzählung (vermutlich „Der Kandidat vom goldenen Thore“) in seinem letzten Brief angekündigt [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 6.2.1890] und nun offenbar dem vorliegenden Brief beigelegt. Das Manuskript ist nicht überliefert. anbetrifft, so schicke dieselbe nicht eher zurück als ich dir eine feste Adresse geschrieben habe.

Dein treuer Bruder
Donald

Einzelstellenkommentare

München, 8. Februar 1890 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 10.2.1890 aus Lenzburg:]


Gestern Abend bekam ich deinen Brief […]

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 10. Februar 1890 (Montag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg 190. Febr. 1890


Lieber Bebi!

Gestern Abendam 9.2.1890. bekam ich deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 8.2.1890. und die Sendung von frs 50.–. Ich habe natürlich nichts davon verlauten lassen und werde auf die Anweisung von frs 100.– warten und sonst nach in deinem Sinn verfahren. Vorgestern bekam ich deinen Brief von HamiDer beigelegte Brief Armin Wedekinds vom 7.2.1890 ist nur als Abschrift („Hammi an Doda“) in Frank Wedekinds Tagebuch überliefert. Armin Wedekind schrieb: „Mein Bruder! Leider muß ich wieder hören, daß Rohheit und feige Ängstlichkeit noch immer die Triebfedern deines Benehmens sind. Deine eigene Erbärmlichkeit ist aber so groß, daß man sich ein Gewissen daraus machen müßte, an Charakter oder Vertrauen bei dir zu appeliren und so ist es sowohl Mamas als mein Entschluß, dir wenigstens aus der Angst über dein Vermögen, das dir ja gewiß noch einige Jahre Nichtsthun fristen kann, wenn es dir einmal zufällt, hinwegzuhelfen. Dein Antheil am Vermögen basirend auf dem Status vom 31. Dec. 1889 wird abgesondert verwaltet und zur Bewirthschaftung des Schlosses nicht weiter beansprucht werden. Dein Antheil an diesen Kosten wird dir aufgeschrieben und nach einem einstigen Verkauf der Liegenschaften in Lenzburg von deinem Antheil an denselben abgezogen werden. Ich hoffe mit dieser Zusicherung deinen rohen Gefühlsausbrüchen und erbärmlichen Anschuldigungen gegen Mama den Boden entzogen zu haben. – Daß du dich jemals wie ein anständiger Mensch betragen werdest, scheinen wir von dir nicht erwarten zu dürfen, sondern du scheinst deiner Nichtswürdigkeit immer noch durch Frechheit und Rohheit gegen diejenigen die deinetwegen schon so viel haben leiden müssen, einen Mantel umhängen zu wollen. Allerdings ein schöner Zug bei einem Menschen von 18 Jahren, daß er sich noch gebärdet wie ein | ungezogener Flegel. – Ist vorläufig noch keine Aussicht auf eine Versorgung vorhanden, so ist es besser du kommst hierher damit wenigstens diejenigen vor deiner Rohheit sicher sind, deren Wohlergehen am kleinen Finger mehr werth ist als ein ganzes Dutzend Menschen wie du zusammengenommen. – Armin.“, demSchreibversehen, statt: den. ich diesem beilegen werde. Ich bemerke daneben, daß das ohne meinen Antrag gemacht worden ist, sondern vollständig Mama die Initiative nur/daz/u trägt. Ich finde die einzig richtige Art

Aus dem Briefe läßt sich schließen, das/ß/ man mir nur den siebten TeilDie sechs Geschwister und die Mutter erbten nach dem Tod des Vaters am 11.10.1888 zu gleichen Teilen das hinterlassene Vermögen sowie gemeinschaftliche Schloss Lenzburg mit Inventar. Das vorwiegend in Wertpapieren angelegte Vermögen wurde von Armin Wedekind verwaltet und durch ihn ausgezahlt. des jetztigen Vermögens zu geben gewillt ist, allerdings auch dien Theil der Kosten an der Schloßresteau|rirungIm Herbst 1889 waren die Wasserversorgung auf Schloss Lenzburg vom Brunnen auf ein neues Leitungssystem umgestellt und die Sanitäranlagen erneuert worden [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 27.11.1889]. vergütten will, nicht aber das von Willy bezogene GeldDie Auszahlung William Wedekinds war notwendig, da er mit seiner Frau im Herbst 1889 nach Südafrika auswanderte. Armin Wedekind hatte in der Sache bereits im Frühjahr mit Frank Wedekind korrespondiert [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 30.5.1889]. und anderweitige Ausgaben mit einrechnet. Ferner scheint mir dann auch jeder Anteil am Schloß, Steinbrüchli und Inventar wegzufallen; was doch kaum auf eine Weise zu begründen ist, wie, wenn ich kein Risiko daran tragen wolle, ich auch meines Anteiles an den Liegenschaften verlustig gehe. Daß ich von allfälligem Gewinn keinen Teil bekäme, wäre natürlich, alles AnddereSchreibversehen, statt: Andere. ist Unrecht. Überhaupt scheint mir eine solche Absonderung n/v/om Kapital nur berechtigt, wenn sie gleich nach Papas Tod o/s/tatt gefunden hätte, nicht aber jetzt, nachdem schon immense bedeutende Ausgaben gemacht worden, und zumal ich nie so einen Antrag gestellt habe, sondern allerhöchstens vor zu großer | Kapitalanlagerung im Schloß gewarnt habe.

Ich kann ja natürlich weder mit Mama noch mit Hami über das sprechen, da mich beide für vollständig rechtlos erklärt haben und eine Unterredung mit ihnen nur zu endlosen Diskussionen führen würde.

Schreibe du einmal, wenn du Zeit hast, über die Sache an Mama und Hami. PressiertEilig. ist es nicht, denn so bald denke ich mir wird Halmi das Geld nicht teilen. Auch wär ich einer Vermögensablösung unter wichtigen Umständen durchaus nicht zu wider. So aber nicht. bin ich dagegen.

Ich hüte mich mit Mama über die Sache zu sprechen und komme so ganz gut mit ihr aus, so daß wir sogar h diese Nacht in Gesellschaft von Mieze, Sophie MartiSophie Marti, eine Freundin von Frank Wedekind und Minna von Greyerz, pendelte wie Erika Wedekind mit dem Zug zwischen Lenzburg und Aarau, um dort das Lehrerinnenseminar zu besuchen., und EugèneEugène Perré, Sohn des gleichnamigen Wein- und Champagnerhändlers aus Reims (Rue Coquebert 45), wohnte von Sommer 1889 bis September 1890 auf Schloss Lenzburg, um Deutsch zu lernen [vgl. Miranda Ludwig-Zweifel: Freundschaft mit dem Familienkreis Wedekind. In: Lenzburger Neujahrsblätter, Jg. 38, 1967, S. 20f.] und war später wiederholt Pensionsgast auf Schloss Lenzburg; er heiratete 1910 Frank Wedekinds Schwester Emilie (Mati) Wedekind. auf dem Ball waren, woselbst | ich viel getanzt habe und viel Freude empfand. Augustnicht identifiziert. war trotz seines Darmkattarhs da mit seinen zwei Schwesternnicht identifiziert. da. SadiSpitzname des Schriftstellers Karl Henckell aus Hannover, der zu seinem Bruder, dem Konservenfabrikanten Gustav Henckell, nach Lenzburg übergesiedelt war. ist noch zu Hause und wird wahrscheinlich seinen Aufenthalt in Zürich nehmen. Schicke die Anweisung an Hami bald.

Dein treuer Bruder
Donald.

Einzelstellenkommentare

München, 12. Februar 1890 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 3.3.1890 aus Solothurn:]


Deinen letzten Brief habe ich hoffentlich richtig aufgefaßt […]

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 3. März 1890 (Montag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 3. März 1890


Lieber Bebi!

Verzeihe, daß ich so lange nicht mehr geschrieben habe. Ich wollte dich nicht mehr mit meinen Geschichten stören, bis ich damit im Reinen wäre. Deinen letzten Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 12.2.1890. habe ich hoffentlich richtig aufgefaßt, indem ich daraus gelesen habe, daß sie dir die Sacheder zunächst von Frank Wedekind unterstützte Wunsch Donald Wedekinds, den von der Mutter geforderten Schulbesuch in Solothurn abzubrechen und stattdessen die Fremdenmaturität an der Züricher Universität anzustreben (siehe dazu die vorangegangene Korrespondenz). im Grunde genommen sehr unangenehm ist, weshalb ich nicht sicher auf dich mich verlassen kann, jeden Augenblick dein Mißfallen erregen könnte und dadurch deinen Schutz verlieren möchte, m den ich i nach durchgeführter Sache doch unbedingt nötig gehabt hätte. Auch bin ich auf diese Weise in Frieden mit von Mama auseinanderunvollständige Streichung aufgrund des Zeilenwechsels. gegangen, was mir viel wert ist. Deinen guten Willen und die Liebe, die du zu mir gezeigt hast, weiß ich | sehr hoch zu schätzen, um so mehr, da ich die Antipathie kenne, die du gegen Sachen dieser Art hast. Die 50 frsFrank Wedekind hatte seinem Bruder im Vormonat Geld geschickt [vgl. Frank Wedekind an Donald Wedekind, 8.2.1890] werde ich, wenn es dir recht ist, behalten, da ich sie mit der Zeit sehr gut verwenden kann, um Bedürfnisse zu bestreiten, die ich mit dem geringen Taschengeld nicht bezahlen könnte. Da wir doch einmal in Conto correntVerrechnung gegenseitiger Zahlungen; von (ital.) conto corrente = laufende Rechnung. getreten sind, hat es weiter nichts zu sagen und doch ist mir damit ein Mittel in die Hand gegeben, auf lange Zeit hinaus meinen allerdings geringen Überschuß an Ausgaben zu decken. Ich bin dir auch dafür dankbar, und hoffe auf dein Stillschweigen. Was meine Verhältnisse anbetrifft, so sind dieselben nicht so übel. Im Juli werde ich in die dritte Klasse promonvirt und habe dann noch ein Studium von 2 Jahren vor mit/r/. Es hätte sich ja unbedingt besser machen lassen können, aber da sich Mamma in der AutokratieAlleinherrschaft. gefällt, so muß man nachgeben, da sie ja sonst noch genug Sorgen sich aufladet. Wenn du meine Skizzedas am 7.2.1890 übersandte Manuskript einer nicht identifizierten Erzählung (vermutlich zu „Der Kandidat vom goldenen Thore“) [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 7.2.1890]. nicht genügend findest, so sende sie mir bitte zurück | solltest du aber etwas damit anfangen können, so sollte es mich sehr freuen. Mir selbst gefällt sie je länger je schlechter. Ich hoffe bald einen Brief von dir zu bekommen, doch verlange ich keinen, da ich weiß, wie beschäftigt du bist.

Dein treuer Bruder
Donald.
p. A. Sekretair Vogelsangfür Donald Wedekinds Postadresse kommen der Kanzleisekretär Anton Vogelsang (Barfüssergasse 30) oder der Kanzleisekretär Franz Vogelsang (Zeughausgasse 69) in Frage [vgl. Adressbuch für die Stadt und den Kanton Solothurn 1898-99, S. 64], wobei die erste Adresse zum gleichen Gebäudekomplex (Ambassadorenhof) gehört wie die Kantonsschule Solothurn.
Solothurn

Einzelstellenkommentare

München, 20. März 1890 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 22.3.1890 aus Solothurn:]


Dein Brief hat mir große Freude gemacht […]

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 22. März 1890 (Samstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 22 März 1890


Lieber Bebi!

Dein Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 20.3.1890. hat mir große Freude gemacht und war mir ein Lichtstrahl in das Dunkel von Solothurn. Es freut mich ungemein, daß dir meine Skizzedas am 7.2.1890 an Frank Wedekind gesandte Manuskript einer nicht näher identifizierten Erzählung (möglicherweise „Der Kandidat vom goldenen Thore“). doch nicht so mißfallen hat, wie ich vermutete. Ich fühle die Schwierigkeiten, die das Ausarbeiten eines ernsteren Stoffes bietet, sehr wohl. Es war dies der einzige Grund der mich bis jetzt davon abhielt. Doch werde ich mich, nächstens | damit zu beschäftigen suchen.

Tagebücher habe ich schon einige angefangen zu führen. Sie arteten aber regelmäßig in eine Art von Gefühlsduseleien aus, weshalb ich es auch immer wieder fallen la/i/eß. Doch werde ich nochmals den Versuch machen und mich dann nur an Tatsachen halten.

Von Frau FleckBekannte von Wedekinds Mutter aus New York, die Donald Wedekind bereits von ihrem Besuch im Sommer 1885 in Lenzburg her kannte und die er bei seiner Ankunft in New York im Februar 1889 erneut traf. Die Korrespondenz zwischen ihr und Donald Wedekind ist nicht überliefert. erhielt ich letzthin eine sehr liebenswürdige und gefühlf/v/olle Antwort auf meinen Brief. Sie schreibt, daß sie mein Kästchen, das ich ihr vor meiner | Wanderung in die WüsteÜber seine Reise nach Kalifornien schrieb Donald Wedekind an seine Schwester Emilie (Mati) im November 1889: „Die californische Wüste, die ich später zu Fuss durchwanderte, ist so heiss, dass Palmen und haushohe Cacteen wachsen, und die Indianer sich immer im Sande herumwälzen. […] Ich ging nach Sacramento, dann wanderte ich durch die Wüste und kam wieder nach Kansas City“ [Donald Wedekind an Emilie (Matit) Wedekind, 17.11.1889, Aa, A II b]. zusandte, und das meine sämmtlichen Briefschaften ect. enthielt, mir schicken wolle, doch ist es bis jetzt noch nicht eingetroffen. Ich erwarte es mit Sehnen, da meine Trigonometriehefte darin sind, die ich sehr gut brauchen könnte. TillieDie Cousine Tilly Kammerer aus New York, eine Tochter von Emilie Wedekinds Bruder Libertus Kammerer [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 80], die Donald Wedekind ebenfalls von ihrem Besuch in Lenzburg im Sommer 1885 her kannte [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 17.8.1885]. soll wiederum verlobt sein und eine sehr gute Partie machen. Auch ihre MutterElizabeth Kammerer (geb. Engel), die am 17.1.1869 Libertus Kammerer geheiratet hatte, war seit 1885 verwitwet. hat sich wieder verheiratet. New York haben sie nie verlassen, was mich sehr freut, weil ich immer Gewissensbisse fühlte, die Familie aus ihrer | ihrerSchreibversehen (versehentliche Wortwiederholung beim Seitenwechsel), statt: ihrer. angenehmen Lage nach Californien gelockt zu haben. Von Dostojewskji ha kenne ich nur die wenigen Erzählungen, die du uns im Winter 88-89 vorgelesen hast, sonst nichts, da mir „Schuld und Sühne“Unter diesem Titel ist Dostojewskis Roman in deutscher Übersetzung erstmals 1888 in Reclams Universalbibliothek erschienen: Fjodor Michailowitsch Dostojewskij: Schuld und Sühne (Raskolnikow). Nach der siebenten Auflage übersetzt von Hans Moser. Leipzig 1888. auf dem Schiff schmählicher Weise entwendet worden ist. Hast du etwas von ihm, bitte sende es mir! In treuer Liebe dein Bruder
Donald

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Solothurn, 28. März 1890 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 28. März 1890


Lieber Bebi!

Zu meinem großen Bedauern muß ich dir melden, daß ich elender Händeleien mit dem Rectorate wegen darauf gefaßt sein muß religirt zu werdender Schule verwiesen zu werden. und würde der Fall auch nicht eintreten, so werde ich von dem ManneRektor der Kantonsschule Solothurn war seit 1883 der Altphilologe Johann Kaufmann-Hartenstein. so behandelt werde, daß ich nur noch auf eine Gelegenheit warte, die mich anderswie zu | schäftigenSchreibversehen beim Seitenwechsel, statt: beschäftigen., um meinen Abschied zu nehmen. Das letztere werde ich jedenfals/l/s nicht tun, bevor ich nicht weiß wohin. Solltest du deshalb irgendwie einmal einen guten Gedanken haben, so teile ihn mir mit. An Willie habe ich schon geschriebenWilliam Wedekind war im September 1889 nach Südafrika ausgewandert. Der Brief von Donald Wedekind an ihn ist nicht überliefert.. Wenn sich gar nichts anderes bietet, so werde ich es doch noch vorziehen, in der Sandwüste zu schwitzen, als mir von einem ganz characterlosen | Menschen Gemeinheiten sagen zu lassen und mich mißhandeln zu lassen. Da ich alle anderen Lehrer für mich habe, habe ich es gewagt ihm, dem Rector, den ErziehungsdirectorDer Erziehungsdirektor des Kantons Solothurn war gemeinsam mit dem Erziehungsrat für die Schulaufsicht zuständig; das Amt hatte seit 1886 der Jurist Oskar Munzinger inne. auf den Hals zu ladenschicken, was ihn so fürchterlich erbost hat, daß er jetzt unausstehlich ist und mich mit all seiner Macht verfolgt. Ich habe gewußt, daß es so kommen würde und böte man mir jetzt 200 frs, so würde ich sie dankbar annehmen und nach Amerika wiederDonald Wedekind war von Februar bis November 1889 in den USA gewesen. | an die Eisenbahn gehen. Solls/t/est du je einmal einen Plan für mich haben, so schreibe mir ihn gelegentlich. Es wäre ein Wunder, wenn die Sache nicht diesen Ausgang genommen hätte. Würde man mich für 2 Jahre mit einer monatl. Rente von 100 frs gewähren lassen, so wäre ich dann ohne irgend welches Schwierigkeit so weit um in Amerika gut bestehen zu können. Mit den besten Grüßen dein treuer Bruder Donald.


Ich wäre glücklich, könt/ntest du mich erlösen.

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München, 30. März 1890 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 7.5.1890 aus München:]


Ich habe ihm denn auch, als nachdem er in Solothurn eingetreten und mir nach vierwochen, von einem Krakel schrieb, den er ich weiß nicht mit wem gehabt, gehörig d. h. so weit es in meiner Macht stand, den Kopf zurechtgesetztHinweis auf das nicht überlieferte Antwortschreiben Frank Wedekinds auf Donald Wedekinds letzten Brief vom 28.3.1890..

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Lenzburg, 29. Juli 1890 (Dienstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg 29 Juli 1890


Lieber Bebi!

Vor 5 Tagenam Donnerstag, den 24.7.1890. fand das Trimester in Solothurn seinen Abschluß. Ich bin in die 6te KlasseDonald Wedekind folgt nun der Klassenzählung in Solothurn, in der vorangehenden Korrespondenz orientierte er sich an der Nummerierung seiner früheren Schule in Aarau, wobei die 2. Gymnasialklasse dort der 4. Klasse in Solothurn entsprach. befördert worden und stehe im allgemeinen sehr gut. Sollte es sich so treffen, daß die AufnahmeexamenAn der Universität Zürich bestand die Möglichkeit, über eine Aufnahmeprüfung die sogenannte Fremdenmaturität zu erwerben und so ohne entsprechende Schulzeugnisse zum Studium zugelassen zu werden. Geprüft wurden die Fächer Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaft und Latein oder zwei moderne Fremdsprachen. an der Universität Zürich gerade in die Ferien fallen, so würde ich es versuchen, dort aufgenommen zu werden ohne mir den Rückweg nach Solothurn abzuschneiden. Die Ferien dauern noch 9 Wochen und da Mama durchaus keine Miene macht, mir irgendwo anders den Aufenthalt zu bezahlen, so muß ich mir wol hier suchen die Zeit zu vertreiben, obschon es schwierig werden wird, wenigstens einigermaßen. Die TischgesellschaftWedekinds Mutter vermietete Zimmer auf Schloss Lenzburg an Pensionsgäste und bot einen Mittagstisch an. ist, außer der Schnurwohl Spitzname für Emma Wedekind, die Ehefrau von Armin Wedekind. Die übrigen genannten Pensionsgäste sind nicht näher identifiziert. , sehr | sehr anspruchslos. Sie besteht aus einer Basler Missionärin und Heilsarmistin, die die Demut selber ist, aus einer amerikanischen Pfarrerin mit Sohn und den Kindern der Frau Professor Ritter. Aber gerade die Anspruchslosigkeit und karge Bescheidenheit dieser Leute läßt die Unverschämtheit und Dummheit der Schnur um so häßlicher hervortreten. Ich weiß nicht, ob es dir gefallen würde oder nicht und deshalb wage ich es auch d nicht, dich zur Folgeleistung der Einladung Mamas auf zu munterSchreibversehen, statt: aufzumuntern., so gern ich es täte. Gestern waren Eugèneder spätere Schwager Eugène Perré, der von Sommer 1889 bis September 1890 Pensionsgast auf Schloss Lenzburg war [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 10.2.1890]. und ich in Zürich um für mich einen Anzug zu kaufen. Während dem Baden in der UtoquaianstaltDas Seebad am Utoquia war 1890 von William Henri Marti als zweiteiliges Kastenbad am Ufer der Zürichsees gebaut worden. sahen wir Thomar mit seiner BrautIdentität ungewiss; der mit Armin, Frank und Donald Wedekind befreundete Zürcher Medizinstudent Elias Tomarkin heiratete am 21.3.1893 in London die 25jährige Jeanette Althausen aus Wilna. Belegt ist auch eine (vielleicht erotische) Beziehung zu der Medizinstudentin Clara Neumann aus Görlitz, die seit dem Wintersemester 1888/89 bis zu ihrem Tod im Juli 1895 an der Universität Zürich eingeschrieben war [vgl. Rogger/Herren 2012, S. 195f.]. in einem Boot dicht bei der Badanstalt vorbeifahren. Wir schwammen ihm nach, doch er entfloh bei unserer Annäherung so schnell als möglich. Von Hami hörte ich zum ersten Male etwas von dem Verkauf der AntiquitätenFriedrich Wilhelm Wedekind hatte auf Schloss Lenzburg eine umfangreiche Sammlung unterschiedlichster Antiquitäten versammelt. Anfang September 1890 notierte Frank Wedekind die von Donald bei seinem Besuch in München überbrachten „Neuigkeiten“ aus Lenzburg im Tagebuch: „Die Antiquitäten gehen für frs 8000 an einen Herrn Weber aus New York, einen Bekannten von Emma Frey über. Er soll nichts davon verstehen und ein großer Bramarbas sein. Bei Tisch habe er präsidirt und der Unterhaltung das Wesen seiner Persönlichkeit gegeben.“ Nach dem Tod Friedrich Wilhelm Wedekinds (11.10.1888) bemühte sich seine Witwe Emilie Wedekind zunächst um eine Inventarisierung und anschließend im Herbst 1891 auch um den Verkauf der Münz- und Gemäldesammlungen ihres Mannes auf Schloss Lenzburg [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 148f.]., der jetzt wahrscheinlich vor sich gehen wird, die Münzen und im Schlosse verwandten Gemälde ausgeschlossen wie auch die CameenRelief-Gravuren aus einem Schmuckstein.. Mati kommtDonald Wedekinds Schwester Emilie (Mati) Wedekind besuchte seit Mai 1889 „das von den Fräulein Charlotte und Marie Wider geführte Darmstädter Mädchenpensionat zur Förderung des Fremdsprachen-, Literatur-, Zeichen- und Musikunterrichts“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 323]. am | ersten September heim, worauf ich mich ungemein freue. SadiSpitzname des Schriftstellers Karl Henckell. soll eine sehr gute Partie machen mit der AdoptivtochterMarie Felix, mit der Karl Henckell sich im Juni verlobt hatte [vgl. Karl Henckell und Marie Felix an Frank Wedekind, 30.6.1890]. von Prof. Dodel-PortArnold Dodel war seit 1880 Professor für Botanik an der Universität Zürich (Löwenstraße 43) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1890, Teil I, S. 74]. Er war seit dem 15.9.1875 mit Anna Maria Elisabeth (Carolina) Port verheiratetet. Die kinderlose Ehe wurde 1890 geschieden. und bei dieser Nachricht empfand ich zum ersten Mal etwas b/B/eneidenswertes in dem Loos Karl Henckells. Sollte es ihm gelingen, eineSchreibversehen, statt: ein. reiches, schönes Mägdchen heimzuführen, von dem er geliebt wird, so glaube ich, kann er einmal sehr glücklich werden. Auf Mieze muße diese Verlobung jedenfalls mächtig gewirktKarl Henckell war im Frühjahr 1887 kurzzeitig mit Erika Wedekind verlobt gewesen. haben, denn sich/e/ arbeitet sich mit aller Macht ihn ihre neue LiebeDer ehemalige Mitschüler und spätere Schwager Wedekinds, Walther Oschwald. Als eine der von Donald Wedekind überbrachten „Neuigkeiten“ aus Lenzburg notierte Frank Wedekind Anfang September 1890 im Tagebuch: „Walter Oschwald ist heraufgekommen und hat sich mit Mama besprochen. Er könne Mieze zwar nicht sofort heimführen, aber verloben wollten sie sich, kommt Zeit kommt Rath. Mama giebt ihm den Bescheid, sie möchten mit dem Verloben warten, bis er sie heimführen könne.“ [Tb, 2.9.1890] Die Eheschließung fand am 15.10.1898 statt..

Was mich anbetrifft, so kannst du dir schon denken, wie ich das letzte Jahr gelebt habe. Etwas eintönig, aber immerhin zu meiner ein/g/enen Zufriedenheit, indem ich jetzt in der vorletzten Klasse sitze, wenn es auch viel Geschrei gekostet hat. Geschrieben habe ich nichts mehr, und zwar nicht deswegen nicht, weil ich keine Lust hatte, sondern deswegen, weil die Schule mich genug in Anspruch nahm. Es sind nicht die Aufgaben allerdings, sondern die Schulstunden selber, die einem die Freude | an aller andern Beschäftigung nehmen. Viel giebt es nicht zu n/t/un. Ich hatte eigentlich immer im Sinn, die Ferien in München zu verbringen, oder solltest du deine italienische Reise antreten, dich dorthin zu begleiten, zumal ich eine Einladung von einem Italiener in Genua habe. Mama will aber durchaus gar nichts davon wissen, und so habe ich das Projekt schon fast ganz aufgegeben hat. Hami darf selber ja gar nichts tuhnSchreibversehen, statt: thun. ohne Mama’s Einwilligung. Sie erwartet einen Brief von dir. Nachträglich sende ich dir auch noch meine innigstenSchreibversehen (nicht ausgeführte notwendige Folgekorrektur), statt: innigste. Gratulationswünsche zum GeburtstagFrank Wedekind hatte am 24.7.1890 seinen 26. Geburtstag.. Dein treuer Bruder
Donald

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 5. August 1890 (Dienstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg 5 August 1890


Lieber Bebi!

Heute Morgen erhielt ich von Mama die Erlaubniß dich meine Ferien, welche von nächstem Montagden 11.8.1890. an noch 4 7 WochenDie Ferien endeten demnach am 29.9.1890. dauern, bei dir, das heißt in München zu verbringenDonald Wedekind hielt sich vom 13.8.1890 bis zum 17.9.1890 bei seinem Bruder in München auf: „Am 13. August kam Donald von Lenzburg mit einer Anzahl Neuigkeiten. […] 17. Sept. Donalds Abreise von München.“ [Tb]. Nun muß ich natürlich zuerst wissen, ob du die nächste Zeit in München bleibst oder nicht, ferner ob es dir überhaupt genehm ist, wenn ich dir Gesellschaft leiste. Ich verstehe darunter natürlich nicht, daß ich dir immer auf der Bude sitzen würde, auch nicht, daß ich dich in deiner Urlaubszeit in Anspruch nehmen würde, sondern nur, daß ich unter deiner Führung die Sehenswürdigkeiten absehe und das Münchner Leben kennen lerne. Das Zimmer würde ich natürlich besonders haben. Du würdest mir auch einen großen Gefallen tuhnSchreibversehen, statt: thun., würdest du mir ungefähr die Kosten der ganzen Tour, Reise hin und zurück, Aufent Zimmer für 7 Wochen, Essen und Vergnügen eingeschlossen, also Alles zusammen, schreiben, was dir ein leichtes | sein wird, da du ja schon langeFrank Wedekind wohnte, nach seiner Münchner Studienzeit vom Wintersemester 1884 bis Sommer 1886, seit dem 5.7.1889 wieder in München. dort lebst. Berechne Alles zu normalem Preis. Ich werde deine Angaben dann mit dem mir zugestandenen vergleichen und die Reise demgemäß an Dauer kürzen oder verlängern. Komme ich dir nicht gelegen, oder hattest du einen andern Plan im Kopfe, so schreibe mir das ganz einfach und ich werde meiner Reise ein anderes Ziel geben. Allerdings wäre mir eine Münchner Fahrt das angenehmste. Antworte in jedem Fall so bald als möglich und scheue die Verantwortlichkeit deiner Preisangabe nicht, ich spreche dich ganz frei. Vor einigen Tagen feierten Wälti und die HerzogDer Literatur- und Musikkritiker Dr. phil. Heinrich Welti, der in Aarau die gleiche Schule besucht hatte wie nach ihm Frank Wedekind, führte ihn während dessen Studienzeit in das kulturelle Angebot Münchens ein und heiratete am 31.7.1890 die Opernsängerin Emilie Herzog (sie hatte inzwischen ein Engagement in Berlin): „Fräulein Emilie Herzog vom Königlichen Opernhause hat sich, wie wir den ‚Münch. N. N.‘ entnehmen, mit Herrn Musikschriftsteller Dr. Heinrich Welti vermählt.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 355, 1.8.1890, Morgen-Ausgabe, S. 9] In den „Münchner Neuesten Nachrichten“ war am 31.7.1890 gemeldet worden (im Vorabendblatt einen Tag vordatiert): „(Frl. Emilie Herzog,) welche allen Münchnern von ihrer hiesigen Thätigkeit am Hoftheater noch in bester Erinnerung steht, hat sich mit Herrn Musikschriftsteller Dr. Heinrich Welti vermählt. Unsere herzlichsten Glückwünsche!“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 43, Nr. 347, 1.8.1890, Vorabendblatt, S. 4] in Aarburg ihr Hochzeitsfest. WillyWilliam Wedekind war mit seiner Frau Anna Wedekind (geb. Kammerer) im September 1889 nach Südafrika ausgewandert und dort zunächst als Farmer tätig [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 19]. reussirthat Erfolg, kommt an. im allgemeinen nicht gut und sendet nächstdem wahrscheinlich seine Frau und sein KindWilliam und Anna Wedekinds Tochter Anna Wedekind war am 14.4.1890 in Johannesburg geboren. bald hierher. Also bitte, antworte mir so bald du kannst und sei herzlich gegrüßt von deinem Bruder
Donald

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 19. September 1890 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg Augustirrtümlich statt September. 1890


Lieber Bebi!

Da sich das Bild meines Münchener Aufenthaltes Donald Wedekind besuchte seinen Bruder Frank ab dem 13.8.1890 in München [vgl. Tb] und reiste am 17.9.1890 mit dem Nachtzug zurück nach Zürich.bereits zu klären beginnt, so finde ich es sehr am Platz mich in dieser rosigen Stimmung dir die übrigen Begebenheiten noch mitzuteilen, die sich seit unserm Abschied in der Halle des CenttralbahnhofesSchreibversehen, statt: Centralbahnhofes; ab 1904 unter dem Namen Hauptbhanhof. abgespielt haben. Ich reiste die Nacht durch in Gesellschaft eines Münchener Hochzeitspaaresnicht identifiziert., deren schlechtere Hälfte bald vor lauter biertrunkener Müdigkeit in Schlaf verfiel, während die bessere Hälfte bis früh morgens die Augen wach hielt, was dann mich veranläßteSchreibversehen, statt: veranlaßte., meine Zunge etwas zu lösen und mich zu unterhalten, was auch durch freundliches Entgegenkommen von der andern Seite aufs angenehmste unterstützt wurde. Auf dem Bodensee rauchte ich die letzte oesterreichische Virginialange, dünne Zigarren aus Virginia-Tabak mit Mundstück; in Österreich wurden Virginiazigarren seit 1844 im Monopol der Kaiserlich Königlichen Tabak-Regie hergestellt. und | trank etwas Alkohol dazu, was mir später die Schweiz in einem sehr güsnstigen Licht zeigen„sichtbar werden, erscheinen“ [Schweizer Idiotikon 17, Sp. 371]. ließ. In Zürich suchte ich Herrn Thomarder Medizinstudent Elias Tomarkin aus Riesbach bei Zürich (Florastraße 50) [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 24.9.1890], mit dem Armin, Frank und Donald Wedekind gleichermaßen befreundet waren. auf, den ich gerade mit seiner Toilette beschäftigt sah antraf. Er setzte mir mit großartigen Umständen, von denen ich ihn nicht abzuhalten vermochte, e einen ganz traurigen Caffee an vor, und schien sich nachher an der Mühe zu weiden, mit der ich das Getränk herunterschlürfte. Indessen erzählte ich ihm von München, und klärte ihm die Geschichte mit Ottounklar; im Tagebuch verzeichnete Frank Wedekind in seiner Namensübersicht einen „Wilhelm Otto, erster Buchhalter in der Kunsthandlung Dr. Albert in Schwabing, Freund Thomars, aus Düsseldorf“ [vgl. Tb, S. 55]. Das war die Kunst- und Verlagsanstalt von Dr. Eugen Albert in München (Schwabinger Landstraße 55) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1891, Teil I, S. 3]. und dem andern Buchhändlernicht sicher ermittelt; in Frank Wedekinds Namensliste im Tagebuch sind „Wilhelm Foth, Buchhändler, Theresienstraße 7 aus Hannover“ und „Wunderlich Buchhändlergehilfe“ verzeichnet [vgl. Tb, S. 55]. Wilhelm Foth betrieb eine Buch- und Kunsthandlung, ein Antiquariat und ein Schreibmaterialienlager in München (Theresienstraße 7) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1891, Teil I, S. 98]. auf. Ersterer hatte an Thomar geschrieben, daß du dich von ihm, Otto, beleidigt fühleSchreibversehen, statt: fühlest., daß er aber nicht wisse warum. Mit Lebelmöglicherweise der Maler Georg Lebel aus Zürich (Rössligasse 7) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1890, Teil I, S. 198]. behauptet Thomar, auf gar keinem vertrautem Fuß gestanden zu haben, auch trug er mir auf dir zu schreiben, Lebel aufzumuntern, Thomars ManuskriptElias Tomarkin schrieb an einem Roman mit dem Titel „Der rote Heinrich“, dessen ersten Teil Karl Henckell später in seinem Verlag unter dem Titel „Eine Lebensgeschichte“ veröffentlichte [vgl. Wedekind an Karl Henckell, 10.7.1896]. vorzulesen, da derselbe es nämlich gar nicht besitze. Er erinnerte sich sofort der Kragen und drängte mir als Ersatz zwei neue Kravatten, von denen er ein | einSchreibversehen (Wortwiederholung beim Seitenwechsel), statt: ein. ganzes Dutzend besitzt, ein Nastuch, einen Seidenknopf, und ein Eincentims/e/stück auf und spielte den Beleidigten, als ich es nicht annehmen wollte. So spielte mußte ich mir denSchreibversehen, statt: denn. wol oder übel die Sachen einpacken lassen, obschon ich gar keine Verwendung dafür habe. Zum Mittagessen giengen wir in den PfauenHeinrich Hürlimann betrieb seit 1880 die Gastwirtschaft „Zum Pfauen“ (mit Biergarten) und errichtete 1888/89 daran anschließend den Pfauenkomplex am Heimplatz mit dem „Volkstheater am Pfauen“., wo ich John Henry Makay traf, der mir mit ausnehmender Freundlichkeit entgegenkam. Ich mußte natürlich von all den Leuten erzählen die er kannte, und so floß die Unterhaltung ganz leidlich. Thomar gab mir immer genügend Zeit, um wieder Stoff zu sammeln, zog dann Makay auf ein von mir gegebenes Zeichen wieder in unsere Unterhaltung, damit ich wieder eine Ladung verschießen konnte. Die ganze Art und Weise wurde unter Thomars Einfluß unendlich komisch. Da es sich indessen herausstellte, daß Thomar wieder auch ganz geldlos war, er aber dennoch immer mich am Zahlen ver|hindern wollte, weil ich sein Gast sei, so kauften Makay und ich die Billete hier nach KüßnachtGemeint ist hier wahrscheinlich das an der Bahnstrecke gelegene Küsnacht am Zürichsee und nicht das für einen Nachmittagsausflug zu weit entfernte beliebte Ausflugsziel Küssnacht am Vierwaldstättersee am Fuße des Rigi., und teilten uns auch sonst den ganzen Nachmittag in die Kosten. Als wir von Küßnacht zurückkamen, verabschiedete sich Herr Makay und hinterließ bei mir den angenehmsten Eindruck. Sein Äußeres finde ich bis auf seine Gesichtsform sehr gut und bedeutend, gewöhnlich ist dir den nur die Rundung deseines Kopfes. Angenehm fiel mir auf, daß er viel weniger von seinen Sachen als von den Werken anderer sprach und dabei sehr einfach, leicht und gefällig sprach, und durchaus nichts von Selbstgefälligkeit in seiner Redeweise hatte. Überhaupt habe ich ihn mir nach deiner Beschreibungwohl mündlich geschildert; Frank Wedekind hatte John Henry Mackay wahrscheinlich über Karl Henckell kennengelernt, der in Zürich seit 1887 einen Kreis von Literaten um sich versammelte [vgl. Wedekind an Ferdinand Hardekopf, 28.4.1901]. ganz anders vorgestellt und bin angenehm etnts/t/äuscht worden. Er hält sicherlich viel von sich, aber die Selbstschätzung fällt lange nicht so plump auf wie bei Henckell, Scharf, etc. sondern äußert sich in der liebenswürdigsten und angenehmsten Weise, woraus ich auf die ausgebildesteSchreibversehen, statt: ausgebildetste. Selbstbeurteilung schließe. | Von Elise Paschkanicht näher identifiziert. scheint er als Malerin sehr viel zu halten, welchen Glauben ich mich natürlich hütete, ihm zu nehmen. Die übrige Zeit vertrödelte ich noch mit J Thomar, der sich dann zu einem längeren Vortrag über deinen Schnellmaler und dich aufraffte, w den ich schon öfters gehört hatte. Endlich verabschiedete ich mich auch von ihm, nachdem er mir an Alle Grüße aufgetragen hatte. Ich freute mich über den angenehmen Nachmittag, während welchem Thomar auch einmal in AredeSchreibversehen, statt: Abrede. stellte, daß die Braut HenckellsKarl Henckell war seit Juni mit Marie Felix, der Adoptivtochter von Arnold und Carolina Dodel-Port, verlobt [vgl. Karl Henckell und Marie Felix an Wedekind, 30.6.1890], die er jedoch nicht heiratete. reich sei. Dieser hält sich gegenwärtig in Lenzburg auf, wo er sein Mädchen Parade führtpräsentiert, vorführt. und mitSchreibversehen, statt: und sich mit. dem Gedanken trägt, im Winter nach Wien zu gehen um eine Zeitung zu gründendas Projekt scheiterte [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 8.1.1891]; Pläne dieser Art hatte Karl Henckell schon früher gehabt [vgl. Karl Henckell an Wedekind, 23.8.1886].. Dazwischen läßt er auch wieder gedruckte Aufrufenicht ermittelt. erscheinen, zum Beitritt in die Temperancedie Abstinenzbewegung vom Alkoholkonsum, in Zürich vor allem von Ärzten und Psychiatern propagiert; sie gewann in den 1890er Jahren Zuflauf und schlug sich in Vereinen nieder, die durch „Gründung einer Vereinszeitschrift, durch Vertheilung und billigen Vertrieb von Broschüren, sowie durch Vorträge“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 70, Nr. 97, 7.4.1890, S. (3)] den Alkoholgenuss bekämpften. , an deren Spitze er mit Bertha, Thea und Delev Freiher vomSchreibversehen, statt: Detlev Freiherr von. Liliencron stehenSchreibversehen, statt: steht.. Zu Hause traf ich die Leute gerade mit Arbrechnen beschäftigt und erfuhr zu meinem | Schrecken, daß Hami mit der Schnur und dem Setzlingwohl scherzhafte Bezeichnung für Armin Wedekinds Ehefrau Emma Wedekind und den acht Monate alten Sohn Armin Wilhelm Gottlieb Wedekind. Frank Wedekind hatte am 2.9.1890 notiert: „Emma Frey ist mit ihrem Kind seit Beginn des Sommers in Lenzburg.“ [Tb] noch längere + Tage zu bleiben gedenken. Die Antiquitätendie umfangreiche Sammlung des verstorbenen Vaters auf Schloss Lenzburg. Frank Wedekind notierte dazu am 2.9.1890: „Die Antiquitäten gehen für frs 8000 an einen Herrn Weber aus New York, einen Bekannten von Emma Frey über. Er soll nichts davon verstehen und ein großer Bramarbas sein. Bei Tisch habe er präsidirt und der Unterhaltung das Wesen seiner Persönlichkeit gegeben.“ [Tb] sind nicht verkauft. Herr Weber machte mit SchadenerstatzSchreibversehen, statt: Schadenersatz. von frs 1000.–, die er Mama bezahlte, den Kauf rückgängig, unter dem Vorwande plötzlicher Abreise. Mieze ist äußerlich ganz versauert und verblaßt und erinnert mich immer mehr an einen rot angestrichenen Essigtopf. Sie weiß nicht, ob sie Walther Oschwald wirklich heiraten willFrank Wedekind notierte dazu am 2.9.1890: „Walter Oschwald ist heraufgekommen und hat sich mit Mama besprochen. Er könne Mieze zwar nicht sofort heimführen, aber verloben wollten sie sich, kommt Zeit kommt Rath. Mama giebt ihm den Bescheid, sie möchten mit dem Verloben warten, bis er sie heimführen könne.“ [Tb], und will jetzt ein Geständniß herausbringen, dadurch daß sie ihre AreiseSchreibversehen, statt: Abreise. nach München aufs Conservatoriumvgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 20.9.1890. Tatsächlich ging sie für ihr Gesangsstudium im Dezember 1890 nach Dresden. ausposaunt, weil es dort billiger sei. Sie hatte dir noch nicht geschrieben, weil sie mein Maul fürchtete, und wird sich, wie ich voraussetze, noch lange nicht entschließen. Gesternam 18.9.1890. Nachmittag begann Hami mit vi mir deinetwegen in zu sprechen. Es war offenbar alles was er sagte direct für eine Unterredung mit dir, berechnet, weil er aber wußte, daß du dich nicht mehr | darauf einläßt, was er sehr bedauerte, so nahm er mich als Object. Ich hörte zu widersprach bisweilen, aber die ganze Sache war in einem so schwerzlichenmöglicherweise beabsichtigtes Kofferwort aus ‚schmerzlich‘ und ‚schwärzlich‘. Ton vorgetragen, daß mich Hami be dauerte. Es war eben einer jener seltenen Momente, wo ihm die ganze Traurigkeit seiner Lage zum Bewußtsein kam und die er dann dadurch zu rechtfertigen sucht, daß er die Lebensanschauung anderer tadelt. Das Leitmotiv war immer, daß es von dir nicht recht sei, daß du ihn, Hami, für einen PhilisterSpießer. und Dummkopf haltest, weil er m sich ich ein Leben, wie das seine einem anderen vorziehe. Ich suchte ihn natürlich klar zu machen, daß du ihn fürSchreibversehen, statt: daß du ihn nicht für. einen Philister und Dummkopf haltest, aber er ließ sich diesen Glauben nicht nehmen. Im übrigen ist allerdings sein ehelicher Verkehr daßs traurigste, was man sich denken kann. Ich machte ihn darauf aufmerksam wegen dem GeldArmin Wedekind verwaltete nach dem Tod des Vaters das Vermögen der Familie, das in Wertpapieren angelegt war, und zahlte auf Wunsch Gelder an die Geschwister und seine Mutter aus. Der Übersicht in Frank Wedekinds Tagebuch zufolge hatte er zuletzt am 10.9.1890 den Betrag von 160 Mark erhalten [vgl. Tb, Übersicht, S. 117]. und er wird i dir in den nächsten Tagen schicken. |

Die verschiedenen Unannehmlichkeiten, die mir zu Hause wieder in grellstem Lichte engegentratenSchreibversehen, statt: entgegentraten., liese/t/en lassen mich jetzt in fortwährend angenehmerer Weise an die 5 Wochen Münchener Lebens zurückdenken. Wäre es nur gewesen, um die verschiedenen Menschen kennen zu lernen, wäre es nur um uns selber so ausgezeichnnet verstehen zu lernen, es wären Zeit und Mühe, & Geld nicht verloren, sondern aufs beste angewandt gewesen. Nur hatte ich ja auch noch Gelegenheit meine bisweilen kostspieligen Launen zu befriedigen und so lebe ich denn jetzt in der glücklichsten Erinnerung, bald mir dich, Lefflerder Maler Heinrich Lefler, Wedekinds Wohnungsnachbar in der Akademiestraße 21 [vgl. Heinrich Lefler an Wedekind, 20.10.1890]. In seinen Namenslisten im Tagebuch notierte Wedekind einmal „Heinrich Lefler, Maler Akademiestr. 21. III“ [Tb, S. 53], an anderer Stelle: „1889 […] München. Nina. Frische. Mauer. Leffler.“ [Tb, S. 115] und andere vorstellend, bald die schöne Weiblichkeit vonSchreibversehen, statt: vom. Kal/r/lsthorwohl das neben dem Karlstor (Stachus) in der Neuhausergasse (heute: Neuhauser Straße) gelegene Café Karlstor, das Frank Wedekind in seinem Tagebuch erwähnte: „Auf dem Weg ins Cafe Karlsthor“ [Tb, 1.9.1889]. mit ihrem feinen, individuellen Duft an meinenSchreibversehen, statt: meinem. geistigen Riechorgan vorüberziehen zu lassen. Grüße alle meine Bekannten, und vor allem sei du gegrüßt von deinem Bruder Donald. Hoffen wir beide auf fröhliches Wiedersehen.

Einzelstellenkommentare

Zürich, 24. September 1890 (Mittwoch)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Zürich September 1890


Lieber Bebi!

Hami habe ich verschiedene Male daran erinnert, dir Geld zu sendenArmin Wedekind verwaltete nach dem Tod des Vaters das Vermögen der Familie, das in Wertpapieren angelegt war, und zahlte auf Wunsch Gelder an die Geschwister und seine Mutter aus. Folgt man der Übersicht in Frank Wedekinds Tagebuch, erhielt er am 3.10.1890 die nächste Zahlung über 200 Mark [vgl. Tb, Übersicht, S. 117].. Er behauptete, erst in Zürich im Stande zu sein, welches zu schicken. Ich meinesteils hatte wiederum die größten Unannehmlichkeiten mit ihm und Mama. Auf ein Schreiben von SolothurnDas Schreiben der Kantonsschule Solothurn an Emilie Wedekind ist nicht überliefert. hin, das Mama erklärte, daß man mich nur unter der Bedingung aufnehmen könne, wenn ich im Kosthaus, das heißt Convictsiehe dazu Armin Wedekinds Schilderung des Vorfalls [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 8.10.1890]., Kost und Logis nähme, schrieb Mama sofort zurück, daß sie damit einverstanden sei. Da ich nun durchaus nicht gesonnen bin, mich dort in diese Schülerpension aufnehmen zu lassen, da ich voraussehe, daß es dann jeden Augenblick Streitigkeiten mit dem Rectorat absetzen würde und in | kurzer Zeit zur RelegationEntlassung, Ausschließung. kommen würde protestirs/t/e ich und kam mit Hami in einen Wortwechsel, wobei er handgreiflich wurde, so daß zuletzt eine große Prügeleisiehe dazu Armin Wedekinds Schilderung des Vorfalls [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 8.10.1890]. entstand, bei der beide Teile genug bekamen. Ich wäre immerhin hinauf nach Solothurn gegangen um zu sehen, ob sich mit dem MannRektor der Kantonsschule Solothurn war seit 1878 der Altphilologe Johann Kaufmann-Hartenstein. nicht sprechen ließe. Aber mit der Zustimmung Mama’s in der Hand, wird gar nichts mit ihm anzufangen sein. So habe ich nun fest im Sinn Frühjahr 1891Für das Ablegen der Maturität gab es je nach Kanton ein bestimmtes Mindestalter für die Kandidaten. Für die Fremdenmaturität an der Universität Zürich lag es offenbar bei 19 ½ Jahren. hier in Zürich abzuwarten, um dann mich zur Fremdenmaturität zu melden. Mama will davon natürlich nichts wissen und wird mich ebensowenig unterstützen, und so ist das einzige Mittel, das ich kenne, das, daß ich dir die Macht der VormundschaftDonald Wedekind hatte als Minderjähriger keinen Zugriff auf sein Erbe, das von Armin Wedekind in Absprache mit der Mutter verwaltet wurde. Würde Frank Wedekind als offizieller Vormund nominiert, hätte er bis zur Volljährigkeit seines Bruders mit 20 Jahren ein Verfügungsrecht über dessen Erbe [vgl. Privatrechtliches Gesetzbuch für den Kanton Zürich. Zürich 1888, § 830, S. 246]. über mich hiemit übergebe, worauf dann du meine Ansprüche geltend machen kannst. Es ist dieSchreibversehen, statt: dies. natürlich keine Kleinigkeit, die ich von dir verlange, und es tut mir sehr, sehr leid, daß ich dich auf diese Weise aus deiner Ruhe | aufscheuchen muß. Aber ich bitte dich, tuhe es für mich. Ich werde es dir ewig zu danken wissen. Ich bin überzeugt, daß wenn du energisch auftrittst, und sofern du es eben der Gesetze wegen kannst, worin/üb/er ich eben ganz im Unklaren bin, Mama sich ohne weiteren Widerstand fügen wird. Bist du aber überzeugt, daß du nicht die Macht hast, irgend etwas für mich zu tun, so sei so gut und schreib mir auch in diesem Fall, damit ich mich demgemäß einrichten kann. Hast du aber erst die Macht, über mein VermögenAus dem Erbe seines Vaters standen Donald Wedekind nach einer Rechnung Armin Wedekinds 28.061,60 Francs zu [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 27.11.1889]. zu verfügen, in Händen, so läßt sich dann immer noch sehen, was zu tuhnDonald Wedekinds Schreibung für die zeitgenössisch verbreitete Schreibweise: thun (hier mehrfach vorkommend; so auch in der übrigen Korrespondenz). ist. Vielleicht würde ich da auf eine Maturität verzichten und in eine Klosterschule eintreten, wozu allerdings immer noch Zeit ist. Würdest du noch längere Zeit durch in München aufgehalten, so wäre es vielleicht besser, daß ich dorthin käme, da du mir eher Subsistenzmittel verschaffen könntest als hi wenn ich hier bin. Reisegeld habe ich bereit und | bin auch sonst für 14 Tage vor dem Verhungern geschützt. Unser Verkehr würde jedenfalls leichter und angenehmer, da ich nun mit meiner Arbeit begonnen habe und bereits einen Teil meiner Reise zu PapierÜber seine Amerikareise publizierte Donald Wedekind in der Beilage der „Züricher Post“ in mehreren Teilen (Nr. 29 vom 4.2.1894, Nr. 36 vom 13.2.1894, Nr. 41 vom 18.2.1894, Nr. 47 vom 25.2.1894 und Nr. 53 vom 4.3.1894) den Reisebericht „Eine Auswandererfahrt“, dessen Ausarbeitung er hier begonnen haben dürfte. Das Manuskript ist nicht überliefert. gebracht habe. Ich hege großes Vertrauen darauf. Was ich will, ist folgendes: Dich zum Vormund, damit Mama aus meinen Geschäften ausgeschlossen ist. Glaubst du, es ist dir unmöglich meine Bitte zu erfüllen, so schreibe mir es. Kannst du aber etwas für mich tuhn, so benachrichtige mich ebenfalls, was ich erwarten kann. Sende die Antwort unter: D. Wedekind
p. AdressNach dem Streit auf Schloss Lenzburg ist Donald Wedekind abgereist [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 1.10.1890] und hat sich offenbar bei dem befreundeten Medizinstudenten Elias Tomarkin in Riesbach einquartiert.: Elias Thomar
Florastraße Nr 50
Riesbach.

Dein treuer Bruder Donald

Einzelstellenkommentare

München, 3. Oktober 1890 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 10.10.1890 aus Solothurn:]


Deinen Brief erhielt ich erst hier in Solothurn.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 10. Oktober 1890 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 10. October 1890


Lieber Bebi!

Deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 3.10.1890. erhielt ich erst hier in Solothurn. Ich wartete bei ThomarWie Donald Wedekind in seinem letzten Brief mitteilte, war er nach einem Streit mit seiner Mutter und seinem Bruder Armin über den Schulbesuch in Solothurn zu seinem Freund, dem Zürcher Medizinstudenten Elias Tomarkin, nach Riesbach gefahren. in Zürich bis Montag Abendden 29.9.1890. An diesem Tag endeten die Sommerferien [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 5.8.1890]., immer in der Hoffnung auf Nachrichten von dir. Als aber nichts kam, reiste ich hierher um mit dem Rectorat die Sache zu besprechen. So trat ich zwei Tage späteram Mittwoch, den 1.10.1890. in das Kantonsschulenkosthaus ein und lebe nun das ausgebildetste ConvictlebenInternatsleben.. Es freut mich, auch diese Klippe wieder umschifft zu haben, nur ärgert es mich, daß ich dir die Sache so furchtbar in die Ohren legte, da ich weiß, wie unangenehm sie dir ist. Ich werde natürlich so lang hier bleiben, wie möglich, suchen im Frühjahr die Fremdenmaturität zu machen; sollte das unmöglich sein, so soll es mein Bestreben sein, sie in Solothurn zu absolviren. Immerhin möchte ich dich innigst um ein’s bitten. Das ist, wenn du nach Zürich kommst, dich mit Hami und Mama betreffs meiner Vormundschaft vollkommen zu verständigen, da ich weiß, daß wenn du meine Sachen führst | die ewigen Reibereien ein Ende nehmen werden an denen meine Studien hier noch am ehestens scheitern können. Ich habe auch in diesem Sinn heute an Hami geschriebenDas Schreiben Donald Wedekinds an Armin Wedekind ist nicht überliefert., mit dem es mir furchtbar unangenehm ist, zu verge/k/ehren, eben seiner rohen Lebensart wegen. So bin ich überzeugt, daß wenn du meine Vormundschaft, die ich dir ja im vorigen Briefe förmlich übergeben habe, geltend machst, alles ohne viel Geräusch vor sich gehen wird. Also bitte, nimm dich meiner Sache an und ich werde deinem MajoratÄltestenrecht; hier für Vormundschaft. gewiß Ehre machen, zumal wir uns ja nun kennen, verstehen und ich meinesteils meine Stellung hier wieder sehr befestigt habe, die allerdings Hami in den letzten Tagen durch einen plumpen BriefArmin Wedekinds Brief an das Rektorat der Kantonsschule Solothurn ist nicht überliefert., worin er mich allem Anschein nach nicht im besten Brie Lichte hat erscheinen lassen, fast wieder erschüttert hätte. Mi Da das Essen hier sehr spärlich und primitiv zubereitet ist, (50 frs per Monat Kost & Logis) so kann ich deine monatliche Pension von 10 Mk sehr, sehr gut brauchen, um einen fortwährenden Hunger zu stillen und wäre dir sehr dankbar, wenn dieselbe für Monat | October bald einträfe. Ich habe sehr viel an Selbstvertrauen gewonnen, seitdem ich meine Reisen auf PapierDonald Wedekinds Reisebeschreibung „Eine Auswandererfahrt“ über seine Reise nach San Francisco im Jahr 1889, die in Fortsetzungen vom 4.2.1894 bis 4.3.1894 in der Beilage der „Züricher Post“ erschien. zu bringen angefangen habe, die einen guten Erfolge versprechen. Mit Thomar und John Henry Mackay verlebte ich einige sehr angenehme Tage, und letzterer, mit dem ich regelmäßig im Pfauen zum Mittagessen zusammenkam, gewann immer mehr meine Zuneigung. Zwischen Thomar und mir haben wir das Verhältniß des Onkel zum Neffen begründet, unter welcher Form wir auch correspondiren. Für seinen Romander Fragment gebliebene Roman „Der rote Heinrich“; der erste Teil erschien unter dem Pseudonym Ernst Thoma mit dem Titel „Eine Lebensgeschichte“ Ende 1897 im Verlag von Karl Henckell in Zürich mit einem Umfang von 379 Seiten [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 64, Nr. 297, 22.12.1897, S. 9611]. Das Buch war unter diesem Titel erst kurz zuvor angekündigt worden [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 64, Nr. 276, 27.11.1897, S. 8894], in Ankündigungen in anderen Publikationen des Verlags firmierte es auch unter dem Titel „Morgengluten“. Franz Blei, der den Namen des Verfassers nicht nannte, erinnerte sich an „einen, der [...] ein ewiger Student war und unter seinem Bett ein dickes Bündel vollgeschriebener Seiten verbarg, einen Roman ‚Der rote Heinrich‘.“ [Franz Blei: Erzählung eines Lebens. Leipzig 1930, S. 196] Karl Henckell beschrieb Elias Tomarkin rückblickend als „Königsberger stud. med.“, der „auf der heimlichen Traumeswiese am Zürichberg lustwandelte und an seiner üppig phantasiereichen ‚Lebensgeschichte‘, dem ‚Roten Heinrich‘, seinem ewigen Schmerzenskinde, herumsinnierte und skizzierte, sofern er nicht als klug vermittelnder Weltversöhnungsagent irgendeinen kleinen Stimmungskrach zwischen gemeinsamen Freunden mit väterlicher Überredung würdig auszugleichen suchte.“ [Henckell 1923, S. 272] In den Romantext sind Elias Tomarkins „politische Anliegen eingeflochten: der Sieg der Sozialisten, die Emanzipation der Frauen und der Kampf gegen den Antisemitismus.“ [Rogger/Herren 2012, S. 194; ebd. das Faksimile des Titelblatts] glaubt er 800 Mk zu bekommen. Also verzeihe die große Störung, die mein Brief vielleicht in deiner regelmäßigkeit Schreibversehen, statt: Regelmäßigkeit.der Lebensweise verursacht hat, grüße mir alle meine Bekannten und sei selbst innigst gegrüßt von deinem treuen Bruder
Donald


Ein Brief wird mich immer sehr freuen. Vielleicht kannst du mir auch ein paar Nummern der „Münchener Kunst“die von Frank Wedekinds Bekannten Julius Schaumberger herausgegebene illustrierte Wochenschrift „Münchner Kunst“ (erschienen 1889 bis 1891), in der er demnächst Gedichte veröffentlichte [vgl. KSA 1/II, S. 1891f.; 1963f.], worüber Donald Wedekind informiert gewesen sein dürfte. zusenden.

Grüße namentlich Herrn PohlAnton Pohl, Kunstmaler in München (Theresienstraße 65, 1. Stock) [vgl. Adreßbuch für München 1890, Teil I, S. 264] war Student an der Münchner Kunstakademie [https://matrikel.adbk.de/matrikel/mb_1884-1920/jahr_1887/matrikel-00392]. Wedekind listete ihn im Tagebuch unter seinen Bekannten auf („Pohl Maler“) und datierte die Bekanntschaft auf das Jahr 1890 [vgl. Tb, S. 53 und S. 115]. Donald Wedekind hatte den aktuellen Freundeskreis Frank Wedekinds, der aus zahlreichen Malern bestand, während seines Aufenthalts in München im Spätsommer 1890 kennengelernt. und MelchersHeinrich Melchers (Louisenstraße 40a, 2. Stock) [vgl. Tb, S. 51], Bekannter Frank Wedekinds aus Amerika: „Heinrich Melchers lerne ich eines Abends im Kletzengarten kennen. […] Er kommt mit einem andern jungen Amerikaner.“ [Tb, S. 47] In der Namensliste am Ende des Tagebuchs heißt: „Heinrich Melchers aus Saginav U.S. Polytechniker, Großneffe des Cardinal Melchers in Rom.“ [Tb, S. 55] Dort findet sich auch der Entwurf oder die Abschrift eines Briefes von Marie Kling an Heinrich Melchers..

Adresse: Studentenpensionat
Solothurn

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 2. November 1890 (Sonntag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 2 November 1890


Lieber Bebi!

Mich deines Wunsches dir eine PhotographieDie beigelegte Photographie ist nicht überliefert. zu senden, noch erinnernd lege ich hier eine bei. Es wunderte mich nicht keine Reaction auf meinen letzten Briefvgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 10.10.1890. gesehen zu haben. Du wirst noch zu sehr aufgeregt über meinen Wankelmut gewesen sein, doch würde ich mich sehr freuen und würde es sehr dankbar aufnehmen, wenn die besagte PensionIn seinem letzten Brief bat Donald Wedekind um eine monatliche Unterstützung von 10 Mark für Essen. doch diesen Monat eintreffen würde, daSchreibversehen, statt: die. ich tatsächlich zur Stillung meines Hungers verwenden würde. Von zu Hause erhalte ich gar keine Nachrichten und hoffe deshalb sicher, daß wenn du nach Hause kommst, mich | jedenfalls besuchen wirst. Für das Zusenden nur bisweiligegelegentliche, einer Nummer Münchener Kunstdie von Frank Wedekinds Bekannten Julius Schaumberger herausgegebene illustrierte Wochenschrift „Münchner Kunst“ (erschienen 1889 bis 1891), in der er demnächst Gedichte veröffentlichte [vgl. KSA 1/II, S. 1891f.; 1963f.], worüber Donald Wedekind informiert gewesen sein dürfte. oder irgend eines epocheSchreibversehen, statt: Epoche (oder: epochemachenden). machenden Werkes wäre ich dir äußerst verpflichtet und würde das gewiß zu einem wenig mühevollen und dabei doch sehr fruchtbaren geistigen Verkehr zwischen uns führen. Vorgestern las ich Strindbergs „Vater“ und war überrascht durch die großartige Wahrheit, und niederschmetternde Aufrichtigkeit, die das Stück hat. Grüße alle meine Bekannten und sei herzlich geküßt von deinem Bruder Donald.

Studentenpensionat.

Einzelstellenkommentare

München, 3. November 1890 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 16.11.1890 aus Solothurn:]


Hiemit bestätige ich den Empfang der Mk 10.–, welche gerade zur rechten Zeit kamen um mir meinen Geburtstag in der angenehmsten Weise zu versüßen. Der Brief freute mich nicht weniger […]

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 16. November 1890 (Sonntag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 16 November 1890


Lieber Bebi!

Hiemit bestätige ich den Empfang der Mk 10.–, welche gerade zur rechten Zeit kamen um mir meinen GeburtstagDonald Wedekinds 19. Geburtstag am 4.11.1890. in der angenehmsten Weise zu versüßen. Der BriefDas Begleitschreiben zu der Geldsendung ist nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 3.11.1890. freute mich nicht weniger, indem die darin enthaltenen Nachrichten mich für eine kurze Dauer in deine abwechslungsvolle Gesellschaft versetzten. Die Geschichte mit Albertinenicht identifiziert; vermutlich ein Modell des Malers Anton Pohl., PohlAnton Pohl, Kunstmaler in München (Theresienstraße 65, 1. Stock) [vgl. Adreßbuch für München 1890, Teil I, S. 264] war Student an der Münchner Kunstakademie [https://matrikel.adbk.de/matrikel/mb_1884-1920/jahr_1887/matrikel-00392]. Wedekind listete ihn im Tagebuch unter seinen Bekannten auf („Pohl Maler“) und datierte die Bekanntschaft auf das Jahr 1890 [vgl. Tb, S. 53 und S. 115]. Donald Wedekind hatte den aktuellen Freundeskreis Frank Wedekinds, der aus zahlreichen Malern bestand, während seines Aufenthalts in München im August und September 1890 kennengelernt. und dem Beduinennicht identifiziert. entwicktelte sich ganz so, wie es die Natur der Sache verlangte und wie es Mr. Pohl an jenem Nachmittag, als ich ichSchreibversehen, statt: ich ihn. in Compagnie der Aegybter traf, voraussah. Nur begreife ich nicht, was er wie er mit seinen 800 Mk wolbehalten wieder von Aegybten zurückkommen will und was ihn eigentlich an dem Mädchen anzieht, deren Wesen mich vollstän|dig kalt ließ. Ich glaube der bedeutendste Factor ist ihre kernige Gesundheit gegenüber seiner schwachen Constitution, die ihn wol dazu veranlassen kann, immer recht gesunde und starke Mädchen zu seiner Gesellschaft auszusuchen. Mir war Pohl neben Lefflerder Maler Heinrich Lefler, Frank Wedekinds Wohnungsnachbar in der Akademiestraße 21 und später auch Korrespondenzpartner. In seinen Namenslisten im Tagebuch notierte Wedekind: „Heinrich Lefler, Maler Akademiestr. 21. III“ [Tb, S. 53], an anderer Stelle: „1889 […] München. Nina. Frische. Mauer. Leffler.“ [Tb, S. 115] und SchereschephskyDer polnische Maler Wladimir Schereschewsky (Herzogstraße 8) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1894, Teil III, S. 47]; Frank Wedekind notierte in seiner Namensliste im Tagebuch: „Schereschefsky, Maler aus Kiew“ [Tb, S. 53] und in der Jahreschronologie: „1890 Kinder & Narren. Scherschefsky. Pohl. Mumm. Becker. Melchers. Doda.“ [Tb, S. 115] immer der Liebste, MelchersHeinrich Melchers, eine Kneipenbekanntschaft Frank Wedekinds: „Heinrich Melchers lerne ich eines Abends im Kletzengarten kennen.“ [Tb, S. 47, Eintrag vermutlich im Februar 1890]. In der Namensliste am Ende des Tagebuchs heißt es: „Heinrich Melchers aus Saginav U.S. Polytechniker, Großneffe des Cardinal Melchers in Rom.“ [Tb, S. 55] abgerechnet, dem ich mich überlegen fühlte. Das/ß/ Schereschephsky’s Bildnicht ermittelt. Otto Julius Bierbaum schrieb über Schereschewsky: „Er gehörte einmal zu den großen Hoffnungen des malerischen Naturalismus in München. Uhde schätzte ihn sehr hoch, aber auch Menzel. Zwei seiner großen Elends-Malereien gingen in öffentliche Galerien über. Er aber verschwand aus München“ [Otto Julius Bierbaum: Die Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten. München 1910, S. 39]. Bekannt wurde er 1893 mit der Ausstellung seines Gemäldes „Nach Sibirien“ in München, Budapest und Berlin, das als „Sensationsbild“ galt [vgl. Kunstchronik, Jg. 4, Nr. 27, 1.6.1893, Sp. 441]. jetzt und überhaupt einmal einen so großen materiellen Ertrag abwerfen würde, habe ich nie geglaubt und stellte es immer auf die gleiche Stufe mit Marcel’s „Durchgang durch das rote Meer“In Henri Murgers Roman „Scènes de la vie de bohème“ (1851; dt. „Pariser Zigeunerleben. Bilder aus dem französischen Literaten- und Künstlerleben“) reicht der erfolglose Maler Marcel alljährlich sein Bild „Der Zug durchs Rote Meer“ mit leichten Veränderungen und unter verschiedenen Titeln zur Aufnahme in den Pariser Salon ein, jedoch vergeblich. Er verkauft es schließlich für 150 Francs und ein Abendessen an den jüdischen Händler Medici, der es als Ladenschild für einen Feinkostladen weiterverkauft. aus Murger’s Zigeunern.

Dein Bildnicht überliefert; ein Porträt von Frank Wedekind., dessen Entstehungsgeschichte jedenfalls auch von einigem Interesse sein wird, habe ich mir gegenüber an der Wand aufgehängt und bin so in fortwährender Gesellschaft mit dir und es wirkt | so stark auf mich, daß ich bisweilen die Verpflichtung fühle es zu unterhalten.

Gestern las ich in der Zürcher ZeitungDort hieß es: „Wie ‚Fanfulla‘ meldet, soll im Februar des Jahres 1893 das Bischofsjubiläum des Papstes Leo XIII. besonders feierlich begangen werden. Namentlich gedenkt man einen ‚Welt-Katholikenkongreß‘ zu veranstalten, an welchem sämmtliche Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe der ganzen Erdrunde, sowie sämmtliche Führer aller ‚katholischen Parteien‘ der Welt theilnehmen sollen.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 70, Nr. 319, 15.11.1890, S. (2)] daß der Hl. Vater im Jahre 93. sein Bischofsjubiläum mit einem großartigen ConcilVersammlung kirchlicher Personen. zu feiern gedenkt, an welchem alle Cardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe der Erde daran teilnehmen sollen. Schon das allein würde Rom zu einem nicht undankbaren Aufenthalte für die betreffende Zeit machen.

Literarisch beschäftige ich mich gegenwärtig nur mit Lesen, da mich ein eigenes productives Arbeiten neben den Schulstunden zu sehr anspannen würde und ich s die freie Zeit lieber im Verein junger Mädchen, deren mir bekannter Kreis sich nachgerade auszudehnen beginnt, verbringe.

Deinem StückWedekinds Lustspiel „Kinder und Narren“, von dem er Ende August Manuskripte an die Bühnenverlage Felix Bloch Erben und A. Entsch in Berlin verschickt hatte, allerdings ohne Erfolg. Gedruckt wurde das Stück erst Anfang 1891 als Privatdruck [vgl. KSA 2, S. 630]. wünsche ich auf dem Weg in die Öffentlichkeit alles Glück und verbleibe mit den besten Grüßen dein
treuer Bruder Donald.

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Solothurn, 14. Dezember 1890 (Sonntag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn den 14. Dezember 1890


Lieber Bebi!

Schon lange trug ich mich mit dem Gedanken, mir neueJägerhemdendie von dem Zoologen und Hygieniker Gustav Jäger seit Ende der 1870er Jahre propagierte und vertriebene Ober- und Unterbekleidung aus Wolle, sogenannte Normalkleidung, die sich großer Popularität erfreute. Gustav Jäger versuchte nachzuweisen, „daß die spezifischen Duftstoffe in der Ausdünstung der Tiere die Erzeuger der Affekte, Triebe und Instinkte […] sind. Im Verfolg dieser Studien gelangte er zu einem neuen Bekleidungssystem, welches jede Pflanzenfaser als schädlich verwirft und lediglich wollene Kleider gestattet. Er rief eine lebhafte Agitation für seine ‚Normalkleidung‘ ins Leben, hat aber auf dem ganzen Gebiet sehr entschiedenen Widerspruch gefunden.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl., Bd. 9. Leipzig, Wien 1890, S. 131] Frank Wedekind ließ den Dichter Franz Ludwig Meier in seinem Lustspiel „Kinder und Narren“ (1891) „während des ganzen Stückes in Jäger’scher Normalkleidung“ [KSA 2, S. 121] auftreten; Vorbild der Figur war Gerhart Hauptmann [vgl. KSA 2, S. 693], über den er am 26.5.1889 notierte: „Gerhart H. sieht [...] aus wie ein Tollhäusler, mit seinem grotesken, etwas blöden Profil, mit rattenkahl geschorenem Kopf, in schweren, nußfarbig dunklen Wollkleidern, die ihm um den Leib hängen, als hätte sie der erste beste Dorfschneider verfertigt.“ [Tb] kommen zu lassen. Da die 3, die ich mir letzten Winter kommen ließ, ihrer vollständigen Auflösung entgegen gehen. Da mir die Adresse von S. Waldo das Wäschegeschäft – Manufakturwaren und Trikotagen – S. Waldo (Inhaber: Selig Waldo) in Berlin (Spandauerstraße 75) [vgl. Berliner Adreß-Buch für das Jahr 1891, Teil I, S. 1376].fehlt, bitte ich dich, mir dieselbe noch vor dem 24. dieses Monats senden zu wollen, so du dich ihrer noch erinnerst. Es bedarf dazu de nur einer Postkarte, auf welcher du mir die Adresse mitteilst und ich werde befriedigt sein. Zugleich könntest du mich dann auch wissen lassen, ob Mieze in MünchenErika Wedekind war auf der Durchreise von Lenzburg nach Dresden seit dem 7.12.1890 für einige Tage zu Besuch bei ihrem Bruder in München gewesen [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 6.12.1890 und 12.12.1890]. eingetroffen ist, oder nicht. Die Ferien, die am 24 beginnen, werde ich in Zürich zubringen, indem ich bei Frau LeemanEmilie Leemann (geb. Kammerer), Witwe von Gustav Leemann, wohnte mit ihren drei Töchtern im Zürcher Vorort Riesbach (Feldeggstraße 52) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1890, Teil I, S. 199]; sie war eine Cousine von Wedekinds Mutter. ein Zimmer nehme. Ich denke während der Zeit auch mit Tomarkin und Makay zusammenzutreffen. Mit Grüßen an alle verbleibe ich dein treuer Bruder Donald.


Falls du die Adresse nicht mehr weißt, schicke mir die eines ähnlichen Münchener InstitutesMit der Reformkleidung Gustav Jägers warben mehrere Wäschehändler in München, etwa Adolf Schlesinger (Neuhäuserstr. 30) mit der Spezialität: „Normal-Wäsche System Jäger“ [Adreßbuch von München für das Jahr 1891, Teil III, S. 196].. Gesetzt den Fall du bist bei Geld, so wäre ich dir für die PensionWie in der vorangegangenen Korrespondenz bereits erwähnt, bat Donald Wedekind seinen Bruder aufgrund des schlechten Essens im Solothurner Kosthaus um eine regelmäßige monatliche Unterstützung für zusätzliche Verpflegung. sehr dankbar.

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Solothurn, 8. Januar 1891 (Donnerstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 8 Januar 1891


Lieber Bebi!

Vor acht Tagenam 2.1.1890. kam ich wieder hier an, da um das neue Trimester zu beginnen. Die Ferien verbrachte ich in recht amüsanter Weise, indem ich viel Tomarkins Gesellschaft genoß. Zimmer nahm ich bei Tante Leeman und Essen bei HamiDonald Wedekinds Tante Emilie Leemann (Feldeggstraße 52) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1890, Teil I, S. 199] und sein Bruder Armin (Seefeldstraße 81) [vgl. Adressbuch für Zürich 1890, Teil I, S. 356] wohnten im Zürcher Vorort Riesbach nur 50 Meter entfernt voneinander.. Auf mein gutes Zeugniß hin sandte mir Mamma 25 Franken, was den Grund zu einer vollkommenen Aussöhnung gab. Außerdem bestellte ich mir im Anglo-American Storevon Michel Alexander in München geführter Laden an der Ecke Barer-/Hessstraße. einen Anzug und ließ mir von Berlin 6 neue Jägerheml/d/en und zwei JägerhosenReformkleidung zum Unterziehen oder als Oberbekleidung, die nach den Ideen Gustav Jägers nur aus Wolle bestehen durfte. kommen, die aber von einem solchen Umfang w sind, daß ich darin der vollendetste | Türke scheine. Doch füllen sie a meinet weiten Beinkleider sehr gut aus. In der Münchener Kunst las ich dein Gedicht „m Meningitis tuberculosaIn der Zeitschrift „Münchner Kunst“ waren zwei Gedichte von Wedekind erschienen [vgl. KSA 1/I, S. 286-287; KSA 1/II, S. 1891-1893, 1963-1965].: „Pirschgang“ [Münchner Kunst, Jg. 2, Nr. 45, 12.11.1890, S. 436] und „Meningitis tuberculosa“ [Münchner Kunst, Jg. 2, Nr. 48, 4.12.1890, S. 468] “, über das ich mich sehr freue, da ich daraus sehe, daß du mit den Männern dieser SchriftHerausgeber der seit dem 1.11.1889 erscheinenden Zeitschrift „Münchner Kunst“, eine „Illustrirte Wochen-Rundschau über das gesammte Kunstleben Münchens“, die aus dem „Münchener Theater-Journal“ hervorgegangen war, war der mit Frank Wedekind befreundete Julius Schaumberger. In ihrer letzten Nummer vom 1.1.1891 kündigte die Redaktion (Müllerstraße 45b) an, sie werde in der neuen Zeitschrift der Gesellschaft für modernes Leben aufgehen („Moderne Blätter“), da „die Begründer jener Gesellschaft mit der Kerntruppe der Mitarbeiterschaft der ‚Münchner Kunst‘ identisch sind.“ [Münchner Kunst, Jg. 2, Nr. 52, 1.1.1891, S. 521] Die darunter gesetzte Annocierung der neu gegründeten Gesellschaft für modernes Leben war unterzeichnet mit: „Dr. M. G. Conrad, Rudolf Maison, Detlev Frhr. von Liliencron, Otto Julius Bierbaum, Julius Schaumberger, Hanns von Gumpenberg, Georg Schaumberg.“ [Ebd.] In einer Annonce für ein „Probe-Abonnement für den Monat Juni“ hatte die Redaktion der „Münchner Kunst“ damit geworben, dass sie „neben den ständigen Wochenberichten über die jüngsten, irgendwie bedeutsamen Erscheinungen und Ereignisse des gesamten Münchener Kunstlebens: Kunstwissenschaftliche, poetische und novellistische Beiträge von M. G. Conrad, Martin Greif, Detlev v. Liliencron, Hermine v. Preuschen, Heinrich von Reder, O. J. Bierbaum, Julius Brand, Ernst Brausewetter, Hans v. Gumppenberg, M. Cl. Menghius, Ludwig Scharf, Georg Schaumberg, Julius Schaumberger, Franz Wichmann u. A.“ [Münchner Kunst, Jg. 2, Nr. 19, 14.5.1890, S. 154] enthalte. immer noch auf guten Fuß stehst. Ich habe dieselben sehr in mein Herz geschlossen, weniger Ludwig ScharfLudwig Scharf zählte zwar zu den regelmäßigen Beiträgern der Zeitschrift mit seinen Gedichten „Die Brautnacht“ [vgl. Münchner Kunst, Jg. 2, Nr. 8, 22.2.1890, S. 59f.], „Träumerei“ [vgl. Münchner Kunst, Jg. 2, Nr. 24, 18.6.1890, S. 190f.] und „Lyrische Fragmente“ [vgl. Münchner Kunst, Jg. 2, Nr. 47, 27.11.1890, S. 457f.], war aber nicht Herausgeber. als Schaumberger. DasSchreibversehen, statt: Dass. Henckell’s Zeitungnicht ermittelt. in Wien caput gegangen ist, wirst du gehört haben, und daß er in Folge dessen melancholisch wieder zurück nach Lenzburg kam, mag dir auch bekannt sein. Seine VerlobungKarl Henckell hatte sich im Juni 1890 mit Marie Felix, der Adoptivtochter von Arnold und Carolina Dodel-Port verlobt [vgl. Karl Henckell und Marie Felix an Frank Wedekind, 30.6.1890]. soll ebenfalls auf gläsernen Füßen stehen, indem der goldene Hintergrund der Braut als img/a/ginärSchreibversehen (Auslassung), statt: sich als img/a/ginär. gezeigt haben soll. Die Henckells seien in letzter Zeit sehr zurückhaltend geworden gegen das Mädchen, das sich sehr eifrig in dem Scheidungsprozeß Professor’s Dodelport’sDer Zürcher Botanik-Professor Arnold Dodel-Port ließ sich 1890 nach 15 Jahren Ehe von seiner Frau Carolina Port, mit der er einen anatomisch-physiologischen Atlas der Botanik herausgegeben hatte, scheiden und heiratete 1891 Luise Henriette Müller. betätige. | Es unterstütze nämlich seine Frau in der Erlangung des Scheidungsspruches, angeblich, um seinem Vater eine Woltat zu erweisen. Das aus dem Züricher Stadtklatsch. Henckell sei wirklich wieder schwer krank, stehe des Morgens um 10 Uhr auf, setze sich dann in seinen Lehnstuhl, nehme ein Buch zur Hand und schlafe ein, worauf seine MutterBertha Elise Auguste Henckell; Gustav Henckell hatte seine Eltern und seine beiden Schwestern Bertha und Thea 1889 aus Hannover in die Schweiz geholt. komme, ihn lang betrachte und dann weinend um den „armen, armen Karl“ ins Nebenzimmer gehe. So ungefähr Theas Berichte. Thomarkin’s Runde muß sich jedenfalls auf einer Rundreise befinden, indem ich ihn auf seinem Zimmerin der Florastraße 50 im Zürcher Vorort Riesbach [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 24.9.1890]. vermißte. Hami feierte Neujahr bei Frei’sArmin Wedekinds Schwiegereltern, der Bezirksarzt Gottlieb Frey und seine Frau Elise (Hottingerstraße 38) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1891, Teil I, S. 94].. Ich ging mit Tomarkin und zwei andern Deutschen, Herrn Bockder Ingenieur Charles Bock (Seestraße 91) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1893, Teil I, S. 37] aus Kiel., Ingenieur bei Escher, Wyß & Co1805 gegründete Maschinenfabrik in Zürich (Niederdorfstr. 102) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich, Teil II, S. 410] mit einer weiträumigen Fabrikanlage auf dem Gelände der ehemaligen Neumühle., und Herrn MoritzIm Matrikelverzeichnis der Universität Zürich nicht nachgewiesen., Student der Chemie, auf Safrandas Café du Safran im Zunfthaus zur Safran am Limmatquai., wo wir ruhig bei einer Tasse Thee das neue Jahr abwarSchreibversehen (fehlende Silben beim Seitenwechsel), statt: abwarteten. | Tomarkin, der 1890 mit einer Schlemmerei abschließen wollte, bestellte ein Dutzend Austern, welche Bestellung aber zu seinem großen Ärger unausgeführt blieb. Wahrscheinlich traute es ihm die Kellnerin gar nicht zu. 1891 begannen wir auf Safran mit einer Tasse Caffée. Im Schluß des altesn Jahres trugen Tomarkin und Moritz die Kosten der Unterhaltung, indem sie heftig über Frauen und Sittlichkeit disputirten. Im Anfang des neuen Jahres nahmen Herr Bock und ich die Arbeit auf uns, indem wir uns über Uhrenindustrie unterhielten. Tags daraufam 2.1.1891. reiste ich von den Segenswünschen meines Onkels EliasDonald Wedekind hatte zu Elias Tomarkin ein Onkel-Neffe-Verhältnis etabliert, wie er in einem früheren Brief berichtete [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 10.10.1890]. begleitet wieder nach Solothurn. Er machte wirklich Staat mit mir, seinem Neffen und freute sich namentlich, wenn ich ihn | Goldonkelchenverbreitete Bezeichnung für einen väterlich gutmütigen, nicht selten auch spendierfreudigen Verwandten. et. c. titulirte. Weihnachtsabend giengen wir zusammen zu der Feier der Socialisten im Sal/a/l des Schwanen, wor wir am Tische der deutschen Coloniedie wegen der Verfolgung aufgrund des 1878 verabschiedeten „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ aus Deutschland nach Zürich exilierten Arbeiter und Intellektuellen. Platz nahmen. Es war mir sehr lieb, diese Gesellschaft einmal sehen zu können und ich amüsirte mich ausgezeichnet. In der Zeitung las ich, daß man sich in München mit der Errichtung einer freien Bühne Der am 18.12.1890 gegründete Münchner Literatur- und Theaterverein Gesellschaft für modernes Leben unter Vorsitz von Michael Georg Conrad, wollte sich nach dem Vorbild der Berliner Freien Bühne um die Aufführung moderner Stücke bemühen. Die Presse berichtete: „Unter dem Namen ‚Gesellschaft für modernes Leben‘ hat sich in München eine Vereinigung mit folgenden Zielen gebildet: Die ‚Gesellschaft für modernes Leben‘ stellt sich zur Aufgabe die Pflege und Verbreitung modernen, schöpferischen Geistes auf allen Gebieten: Soziales Leben, Literatur, Kunst und Wissenschaft. Zu diesem Zweck trifft die ‚Gesellschaft für modernes Leben‘ folgende Veranstaltungen: Vortragsabende, in welchen einschlägige Fragen theoretisch und durch Vorlesung moderner Geisteswerke jeder Gattung beleuchtet werden. Errichtung einer freien Bühne, welche unter dem Schutze des Vereinsgesetzes auch solche Werke zur Aufführung bringen wird, denen sich die öffentlichen Theater noch verschließen. Sonderausstellungen von solchen Werken von der Gesellschaft angehörenden bildenden Künstler, welche für die moderne Entwicklung besonders kennzeichnend sind. Herausgabe einer Wochenschrift ‚Die Moderne‘, welche die Anschauungen der ‚Gesellschaft für modernes Leben‘ nach außen vertreten soll.“ [Der Bund, Jg. 41, Nr. 356, 26.12.1890, S. (3)] Frank Wedekind trat der Gesellschaft im Laufe des Jahres 1891 bei [vgl. Kutscher 1, S. 189], vermutlich im Sommer im Zusammenhang mit der Publikation verschiedener Gedichte in den von der Gesellschaft herausgegebenen Anthologien „Sommerfest“ und „Modernes Leben“.beschäftigte. Ich mußte gleich an dich denken und stellte mir vor, daß du vielleicht einer der Stifter dieses Unternehmens sein könntest, da es für dich ja doch sehr angenehm sein müßte, ein solches Institut an der Hand zu haben. Sollte deine Sache gedrucktWedekinds Lustspiel „Kinder und Narren“ erschien Anfang März 1891 als Privatdruck bei R. Warth in München [vgl. KSA 2, S. 643]. sein, so habe doch die Güte mir ein Exemplar zuzusenden und demselben vielleicht ein Exemplar des SchnellmalersFrank Wedekind Posse „Der Schnellmaler oder Kunst und Mammon“ war 1889 auf Vermittlung von Karl Henckell im Verlags-Magazin (J. Schabelitz) in Zürich erschienen [vgl KSA 2, S. 551]. | beizufuegen.

Ich habe mich in das ConvictlebenDonald Wedekind wohnte in Solothurn im zur Schule gehörenden Internat. recht leidlich eingewöhnt und fühle mich immer recht wol auf meiner Zelle, wenn ich meinSchreibversehen, statt: meine. Cigarette rauche und eine Tasse TeheeSchreibversehen (oder Verballhornung), statt: Thee. dazu trinke. Auch habe ich auf dem EiseDer Dezember 1890 und die erste Januarwoche 1891 in der Schweiz waren außergewöhnlich kalt, mit Dauerfrost und einer Durchschnittstemperatur, die 5 Grad unter dem 20-jährigen Mittel lag [vgl. Annalen der schweizerischen meteorologischen Central-Anstalt, Jg. 27, 1890, S. 228 und Jg. 28, 1891, S. 4], so dass die Aare in Solothurn zugefroren gewesen sein dürfte. verschiedene LiaisonsLiebschaften. mit ganz reizenden Mädchen angeknüpft, aber doch bleibt die Zeit in ItalienDonald Wedekind hatte im April 1888 in Livorno eine Lehre begonnen, die er jedoch nach wenigen Monaten abbrach., mein LiebesfrühlingDie hier präsentierte Trias aus „Liebesfrühling“, „Sommernachtstraum“ und „Wintermärchen“, referiert zur Strukturierung der zeitlichen Abfolge auf die Titel literarischer Werke von Friedrich Rückert, William Shakespeare und Heinrich Heine, wohl ohne inhaltliche Bezüge., die glühenden Nächte von San Francisko, und AlamedaIn Kalifornien hielt sich Donald Wedekind von Frühjahr bis Herbst 1889 auf., mein Sommernachtstraum, und die kleine Aventure(frz.) Abenteuer. in Münchenvermutlich ein Besuch Donald Wedekinds in München nach seiner Rückkehr aus den USA Ende Dezember 1889., als ich nachts um 1 Uhr mit meiner kleinen Braut nach Sendling fuhr, mein Wintermärchen, der Gipfelpunkt meines Glückes, an dem ich jetzt in meiner priesterlichen Einsamkeit noch immer zehre.

Grüße alle meine Bekannten.

Dein treuer Bruder Donald

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 26. Januar 1891 (Montag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 26 Januar 1891


Lieber Bebi!

Zweck meines Briefes ist mich informiren zu lassen zu welcher Art der Tiere beiliegendes Biestdas beigelegte tote Insekt ist nicht überliefert; wie die weitere Korrespondenz zeigt, handelte es sich um einen Befall mit Filzläusen. gehört, das ich zu meiner großen Bestürzung jetzt eben bei Zubettegehen in meiner Achselhöhle gefunden habe. Eine weitere Nachforschung blieb erfolglos, doch da ich schon seit einigen Tagen durch ein eigentümliches Krabelnveraltete Schreibung für: Krabbeln. aufmerksam gemacht worden bin, so fürchte ich, daß dies nicht das einzige Exemplar sein mag. Ich bitte dich nun, in deinem mediz. Lexicon nach der Bedeutung dieser schmarotzenden Tiere sucheSchreibversehen, statt: suchen. zu wollen, und mir dieselbe in wenigen Worten zu schildern. Auch wäre es mir erwünschtSchreibversehen (Auslassung), statt: erwünscht zu erfahren., wie man dieselben am besten los werden kann. Ich würde mich hier an einen Arzt wenden, wenn ich die Sache für sehr bedeutend hielte, aber ich mag mich nicht wegen einer all|fälligen(schweiz.) eventuellen. Kleinigkeit compromittirenbloßstellen., was ich bei der kleinstädtischen Schwatzhaftigkeit der Leute unbedingt Gefahr liefe. Ich würde mich an Hami wenden, wenn ich nicht dächte, daß er als treuer Gatte die Sache seiner Hälfte mitteilte und ich so wiederum, wenn die Sa es e/t/ieferedurch den Rückschluss vom Parsasitenbefall auf den Übertragungsweg – in der Regel Geschlechtsverkehr – und damit auf den Besuch von Prostituierten. Bedeutung hätte, als nur das Reinlichkeitsinteresse, ziemlich blamirt dastände. Schreibe mir, sobald du dir einige Minuten rauben kannst, über die Wichtigkeit des Tieres, nach welchem Berichte ich mich dann richten werde, und, falls dein Wissen nicht so weit reicht, doch noch einen Arzt consultirenum Rat fragen, aufsuchen. muß. Die Sache liegt ja auf der Hand. Es fragt sich nur ob das Tier verheerend wirken kann, was ich bei der Harmlosigkeit seines bisherigen Auftretens nicht vermute, und welche Maßregeln zu seiner Vernichtung zu nehmen sind. Hielte mich der Kostenpunkt nicht ab, so würde ich doch morgen gleich einen Arzt consultiren, aber da ich | vollständig am Grunde meiner Kasse angelangt bin, so wäre mir die Ankreidunghier: das Notieren des ausstehenden und damit gestundeten Honorars. einer solchen Consultation doch zu unangenehm.

Für die PensionssendungFrank Wedekind hatte seinem Bruder zur zusätzlichen Versorgung jenseits der Schulkost 10 Mark geschickt [vgl. Frank Wedekind an Donald Wedekind, 3.11.1890]. vom Monat November bin ich dir jetzt noch dankbar und denke mir, daß du sicherlich sehr knapp daran bist, daßSchreibversehen, statt: da. bis jetzt keine weitere erfolgt ist. Ich empfand das Ausbleiben derselben auch nicht sehr, indem ich ein so ungemein ruhiges und abgeschlossenes Leben führe, daß ich, wenn auch keinen Überfluß, so doch immer ausreichend Geld hatte, um meinen bei der schmalen Soldatenkost bisweilen sehr empfindlichen Hunger stillen zu können. Nun beginnt aber hier mit Anfang Februar die Zeit des Carneval’s, der an der Kantonsschule mit außerordentlichen Freiheiten und Festlichkeiten gefeiert wird und wo sich Professoren und Schüler, wenn auch ge|rade keiner südlich wilden, immerhin doch einer solothurnisch lauten Ausgelassenheit hingeben, die man aber nur feiern kann, wenn man etwas BaaresSchreibversehen, statt: baares. Geld hat, so wäre mir deine Pension wirklich nicht nur ein Tropfen auf einen heißen Stein, sondern eine ganz bedeutende Unterstützung. Meine Bitte ist eigentlich ganz überflüssig, da ich ja weiß, daß wenn du hast, ich auch habe, aber das Schreiben allein gewährt mir eine gewisse Freude und ich hoffe dann immer mit Doppelstärke bis der Monat um ist. Wenn du bis im Sommer in München bleibst, so wäre es wol möglich, daß wir dann wiedersehenSchreibversehen, statt: Wiedersehen. feiern. Dein treuer Bruder verbleibe ich in Erwartung einer baldigsten Antwort wegen obiger „Sache“.

Donald

Einzelstellenkommentare

München, 1. Februar 1891 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 26.2.1891 aus Solothurn:]


Dein in deinem letzten Briefe anempfohlenes Mittel habe ich angewandt […] Einen Tag vor | Empfang deines Briefes war ich in Lenzburg […]

Einzelstellenkommentare

München, 18. Februar 1891 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 26.2.1891 aus Solothurn:]


Wenn man von Geld überhaupt sagen kann, es komme mehr oder weniger gelegen, so kam deine letzte Sendung gerade am gelegensten, indem der Carneval mich ganz bloßgelegt hatte.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 25. Februar 1891 (Mittwoch)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

 

Solothurn 25 Februar 1891


Lieber Bebi!

Dein in deinem letzten Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 1.2.1891. anempfohlenes Mittel habe ich angewandt und kann nun, da ich die Curgegen den Befall mit Filzläusen [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 26.1.1891]. nun schon längere Zeit beendigt habe, wol sagen, daß ich mit Erfolg eingerieben habe, indem ich erstens keine Objecte mehr vortzufinddenSchreibversehen, statt: vorzufinden. habe, außerdem aber auch das Beißen und Jucken vollständig vorbei gegangen ist. Immerhin habe ich gestern noch einmal eingerieben, um desto sicherer vor den Bestien zu seim/n/, und freute mich beim Anblick des schönen Haares, das an der Stelle des alten hervorsproßn/t/. Eine eigentümliche Empfindung hat man, mit solch rasirten Weichteilen umher zu wandern, die halbe Mannheit schien mir verloren gegangen zu sein, und ich pries unsere hohe Culturstufe, die mir vorschreibt, in der Gesellschaft unsere Blößen zu bedecken. Einen Tag vor | Empfangvermutlich am Sonntag, den 1.2.1891. deines Briefes war ich in Lenzburg und traf dort unglücklicherweise mit Emma zusammen, die ihren Sohn bei Mama a/i/n der Kost hat. Ich sage, unglücklicherweise, da sie natürlich wieder eine Menge Jammergeschichten aus Zürich brachte. Sie sei von ihrem Dienstmädchennicht identifiziert. schrecklich bestohlen worden, Frau LehmanEmilie Leemann (geb. Kammerer) in Riesbach (Feldeggstraße 52) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1890, Teil I, S. 199], Witwe von Gustav Leemann, war eine Cousine der Mutter Emilie Wedekind (geb. Kammerer) und wohnte in unmittelbarer Nähe von Armin Wedekind. habe Emma bei Mama verleumdet, Mama habe die Dienstmagd aufgehetzt, und Hami sei ein störrischer Mensch, der jedem sein Unglück ausmale, nur seinen Eigenen nicht. Mama wagte es, ein wenigSchreibversehen (Auslassung), statt: ein wenig an. Emmas Pflichttreue als Hausfrau zu mäkeln, mit der Behauptung, die Gemeinde Riesbach erzähle sich, daß bei Dr. WedekindsArmin Wedekind hatte eine Arztpraxis im Zürcher Vorort Riesbach (Seefeldstraße 81) [vgl. Adressbuch für Zürich 1890, Teil I, S. 356], wo er auch wohnte. niemand vor 10 Uhr aufstehe, als Emmy in Trähnen ausbrach und man nach herzlicher Umarmung wieder Abschied nahm.

Diese ganze Geschichte sollte eigentlich nicht aus meiner Feder herauskommen. Ich erzähle sie dir nur, weil ich voraus|setzte, daß auch du Interesse hast zu sehen, wie sich die ganze, grundfaule Moral der dortigen Verhältnisse nach und nach der Öffentlichkeit offenbart.

MiezeErika Wedekind studierte seit Dezember 1890 Gesang am Königlichen Konservatorium in Dresden. arbeite sehr und lebe in intressanterSchreibversehen, statt: interessanter. Gesellschaft. Es soll mich wundern, ob ihr die Gesellschaft zum Guten anschlägt.

Daß Henckell wieder in Treu und Gnaden aufgenommenÜber ein vorangegangenes Zerwürfnis von Emilie Wedekind mit Karl Henckell ist nichts bekannt. ist, magst du vielleicht schon wissen. Wenn nicht, so wird es dich warscheinlichSchreibversehen, statt: wahrscheinlich. gerade so erfreulich überraschen, wie mich. Am Neujahrsabend, brachten ihn Bertschen und Gustav, nachdem d/s/ie Mama zuerst um Erlaubniß gefragt hatten, mit, und der arme, kranke Karl soll sich sehr wol gefühlt haben. Er soll allerdings eine ziemlich ernste Miene bewahrt haben, die um 12 Uhr, als Mama 4 Flaschen Champagner von EugènesEugène Perré, Sohn eines Champagnerhändlers, war von Sommer 1889 bis September 1890 Pensionsgast auf Schloss Lenzburg [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 10.2.1890] und heiratete später Emilie (Mati) Wedekind. auflaufen ließ, fast zur Jammermiene wurde, weil er vorher wieder einmal ForelDer Zürcher Psychiater Auguste Forel war einer der wichtigsten Vertreter der schweizerischen Abstinenzbewegung, der Karl Henckell zwischenzeitlich nahe stand [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 19.9.1890]. geschworen | hatte. Als aber August behauptete, das sei Medizin, klärte sich Karls Gesicht zu einem unendlichen Lachen auf und tapfer trank er verschiedene Gläser.

Seine BrautKarl Henckell hatte sich im Juni 1890 mit Marie Felix, der Adoptivtochter von Arnold und Carolina Dodel-Port verlobt [vgl. Karl Henckell und Marie Felix an Frank Wedekind, 30.6.1890], die Verlobung jedoch Anfang 1891 wieder gelöst. soll ein schlimmes Ende genommen haben. Als allgemeine Händelstifterin habe sie August zum Haus hinaus geworfen zur großen Erleichterung der ganzen Familie Henckel, da sie nicht nur den Frieden geraubt habe, sondern auch verschiedene Toilettegegenstände, wie Strümpfe, Schuhe, Corset e. c. t. Karl traure zwar noch sehr um sie und fürchtet, sie möchte auf gerichtlichem Wege eine Ehe erzwingen, über welchen Punkt ihn aber seine Freunde schon sehr beruhigten.

Wenn man von Geld überhaupt sagen kann, es komme mehr oder weniger gelegen, so kam deine letze/t/e SendungHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschrieben zu der Geldsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 18.2.1891. gerade am gelegentsten, indem der CarnevalRosenmontag war am 9.2.1891. mich ganz bloßgelegt hatte. Ich notirte die Summe für Februar und März und spreche dir noch meinen ganz besonderen Dank aus. Minna v. Schwarzenbergnicht näher identifiziert; möglicherweise Anspielung auf die Sage vom Minneberg im Neckartal, wonach Minna von Horneck aus Treue zu ihrem geliebten Ritter Edelruth, der im Heiligen Land kämpfte, floh, um einer Zwangsverheiratung mit dem Graf von Schwarzenberg zu entgehen, und sich in einer Berghöhle versteckte, wo sie schließlich vor Kummer starb. kann ich eher begreifen als Melchers.

Mit den besten Grüßen an alle dein
Donald.

                           

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 2. April 1891 (Donnerstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg 2. April 1891


Lieber Bebi!

Seit acht Tagenseit dem 25.3.1891; dies vermerkte auch Emilie Wedekind in ihrem Notizheft: „Kam Doda“ [Mü, L 3476/44]. bin ich hier und in acht Tagen werde ich wieder abreisen, nachdem ich beunruhigende Dinge gesehen und gehört habe. Mit Mama komme ich in Frieden aus und will mich glücklich schätzen, wenn ich ohne weitere Behelligung Solothurn erreiche. Was ich von unsern Geschäften, die die schwierigsten sind, gehört habe, ist mir gelungen, auf die friedlichste Weise aus Mamas eigenem Munde zu vernehmen. Die Quälereien des GemeinderatesNach einer Untersuchung des Schlossfelsens forderte der Lenzburger Gemeinderat am 26.2.1890 aus Sicherheitsgründen von der Schlosseigentümerin eine Ausbesserung auf ihre Kosten, der sich Emilie Wedekind widersetzte, so dass die Angelegenheit vor dem Regierungsrat des Kantons Aarau und schließlich vor dem Großen Rat des Kantons Aarau verhandelt wurde [vgl. Schlossverkauf Lenzburg, Akte B. N.1, Stadtarchiv Lenzburg; Vinçon 2021, Bd. 2, S. 149]. Die Auseinandersetzung verzögerte den Verkauf des Schlosses bis Frühjahr 1893 und führte im Mai 1892 zwischenzeitlich sogar zum Rücktritt des Käufers, des amerikanischen Industriellen August E. Jessup, vom Kaufvertrag [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 155-157]. haben ihren Mut dermaßen niedergedrückt, daß sie selbst sich innig mit dem Gedanken beschäftigt die SacheSchloss Lenzburg. im Herbste zu verkaufen, nachdem sie in den 3 Jahrenseit dem Tod ihres Mannes Friedrich Wilhelm Wedekind am 11.10.1888. glücklich mehr als 40000 frs verbaut hatunter anderem für eine neue Wasserversorgung und Sanitäranlagen [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 18.8.1889]., was sie offen heraus sagt. Die Anstrengungen WillisWilliam Wedekind forderte die Auszahlung seines Erbteils, wie Emilie Wedekind in ihrem Notizbuch am 8.1.1891 vermerkte: „Brief von Willy der einem Advokaten Auftrag gab gerichtlich seine Gelder aus dem Schloß zu ziehen.“ [Mü, L 3476/44] wirst du kennen und da meine MinnoritätSchreibversehen, statt Minorität; hier für: Minderjährigkeit. Donald Wedekind wurde mit Vollendung seines 20. Lebensjahres am 4.11.1891 volljährig. im Herbste aufhört, so werde an ich ebenfalls einem | Verkaufe beistimmen, da ich andernfalls bei längerer Führung von Seiten Mama’s nichts als einen Zwangsverkauf voraussehe. Daß Mama’s GarantiesummeDer Anteil Emilie Wedekinds am Barvermögen ihres verstorbenen Mannes betrug nach der Berechnung Armin Wedekinds 47168 Francs und 45 Centimes [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 27.11.1889]. mit den 40000 frs zu Ende geht glaube ich sicher, da mir nicht bekannt ist daß sie mehr als ebenbesagte Summe als Eigentum besitzt. Trotzdem und trotz der VersicherungArmin Wedekinds Zusicherung vom 7.2.1890 ist als Briefabschrift („Hammi an Doda“) in Frank Wedekinds Tagebuch überliefert. Darin heißt es: „Dein Antheil am Vermögen basirend auf dem Status vom 31. Dec. 1889 wird abgesondert verwaltet und zur Bewirthschaftung des Schlosses nicht weiter beansprucht werden. Dein Antheil an diesen Kosten wird dir aufgeschrieben und nach einem einstigen Verkauf der Liegenschaften in Lenzburg von deinem Antheil an denselben abgezogen werden.“ die ich von Hami schriftlich erhalten habe, daß mein Vermögen nicht zu ihren waghalsigen Speculationen benutzt werde, fährt sie immer noch fort, große Ausgaben zu machen, in ausgedehntester und köstlichster Weise zu annoncirenEmilie Wedekind schaltete Annoncen, um Pensionsgäste in der Urlaubssaison im Sommer für Schloss Lenzburg zu gewinnen. Ein Annoncentext lautete: „Sommeraufenthalt in der Schweiz / Pension Schloss Lenzburg / Schloss Lenzburg ist eine historische Stätte, einstiges Stammschloss Rudolf’s v. Habsburg, Lieblingsaufenthalt des Kaisers Barbarossa. Der grosse, gegen alle Winde geschützte Schlosshof, die von alten Linden beschattete Burgschanze mit prachtvoller Aussicht auf Alpen und Jura, macht Schloss Lenzburg zu einem äusserst angenehmen Aufenthalt. Reichlicher, nahrhafter Tisch. Milchkuren. Neuerstellte Wasserleitung mit vorzüglichem Quellwasser. Pensionspreise je nach Zimmer 4 bis 6 frs. pro Tag. Touristen bietet Lenzburg in Folge seiner günstigen Eisenbahnverbindungen einen geeigneten Mittelpunkt für Ausflüge nach der Centralschweiz. Es wird deutsch, englisch und französisch gesprochen. Bestens empfiehlt sich Frau Dr. Wedekind.“ [Kursbuch der in Berlin einmündenden Eisenbahnen mit Anschlüssen nach den Bädern und Kurorten. Sommer-Ausgabe 1891 für die Abonnenten des Berliner Tageblatt, S. 95; ebenso in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 71, Nr. 108, 18.4.1891, Beilage, S. (3) und Nr. 123, 3.5.1891, Beilage, S. (3)], so daß ich mir d nur denken kann, daß sie unser aller Vermögen in Mitleidenschaft zu ziehen fest im Sinne hat, was sie mit der Entschuldigung zu rechtfertigen sucht, sie hätte ihrer Zeit noch viel weniger von zu Hause mitbekommen. Überhaupt bewegt sie sich in einer Unmasse von Paradoxen, indem sie im selben Moment, wo sie von neu auszuführenden Umbauten und andern Ausgaben spricht, frei bekennt, sie verstehe von Geldgeschäften weniger als nichts. Es macht mir den Eindruck, als ob sie schon leidet unter der Last ihres Gewissens, dessen mahnendes Wirken sieSchreibversehen (Auslassung beim Seitenwechsel), statt: sie durch. | stundenlanges SchnakenSchreibversehen, statt: Schnacken; für: zwanglos plaudern, sich unterhalten. mit einzelnen Gäste, wie Sallynicht identifiziert. und Consorten zu verscheuchen sucht.

Die einzige Art, wie wir noch etwas aus den Ruinen unseres vätel. Erbteiles retten können, ist, daß wir sofort einschreiten, was ich allerdings momentan nicht tun kann, sofort nach meiner Mündigkeitserklärung tun werdeSchreibversehen, statt: aber tun werde.. Dann werde ich auch und ich glaube mit größten Recht, mein Vermögen unbeschadet verlangen und d/b/in sicher auf dasemdie Änderung von ‚das‘ zu ‚dem‘ durch Streichung der Buchstaben „as“ wurde durch Unterpunktung rückgängig gemacht. schriftl. Versprechen hin von Seiten Hamis, außerdem auf die bloße Darlegung, daß w Mama nur die Nutznießung nicht aber das Speculiren mit dem Kapital ihrer unmündigen Kinder zustand, mein gutes Recht zu erlangen. Daß das aber nach Verfluß von vielleicht zwei Jahren ein Ding der Unmöglichkeit sein wird, erhellt sich aus den rasenden Ausgaben, die Mama mit einer wahrhaft verrückten Anstrengung ihres Kopfes macht und so bitte ich dich, wenn dir an dem Gelde etwas liegt, was ich unbedingt annehme, so bald als möglich hierher zu kommen, und wenigstens während der Saison allzu große Neuerungen zu verhindern. Selbstverständlich läßt man die Saison zuerst, vor einem Verkaufe | vorübergehen, um wenigstenSchreibversehen, statt: wenigstens. noch etwas Einnahmen aufweisen zu können. Hami unterstützt natürlicherweise Mama immer ihn ihren Plänen, da er als Anteilhaber am Schloß nur durch Geld hineinbringen in dasselbe gewinnen kann. Bitte komm und schreite kraft deiner Autorität ein, ansonst sämmtliches verloren geht und mich es wahrhaftig ärgern könnte, wenn ich sehe meine künftigen Studien zusammenbetteln müßte, während diese Frau aus lauter Sucht nach Unterhaltung (aus nichts andrem rührt ihre Wirtschaft und Pension her) das wenige Geld, das mir aber umso mehr wert ist, verschleudert hat. Ich bin überzeugt, du wirst mir angesichts der zerrütteten Verhältnisse unseres Vermögens dankbar sein, daß ich dich gerufen habe, denn es dar kann und darf dir in Rücksicht auf Mati und Mama selbst nicht gleichgültig sein, ob letztere dem Ruin unser aller zusteuert. Komme, bald, denn Mama’s Leichtsinn steigert sich je größer die Unumgänglichkeit ihres Verderbens wird. S Die Sachlage ist einfach. Mama machte uns bei ihren großen | Ausgaben immer mit dem Ausspruche mundtodt, daß sie sagte: Ich garantire „mit meinem Vermögen“. Dieses haben nun ihre Ausgaben bereits überstiegen, drum ist es nun an uns Einhalt zu tuen. Daß sie sich nicht scheut, das sämmttlicheSchreibversehen, statt: sämmtliche. Vermögen in/h/rem verrückten Wahn zu opfern, gesteht sie selbst zu. – Ich habe diesen Brief ruhig geschrieben und in keinerlei ähnlicher Aufregungen, wie du wol sonst A Schriftstücke von mir empfangen haben magst. Um so besser vermagst du die bedeutende Tragweite meiner Betrachtungen schätzen.

Und nun noch einige Nebensachen. August klagt sehr über die schlechten Geschäfte. Karl ist hier in Lenzburg, ich habe ihn aber noch nicht gesehen, da ich ihn nicht aufsucheSchreibversehen, statt: aufsuchen. mag. Seine VerlobungKarl Henckell hatte sich im Juni 1890 mit Marie Felix verlobt [vgl. Karl Henckell und Marie Felix an Frank Wedekind, 30.6.1890]. ist vollends in die Brüche gegangen. Geistig hat er sich aber ganz wieder erholt. Am ersten Mai soll auf der freien Bühne in Berlin sein Festspiel: „Glühende Gipfel)das im Untertitel als „Maifestspiel“ bezeichnete Versepos „Glühende Gipfel“ in Karl Henckells Sammelband „Trutznachtigall“ [Stuttgart 1891, S. 7-55]. zur AufführungDazu kam es nicht. Stattdessen wurde kurzfristig „ein von Bruno Wille noch schleunigst herzustellendes Festspiel in drei geschichtlichen Szenen“ [Otto Erich Hartleben: Tagebuch. Fragment eines Lebens. München 1906, S. 158] geplant, wie Otto Erich Hartleben am 16.4.1891 über eine „Ausschußsitzung des Vereins ‚Freie Volksbühne‘ bei mir“ [ebd., S. 157] am Abend zuvor notierte. Die Presse berichtete unter der Überschrift „Die Maifeier. Die Feier in Berlin“ ohne namentliche Nennung Bruno Willes: „Da die Arbeit am 1. Mai nicht ruhen soll, vertheilen sich die Veranstaltungen diesmal auf drei Tage, auf Freitag, Sonnabend und Sonntag. An allen drei Tagen […] veranstaltet die ‚Freie Volksbühne‘ große Maivorstellungen, bei denen ein ‚historisches Melodrama‘ in drei Akten nebst lebenden Bildern‘: ‚Durch Kampf zur Freiheit‘ dargestellt werden soll. Für diese Vorstellungen war ursprünglich der Feenpalast ausersehen; ‚technischer Schwierigkeiten wegen‘ hat man aber zum altgewohnten Ostend-Theater zurückgehen müssen.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 20, Nr. 217, 1.5.1891, Abend-Ausgabe, S. (3)] „Eingeleitet wurde die Feier mit einer Fest-Ouverture, die der Kapellmeister Wiedecke dirigirte, und einem schwungvollen Prolog von Karl Henckell, vorgetragen von dem Deklamator Hermann Paris.“ [Vorwärts, Jg. 8, Nr. 102, 3.5.1891, 1. Beilage, S. 81)] kommen. Es soll mich wundern mit welchem Erfolg. In der N. Z. Zeitung stand letzthin eine Kritik in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nicht nachweisbar. Elimar Kusch war Redakteur der „Züricher Post“, so dass die Kritik dort erschienen sein dürfte (die Zeitung ist in deutschen Bibliotheken nicht verfügbar). über Maurice v. Stern und Henckell. Giftig, berstend, wie ich noch keine | vorher gelesen hatte, unterzeichnet mit „Elimar Kusch“. Wenn „deine Kinder und NarrenSchreibversehen, statt: deine „Kinder und Narren“. wirklich im Druck erschienenWedekinds Lustspiel „Kinder und Narren“ war Anfang März als Privatdruck erschienen [vgl. KSA 2, S. 643]. sind, so möchte ich dich doch wirklich um die Zusendung eines Exemplares bitten mit Beifügung eines SchnellmalersFrank Wedekinds Posse „Der Schnellmaler oder Kunst und Mammon“ (1889).. Thomar werde ich vielleicht diese Ferien noch wiedersehen. Er soll gegen wärtig ungemein fleißig an einer medizinischen AbhandlungIn Frage kommt zeitlich die Studie: Elias Tomarkin „Lieberkün’sche Krypten und ihre Beziehungen zu dem Follikeln beim Meerschweinchen“ (Jena 1893). schreiben. Mieze soll schon verschiedene Heiratsanträge bekommen haben, so ein gewisser Fräuler von ZürichDr. med. Kaspar Freuler (Aegertenstraße 14, Wiedikon) [vgl. Adreßbuch der Stadt Zürich 1892, Teil I, S. 102], der sich 1891 in Dresden aufhielt und wie sein Bruder Heinrich Freuler an der Eidgenössischen Bundesfeier in Döbeln bei Dresden teilnahm, wo Erika Wedekind einen „ergreifenden, von Herrn Heinrich Freuler, Schriftsteller aus Glarus (in Dresden wohnend) gedichteten Prolog“ [Festschrift zur Erinnerung an die von den Schweizern in Sachsen abgehaltene Eidgenössische Bundesfeier zu Döbeln im Schützenhause, am 28. Juni 1891. Leipzig 1891, S. 7] vortrug. . Diese Heiratsanträge bilden offenbar den Glanzpunkt in ihrem Dresdner LebenErika Wedekind studierte seit Dezember 1890 am Königlichen Konservatorium in Dresden Gesang.. Indessen ist sie mit Frl. v. Albeunsichere Lesung; nicht identifiziert. zusammengetroffen und scheint einen bedeutenden Eindruck davon getragen zu haben. Es ist bedauernswert wie Mama eine ganz andere Natur geworden ist. Wir sitzen ganz angehmeSchreibversehen, statt: angenehme. Unterhaltung führend im Saal, Mati, Mama und meine Wenigkeit, als plötzlich Samuel, der Sprößling HäusermannsArbeiter auf Schloss Lenzburg. hereinstürzt mit der Nachricht, es seien zwei „Herren“ da. | Die vorher etwas umwölkte Stirne Mama’s erheitert sich, einen lustigen Gassenhauer pfeifend, ergreift sie ihr Strickzeug und zieht sich, uns allein lassend, zu den zwei „Herren“ imSchreibversehen, statt: in. ein zur Wirtschaft eingerichtetes Zimmer des Schulhauses zurück. Wie peinlich für mich und wie auf Abwege leitend für Mati so etwas ist, kannst du dir kaum denken und Mati erinnert mich immer mehr an Pater Mourets SchwesterDésirée (Desiderata) Mouret, die einfältige, erdverbundene und tierliebende Schwester der Titelfigur in Émile Zolas Roman „Die Sünde des Abbé Mouret“ (1875; frz. Original-Titel: „La Faute de l’Abbé Mouret“), 5. Teil des Rougon-Macquart-Zyklus. in der Sünde des Priesters.

In acht Tagen reise ich wieder nach Solothurn. Schreibe mir deshalb dorthin und zwar womöglich, daß eine Antwort mich in meinem Pensionat schon erwartet. Nimm die Sache nicht zu leicht und glaube aufs Wort. Komme so bald als möglich. Wenn du mir für April etwas Geld senden kannst, so wäre das gut. Im Herbst werden wir abrechnen. In treuester Anhänglichkeit und bestem Vertrauen verbleibe ich dein Bruder Donald.


NB. Sende nie Briefe an mich nach Lenzburg, da sie dann kaum in meine Hände gelangen würden, sondern immer nach Solothurn. |

Hans Ringiernicht näher identifiziert. ist nach Amerika.

                                                

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 12. April 1891 (Sonntag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg 12 April 1891


Lieber Bebi!

Mit diesem Briefe wird eine Arbeitdas nicht überlieferte Manuskript zu der in der Buchdruckerei Gassmann, Sohn in Solothurn erschienenen Broschüre „Schloss Lenzburg in Geschichte und Sage“ (1891). von mir eintreffen, die ich auf Mama’s Veranlassung verfaßte und welche sie in Broschürenform drucken lassen will um sie während des Sommers zu verkaufen. Da Mama und auch ich eine Korrektur der SacheFrank Wedekind übernahm die Korrektur, über die er seiner Mutter berichtete [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 18.4.1891]. von deiner Hand wünschen, so bitte ich dich die Sa Arbeit sofort durchzusehen und nur das Notwendigste zu ändern, damit mir womöglich eine 2. Abschrift erspart bleibt. Ist dir keine Zeit gegeben, so sende das ManusskriptSchreibversehen, statt: Manuskript. umgehend an meine Adresse nach Solothurn, da wir diesesfalls ohne Korrectur einen Druck vornehmen werden. Immerhin wäre ich dir dankbar, wenn du mir auch im letzteren Fall mitteilen wolltest ob die Arbeit sich im Verkauf bewähren wird und man sich mit einem Druck nicht bloßstellen wird, was zu beurteilen dir ja nicht schwer fallen wird kann. | Da die Sache nach der Ellemöglichst lang und breit. in aller Eile geschrieben ist, kann man an den geistigen Inhalt keine Anforderungen machen und abstrahire ich davon vollständig, was mich auch in Zweifel sein letzt läßt, ob ich meinen Namen daraufsetzen soll. Ich glaube ich werde es tun. Auch hier wäre mir ein Wink lieb. Die allzu langen Entwickelungen können kaum schaden, da dem Publikum hauptsächlich eine gute Masse geboten werden mußte. Corrigirt oder nicht, sende es immerhin sobald als möglich an meine Adresse in Solothurn, wennmöglich mit einem Brief, behandelt der auch mein letztes Schreibenvgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 2.4.1891. behandelt, über dessen Motive ich allerdings durch eine klare, ruhige Auseinandersetzung mit Mama beruhigt bin, z. Teil wenigstens und nur noch die gefährl. Manipulation gegenüber dem Ge. R. v. L.Emilie Wedekind lag seit über einem Jahr im Streit mit dem Gemeinderat von Lenzburg, der aus Sicherheitsgründen eine Ausbesserung oder den Abbruch der Schanze von Schloss Lenzburg auf ihre Kosten forderte, was sie verweigerte (siehe dazu auch die vorangegangene Korrespondenz). fürchte, von dem du auch hören wirst. Also bitte, bester Bebi, baldige Antwort.

Gestern haben Gustav und Sadi uns einen Besuch abgestattet. Letzterer sieht sehr gut aus, wohlgenährt und scheint vollständig getröstet zu sein über seine zu Wasser geSchreibversehen (Wortabbruch beim Seitenwechsel), statt: gewordene. | VerlobungKarl Henckell hatte sich im Juni 1890 mit Marie Felix verlobt [vgl. Karl Henckell und Marie Felix an Frank Wedekind, 30.6.1890] und die Verlobung im Frühjahr 1891 wieder gelöst.. Eine neue GedichtsammlungKarl Henckells aktuelles Buch wurde bereits vom Verlag angekündigt: „In etwa 14 Tagen erscheint: Trutznachtigall. Eine Gedichtsammlung von Karl Henckell. Der Inhalt der Gedichtsammlung ist: Trutznachtigall – Glühende Gipfel, ein Maifestspiel. – Gründeutschland. – Gedichte. […] Der Verfasser gehört zu den sogen. ‚Neuen‘, zu dem ‚jüngsten Deutschland‘. Trotz heftigster Angriffe ist es Karl Henckell gelungen, durchzudringen, so daß die Kritik ihn als einen der ‚hervorragendsten und merkwürdigsten modernen Dichter‘ charakterisiert. Das kleine Bändchen ‚Trutznachtigall‘ wird zweifellos den Ruf des Dichters fester begründen. Bitte zu verlangen. Hochachtungsvoll Stuttgart, 6. April 1891. J. H. W. Dietz.“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 80, 9.4.1891, S. 2074] wird demnächst erscheinen. Außerdem hat er als Antwort auf eine beißende Kritikvermutlich die in Donald Wedekinds letztem Brief erwähnte Kritik von Elimar Kusch (siehe dort). in der Z. P. ein komisches Zwiegespräch verfaßt, „Dichter und Kritiker“Karl Henckells Text erschien unter dem Titel „Dichter und Kritiker. Ein polemisches Gedicht. (1890)“ in seinem Band „Zwischenspiel“ [Zürich 1894, S. 169-179]. Eine vorherige Zeitungspublikation ließ sich nicht nachweisen. das noch in einer Zeitung erscheinen wird. Wenn es mir in die Hände fällt, werde ich es dir zusenden. Im übrigen ist Henckell immer noch der selbe süffissanteSchreibversehen, statt: süffisante, für: selbstgefällige, überhebliche. Mensch, dessen Egoismus durch den guten Teil kindlicher Einfalt erträglich gemacht wird. Nachdem er aufrichtige Freude des Wiedersehens bezeugte, verfiel er in tiefes Schweigen. Donnerstag reist er nach Zürich, um dort seinen Aufenthalt für den Sommer zu nehmen. Makay wird auch dorthin fo kommen. Ich glaub wirklich du tätest nicht schlecht Zürich ebenfalls zum Sommeraufenthalt zu wählen, da voraussichtlich eine bedeutende Gesellschaft sich zusammenfinden wird. Mati läßt dir zu ihrem GeburtstagAm 7.4.1891 wurde Wedekinds Schwester Emilie (Mati) 15 Jahre alt. etwas schenken und bleibt dir treu. Schreibe nur unverhohlnSchreibversehen, statt: unverholen. deine Meinung über meine Arbeit, verdamme sie aber nicht zu leichtfertig als druckunfähig, bedenke den speculativenhier für: Gewinn beabsichtigenden. Zweck, der freie Bewegung des Geistes ausschloß. Ich verbleibe dein treuer Bruder Donald.

Einzelstellenkommentare

München, 22. April 1891 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 30.5.1891 aus Solothurn:]


Nochmals den besten Dank für deine Correctur […]

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 22. Mai 1891 (Freitag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Armin Wedekind vom 24.5.1891 aus München:]


Gestern erhielt ich Donalds Brochüre […]

Einzelstellenkommentare

München, 24. Mai 1891 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Donald (Doda)

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 30.5.1891 aus Solothurn:]


Deinen lieben Brief habe ich erhalten […]

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 30. Mai 1891 (Samstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Solothurn 30. Mai 1891


Lieber Bebi!

Deinen lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 24.5.1891. habe ich erhalten und du kannst dir kaum denken wie beruhigend deine zufriedene ÄußerungVon seinem „sehr günstigen Eindruck“ [Frank Wedekind an Armin Wedekind, 24.5.1891] von der Broschüre berichtete Frank Wedekind auch Armin Wedekind in einem am gleichen Tag geschriebenen Brief. über das Aussehen und das ganze Wesen der Broschüredie von Donald Wedekind zum Verkauf an die Pensionsgäste auf Schloss Lenzburg verfasste Broschüre „Schloss Lenzburg in Geschichte und Sage“ (1891). für mich war. Ich habe auch sofort gemäß deines Rates die Exemplare an die betreffenden Redaktionennicht ermittelt. Frank Wedekind hatte seinem Bruder Donald geraten, die Broschüre „an die schweizerische Presse zu verschicken“ [Frank Wedekind an Armin Wedekind, 24.5.1891]. Ein knappes Jahr später schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ unter dem Verfasserkürzel „F. M.“ in ihrer Rubrik „Litteratur und Kunst“ zu der Broschüre: „In einem Athemzuge und gleichen Stärkegrade des Tones von der ersten bis letzten der starken 32 Seiten wird die Geschichte des Schlosses Lenzburg an dem Leser vorübergeführt in einer Reihe von Bildern, gewoben aus der Wirklichkeit, der Sage und der eigenen blühenden Phantasie des Verfassers zu gleichen Theilen, so daß keines der drei Ingredienzen ausgeschieden werden kann. Das blumenreiche Pathos der Sprache, an die Rhetorik der Schüleraufsätze erinnernd, verräth große Jugendlichkeit des Verfassers, aber seiner Leistung darf eine gewisse Achtung nicht versagt werden.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 72, Nr. 82, 22.3.1892, 2. Blatt, S. (2)] abgesandt, obschon ich, wenn auch trotz einiger Spannung, nicht glaube, daß dieselben Notiz nehmen werden davon, eben weil die speculativehier: auf Gewinn abzielende. Anlage des Werkes allzusehr hervorleuchtet. Indeß hat die Arbeit hier in Solothurn schon ihre Früchte getragen, indem das RectoratMit dem Rektor der Kantonsschule Solothurn, Johann Kaufmann-Hartenstein, war es zuvor wiederholt zu Konflikten gekommen (siehe die vorangehende Korrespondenz). sich persönlich um ein Exemplar bei mir verwandte, das ich auch sofort auf Dedicationals Geschenk (vermutlich mit einer Widmung versehen). zukommen ließ und das auf die Stimmung des Mannes die günstigste Wirkung hatte. Mama scheint offenbar ganz zufrieden mit der Ausführung zu sein, wenn auch der Druck etwas teurer | kam, als voraus gesehen war. 120 frs verlangte der MannDie Broschüre wurde bei der Solothurner „Buchdruckerei Gassmann, Sohn“ gedruckt, die von Otto Gassmann geführt wurde. für die vollständige Herstellung von 510 Exemplaren. Es ist wohl möglich, daß du die Sache billiger hättest bewerkstelligen können, insdessen ist es hier in dieser Gegend wohl das Minimum eines Preises. Zudem hat er bis auf die VignetteDas Titelblatt der Broschüre „Schloss Lenzburg in Geschichte und Sage“ ziert oben ein breites Ornament, dessen Emblem in der Mitte eine lesende Eule zeigt; unterhalb des Titels ist eine weitere Vignette abgebildet, die einen Pankopf, eine Panflöte, eine Schalmei, eine Maske und einen Narrenstab zeigt. Der Umschlag der Broschüre ist mit einem Stich von Schloss Lenzburg versehen., die ich dank deiner freundlichen Mahnung verschmerzt habe, vollkommen nach Wunsch gearbeitet und ist das Vergnügen, das mir durch die Leitung des Druckes gewährt wurde auch nicht zu unterschätzen, so daß ich nicht glaube überforderthier: übervorteilt. worden zu sein. In Außer diesenSchreibversehen, statt: diesem. bei/in/ ich der hehren Meinung, daß Mama mit Leichtigkeit die erste Auflage verkaufen wird und zwar zu einem Preis, den ich sogar bei 80. Cts nicht zuSchreibversehen, statt: nicht für zu. hoch halten würde. Immerhin muß ich dich bitten, falls du hierin nicht gleichen Sinnes wärest, ihr deine Ansicht was den Verkauf anbelangt zukommen zu lassen. Von Thomarkin, dem einzigen meiner Bekannten, dem ich eine Broschüre schenkte, habe ich eine liebenswürdige Karte erhalten, | worin er mich in seiner mir immreSchreibversehen, statt: immer. angenehmen Ironie ermahnt, seinen alten Goldonkel auf dem Pfade des Ruhmes nicht zu vergessen und auch mit dem Lorbeerkranze auf der Stirne mich seiner nicht zu schämen. Thomarkin ist mir wirklich einer der liebsten aus deinen BeskanntschaftenSchreibversehen, statt: Bekanntschaften. und ich komme imerSchreibversehen, statt: immer. mehr zur überzeugungSchreibversehen, statt: Überzeugung., daß er am besten dazu geeignet ist, das zu tun, zwar vielleicht unbewußter Weise, was Henckell so oft an mir versucht hat, und dessen er sich schon wähnte, es ausgeführt zu haben, als ich, allerdings auf seine Anregung die heutige Gesellschaft an den Nagel heing und nach Italien mich wandte.

Die Kinder und NarrenDonald Wedekind hatte sich in der vorangegangenen Korrespondenz wiederholt Exemplare der beiden bislang von Frank Wedekind publizierten Dramen „Kinder und Narren“ (1891) und „Der Schnellmaler“ (1889) erbeten, die er nun offenbar mit dem letzten, nicht überlieferten Brief seines Bruders erhalten hatte. stelle ich ganz bedeutend höher als dein vorjähriges Werk den SchnellmallerSchreibversehen, statt: Schnellmaler., nicht was die Technik anbelangt aber was die Verkörperung der guten Idee anbetrifft. Deine „Kinder und N.[“] sind neu, vollkommen neu und findeSchreibversehen, statt: und ich finde., das in/s/t so ziemlich die Hauptanforderung die man an dein Werk der Neuzeit stellen muß, es ist noch | nie so etwas da gewesen. Daß er sich wegen seiner robusteSchreibversehen, statt: robusten. Zeichnung viele Gegner erwerben b wird, glaube ich fast sicher annehmen zu dürfen, doch sind Gegner, heftige Gegner dreimal mehr wert als Freudevermutlich Schreibversehen, statt: Freunde.. Ich weiß nicht, ob witzige Passagen, Lachscenen schwierig auszuführen od e/z/u erfinden sind, aber ich hätte an deiner Stelle etwas mehr solche in die Hauptmomente hineingeschoben, daß es gerade genügt hätte, um das lehrhafte, welches an einigen Stellen allzu schroff zu Tage tritt, zu verbergen. Doch glaube ich, daß ichSchreibversehen, statt: daß sich. auch eine bedeutende Quantität Didaktik mit dem heutigen Drama verträgt und daß deine Arbeit, wenn sie einmal über die Bühne gegangen sein wird, s positives oder, was dann auf die Veranlagung des Publikums ankommt, negatives Aufsehen erregen wird. Aufsehen wird es machen und ich halte das für den hauptsächlichsten Factor für einen Ruf. Ich möchte sogar behaupten, daß das Publikum mit dir sympatisiren wird, schon des wegen, weil du einen beim Volke beliebten Widerspruch durch dein | ganzes Stück verteidigst und diesem Parteinehmen im MottoDas Motto von „Kinder und Narren. Lustspiel in vier Aufzügen“ (1891) lautet: „Der Realismus ist eine pedantische Gouvernante. Der Realismus hat dich den Menschen vergessen lassen. Kehr zur Natur zurück!“ [KSA 2, S. 105] Ausdruck giebst.

Ich bin gespannt, was „FrühlingserwachenFrank Wedekind hatte „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie“ im April 1891 abgeschlossen, die Buchausgabe erschien im Oktober [vgl. KSA 2, S. 763f.].“ bieten wird und bin der Überzeugung, daß du darin deine grundgute Idee aus den „K. und N.[“] noch klarer durchgeführt hast.

Daß du Henckell zum ModellKarl Henckell diente als Modell für die Figur des naturalistischen Dichters Franz Ludwig Meier in „Kinder und Narren“ [vgl. KSA 2, S. 685]. genommen und denselben ganz offenbar gebraucht hast, hat mich der Satisfaktion MiezesKarl Henckell war seit dem 29.5.1887 kurzzeitig mit Erika Wedekind verlobt gewesen. halber sehr gefreut und war es mir wirklich eine Wonne die Sache zu lesen, da ich einige Tage vorher sein ewig süffissantesSchreibversehen, statt: süffisantes; für: überhebliches, selbstgefälliges. Wesen in Lenzburg wieder genossen hatte.

Für dennSchreibversehen, statt: den. Sommer habe ich noch keine Pläne gemacht, ausgenommen des einen, daß, wenn immer möglich, ich denselben mit dir verbringen werde. Wo, ist mir vollständig eins. Allerdings würde ich es od namentlich des beiderseitigen Vergnügens halber vorziehen, die Zeit irgendwo anders zu verbringen, als | in München und wäre mir Florenz sehr lieb. Die Hitze ist zwar zu jener Zeit die größte, und die Stadt wahrscheinlich nicht stark von Fremden besucht, aber gerdade deshalb könnten wir es uns um so angenehmer machen, wenn nur du das heiße Klima ertragen kannst, das S mir wenig ant/z/utun vermag. Es wäre mir auch Gelegenheit geboten, meine Freunde in LivornoDonald Wedekind hatte im Frühjahr 1888 eine kaufmännische Lehre in Livorno begonnen und sich dort einige Monate aufgehalten. zu besuchen, was mir einige Überraschung gewähren könnte. AndreSchreibversehen, statt: Der andre. Punkt wäre Mailand, aber was das Klima anbelangt am besten Venedig, das für uns beide vielleicht dieselben Reize zu bieten vermöchte. Wien oder Paris wären ebenfalls nicht ganz vom Weg ab, aber ich sehe immerhin voraus, daß du mit dieser Reise uns deinem künftigen Aufenthalt verbinden willst. Ohne das wäre wie/m/ir die französische Hauptstadt v fast am willkommensten. Ich denke, daß wenn wir uns diesen Sommer wirklich nach | derSchreibversehen (Auslassung beim Seitenwechsel), statt: nach einem der. gegebenen Punkte wenden wollen, du zuerst in die Schweiz nach Zürich kämmestSchreibversehen, statt: kämest., von wo aus du wir dann die Reise miteinander fortsetzen können. Ist dies aber nicht der Fall, so möchte ich dich gerne erinnern, auf die betreffende Zeit, also Ende Juli od Anfang August etwas Geld bereit zu haben, da man mir leicht Schwierigigke Schwierigkeiten machen könnte, die natürlich gehoben wären, sobald ich einmal am Ziele meines Aufenthaltes anglelangt wäre. Immerhin hoffe ich daß Mama ohne Weiteres einwilligen wird.

Wie schon oben bemerkt, würde ich wirklich in deinem Interesse München verlassen und ich glaube, daß du gerade jetzt, da zwei deiner Werke draußen sind, mit ebenso viel Nutzen in Wien, Paris, Venedig, oder Florenz dich aufhalten wirst, wäre es nur drum, deinen | Sachen eine andre Nuancirung zu geben.

Ich müßte mich nicht sehr irren, wenn ich in den in deinem Briefe erwähnten MalerinnenFrank Wedekind hatte seinem Bruder Donald offenbar ähnlich wie gegenüber seinem Bruder Armin von seinem Pfingstausflug ins bayerische Voralpenland mit zwei namentlich nicht genannten Malerinnen berichtet [vgl. Frank Wedekind an Armin Wedekind, 24.5.1891]. nicht die Fräulein Krüger erkannt habe, die schon damals, als ich dich besuchte, einen Glanzpunkt in deiner Bekanntschaft bildete. Ich hatte nicht das Vergnügen sie zu sehen und freue mich, daß dir das Glück blühte sie zu begleiten. Es ist viel im weiblichen Verkehr, wenn man weiß die Damen um sich und nicht sich um die Damen zu wickeln, allsonst sie unleidlich werden. Ich bedaure, daß Schereschephsky und Pohldie beiden Maler Wladimir Schereschewsky und Anton Pohl, die Donald Wedekind bei seinem Besuch in München im Sommer 1890 kennengelernt hatte. fort sind, letzterm bin ich noch außerordentlich verbunden durch das gute ReceptBezug unklar; möglicherweise das angeforderte Rezept zur Bekämpfung seines Filzläusebefalls [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 26.1.1891]..

Ich bitte dich, die Sache wegen der Reise zu überlegen und wenn du s/z/u einem sichern Resultat gekommen bist, mir dasselbe mitzuteilen. Bei der Combination kannst du mit mir wie mit einer Zahl mit doppelten Vorzeichen umgehn, ich bin zu allem bereit. Nochmals den besten Dank für deine CorrecturDonald Wedekind hatte seinem Bruder das Manuskript seiner Broschüre „Schloss Lenzburg in Geschichte und Sage“ geschickt und ihn um Korrektur gebeten [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 12.4.1891]. Das Begleitschreiben zu dem korrigierten ist nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 22.4.1891. und sonstige Bemühung um mein Werk, das mir wirklich ein liebes Kind geworden. Im Übrigen lebe wohl und empfang die herzlichsten Grüße von deinem treuen Bruder
Donald

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Mailand, 25. August 1891 (Dienstag)
von Wedekind, Donald (Doda)
an Wedekind, Frank

Mailand 25. August 1891.


Lieber Bebi!

Vielleicht hast du durch jemand anders schon erfahren, dass ich meinen Ferienaufenthalt in Mailand genommen habe. Ich kam nach hause, und als ich dort mit meinem Projekt nach München zu gehen, auf bedeutenden Widerstand stiess, war ich leicht zu bewegen meinen Domicil(lat.) Wohnsitz (im Italienischen maskulin). hier zu nehmen, zumal es nicht meine Neigung ist zweimal dieselbe Stadt zu besuchen, wenn es noch so viele andere giebt, die man noch nicht gesehen. Ich reiste also ab, mit einem versproch. Credithier: eine Auszahlung aus Donald Wedekinds väterlichem Erbe, das von Armin Wedekind verwaltet wurde. von 350. frs, von dem mir Hami aber erst 200 mitgab. Nun am Ende des ersten Monats, da ich mich | der 200 frs entblösst sehe, und für die noch rückständige Summe von 150. frs bitte, allerdings mit einem Zuschuss von noch einmal 150 frs, so dass mein ganzes Verlangen auf 300 frs gieng, von denen aber die Hälfte mir schon zugesagt war, schreibt mir MamaDas Schreiben von Emilie Wedekind an Donald Wedekind ist nicht überliefert. Den hier von Donald Wedekind nur paraphrasierten Inhalt, gibt Frank Wedekind in einem Brief an seine Mutter, um sie zur Zahlung der ausstehende Summe für den Bruder zu bewegen, als ihm angeblich von Donald mitgeteilte wörtliche Abschrift einer Postkarte wieder: „Lieber Donald / Da du mit deinem Gelde zu Ende bist, so mußt du eben sehen, wie du wieder herkommst. Ich schicke dir keines mehr. / Deine treue Mutter / E. Wedekind.“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 26.8.1891] rundweg, ich bekomme gar nichts mehr, ich solle selbst sehen, wie ich wieder heimkomme. Da ich nun unter 150. frs gar nicht hier loskommen kann, so bitte ich dich, anbetrachtSchreibversehen, statt: in Anbetracht. meiner baldigen MündigkeitserklärungAm 4.11.1891 wurde Donald Wedekind 20 Jahre alt und war damit volljährig; damit hatte er auch Zugriff auf sein Erbe. am 4 Nov. doch bei Hami Schritte zu tun, damit man mir zum mindesten so viel schickt damit ich loskommen kann und nicht dieser LapalieSchreibversehen, statt: Lappalie (= Kleinigkeit). wegen meine ganze Carrière(frz.) Karriere, Laufbahn, Werdegang. verderbe. Bitte, | tuheSchreibversehen, statt: thue. also etwas für mich, ich habe wahrhaftig nicht gedacht, dass ich dich 2 Monat vor meinem Majorathier: Volljährigkeit. noch einmal belästigen müsse, aber ich hätte auch niemals an eine solche eckle Kleinigkeit von Seiten Mamas gedacht. Bitte, tue was du kannst. Wenn du selbst etwas Geld vorrätig hast, so schicke so viel dir möglich istGegenüber seiner Mutter gab Frank Wedekind an, er wolle seinem Bruder 50 Franken schicken [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 26.8.1891]., denn ich glaube wahrhaftig, die Leute wollen auf ihrem eingebildeten Standpunkt bestehen. Ich bin in einer ungemein lästigen Verlegenheit und wäre ich dir sehr, sehr dankbar, wenn du mir womöglich sofort etwas senden könntest, dann aber in zweiter Linie Hami bewe | bewegenSchreibversehen (Silbenwiederholung beim Seitenwechsel), statt: bewegen. kannst, mir das verlangte Geld zu senden. Was den Aufenthalt anbetrifft, so hat sich derselbe, abgesehen dieses unangenehme Intermezzo(ital.) Zwischenspiel, Einschub., aufs schönste gestaltet und bedaure ich nur dich nicht bei mir zu haben. Also bitte, lieber Bebi, wirke, so viel du kannst, das Bevormunden in dieser Weise ist mir nach gerade furchtbar zuwider. Ich verbleibe dein treuer Bruder
Donald


No 1 Corso Vittorio Emanuele No 1
Meine Verlegenheit ist wirklich gross.

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