Briefwechsel

Wedekind, Frank und Bittinger, Dietrich

3 Dokumente

München, 30. Januar 1911 (Montag)
von Polizeidirektion München, (Behörde) und Bittinger, Dietrich
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Maximilian Riedl, Landgericht München I vom 7.10.1911 aus München:]


Wollen Sie mir gestatten Ihnen in der Anlage die Schriftstücke zu übersenden, die ich mit der Polizeibehörde [...] gewechselt habe und zwar [...] der beigelegte Bescheid [...]

Einzelstellenkommentare

München, 14. März 1911 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Bittinger, Dietrich, Polizeidirektion München, (Behörde)

[1. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 14.3.1911 in München:]


BriefDer Brief dürfte das Zensurverbot von „Oaha“ (1908) zum Gegenstand gehabt haben. Wedekind stellte gerade „die vieraktige Komödien-Fassung her und setzte jetzt alles daran, das überarbeitete Werk [...] in München zur Uraufführung zu bringen.“ [KSA 8, S. 606] Dr. jur. Dietrich Bittinger, inzwischen Regierungsassessor [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil I, S. 52] und seit Jahren der „für die Theaterzensur zuständige Referent“ [Meyer 1982, S. 69] bei der Polizeidirektion München (Weinstraße 18) unter dem Polizeipräsidenten Julius von der Heydte [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil III, S. 27], der 1907 die Gründung des Münchner Zensurbeirats angeregt und organisiert hatte [vgl. Meyer 1982, S. 69f.] und eben die Tätigkeit „des Preßreferenten und Theaterzensors der Polizeidirektion“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 528, 11.11.1911, General-Anzeiger, S. 12] ausübte, hatte eine ausführliche „Vorbemerkung zu der Komödie ‚Oaha‘ von Frank Wedekind“ [KSA 8, S. 576-578] verfasst, in der er das am 25.11.1908 erlassene Aufführungsverbot damit begründete, es handle sich um ein „Schlüsselstück“ [KSA 8, S. 576; vgl. S. 605]. an Bittinger geschrieben.


[2. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 16.3.1911 in München:]


Diktat. Brief an Bittinger und 4 Akt Oaha.

Einzelstellenkommentare

München, 27. Oktober 1911 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Bittinger, Dietrich

EUER WOHLGEBOREN

werden hiemit höflichst eingeladen, Donnerstag, 16. November 1911 abends 8¼ Uhr der Vorlesung der neuesten Bühnendichtung (Manuskript) von
FRANK WEDEKIND
FRANZISKA“ – EIN MODERNES MYSTERIUM,
deren öffentliche VorlesungDas Konzertbüro Emil Gutmann hatte am 30.10.1911 bei der Polizeidirektion München angefragt: „Wir erlauben uns anbei das uns soeben zugekommene Manuskript der neuen Wedekind’schen Dichtung ‚Franziska‘, ein modernes Mysterium, zu übermitteln mit dem Ansuchen, uns eine Entscheidung, ob das Werk am 16. November im Jahreszeitensaal vom Autor öffentlich vorgelesen werden darf, baldigst bekannt zu geben.“ [KSA 7/II, S. 1162] Einladungskarten wurden, wie der Poststempel auf dem Kuvert des vorliegenden Korrespondenzstücks bezeugt, vor einer Antwort der Zensurbehörde versandt. Die öffentliche Veranstaltung wurde am 14.11.1911 von der Münchner Polizeidirektion genehmigt [vgl. KSA 7/II, S. 1162, 1169] und fand am 16.11.1911 im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten statt. Die Presse kündigte sie entsprechend kurzfristig an: „Heute finden statt: Im Jahreszeitensaal abends 8¼ Uhr die Vorlesung Frank Wedekind, der sein neues fünfaktiges Drama ‚Franziska ‒ Ein modernes Mysterium‘ aus dem Manuskript vorträgt“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 536, 16.11.1911, Morgenblatt, S. 3], außerdem das Konzertbüro Emil Gutmann, das den Tag zuvor für den 16.11.1911 im „Jahreszeitensaal“ annoncierte: „Morgen Donnerstag 8¼ Uhr Vorlesung Frank Wedekind“: „Aus dem Manuskript: ‚Franziska‘ Ein modernes Mysterium. (Vollständige Rezitation der neuen, fünfaktigen Bühnendichtung bis auf einige von der Polizei bedungenen Streichungen)“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 534, 15.11.1911, Morgenblatt, S. 3]. Richard Elchinger hat die gut besuchte Lesung besprochen: „Am Vorlesetisch des großen, dichtbesetzten Jahreszeitensaales erschien gestern Abend Frank Wedekind, um sein neues, dramatisches Werk, betitelt: Franziska ein modernes Mysterium in fünf Akten, vorzulesen.“ [E.: Der neue Wedekind. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 539, 18.11.1911, Vorabendblatt, S. 3; vgl. KSA 7/II, S. 1164f.] von der Polizeibehörde trotz Unkenntnis der Dichtung verboten wurdeIn der Presse war vorab von einem Verbot der dann von der Zensurbehörde genehmigten öffentlichen Lesung die Rede: „Frank Wedekind beabsichtigte am 16. November im Jahreszeitensaale sein neues ernstes Drama ‚Francisca‘ ‒ ein modernes Mysterium, öffentlich vorzulesen. Da der Dichter zur Zeit noch an seinem eben vollendeten Werke feilt, war er nicht in der Lage, das Manuskript bei der Anmeldung der Vorlesung der Polizeibehörde zur Zensur vorzulegen, und aus diesem Grunde ist nun ein Verbot der öffentlichen Vorlesung erfolgt. Uebrigens wird sich Wedekind nicht abhalten lassen, sein Werk doch vorzulesen, wenn auch nur vor einem geschlossenen Kreis von Zuhörern, die er durch das Konzertbureau Emil Gutmann einladen läßt.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 510, 31.10.1911, Morgenblatt, S. 3; vgl. Wieder ein Wedekind-Verbot. In: Allgemeine Zeitung, Jg. 114, Nr. 44, 4.11.1911, S. 769; Ein polizeiliches Verbot, vor dem man den Hut ziehen muß. In: Münch’ner Stadtanzeiger, Jg. 23, Nr. 45, 11.11.1911, S. (1)] Die Notiz war auch am 30.10.1911 in der „Münchener Zeitung“ veröffentlicht [vgl. KSA 7/II, S. 1161], dazu in einer Aktennotiz der Polizeidirektion: „Die Notiz stammt von F. Wedekind selbst [...]. Es dürfte sich demnach [...] um einen Wedekind’schen Reklametrik handeln.“ [KSA 7/II, S. 1161] Es dürfte sich bei der Notiz in der Tat um einen solchen ‚Werbetrick‘ gehandelt haben, denn Wedekind notierte am 27.10.1911: „Unterredung mit Gutmann wegen Zeitungsnotiz.“ [Tb], beizuwohnenDie Einladung hat Dr. jur. Dietrich Bittinger, Regierungsassessor in München (Lerchenfeldstraße 5) [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil I, S. 52] und Referent für Theaterzensur unter dem Polizeipräsidenten Julius von der Heydte [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil III, S. 27], wohl noch in München erhalten, Wedekinds Lesung am 16.11.1911 dürfte er aber kaum mehr besucht haben. Dietrich Bittinger, der in „einer achtjährigen Tätigkeit an der Münchner Polizeidirektion“ für Zensur zuständig war, schied zum 1.12.1911 aus dem bayrischen Staatsdienst aus und trat am 1.12.1911 in Stuttgart eine Stelle als Polizeidirektor an, wo er „einige Tage vorher“ [Personalveränderungen in der Polizeidirektion. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 535, 16.11.1911, Vorabendblatt, S. 4] schon tätig war. Wedekinds Lesung dürfte er auch deshalb nicht beigewohnt haben, da die Einladung an ihn mit Kuvert in den Akten der Polizeidirektion München erhalten ist.. Diese Einladungskarte berechtigt zum Bezug der Eintrittskarten (Sitzplätze à M. 3.10, 2.05, 1.50, Stehplätze à M. 1.‒) im Konzertbureau EMIL GUTMANN, Theatinerstraße 38 (Telephon 2215). Beim Saaleintritt ist die Eintrittskarte und diese Einladung vorzuweisen.

Herrn


[Kuvert:]


Herrn AssesorSchreibversehen, statt: Assessor. Dr BiettingerSchreibversehen, statt: Bittinger.
Lerchenfelderstr.Schreibversehen, statt: Lerchenfeldstr. 5/0Schreibversehen, statt: 2. ‒ Dietrich Bittinger wohnte im 2. Stock der Lerchenfeldstraße 5 [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil I, S. 52], nicht Parterre.

Einzelstellenkommentare