Briefwechsel

Wedekind, Frank und Münchner Neueste Nachrichten [(Zeitung)]

12 Dokumente

München, 18. Juni 1904 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

An die tit. RedaktionRedaktionsadresse der „Münchner Neuesten Nachrichten“ war noch Färbergraben 23/24 [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1905, Teil III, S. 119]. der „Münchner Neuesten Nachrichten[“]
München


Hochgeehrter HerrChefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ war seinerzeit Dr. Friedrich Tresz, verantwortlich für das Feuilleton Dr. Paul Busching [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1905, Teil III, S. 119; Teil I, S. 550, 68]; so auch auf den damaligen Titelseiten der „Münchner Neuesten Nachrichten“ verzeichnet (wen Wedekind bei der Anrede im Blick hatte, kann nicht sicher gesagt werden).!

Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzutheilen daß mir die BesprechungWedekind muss die Besprechung der Aufführung von „Nachtasyl“ (siehe unten), die ohne Titel, unterzeichnet „Hanns v. Gumppenberg“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 282, 19.6.1904, S. 2-3], in der Ausgabe der „Münchner Neuesten Nachrichten“ vom 19.6.1904 gedruckt ist, schon am 18.6.1904 vorliegen gehabt haben, als er den vorliegenden Brief schrieb. der AufführungDas Gastspiel des Berliner Kleinen und Neuen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) [vgl. Neuer Theater Almanach 1904, S. 245f.] am Münchner Volkstheater wurde am 17.6.1904 mit „Nachtasyl. Szenen aus der Tiefe in 4 Akten von Maxim Gorki“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 279, 17.6.1904, General-Anzeiger, S. 1] eröffnet; es spielten Guido Herzfeld (Kostylew), Rosa Bertens (Wassilissa), Lucie Höflich (Natascha), Joseph Dill (Medwjedew), Eduard von Winterstein (Pepel), Friedrich Kayßler (Kleschtsch), Gertrud Eysoldt (Nastja), Richard Vallentin (Satin), Hans Waßmann („Ein Baron“), Emanuel Reicher („Ein Schauspieler“) und Max Reinhardt (Luka). ‒ Im Rahmen des Gastspiels wurde am 24.6.1904 auch Wedekinds „Erdgeist“ aufgeführt. von „Nachtasyl“ in der Nummer vom 19 JuniWedekind verweist auf die Ausgabe der „Münchner Neuesten Nachrichten“ vom 19.6.1904 (siehe oben), die ihm dem vorliegenden Brief zufolge bereits am 18.6.1904 (vermutlich abends) vorlag und also bereits am Vortag ausgeliefert worden sein dürfte. Ihres geschätzten Blattes durch Herrn von Gumppenberg als eine der schamlosesten und niederträchtigsten Leistungen von Ehrabschneidung und Herabwürdigung erscheint, die jemals an die Öffentlichkeit gelangt sind. Selbstverständlich bin ich jeden Augenblick bereit, meine Ansicht vor Gericht zu vertreten und habe mir Ihrem Berichterstatter gegenüber daher keinen Vorwurf zu machen, wenn ich mich nicht direct an G ihn wende. Aber wir/e/ soll ein künstlerisches Streben auf diesem Gebiete noch möglich sein, wenn es in der Macht eines einzelnen Menschen steht, jeden Dank, auch den stärksten Ausdruck von Freude, die der Künstler dem Publicum abgewinnt, der breiteren Öffentlichkeit gegenüber direct in das Gegentheil, in Undank und Abweisung zu verkehren! Die Thatsache, daß die gestrige Vorstellung„Nachtasyl“ wurde am 17.6.1904 aufgeführt (siehe oben); ‚gestrig‘ ist ein Indiz dafür, dass der 18.6.1904 das zutreffende Schreibdatum des vorliegenden Briefs war (und keine irrtümliche Datierung anzunehmen ist). Wedekind hat die Vorstellung am 17.6.1904 gesehen: „Abends Nachtasyl.“ [Tb] von Nachtasyl einen ganz außergewöhnlichen Erfolg erzielte, einen Erfolg den | die darstellenden Künstler, die doch gewiß an allerhand Ehrungen ges/w/öhnt sind, als einen von IhnenSchreibversehen, statt: ihnen. noch nirgends erreichten bezeichneten, wird den Lesern Ihres geschätzten Blattes rundweg verschwiegen. Als einen klaren Beweis für die niedrige Bösartigkeit Ihres Berichterstatters möchte ich indessen nur folgenden SatzDer von Wedekind zitierte Satz steht in der Besprechung Hanns von Gumppenbergs ganz am Schluss: „Das wohl infolge der hohen Eintrittspreise und der noch höheren Temperatur nur mäßig besuchte Haus war sehr beifallslustig und spendete den Herren Reicher und Waßmann bei offener Szene, dem Ensemble nach allen Akten starken Applaus; am Schlusse wurden die Mitwirkenden, die mit großer Geschwindigkeit abgeschminkt in Zivil erschienen, immer wieder stürmisch an die Rampe gerufen.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 282, 19.6.1904, S. 3] aus seinem Referat zitieren: „zum Schlusse wurden die Mitwirkenden, die mit großer Geschwindigkeit abgeschminkt in Zivil erschienen, immer wieder stürmisch an die Rampe gerufen“. – Daß sich jeder Künstler nach gethaner Arbeit so rasch wie nur irgendwie möglich abschminkt, ist eine Selbstverständlichkeit. Daß diese Selbstverständlichkeit hier erwähnt wird, kann keinen anderen Zweck haben, als das dem Erscheinen der Künstler vor der Rampe, das in bedeutend längeren Intervallen erfolgte, als es hier sonst üblich ist, den Werth aufrichtiger Ehrung und freudigen Dankes zu nehmen.

Ich brauche Ihnen, sehr geehrter Herr, nicht zu sagen, daß es mir völlig fern liegt, Ihr eigenes Urtheil mit demjenigen Ihres Berichterstatters zu identifizieren, möchte aber doch noch hinzufügen, daß es mir noch niemals eingefallen ist, gegen eine über mich selbst gefällte Kritik das Wort zu ergreifen.

Mit der Bitte, den Ausdruck meiner allervorzüglichsten Hochschätzung entgegen nehmen zu wollen
Frank Wedekind.


München, den 18. Juni 1904.

Einzelstellenkommentare

München, 19. Juni 1904 (Sonntag)
von Wedekind, Frank, Steiger, Edgar, Halbe, Max, Stavenhagen, Bernhard, Naumann, Victor, Keyserling, Eduard von, Langheinrich, Max, Dreßler, Anton und Bierbaum, Otto Julius
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

„Unterzeichnete Zuschauer der VorstellungDas Gastspiel des Berliner Kleinen und Neuen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) [vgl. Neuer Theater Almanach 1904, S. 245f.] am Münchner Volkstheater wurde am 17.6.1904 mit „Nachtasyl. Szenen aus der Tiefe in 4 Akten von Maxim Gorki“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 279, 17.6.1904, General-Anzeiger, S. 1] eröffnet. des Gorkischen Nachtasyls durch das Ensemble des Kleinen und Neuen Theaters (Berlin) halten es für ihre Pflicht, gegen die BesprechungDie Kritik der Aufführung von „Nachtasyl“ (siehe oben) ist ohne Titel erschienen, unterzeichnet „Hanns v. Gumppenberg“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 282, 19.6.1904, S. 2-3]. Wedekind hat dieser Besprechung wegen auch einen eigenen Beschwerdebrief geschrieben [vgl. Wedekind an Münchner Neueste Nachrichten, 18.6.1904]. dieser Vorstellung durch Herrn Hans v. Gumppenberg öffentlich Stellung zu nehmen. Wir wollen in keiner Weise das Recht des Kritikers bestreiten, seine persönliche Meinung selbst in der schärfsten Weise auszusprechen; aber wir verwahren uns dagegen, daß ein ganz außergewöhnlich starker künstlerischer Erfolg dem Lesepublikum gegenüber durch hämische Redewendungen zu einem eklatanten Mißerfolg umgestempelt wird. Vor allem jedoch verwahren sich Unterzeichnete, daß einer ernsten Kunstleistung gegenüber ein so unwürdiger Ton angeschlagen wird, wie er unseres Erachtens in dieser Besprechung gebraucht wird.

Edgar Steiger. Max Halbe. Bernhard Stavenhagen. Dr. Viktor Naumann. E. Graf Keyserling. Max Langheinrich. Frank Wedekind. Anton Dreßler. Otto Julius Bierbaum.“

Einzelstellenkommentare

München, 10. Februar 1909 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

Sehr geehrte RedaktionDen chronologisch und gegenständlich betrachteten Publikationskontexten von Wedekinds in der Presse veröffentlichten Texten zufolge, zu denen auch seine offenen Briefe zählen, kommt als Adressat nur die Redaktion der „Münchner Neuesten Nachrichten“ in Frage, der Wedekind hier einen offenen Brief zum Abdruck anbietet.!

wollen Sie mir gestatten, Ihnen beiliegende ZeilenDie Beilage ist nicht erhalten. Sie war die Druckvorlage für einen offenen Brief, den Wedekind am 8.2.1909 entworfen hat [vgl. Wedekind an Dresdner Goethebund, 8.2.1909] und der nur in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ veröffentlicht wurde (siehe unten) – „weitere Veröffentlichungen konnten [...] weder in den Münchner noch in den Dresdner Tageszeitungen nachgewiesen werden.“ [KSA 5/III, S. 38] zum eventuellen gefälligen AbdruckDie Redaktion hat den offenen Brief [vgl. KSA 5/II, S. 290] gleich am nächsten Tag (im Vorabendblatt einen Tag vordatiert) in der Rubrik „Literatur und Wissenschaft“ gedruckt [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 69, 12.2.1909, Vorabendblatt, S. 3-4] – eingeleitet mit den Worten: „Frank Wedekind hat dem Vorstand des Goethe-Bundes in Dresden folgende Zeilen gesandt:“ Unmittelbar an den offenen Brief schließt sich die redaktionelle Nachbemerkung an: „Zufällig kündigt zu gleicher Zeit das Deutsche Theater in Berlin die Aufführung der nun von Wedekind umgearbeiteten Büchse der Pandora an, die bekanntlich seinerzeit vom Landgericht Berlin II zur Einstampfung verurteilt worden ist.“ – Wedekind notierte am 11.2.1909: „Brief an Goethebund steht in der Zeitung.“ [Tb] Der rasch erfolgte Abdruck des offenen Briefes dürfte ihn veranlasst haben, die Redaktion am 11.2.1909 aufzusuchen: „Besuch auf den N. Nachrichten“ [Tb), um eine weitere Veröffentlichung abzusprechen [vgl. Wedekind an Georg Hirth, 12.2.1909]. in Ihrem geschätzten Blatt zu übersenden.

In vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.


München 10.2.9.

Einzelstellenkommentare

München, 28. Juni 1909 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

Sehr geehrte Redaktion!

anläßlich der bevorstehenden Aufführung meines Dramas „So ist das Leben“ gestatte ich mir Ihrem geschätzten Blatt den der VorstellungDer erste Wedekind-Zyklus am Münchner Schauspielhaus (1. bis 30.7.1909) wurde mit „So ist das Leben“ eröffnet, ein „Gastspiel Frank Wedekind und Frau“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 301, 1.7.1909, General-Anzeiger, S. 2]. Wedekind notierte am 1.7.1909: „Vorstellung so ist d. Leben. 1“ [Tb]; weitere Vorstellungen des Stücks folgten am 2., 5., 8., 11., 21. und 26.7.1909. voraus gehenden PrologDie Beilage ist nicht erhalten. Sie war die Druckvorlage für den unter dem Titel „Prolog zu ‚So ist das Leben‘“ am 1.7.1909 in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ veröffentlichten Beitrag Wedekinds (siehe unten). Erhalten ist lediglich eine „Arbeitshandschrift des Prologs“ [KSA 4, S. 58], dessen Reinschrift dem vorliegenden Brief beilag. zur eventuellen VeröffentlichungDer Prolog zu „König Nicolo oder So ist das Leben“ [vgl. KSA 4, S. 234f.] wurde am 1.7.1909 in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ (im Vorabendblatt auf den 2.7.1909 vordatiert) unter Verzicht auf die Rollenzuweisungen separat veröffentlicht [vgl. Frank Wedekind: Prolog zu „So ist das Leben“. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 302, 2.7.1909, Vorabendblatt, S. 1] – die Anmerkung der Redaktion lautet: „Wedekinds Schauspiel ‚So ist das Leben‘ kommt heute Abend im Schauspielhause nach mehrjähriger Pause wieder zur Aufführung. Der Dichter hat uns den der Aufführung vorangehenden Prolog zur Verfügung gestellt.“ zu übersenden.

In vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.


München 28.6.9.

Einzelstellenkommentare

München, 19. Juli 1909 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

An die tit Redaktion der
Münchner Neuesten Nachrichten


Ich halte es nicht nur für eine unverschämte Anmaßung, sondern für eine gemeine Perfidie von Ihnen, daß Sie in No 332 Ihres BlattesWedekind empörte sich über eine Kurzbesprechung der „Erdgeist“-Premiere am 17.7.1909 im Rahmen des ersten Wedekind-Zyklus am Münchner Schauspielhaus (1. bis 30.7.1909) in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ vom 19.7.1909 (im Vorabendblatt, vordatiert auf den 20.7.1909): „Die Aufführung am Samstag vermittelte nur blasse Bilder dieses feuerfarbenen Stückes, das beredt ist wie ein böser Traum und bunt wie ein gefährlicher Garten voller Nattern. Aber wer die Lulu spielt, muß eine routinierte Schauspielerin sein oder ein Talent. Frau Wedekind ist weder das eine noch das andere in dieser Rolle. So blieb der Erdgeist ferne, und die prachtvolle Symbolik des Ganzen kam nicht zur Auferstehung. Wedekind konnte solchermaßen als Schön seine Absichten nur unvollständig verwirklichen, ja vieles, das elementare gerade, mußte unverständlich werden, weil es am ebenbürtigen Gegner fehlte.“ [E. (= Richard Elchinger): Schauspielhaus. Erdgeist. Tragödie in vier Aufzügen von Frank Wedekind. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 332, 20.7.1909, Vorabendblatt, S. 2] dem Leser Kenntnis meiner Absichten vorlügen, um gestützt auf diese Lüge eine künstlerische LeistungTilly Wedekind spielte im „Erdgeist“ (siehe oben) die Rolle der Lulu, Frank Wedekind den Dr. Schön. herabwürdigen zu können, die in Wirklichkeit meinen Absichten vollkommen entspricht. Woher kennen Sie meine Absichten? Habe ich Ihnen meine Absichten jemals mitgetheilt? Wollen Sie mir darüber bitte Rede und Antwort stehen.

Hochachtungsvoll
Frank Wedekind.


München Prinzregentenstraße 50

19.7.9.

Einzelstellenkommentare

München, 15. November 1909 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

[1. Briefentwurf:]


An die Redaktion der
M.N.N.
München.


Sehr geehrter Herr

Ich kenne die M.N.N. seit bald zehn Jahren als ein Blatt


[2. Briefentwurf:]


Bei allen künstlerischen Unternehmungen die ich seit zehn Jahren in München zu stande brachte haben Sie mir den/ie/ verbissensten gehässigsten Widerstand Anfeindung zu theil werden lassen. entgegen gesetzt.

Meine Dramen So ist das Leben M. v. Keith Frühl. Erw. wurden von Ihnen den M.N. als völlig werthloser Schund gebrandmarkt.

Als ich bei den Scharfrichtern auftrat nannten mich die M.N.N. einen „impotenten Menschen, der gänzlich auf den Hund geraten ist[“].

Im Juli dieses Jahres spielte ich 30 malHinweis auf den ersten Wedekind-Zyklus am Münchner Schauspielhaus (1. bis 30.7.1909). in meinen eigenen Stücken im Münchner Schauspielhaus. Für diese Arbeit Leistung hatten die M.N.N. nichts als mitleidiges Lächeln, hämisches Achselzucken„mitleidiges Lächeln, hämisches Achselzucken“ ist umgestellt (zuerst: „hämisches Achselzucken, mitleidiges Lächeln“). und thaten alles um was in ihrer Macht stand um mein Gastspiel den Beifall den ich im Publikum fand als ungerechtfertigt hinzustellen |


An die tit. Redaktion der M.N.N.
München


Sehr geehrter Herr

Gestatten Sie mir, Sie höflichst zu ersuchen keinen Referenten„keinen Referenten Ihres Blattes mit der Besprechung meines morgigen Vortrages zu beauftragen“ ist umgestellt ‒ mit den Ziffern für die endgültige Reihenfolge versehen (Ziffer 1 vor „keinen“, Ziffer 2 vor „mit“, Ziffer 3 vor „zu“; zuerst hieß es: „mit der Besprechung meines morgigen Vortrages keinen Referenten Ihres Blattes zu beauftragen“). Ihres Blattes mit der Besprechung meines morgigen VortragesWedekind notierte am 16.11.1909: „Abends Vorlesung B. d. Pandora im Börsensaal“ [Tb]. Seine von der Ortsgruppe München der Allgemeinen Vereinigung Deutscher Buchhandlungsgehilfen veranstaltete „Büchse der Pandora“-Lesung im Saal des Kaufmännischen Vereins 1873 im Neuen Börsen-Café in München (Maximilianplatz 8, 3. Stock) war „mit Auslassung einiger Szenen“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 76, Nr. 264, 12.11.1909, S. 13801] überregional angekündigt, aber auch vor Ort; Wedekind werde „bei dem achten Münchner Autoren-Abend“ der genannten Vereinsortsgruppe „den ersten Teil der Erdgeist-Tragödie und die ‚Büchse der Pandora‘ in der neuen Bearbeitung vorlesen.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 531, 13.11.1909, Vorabendblatt, S. 3] Unmittelbar vor der Lesung hieß es präziser: „Frank Wedekind wird, wie nun feststeht, [...] den zweiten Teil der Lulu-Tragödie die ‚Büchse der Pandora‘ mit Auslassung einiger Szenen vorlesen.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 535, 16.11.1909, Vorabendblatt, S. 3] zu beauftragen in meinen morgigen Vortrag im Börsensaal keinen Referenten Ihres Blattes zu senden. Seit zehn Jahren brandmarken Sie meine Arbeiten öffentlich als Schundwerke die k/e/iner ernsten Kritik nicht unwürdig sind und bedenken mich dabei mit Schimpfworten wie „impotent“ und „auf den Hund geraten“. Da ich für den Vortrag kein Honorar beziehe, sehe ich nicht ein, warum ich mich von Ihnen dafürrückgängig gemachte Umstellung (umgestellt war: „dafür von Ihnen“). am nächsten Tag mit Schmutz bewerfen oder verächtlich machen lassen lassen soll. Für den Fall daß sich ein Berichterstatter Ihres Blattes im Saal befindet werde ich mit meinem Vortrag nicht eher beginnen als bis der Herr den Saal verlassen hat.

Hochachtungsvoll
FrW.


[3. Abgesandter Brief:]


An die tit Redaktion der
Münchner Neuesten Nachrichten
München


Sehr geehrter HerrChefredakteur war seinerzeit Dr. Martin Mohr, verantwortlich für das Feuilleton Emil Grimm [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil III, S. 145; Teil I, 385, 182]; so auch im Jahr 1909 auf den Titelseiten der „Münchner Neuesten Nachrichten“ verzeichnet (wen Wedekind bei der Anrede im Blick hatte, kann nicht sicher gesagt werden).!

Gestatten Sie mir, Sie höflichst zu ersuchen, keinen Referenten Ihres Blattes mit der Besprechung meines morgigen Vortrages zu beauftragen. Seit zehn Jahren brandmarken Sie meine Arbeiten öffentlich als elendeste Schundware, die keiner ernsten Kritik würdig sei, und bedenken | mich dabei mit Schimpfwörtern wie „impotentZitat in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ nicht ermittelt, allerdings in der „Münchener Post“, die am 23.12.1902 zur Ehrenexekution der Elf Scharfrichter am 20.12.1902 geschrieben hatte: „Vor Allem haben unsere jungen Cabaretisten die grämliche Miene des Weltschmerzes diesmal völlig überwunden – mit einer Ausnahme: Wedekind, doch das ist mehr der private Jammer des Impotenten – [...]. Frank Wedekind, dessen starres Clown-Gesicht, wie immer stürmisch begrüßt wurde, war diesmal nicht auf der Höhe, weder in der Wahl seiner Balladen noch im Vortrag. Nur an dem Stoßseufzer eines Impotenten: Pharus dürften auch die abgebrühtesten Immoralisten ihre ungetrübte Freude gehabt haben.“ [KSA 1/III, S. 562]“ und „auf den Hund gekommenZitat aus den „Münchner Neuesten Nachrichten“; in der Besprechung einer Vorstellung aus dem Programm des Intimen Theaters (Münchner Künstler-Kabarett) vom 3. bis 10.12.1904 – angekündigt war: „Frank Wedekind als Gast (neue Balladen)“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 565, 3.12.1904, Vorabendblatt, S. 5] – heißt es über den Auftritt Wedekinds, dass sein „Name den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Aber der zensurierte Verfasser der ‚Büchse der Pandora‘ ist in seinen ‚neuen Balladen‘ tatsächlich auf den Hund gekommen. Die sexuell erregten Hunde spielen darin eine Hauptrolle.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 570, 6.12.1904, Morgenblatt, S. 4]“. Da ich für den Vortrag kein Honorar beziehe, sehe ich nicht ein, warum ich mich von Ihnen dafür am nächsten Tag verächtlich machen lassen soll. Für den Fall, daß sich ein Berichterstatter Ihres Blattes im Saal befindet, werde ich mit meinem Vortrag nicht eher beginnen, als bis der Herr den Saal verlassen hat.

Hochachtungsvoll
Frank Wedekind.


München, den 15 November 1909
Prinzregentenstraße 50.


[Kuvert:]


Tit. Redaktion der
Münchner Neuesten Nachrichten
München
Sendlinger StrasseRedaktionsadresse der „Münchner Neuesten Nachrichten“ war inzwischen Sendlinger Straße 80 [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil I, S. 403; Teil III, S. 145].

Einzelstellenkommentare

München, 20. September 1911 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

Sehr verehrliche Redaktion! Darf ich Sie höflichst ersuchen, Ihrem geschätzten Leserkreise drei Fragen vorzulegen. Vor mehreren Monaten wurde die Aufführung meiner KomödienDruckfehler, statt: Komödie.Oaha“ ohne Angabe eines Grundes rundweg verbotenDie Münchner Zensurbehörde hat eine Aufführung von „Oaha“ am 24.5.1911 erneut verboten [vgl. KSA 5/III, S. 286; KSA 8, S. 608, 620f.].. Herr Polizeipräsident von der Heydte gab mir darauf freundlichst GelegenheitWedekinds Gespräch mit dem Polizeipräsidenten Julius von der Heydte in Gegenwart von Georg Stollberg, dem Direktor des Münchner Schauspielhauses [vgl. Neuer Theater-Almanach 1912, S. 560], fand am 2.6.1911 im Münchner Polizeipräsidium statt [vgl. KSA 5/III, S. 286; KSA 8, S. 608], wie Wedekind notierte: „Audienz mit Stollberg beim Polizeipräsidenten“ [Tb]., mich nach den zu Gründen erkundigen und entgegnete mir auf meine Frage in Gegenwart des Herrn Direktors Stollberg: „Sie haben die öffentliche Meinung gegen sich. Solange das der Fall ist, gebe ich das Stück nicht frei.“ Vor einigen Wochen nun reichte ich dem Kgl. Hoftheater auf AnregungWedekind sah die befreundeten Münchner Hofschauspieler Fritz Basil und Albert Steinrück [vgl. Neuer Theater-Almanach 1912, S. 552] am 3.8.1911 in der Torggelstube – „T.St. Basil Steinrück“ [Tb] – in geselliger Runde; sie dürften hier angeregt haben, den Einakter „Der Kammersänger“ (1899) dem Münchner Hoftheater anzubieten, der allerdings zu Lebzeiten Wedekinds dort nicht aufgeführt wurde [vgl. KSA 5/III, S. 286]. der Herren Basil und Steinrück meinen „Kammersänger“ ein. Der kgl. Hoftheaterintendant, Se. Exzellenz Freiherr v. Speidel, sagte mirWedekind suchte Albert von Speidel, Generalintendant des Königlichen Hof- und Nationaltheaters, Residenztheaters und Prinzregententheaters in München [vgl. Neuer Theater-Almanach 1912, S. 550], am 20.9.1911 auf und schrieb abends im Hoftheater-Restaurant den vorliegenden offenen Brief: „Besuch bei Speidel. [...] HTR. Zeitungsnotiz geschrieben.“ [Tb] Bei diesem Besuch dürfte die dann von Wedekind zitierte Äußerung gefallen sein [vgl. KSA 5/III, S. 286]. darauf, mit der ritterlichen Liebenswürdigkeit, die ich so sehr an Sr. Exzellenz schätze: „Lassen Sie mir Zeit, es ist nicht so leicht. Sie wissen, Sie haben eine Partei gegen sich.“ Ich bin nun aufrichtig und tief davon überzeugt, daß für die kgl. HoftheaterindenanzDruckfehler, statt: Hoftheaterintendanz. bei der Annahme und Ablehnung von Stücken gar keine anderen Gesichtspunkte als die rein künstlerischen maßgebend sind, ebenso wie ich auch sicher bin, daß für die kgl. Polizeidirektion bei ihren Maßnahmen absolut keine anderen Interessen als die der öffentlichen Wohlfahrt in Berücksichtigung kommen. Auf Grund dieser Ueberzeugung aber fühle ich mich berechtigt, an die breiteste Oeffentlichkeit drei Fragen zu richten:

1. Was hat die öffentliche Meinung gegen mich?

2. Welche Partei hat etwas gegen mich und wo ist diese Partei zu finden?

3. Kommt es in der Kunststadt München in künstlerischen Fragen wirklich nicht darauf an, was jemand kann, sondern darauf, was er gegen sich hat?

Indem ich Ihnen für die Veröffentlichung dieser Zeilen im voraus meinen aufrichtigen Dank ausspreche in vorzüglichster Hochschätzung Ihr ergebenster Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 28. Dezember 1911 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

Hochverehrliche Redaktion!

Wollen Sie mir erlauben, Ihnen ergebenst sieben Fragen zu übersendenWedekinds offener Brief „Sieben Fragen“ [vgl. KSA 5/II, S. 426f.] wurde in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ am 29.12.1911 (im Vorabendblatt einen Tag vordatiert) mit folgender redaktioneller Einleitung veröffentlicht: „An den Münchner Zensurbeirat richtet Frank Wedekind sieben Fragen. Sein Schreiben lautet:“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 608, 30.12.1911, Vorabendblatt, S. 3]., die ich den MitgliedernWedekind hat seinen offenen Brief „Sieben Fragen“ an zwölf Mitglieder des Münchner Zensurbeirats adressiert (siehe unten), die alle namentlich genannt sind; er „führte [...] nur die Hälfte der Mitglieder auf [...] prominente Namen [...] fehlten, von denen er wußte, daß sie dem Beirat angehörten“ [Meyer 1982, S. 259]. des Münchner Zensurbeirates mit der Bitte um gefällige Beantwortung vorgelegt habeWedekind hat die Beilage vervielfältigt am 28.12.1911 – „7 Zensurfragen expediert“ [Tb] – auch jeweils privat an einzelne Mitglieder des Münchner Zensurbeirats versandt [vgl. Wedekind an Fritz Basil, Otto Crusius, Max von Gruber, Georg Kerschensteiner, Emil Kraepelin, Richard Du Moulin-Eckart, Franz Muncker, Ernst von Possart, Jocza Savits, Anton von Stadler, Emil Sulger-Gebing, Karl Voll, 27.12.1911]..

Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochschätzung
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 22. Februar 1912 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

München, im Februar 1912.


Hochverehrliche Redaktion!Bisher galt: „An welche Zeitungsredaktion der Brief gerichtet war, konnte nicht nachgewiesen werden.“ [KSA 5/III, 312] Es darf angesichts der Formulierung „Ihrer vielleicht schon über Gebühr erbetenen Gastlichkeit“ (siehe unten) aber angenommen werden, dass Wedekind an die Redaktion der „Münchner Neuesten Nachrichten“ geschrieben hat; die „Münchener Zeitung“ ist weniger wahrscheinlich, wobei jedenfalls davon auszugehen ist, dass eine Wedekinds Angelegenheiten gegenüber wohlwollend eingestellte Zeitung in München adressiert war.

Wollen Sie mir gestatten, es Ihrer vielleicht schon über GebührWedekind hat im Zusammenhang mit Zensurmaßnahmen gegen ihn wenige Monate zuvor in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ zwei maßgebliche offene Briefe in der Sache veröffentlichen können – die das Verbot von „Oaha“ (siehe unten) betreffenden „Drei Fragen von Frank Wedekind“ [vgl. Wedekind an Münchner Neueste Nachrichten, 20.9.1911], die er allerdings auch anderen Zeitungen angeboten hat, sowie vor allem die erst unlängst veröffentlichten „Sieben Fragen“ an den Münchner Zensurbeirat [vgl. Wedekind an Münchner Neueste Nachrichten, 28.12.1911], die eine große Presseresonanz hatten. erbetenen Gastlichkeit anheimzustellen, beiliegenden Zeilen einen PlatzDie Glosse „Ein Monomane als Censor“ (1912) ist weder in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ noch in einer anderen Zeitung gedruckt nachweisbar; sie wurde „wohl nicht gedruckt.“ [Kutscher 3, S. 48] in Ihrem geschätzten BaltteSchreibversehen, statt: Blatte. zu überlassen.

Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochschätzung
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


Ein Monomane als Censor.

Die vielfachen unverständlichen, von der Münchner Censurbehörde in den letzten Monaten getroffenen MassnahmenZensurmaßnahmen, insbesondere „Franziska“ und „Oaha“ betreffend (siehe unten). finden plötzlicjSchreibversehen, statt: plötzlich. eine ebenso einleuchtende wie überraschende Erklärung. Es unterliegt kaum mehr einem Zweifel, dass das Censoramt, ohne dass natürlich die Münchner Polizeidirektion eine Ahnung davon hat, in den Händen eines MonomanenWedekind hatte wohl speziell Dr. jur. Dietrich Bittinger im Blick, der für die Theaterzensur „zuständige Referent des Polizeipräsidenten Julius Freiherr von der Heydte“ [KSA 8, S. 605], den er zu der „Franziska“-Lesung am 16.11.1911 im Hotel Vier Jahreszeiten (siehe unten) eingeladen hatte [vgl. Wedekind an Dietrich Bittinger, 27.10.1911]. Dietrich Bittinger hatte 1907 die Gründung des Münchner Zensurbeirats angeregt und organisiert [vgl. Meyer 1982, S. 69f.] und übte eben die Tätigkeit „des Preßreferenten und Theaterzensors der Polizeidirektion“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 528, 11.11.1911, General-Anzeiger, S. 12] aus. liegt. Die Tatsachen sind folgende:

In Wedekind’s meinem „Mysterium“ „Franziska“ treibt ein AbenteurerpaarFranziska und Veit Kunz, die Hauptfiguren in Wedekinds „Franziska. Ein modernes Mysterium in fünf Akten“ (1912). sein Spiel mit einem Frauenschicksaldem Schicksal der Sophie, Figur in „Franziska. Ein modernes Mysterium in fünf Akten“ (1912)., eine Voraussetzung, die dem Verfasser dazu dient, um mit ihrer Hülfe zu zeigen mit deren Hülfe ich zeige zu zeigen suche, wie sehr sich menschliche Leidenschaft, auch wenn sie sich der edelsten vornehmsten Ziele bewusst ist, mit der Vernunft in Widerspruch setzen kann. Der Passus, in dem dieses Thema kurz besprochen wird, hat folgenden Wortlaut: |

Franziska: Aberab hier Zitat von drei Repliken aus der Szene II/4 (3. Bild), die in der Buchausgabe „Franziska. Ein modernes Mysterium in fünf Akten“ (1912) lauten: „FRANZISKA Vorderhand verzichte ich noch darauf. Aber Sophie muß jetzt endlich von ihrem Jammer erlöst werden. Es ist die allerhöchste Zeit, daß sie zur Ruhe kommt. Ich spiele sonst einfach nicht mehr mit! / VEIT KUNZ Aber Franziska! So rasch ist deine Spielwut befriedigt! – Oder bildest du dir vielleicht ein, du habest schon alles gelernt, was es aus diesem Spiel für dich zu lernen gibt? / FRANZISKA Ich sehne mich nach lustigeren Spielen. Ich will und kann sie nicht länger quälen. Sie hat ihr Geschick so tapfer ertragen, wie ich das früher bei einem Weibe nie für möglich gehalten hätte.“ [KSA 7/I, S. 259f.] Sophie, mussSchreibversehen, statt: Sophie muss. jetzt endlich von ihrem Jammer erlöst werden. Es ist die allerhöchste Zeit, dass sie zur Ruhe kommt. Ich spiele sonst einfach nicht mehr mit.

Veit Kunz: Aber Franziska! So rasch ist deine Spielwut befreidgtSchreibversehen, statt: befriedigt.! Oder bildest Du dir vielleicht ein, du habest schon alles gelernt, was es aus diesem Spiel für dich zu lernen gibt?

Franziska: Ich sehne mich nach lustigeren Spielen. Ich will und kann sie nicht länger quälen. Sie hat ihr Geschick so tapfer getragen„ertragen“ [KSA 7/I, S. 260] 1912 in der Buchausgabe von „Franziska“ (siehe oben)., wie ich das früher bei einem Weib nie für möglich gehalten hätte.

Dieser Absatz wurde dem Autor mir, als er sein ich das Drama im VierjahreszeitensaalWedekind las sein Stück „Franziska“ am 16.11.1911 „in toto“ [KSA 7/II, 1155] im Saal des Hotels Vier Jahreszeiten in München (Maximilianstraße 4) vor. Die Presse hatte gemeldet: „Frank Wedekind beabsichtigte am 16. November im Jahreszeitensaale sein neues ernstes Drama ‚Francisca‘ – ein modernes Mysterium, öffentlich vorzulesen. Da der Dichter zur Zeit noch an seinem eben vollendeten Werke feilt, war er nicht in der Lage, das Manuskript bei der Anmeldung der Vorlesung der Polizeibehörde zur Zensur vorzulegen, und aus diesem Grunde ist nun ein Verbot der öffentlichen Vorlesung erfolgt. Uebrigens wird sich Wedekind nicht abhalten lassen, sein Werk doch vorzulesen, wenn auch nur vor einem geschlossenen Kreis von Zuhörern, die er durch das Konzertbureau Emil Gutmann einladen läßt.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 510, 31.10.1911, Morgenblatt, S. 8] Die Lesung wurde nach Anhörung des Zensurbeirates von der Münchner Polizeidirektion am 14.11.1911 genehmigt, nachdem das Konzertbüro Emil Gutmann bei der Polizeidirektion München am 30.10.1911 angefragt hatte: „Wir erlauben uns anbei das uns soeben zugekommene Manuskript der neuen Wedekind’schen Dichtung ‚Franziska‘, ein modernes Mysterium, zu übermitteln mit dem Ansuchen, uns eine Entscheidung, ob das Werk am 16. November im Jahreszeitensaal vom Autor öffentlich vorgelesen werden darf, baldigst bekannt zu geben.“ [KSA 7/II, S. 1162] Entsprechend kurzfristig war angekündigt: „Heute finden statt: Im Jahreszeitensaal abends 8¼ Uhr die Vorlesung Frank Wedekind, der sein neues fünfaktiges Drama ‚Franziska ‒ Ein modernes Mysterium‘ aus dem Manuskript vorträgt“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 536, 16.11.1911, Morgenblatt, S. 3]; das Konzertbüro Emil Gutmann hat für Wedekinds Lesung am 16.11.1911 um 20.15 Uhr im „Jahreszeitensaal“ annonciert: „Aus dem Manuskript: ‚Franziska‘ Ein modernes Mysterium. (Vollständige Rezitation der neuen, fünfaktigen Bühnendichtung bis auf einige von der Polizei bedungenen Streichungen)“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 534, 15.11.1911, Morgenblatt, S. 3]. Richard Elchinger besprach die gut besuchte Lesung: „Am Vorlesetisch des großen, dichtbesetzten Jahreszeitensaales erschien gestern Abend Frank Wedekind, um sein neues, dramatisches Werk, betitelt: Franziska ein modernes Mysterium in fünf Akten, vorzulesen.“ [E.: Der neue Wedekind. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 539, 18.11.1911, Vorabendblatt, S. 3] in München vorlesen wollte, von der Censur gestrichen. Ueberraschend war mir dabei, dass der Censor die Worte: „Spiel“, „Spielen“ und „Spielwut“ ganz besonders dick mit dem Rotstift unterstrichen hatte, offenbar, um sie als den Grund der vorgenommenen Verstümmelung zu kennzeichnen. Und weiter, dass der Censor i/I/n dem ganzen darauffolgenden Text des Stückes hatte der Zensor nicht die geringste Stelle mehr als für die Vorlesung ungeeignet beanstandet hatte. Ich frage nun: Woher soll nun ein Autor heute noch wissen, gegen welche Worte der deutschen Sprache der Münchner Censor keine persönliche IdiosynkrasieÜberempfindlichkeit. hegt? Liesse sich von der Münchner Censurbehörde nicht im Ernste verlangen, dass sie zum Handgebrauch für Schriftsteller ein Vocabularium derjenigen deutschen Worte veröffentlicht, denen sie keine unpassende Bedeutung unterschiebt? |

Dass ein erneuter GesuchsSchreibversehen, statt: erneutes Gesuch. – Nachdem Georg Stollberg, Direktor des Münchner Schauspielhauses, am 19.4.1911 die Münchner Polizeidirektion vergebens um Freigabe von „Oaha“ ersucht hatte, stellte Eugen Robert, Direktor des Münchner Lustspielhauses, einen Antrag auf eine öffentliche „Oaha“-Aufführung in München [vgl. KSA 8, S. 606], der abgelehnt wurde (siehe unten). Wedekind’s, ihm mir die Aufführung seiner meiner ausgesprochen antirevolutionären Komödie „OahafreizugebenDas schon bestehende Verbot der öffentlichen Aufführung von „Oaha“ (1908) wurde am 16.11.1911 von der Münchner Zensurbehörde erneuert [vgl. KSA 8, S. 606]., von der Behörde abschlägig beschieden wurde, darüber wundertSchreibversehen (irrtümlich nicht korrigiert), statt: wundere. er sich ich mich jetzt absolut nicht mehr.

Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 8. August 1912 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

Hochverehrliche Redaktion! Darf ich Sie höflichst ersuchen, Ihren verehrten Lesern mitteilen zu wollen, daß ich mein Mysterium „Franziska“ vom Münchner LustspielhausDas Lustspielhaus (Direktion: Eugen Robert) war inzwischen umbenannt worden in Kammerspiele (eröffnet am 1.7.1911) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 554]. „Franziska“ wurde dort am 30.11.1912 unter der Regie von Eugen Robert mit Frank und Tilly Wedekind in den Hauptrollen uraufgeführt (geschlossene Vorstellung ohne Streichungen) [vgl. KSA 7/II, S. 1156]. zurückgezogen habe, da das Drama behufs Freigabe ohne mein Wissen von der DirektionEugen Robert reagierte auf Wedekinds offenen Brief in einem offenen Brief an die „Münchner Neuesten Nachrichten“ [vgl. KSA 7/II, S. 1180-1181; KSA 8, S. 638]: „Sehr verehrte Redaktion! Bevor noch das Münchener Lustspielhaus die Annahme des Mysteriums ‚Franziska‘ ankündigte, glaubte Herr Frank Wedekind der Oeffentlichkeit mitteilen zu müssen, daß er das Werk zurückgezogen hat. Diesen Unterschied im Reklamebedürfnis betone ich nur, weil mir für die tatsächlichen Unrichtigkeiten des Wedekindschen Briefes jede vernünftige Erklärung fehlt. Es ist nämlich unwahr, daß ich die gestrichene Fassung der Franziska ohne Wissen des Dichters der Zensurbehörde eingereicht habe; ich habe lediglich die Streichung des dritten Bildes der Behörde anheimgestellt – und zwar mit wiederholter ausdrücklicher Zustimmung des Herrn Wedekind. Die Striche der Polizeidirektion halte ich persönlich für unwesentlich; von einer Verstümmelung oder Verunstaltung kann keine Rede sein; diese Striche sind nicht annähernd so wichtig, als etwa die, die Herr Wedekind selbst in ‚Oaha‘ vorgenommen hat. Doch über diesen Punkt könnte er anderer Meinung sein – wenn er nicht auch mit diesen Strichen der Franziska einverstanden gewesen wäre. Er hat aber die Striche der Polizeidirektion zur Kenntnis genommen, und hat sich hinterher wochenlang über alle Vorarbeiten der Inszenierung unterrichten lassen. Um ein einziges Beispiel zu nennen: er hat in allen Einzelheiten den Verhandlungen zugestimmt, die ich mit Ferruccio Busoni über die begleitende Musik führte. Ich muß es wiederholen: nachdem Herrn Wedekind sämtliche Striche bekannt waren. Es ist auch kein Wort von den Unstimmigkeiten wahr, die mein angebliches Vorgehen zur Folge haben sollten. Es bestand zwischen ihm und mir bis zur Veröffentlichung seines Briefes nicht die leiseste Differenz. Trotz alledem: wenn Herr Wedekind wünscht, daß sein Werk in der von der Zensurbehörde genehmigten Form nicht zur Aufführung gelangt, so läßt sich mit mir darüber reden. (Nicht in der Oeffentlichkeit; und nicht in diesem Ton; aber immerhin: man hat vor dem Dichter Wedekind auch dann noch Respekt, wenn der Mensch Wedekind einen – wie soll man das nur höflich ausdrücken? – durch eine lenkbare Gedächtnisschwäche überrascht.) Den schroffsten juristischen Standpunkt müßte ich jedoch vertreten, wenn Herr Wedekind der Ueberzeugung sein sollte, daß seine gestrichene Franziska im Münchener Lustspielhaus eine Verstümmelung, in einem anderen Münchener Theater aber ein Kunstwerk sei. In vorzüglicher Hochachtung! Dr. Eugen Robert.“ [Frank Wedekinds „Franziska“. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 65, Nr. 405, 10.8.1912, Morgenblatt, S. 2] in einer völlig verstümmelten, verunstalteten Form der Zensurbehörde eingereicht wurde, die es erst nach Vornahme noch weiterer Verstümmelungen freigab. Leider veranlassen mich die Unstimmigkeiten, die dieses Vorgehen der Direktion zur Folge hatte, mich auch meiner weiteren persönlichen MitwirungDruckfehler, statt: Mitwirkung. bei der Aufführung meines SchwankesWedekinds „Oaha“ (am 20.12.1911 durch den Neuen Verein in den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Eugen Robert mit Wedekind als Georg Sterner in geschlossener Vorstellung uraufgeführt) wurde in einer von Eugen Robert bei der Zensurbehörde eingereichten und genehmigten Fassung, auf die er sich mit Wedekind geeinigt hatte, am 6.8.1912 in den Münchner Kammerspielen erstmals in einer öffentlichen Vorstellung gezeigt (Regie: Eugen Robert; Wedekind spielte Georg Sterner); des vorliegenden offenen Briefs wegen wurde das Stück abgesetzt, dann aber ohne Mitwirkung Wedekinds am 2.10.1912 wieder in den Spielplan aufgenommen [vgl. KSA 8, S. 609].Oaha“ zu enthalten.

Da die Zurücknahme des Stückes aus rein künstlerischen Gründen erfolgte, glaube ich mit ihr in meinem vollen Rechte zu sein.

Indem ich Sie ersuche, den Ausdruck vorzüglichster Hochschätzung entgegennehmen zu wollen
Ihr ergebenster
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 10. Dezember 1912 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

Im DezemberheftDie „Süddeutschen Monatshefte“ (Herausgeber: Paul Nikolaus Cossmann) in München hatten in der Rubrik „Notizen“ einen anonymen Artikel über Wedekinds Einladung an die Universität Dublin veröffentlicht: „Herr Frank Wedekind hat vor kurzem die deutsche Übersetzung eines Briefes aus Dublin veröffentlicht, nach der ihn ‚die Universität Dublin‘ oder die ‚Philosophische Fakultät Dublin‘ zur Eröffnungsfeier als ‚Repräsentanten der modernen deutschen Literatur‘ eingeladen hätte. Auch seine Antwort ‚an den Präsidenten der Philosophischen Gesellschaft an der Universität Dublin‘ hat er abdrucken lassen. Es heißt darin: ‚Die Auszeichnung, die Sie mir gewähren, ist weitaus die höchste Anerkennung, die mir meine Arbeit in meinem ganzen Leben eintrug. Danach bitte ich Sie den Dank, den ich Ihnen und der Universität Dublin schulde, zu ermessen‘ (M.N.N. Nr. 500, 565). Ein Dubliner Universitätsprofessor und Akademiker schreibt uns: Was Wedekind betrifft, so ist die Übersetzung des Briefes ganz verfehlt. Der Brief kommt von keiner philosophischen Fakultät (die hier gar nicht existiert), sondern von einem Studentenverein (Undergraduate Philosophical Society), die solche öffentliche Sitzungen einmal des Jahres halten. Die Universität hat damit gar nichts zu tun, außer daß sie die Sitzung verbieten könnte. Wedekind hat auch an den Präsidenten einen Entschuldigungsbrief geschrieben, daß die Sache in den öffentlichen Blättern erschien. Er soll gesagt haben, er brauche sie als advertisement‘.“ [Frank Wedekind und die Universität Dublin. In: Süddeutsche Monatshefte, Jg. 10, Nr. 1, Dezember 1912, S. 465-466] der „Süddeutschen Monatshefte“ gelangt eine angebliche Zuschriftdas von den „Süddeutschen Monatsheften“ veröffentlichte Schreiben eines namentlich nicht genannten angeblichen Universitätsprofessors und jedenfalls Akademikers aus Dublin (siehe oben). eines Dubliner Universitätsprofessors zum Abdruck, die von mehreren Zeitungen übernommendarunter die konservative Münchner „Allgemeine Zeitung“, die den Einladungsbrief an Wedekind [vgl. Herbert Martyn Oliver White an Wedekind, 25.9.1912], den die „Münchner Neuesten Nachrichten“ (und andere Zeitungen) publiziert hatten [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 65, Nr. 550, 27.10.1912, Morgenblatt, S. 3], Wedekinds Antwort [vgl. Wedekind an Herbert Martyn Oliver White, 28.10.1912], die die „Münchner Neuesten Nachrichten“ (und andere Zeitungen) ebenfalls veröffentlicht hatten [vgl. Wedekind und die englische Literatur. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 65, Nr. 565, 5.11.1912, Morgenblatt, S. 4], und die in den „Süddeutschen Monatsheften“ veröffentlichte Zuschrift aus Dublin (siehe oben) abdruckte und gehässig kommentierte [vgl. Wedekind, der Märtyrer. In: Allgemeine Zeitung, Jg. 115, Nr. 40, 7.12.1912, S. 898-899]. wurde. Die Zuschrift behauptet, daß die aus Dublin an mich gelangte briefliche Einladungvgl. Herbert Martyn Oliver White an Wedekind, 25.9.1912 nicht von der philosophischen Fakultät, sondern von einer Studentenvereinigung ausging. Ferner behauptet die Zuschrift:Es folgt ein Zitat aus dem Artikel „Frank Wedekind und die Universität Dublin“ in den „Süddeutschen Monatsheften“ (siehe oben). „Wedekind hat auch an den Präsidenten einen Entschuldigungsbrief geschrieben, daß die Sache in den öffentlichen Blättern erschien. Er soll gesagt haben, er brauche sie als Advertisementadvertisement (engl.) = Reklame, Werbung..“

Demgegenüber konstatiere ich, daß die an mich gelangte Einladung den Stempel: „University Philosophical Societydie an der Universität Dublin angesiedelte Philosophische Gesellschaft (die University Philosophical Society am Trinity College der University of Dublin), 1843 von Studenten gegründet, 1853 umbenannt in „Undergraduate Philosophical Society“, die 1860 auf die Bezeichnung „Undergraduate“ verzichtete und seitdem „University Philosophical Society“ hieß [vgl. The Dublin University Calendar, Vol. III. Being a special supplemental volume. For the year 1912‒1913. Dublin 1913, S. 44]. Dublin“ trägt und daß kein Wort in der Einladung darauf schließen läßt, daß sie von Studenten ausgeht. Ich konstatiere ferner, daß der angeblich von mir geschriebene Entschuldigungsbrief, der den Ausdruck Advertisement enthalten soll, eine reine Erfindung ist.

Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare

München, 31. Januar 1914 (Samstag)
von Wedekind, Frank, Holm, Korfiz, Hirth, Georg, Dauthendey, Max, Halbe, Max, Hoffmann von Vestenhof, August, Conrad, Michael Georg, Mühsam, Erich, Meyrink, Gustav, Mann, Thomas und Thoma, Ludwig
an Münchner Neueste Nachrichten, (Zeitung)

[Hinweis und Zitat der Beilage in: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 67, Nr. 59, 2.2.1914, Morgenblatt, S. 2:]


Wir werden um Abdruck folgender Zeilen gebeten: Ludwig Scharf feiert am 2. Februar seinen fünfzigsten Geburtstag. Seine Freunde bringen ihm mit den herzlichsten Glückwünschen den Ausdruck ihrer Verehrung dar und des Dankes für langjährige treue Kameradschaft. Scharfs „Lieder eines Menschen“, seine „Tschandalalieder“, die UebersetzungLudwig Scharf hat französischsprachige Dichtungen des belgischen Lyrikers Emile Verhaeren in Nachdichtungen übersetzt [vgl. Hettche 2011, S. 401f.]. Verhaerens – möge endlich die Zeit der Würdigung dieser feinen Verse kommen.

Georg Michael Conrad. Max Dauthendey. Max Halbe. Georg Hirth. Korfiz Holm. Erich Mühsam. Gustav Meyrink. Roda Roda. Thomas Mann. Ludwig Thoma. August v.Vestenhof. Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare