Briefwechsel

Wedekind, Frank und Sutermeister, Moriz

11 Dokumente

Aarau, 16. Dezember 1880 (Donnerstag)
von Sutermeister, Moriz
an Wedekind, Frank

Aarau, gez. 16 Dec. 1880.


IchDer zukünftige Theologiestudent Moriz Sutermeister bietet einen aus Bibelstellen und literarischen Versatzstücken (Shakespeare, Goethe) zusammenmontierten Text in grobianischer Tradition. M Sutermeister, ein ziemlich festes KalbFestkalb, ein zum Fest geschlachtetes oder zu schlachtendes Kalb; in Anlehnung an Lukas 15 (das Gleichnis vom verlorenen Sohn). zu brechen ( haben mit großer Vergünstigung alldiweil u. sintemalscherzhaft altertümelnd für Begründungen (weil, indem), z.B. in Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ III/3: „Sintemal und alldieweil“ (so die Narrenfigur Valerio). „Sintemahl“ ist „ein Bindewort, welches einer angeführten Ursache zur Begleitung dienet, und seinen Stand allemahl zu Anfange des Satzes hat, für weil, indem“, es ist „veraltet“ und wird nur noch in „den Kanzelleyen“ gebraucht, „wo man die Wörter […] nicht vielsylbig genug bekommen kann, und daher wohl gar ein sintemahl und alldieweil zusammen setzet, obgleich alle sieben Sylben nichts mehr sagen als weil, indem“ (Adelung 4, 109). u. das Kalb gleich ist den nichts unter Umständen Go chaibe Muni(schweiz.) mehrdeutig, unter anderem: stöhnendes krankes Rindvieh; Tölpel. der Muni sticht(schweiz.) stößt. nicht übrigens bezeuge ich (u. keiner hat ihr Rätsel aufgehellt) das all mein Hab u. Gut, welche der Teufel als echter Windbeutel des Himmels u. der Erde im Höllendampf des spektirlich in den Abgrund des Höllenpfuls stieß des Rauchensteinianschen Jaucheloh/c/hesdas Plumpsklo der Familie Rauchenstein, Frank Wedekind wohnte mit seinem Bruder Armin während der Schuljahre 1879/80 und 1880/81 in Pension bei dem Altphilologen Professor Friedrich Rauchenstein, der ehemals Rektor der Kantonsschule war. Möglicherweise wohnte dort auch Moriz Sutermeister. sich aus dem Urgrund erschloß (Indessen kracht der Oft/e/n) also sagen wir „ja, ja ich esse Kirschen, 200000 Sein u Nichtseinphilosophische Grundbegriffe; ähnlich die berühmte Stelle in Shakespeares „Hamlet“ III/1: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ [Shakspeare’s dramatische Werke, übersetzt von August Wilhelm Schlegel. Dritter Theil. Berlin 1798, S. 232]. und „aber“ sprach EsauSohn des Isaak und der Rebekka, Zwillingsbruder des Jakob, dem er im Tausch für ein Linsengericht das Erstgeborenenrecht abtritt [vgl. Genesis 25].im Anfang war der Sinnin Bezug auf Joh. 1,1 Zitat aus Goethes „Faust I“ (Faust, Im Studierzimmer): „Geschrieben steht: ‚im Anfang war das Wort!‘ / Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort? / Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, / Ich muss es anders übersetzen, / Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. / Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.“ [Goethes Werke (WA), Bd. 14, S. 62f. = V. 1224-1229][“] (vulgo(lat.) gemeinhin genannt. Unsinn) Die unbewußte Intelligenz u. die bewußte Unintelligenz reagirte neutral. Drauf kehrte SaraStammmutter Israels, Frau des Stammvaters Abraham, dem sie den Sohn Isaak gebiert; nach der biblischen Genealogie ist sie die Großmutter von Esau. den Podex(lat.) das Hintere, Gesäß, Popo. u das/er/selbe sprach „Omdie heiligste Silbe im Hinduismus, der Urgrund von allem; hier lautmalerisch: ein Furz.“ u. d. Volk dathmete schwer, tief u. gedehnt wie aus einem Munde. aber wie erstaunte Isidor(griech.) Geschenk der (Göttin) Isis, in der Antike beliebter griechisch-römischer Vorname, den Juden mit den Vornamen Isai oder Isaak den Antisemiten gegenüber verwendeten, um nicht sofort als Juden aufzufallen [vgl. Wörterbuch der Antike. Hg. von Hans Lamer u. Paul Kroh. 10. Aufl. Stuttgart 1995, S. 341]. Hier Anspielung auf Isaak, den einzigen Sohn Abrahams, der ihn auf Gottes Geheiß wie ein Tier auf dem Berg Morija zu opfern bereit ist [vgl. Genesis 22]., das goldene Kalbbiblisches Symbol, das den älteren Stierkult als Götzendienst kritisiert [vgl. Exodus 32,1-29], hier Synonym für Isidor = Isaak. u. AbrahamStammvater Israels, in biblischer Tradition der Vater schlechthin. sprach: vom Gipfel u. Bierstempel, verderbet alle Ihr Völker. u. du Gott, laß mich allein, hier richt ich meine Wirthschaft ein, Concordia(lat.) Eintracht. soll ihr Name sein | wer aber nach mir kommt dem Vermache ich kraft meiner bewußten UnI/i/ntelligenz V einen ungeheuren Furz u. was drum u. dran hängt – Auch über das Gewitter erhob sich der Schädelvgl. in Shakespeares „Hamlet“ die Szene V/1, in der bei Gewitter Hamlet und ein Totengräber einen Schädel betrachten. – Wetter als Thema war auch anderweitig nahegelegt: Meteorologie stand im Physikunterricht der IV. Klasse, die Moriz Sutermeister besuchte, auf dem Stundenplan. dar. Aber die Vernunft hat 0 die Epochen mit einer Geschwindigkeit von 0,5.Die Filtergeschwindigkeit zur mechanischen Trennung von Stoffen wird in Meter pro Stunde (Einheit m/h) berechnet. Bei einem Wert von 0,5 m/h spricht man von Langfiltration. – Im Chemieunterricht hatte die IV. Klasse im Sommer „Trennungsmethoden der wichtigsten Elemente“ durchgenommen [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule (Schuljahr 1880/81) 1881, S. 19]. abfiltrirt, jenen Tag des Zorns, jenen – Die drei Anfangsverse des mittelalterlichen Hymnus „Dies irae dies illa“ nach der Übersetzung des Schweizer Dichters Johann Jakob Reithard sind, durch Texteinschübe anderer Provenienz voneinander getrennt, zitiert nach dem Religionslehrbuch der II. Klasse der Kantonsschule Aarau: „Jenen Tag des Zornes, jenen, / Den Sybill und David nennen, / Wird die Welt zu Staub verbrennen“ [Bernhard Spiegel: Geschichte der christlichen Kirche. Ein Lehrbuch für höhere Lehranstalten, wie auch zum Gebrauch für Gebildete. Leipzig 1863, S. 50f.]. – Das aus 20 Strophen bestehende Requiem über das jüngste Gericht war über Jahrhunderte fester liturgischer Bestandteil der römisch-katholischen Totenmesse.aber hier ist sie nicht in ihrer Unbegrenztheit, denn sie SibillSibylle von Erythrai, heidnische Prophetin, eine der 10 Sibyllen. u. Davidbiblischer König Israels. nennen und Absalon schindet die Geigenmit Anklang an Absalom, König Davids Lieblingssohn, der sich gegen seinen Vater auflehnte, was tödlich endete [vgl. 2. Samuel 13-18], wohl Anspielung auf Ludwig Uhlands dramatisches Gedichtfragment „Das Ständchen“, in dem in einem Streitgespräch zwischen Junker David und seinem Bedienten Absalon über das Geigenspiel jener Absalon das Instrument zerstört: „Er schleudert die Geige an die Mauer.“ [Ludwig Uhland. Gedichte. Stuttgart 1859, S. 168]. Er lebe hoch! Wird d. WeldSchreibversehen, statt: Welt. zu Staub verbrennen, keiner kann mich von ihr trennenzusammen mit dem vorhergehenden Satz möglicherweise Anlehnung an das Kirchenlied „Herr ich glaube, Herr ich hoffe“, 5. Strophe: „Nichts soll mich von dir mehr trennen, droht die Welt mich zu verbrennen.“ [Carl Lütkenhaus: Katholisches Gebeth- und Gesangbuch insbesondere zu Gebrauche bei dem öffentlichen Gottesdienste (...). Münster 1842, S. 251]. Das AndereDas andere berühmte Gedicht der Gotik neben dem „Dies irae“ ist das von Jacoponus da Todi verfasste ebenfalls 20 Strophen umfassende Gedicht „Stabat mater dolorosa“ von der schmerzerfüllten Mutter Jesu am Kreuz. Beide Gedichte haben Eingang in Goethes „Faust I“ gefunden [vgl. „Zwinger“, V. 3587-3619; „Dom“, V. 3798-3799]. – Fortsetzung der durch Einschübe unterbrochenen Zitation aus dem Religionslehrbuch der II. Klasse der Kantonsschule Aarau: „Das andere ist von Jacoponus († 1306) und hat den Tod Christi zum Gegenstande. Es beginnt: Mutter, ach, du kummerbleiche“ [Bernhard Spiegel: Geschichte der christlichen Kirche. Ein Lehrbuch für höhere Lehranstalten, wie auch zum Gebrauch für Gebildete. Leipzig 1863, S. 50]. ist von Jakobonus. Aber meine Stunde geht ins Himmelblau mit PerserkerwuthBerserkerwut, nach den Berserkern, den im Blutrausch kämpfenden Kriegern aus der altnordischen Mythologie. u. hat den Tod Christi zum Gegenstande, übrigens hab ich keine 10meilenstiefelnach Märchen der Romantik Zauberstiefel, in denen mit jedem Schritt 10 Meilen zurückgelegt werden kann.. E Es beginnt die schaurige Komödie „Eboliwohl die Prinzessin von Eboli, die intrigante Hofdame in Friedrich Schillers Drama „Dom Karlos“ (1787)., bewahre deine Brust vor Unheimlichkeit, Mutter, ach, du kummerbleichedas „Stabat mater dolorosa“ in der Übersetzung von Moritz Alexander Zille: „Mutter, ach du kummerbleiche, / Schmerzbeladne, thränenreiche, / Die am Kreuz des Sohnes steht! / Durch die Seele voller Klagen, / Die dein Mutterherz zernagen, / Jetzt das Schwert zerschneidend geht!)“, dem in Spiegels Lehrbuch der Satz „Es ist aber leicht erklärlich,“ folgt [Bernhard Spiegel: Geschichte der christlichen Kirche. Ein Lehrbuch für höhere Lehranstalten, wie auch zum Gebrauch für Gebildete. Leipzig 1863, S. 50]. in corpore(lat.) im Körper, im Ganzen.. Es ist aber leicht erklärlich. Daß ich dir demnach nichts destoweniger ziemlich gleichgültig u. aufopferungsfähig folgende Artikel |Textabbruch in der Zeile; kein Übergang nach dem Seitenumbruch von Seite 2 (Blatt 1) zur Seite 3 (Blatt 2).

In dennen(schweiz.); gemeint ist: Indessen. bei aller Innigkeit des Gemüthes der praktische Satz doch gilt: Du kannst wenn doch du willst.Redewendung nach Matthäus 8,2 und Markus 1,40. Nun war dies auch ge bis gegen Ende des 11. Jahrhunders/t/s nicht schwer möglich gewesen mo einen Jesuitischen Misthaufen in der 7. Potenz Blumengrüße in die Welt hinaus (ach herjeses) zu bierfritzenstudentisch für: pupsen, furzen.. Schluß Das Talent dagegen bildet sich in der Stillevgl. Goethes „Torquato Tasso“ (1807) I/2: „Es bildet ein Talent sich in der Stille, / Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.“ [Goethes Werke (WA), Bd. 10, S. 117], aber der blausäurige Geist findet sich nur im Strom des Erdendrecks in harmonischer Unordnung


Leise lächelt dem die FreudeZitat aus Nikolaus Lenaus Gedicht „Die Gewitternacht“ (1832).
der dies Testament empfangen
Und dem ob den schönen Tönen
das verliebte Herz nicht bangt

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 31. Dezember 1880 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Sutermeister, Moriz

[Briefentwurf:]


L S.Die Abkürzung kann gleichermaßen für einen Vor-, Nach- oder Biernamen stehen. Es dürfte sich um eine männliche Person handeln, wie der erste Vers der gestrichenen dritten Strophe nahelegt: „Und du/ich/ der [...]“. Der Gesuchte war philosophisch und theologisch interessiert und wirkte zumindest zeitweise auf seine Umgebung, als wäre er verrückt. Es könnte sich um Moriz Sutermeister (alias: Hegel) handeln und der Text auf dessen Testament anspielen [vgl. Moriz Sutermeister an Wedekind, 16.12.1880]. – Bisher wurde Oskar Schibler als möglicher Adressat vermutet [vgl. KSA 1/II, S. 2137]. Dagegen spricht, dass Wedekind den Freund in Briefen mit „Hildebrand“, „Oskar“ oder schlicht „Freund“ anredete. Auch passt das beigelegte Gedicht nicht in das sonst durch den Briefwechsel vermittelte Bild von Oskar Schibler, dem Wedekind im Übrigen ein anderes Gedicht zu Neujahr 1881 sendet [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 31.12.1880].

Es thut mir sehr leid, daß ich Dir ein Neujahrsgeschenk mit einem/r/ Einwendung in deine Philosophie machen muß aber zufällig habe ich nichts anderes als darin noch eine kleine Lobhudelei, die ich hier beilege. Also zur Philosophie wenn es Dir gefällt. Das logische Denken bringt uns nothwendig auf das Sein. Angenommen nun das Sein sei, so muß auch D. l. Denken sein. Die Wahrnehmung führt uns auf den Schein, da der schei Schein verschieden ist vom Sein, so muß auch die


[Beilage:]


Von deinen Augen fiel ein dunkler Flor
Und durch aus dem dichtsten Wald von Widersprüchen
Die alle deinem klaren Geiste wichen
Trat eine Wahrheit ungetrübt hervor.


–––


Eins ist die Welt mit allen ihren Sphären
Und wenn auch jede Kreatur für sich
In Anspruch nimmt ein eignes Sein u Ich
So kann doch keins das Andere entbehren.


–––


Und du/ich/ der durch der Wahrheit Quell beglückt
Die ganze Welt mit einem Blick ermißt,
Dich hält man weil du nicht gewöhnlich bist
Und weil n+/du/ glücklich lebest für f verrückt.


–––


Ich bitte dich deswegen nicht zu trauern |


Es ist das schönste Glück auf dieser Erden
Zu fol
Du nennst es Freundschaft oder Nächstenliebe
Gehorchend seines Herzes edlem Triebe
Aus zwei verwandten Seelen eine nur zu werden.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. Januar 1881 (Samstag)
von Sutermeister, Moriz
an Wedekind, Frank

Ich gratulire
zum neuen Jahr
|


Moriz Sutermeister.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. Januar 1882 (Sonntag)
von Sutermeister, Moriz
an Wedekind, Frank

Herzliche Gratulation
zum neuen Jahr
|


Moriz Sutermeister
stud. theol.

Einzelstellenkommentare

Zürich, 31. Januar 1882 (Dienstag)
von Sutermeister, Moriz
an Wedekind, Frank

Zürich, d. 31. Januar 1882.


Lieber Franklin!

Möchte Dir gerne recht bald (lieber heute schon als morgen) eine gewisse Mittheilung machen, die für Dich sicherlich nicht uninteressant sein wird. Ich verlange aber von Dir vorerst:

1.) daß Du mir versprichst auf Ehre Niemandem, weder BruderGemeint war der zwei Jahre jüngere Bruder William Lincoln (Willy) Wedekind. Der ältere Bruder Armin Wedekind studierte mit Moriz Sutermeister in Zürich., noch Vater, noch FreundBester Freund war Oskar Schibler, der im Herbst 1881 von der Kantonsschule Aarau an die Kantonsschule Solothurn gewechselt war [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 13.10.1881]. noch sonst irgend Jemandem, etwas jemals von dem m/M/ittheilung machen zu wollen, was ich Dir mittheilen werde, es sei denn a.) daß ich Dir die Mittheilung gestatte oder b.) daß Dir Dein Gewissen verbietet länger zu schweigen.
2.) daß Du mit bestem Wissen u. | Gewissen diesen meinen Brief weder Jemandem zeigest, noch den Inhalt desselben Jemandem mittheilest, noch Jemandem sagest, daß ich Dir geschrieben habe.
3.) daß Du mir die sub 1.) u. 2.) verlangten Versprechungen bei unserer Freundschaft nicht bloß giebst, sondern auch haltest.

Wie gesagt, ich möchte Dir meine Mittheilung lieber heute schon als erst morgen machen u. erwarte daher von Dir umgehend sofort einen Brief enthaltend entweder die obenerwähnten Versprechungen oder eine abschlägige Antwort! Hoffe aber die Erstere zu erhalten! |

1.) Hat Hr Schumann dSchweizerdeutsch: die. BerufungAlbert Schumann, der seit 1860 Bezirksschullehrer in Zofingen war, nahm die Berufung zum Professor für Geschichte (an der Gewerbeschule) und Geographie an. Zum Beginn des Schuljahres 1882/83 trat er als Nachfolger des im Sommer 1880 erkrankten und am 26.11.1881 pensionierten Professors Georg Gladbach seine Stelle an. Frank Wedekind hatte den einzigen im Gymnasium vorgesehenen Geographiekurs (über die „Allgemeine und spezielle Geographie von Amerika und Afrika“) bei Gladbach absolviert [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule. Als Einladung zu den vom 10. April an abzuhaltenden Schulprüfungen und der öffentlichen, am 15. April 1882 stattfindenden Jahres-Censur. Aarau 1882, S. 5f.; Zitat in: Programm der Aargauischen Kantonsschule. Als Einladung zu den vom 5. April an abzuhaltenden Schulprüfungen und der öffentlichen, am 10. April 1880 stattfindenden Jahres-Censur. Aarau 1880, S. 16]. angenommen?
2) Was ist das für aeSchweizerdeutsch: ein. Frei, der Deutsch gebenAdolf Frey, Sohn des Volksschriftstellers Jakob Frey, aus Rombach bei Aarau wurde Nachfolger von Wedekinds Deutschlehrer Goswin Karl Uphues und unterrichtete Wedekind in den letzten beiden Schuljahren 1882/83 und 1883/84 an der Kantonsschule Aarau. Studiert hatte Frey Germanistik an den Universitäten Bern und Zürich und an ersterer 1878 über den Schweizer Arzt und Dichter Albrecht von Haller promoviert. Anschließend wurde er Gymnasiallehrer in Zürich, hielt sich aber von 1879 bis 1882 in Leipzig und Berlin auf, von wo er im Frühjahr 1882 als Lehrer für Griechisch sowie für Deutsche Sprache und Literatur an die Aargauer Kantonsschule berufen wurde. Gut bekannt war Frey mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Er selbst schrieb Abhandlungen zur Literatur des 18. Jahrhunderts und zur Schweizer Literatur, verfaßte in der Tradition des Realismus Gedichte, patriotische Festspiele und Romane und gab Ausgaben von Schweizer Dichtern heraus [vgl. Rosmarie Zeller: Adolf Frey. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011796/2018-01-11/, 18.7.2021]. wird?
3.) Ist’s wahr, daß in Aarau d Philosophie eingeführtEin solcher Plan wurde während der Schulzeit Wedekinds an der Kantonsschule Aarau nicht realisiert. werden soll? –

Sollte es dennoch offenbar geworden sein, daß ich Dir geschrieben habe, so bitte Dich auf Befragen die Antwort zu geben, ich hätte obige 3 Fragen an Dich gestellt!

Je eher Du mir schreibst, desto lieber ist es mir!

Freundl. Gruß von Deinem
treuen HegelVermutlich auf den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel zurückgehender Biername Moriz Sutermeisters, den er während der wöchentlichen Klassenkneipen benutzte.


Adresse: M. S. stud. theol.Moriz Sutermeister war im Sommersemester 1881 zusammen mit Wedekinds Bruder Armin an der Universität Zürich immatrikuliert worden (Nrn. 6136, 6137), Sutermeister für Philosophie, Armin Wedekind für Medizin [vgl. https://www.matrikel.uzh.ch/active/static/21661.htm, 29.6.2021].,
Seefeldstrasse № 143.
Zürich

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. Februar 1882 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Sutermeister, Moriz

[Hinweis in Sutermeisters Brief an Wedekind vom 3.2.1882 aus Zürich:]


Nachdem ich von Dir die gewünschten Versprechungen erhalten habe, [...]

Einzelstellenkommentare

Zürich, 3. Februar 1882 (Freitag)
von Sutermeister, Moriz
an Wedekind, Frank

Zürich, d. 3. Febr. 82.


Lieber Franklin!

Nachdem ich von Dir die gewünschtenvgl. Sutermeister an Wedekind, 31.1.1882. Versprechungen erhaltennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Sutermeister, 1.2.1882. habe, sende ich Dir hiemit beiliegend Deine Ernennung zum

Amicus Helvetiae philosophicae(lat.) Freund der philosophischen Schweiz..“

Diese Ernennung legt Dir keine Pflichten auf (denn sonst hätte man Dich zuerst angefragt, ob Du diesen Titel annehmest oder nicht), dagegen wird dieser Titel Dir für die Zukunft gewisse Rechte zusichern. Welche? das wird Dich die Zukunft lehren. | Du wirst nun natürlich wissen wollen, was denn dieser Titel für Dich zu bedeuten hat. Höre, mein Sohn:

Am OstersonntagDas war der 17.4.1881. des Jahres 1881 p. Chr. n. wurde von nach einjähriger Vorberathung von fol den S drei Schweizerbürgern

1.) Moriz Sutermeister von Zofingen, geb. d. 3. März 1862 in Aarau.
2.) Johann Otto WullschlegerDer Sohn eines Landwirts machte mit Wedekind im Frühjahr 1884 an der Aargauer Kantonsschule Abitur und studierte ab Frühjahr 1884 an den Universitäten Zürich und München Jura und promovierte Ende 1887 erfolgreich zum Dr. jur. Er wurde Gerichtspräsident in Zofingen und war viele Jahre Chef der Sektion für Rechtswesen des Kreises 3 der Schweiz. Bundesbahnen in Zürich. Politisch engagierte er sich in der demokratischen Bezirkspartei Zürich, deren Präsident er wurde [vgl. Die Tat. Schweizerische unabhängige Tageszeitung, Jg. 13, Nr. 340, 10.10.1948, S. 4 sowie Universität Zürich, Matrikeledition, http://www.matrikel.uzh.ch/active/static/24398.htm, 3.6.2021]. von Zofingen,
geb. d. 1. Nov. 1863 in Zofingen.
3.) Fürchtegott Carl RingierDer Sohn eines Stationseinnehmers in Zofingen besuchte Gymnasium und Universität in Basel, wo er 1892 zum Dr. med. promovierte. Er praktizierte in Bern, heiratete 1893 und hatte zwei Söhne, von denen er den älteren 1919 begraben musste [vgl. Der Bund, Eidgenössisches Zentralblatt und Berner Zeitung, Jg. 70, Nr. 207, 16.5.1919, Erstes Blatt, S. 6 und Historisches Familienlexikon der Schweiz, http://www.hfls.ch/humo-gen/family/1/F29356/I85129/, 3.6.2021]. von Zofingen,
geb. d. 22. Okt. 1865 in Zofingen. |

zu Zofingen im Aargau der BundDer Bund ist unter keinem der drei Namen „Libera Helvetia philosophica“ (Freie Philosophische Schweiz), „Helvetia philosophica“ (Philosophische Schweiz) oder (sive) „Philosophica Helvetica“ (Philosophisches aus der Schweiz) ermittelt.

Libera Helvetia philosophica
sive
Helvetia philosophica
sive
Philosophica Helvetica

gegründet u. demselben die erste Bundesverfassung gegeben. Dieser Bund ist meine Idee. Ich bin der Stifter (daher oben № 1.) – der Esel voran!)

Das Gr unabänderliche Grundprinzip u. Grundgesetz unseres Bundes, in dem zugleich das ganze Wesen desselben ausgedrückt ist, lautet: „Der Bund | Libera Helvetia philosophica will in Ewigkeit, dass die schweizerische Eidgenossenschaft sei wie sie ihrer Idee gemäss sein soll!

Wie die schw. Eidg. ihrer Idee gemäß sein soll, das soll vom Bunde durch vorurtheilsfreie Forschung gefunden werden. Doch nicht nur forschen will unser Bund u. seine Glieder, er will auch seine Bestrebungen stets nach seinen Ueberzeugungen, die durch philosophische d. h. vorurtheilsfreie Forschung gefunden werden soll, richten; denn das ist die wahre Philosophie, deswegen nennt sier sich Helv. philos. |

Ich will mich nun kurz fassen: Ausführlicher wird Dir unsern Bund mein Bundesbruder O. Wullschleger, der ja Dein Klassenkamerad ist, schildern. Dieser mein Brief soll Dir bei ihm als Legitimation dienen. Ich erlaube hiemit meinem B.-Bruder O. Wullschleger, als Bundespräsident der Helv. phil. dem „Amicus Helvetiae philosophicae“ Franklin Wedekind Alles mitzutheilen, was er vom/n/ unserem Bunde weiß. – Ich rathe Dir meinem B.[-Bruder O. W. unter 4 Augen zu eröffnen, Du wollest ihm eine gewissen Mittheilung auf seiner Bude machen! Er wird natürlich überrascht sein, denn er weiß nicht, daß ich Dir unser B.-Geheimniß mittheilte, obschon er mich schon oft darum angieng, Dich zum Eintritt | in unsern Bund zu bewegen. Auf seiner Bude eröffnest Du ihm dann, daß Du ihm etwas vorzulesen habest u. liesest ihm dann meinen Brief vor u. forderst ihn in meinem Namen auf Dir zu sagen, was er weiß u. was Du von ihm fragst puncto Bund. Doch mache ich Dich nochmals darauf aufmerksam auf Deine Silentium-Versprechungen u. ersuche Dich mit größter Vorsicht vorzugehen, damit ja Niemand Verdacht schöpfe, es liegt dies in Deinem wie in unserem Interesse. Doch genug: ich zähle auf Deine Klugheit! –

A propos: Es ist Euch erlaubt unsern B.-Bruder Hermann RüetschiHermann Rüetschi hatte zunächst das zweijährige Progymnasium der Kantonsschule Aarau durchlaufen und wechselte dann zur Gewerbeschule. Dort besuchte er im Schuljahr 1881/82 als einer von acht Schülern die II. Klasse, die er im Schuljahr 1882/83 wiederholen mußte. Er gehörte (als Schüler der dritten Klasse) zusammen mit seinem Klassenkameraden und Freund Eugen Rohner zu den jungen Menschen in Wedekinds Umfeld, die sich das Leben nahmen: Nach einem Vereinsabend des Kantonsschülerturnvereins erschossen sich die beiden jungen Männer in der Nacht vom 23. auf den 24.6.1883 mit einem Revolver jeweils durch Schläfenschuss. Den aufsehenerregenden Doppelselbstmord, der nicht nur in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, sondern auch zu einer Disziplinaruntersuchung an der Aargauer Kantonsschule führte, thematisierte Frank Wedekind in dem wenige Tage später entstandenen Gedicht „Sancta Simplicitas“ [vgl. KSA 1/I, S. 97-101 (Text) und KSA 1/II, S. 2006-2013 (Erläuterungen)] als auch in seinem Drama „Frühlings Erwachen“ (1891): „Im Sommer 1883 ereignete sich an der übrigens sehr freiheitlich geleiteten Kantonsschule in Aarau der Unglücksfall, der mir sieben Jahre später die Anregung zu ‚Frühlings Erwachen‘ gab.“ [Frank Wedekind: Vorbemerkung zu „Sancta Simplicitas“. In: Schriftsteller Verleger und Publikum. Eine Rundfrage. Zehnjahreskatalog Georg Müller Verlag. München 1913, S. 137, zitiert nach KSA 2, S. 801; die Schulakten zur Untersuchung befinden sich im Staatsarchiv Aargau DE02/0173/10]., II. Gewerb., beizuziehen! –

Unser Bund zählt gegenwärtig 7 Mit|glieder (Helvetier) in 5 Sektionen:

1.) Sektion Aarau.
1.) Otto Wullschleger, Präses d. Sektion.
2.) Hermann Rüetschi in Suhr.

2.) Sektion Basel.
3.)1.) Carl Ringier, Präses.
Adresse: C. R., Gymnasiast bei Hrn. Gonser-Gossweiler, Byfangweg №14.

3.) Sektion Strassburg i/E.
4.) Carl HuberCarl Huber hatte im Frühjahr 1880 an der Kantonsschule Aarau die Hochschulreife erlangt [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule. Als Einladung zu den vom 5. April an abzuhaltenden Schulprüfungen und der öffentlichen, am 10. April 1880 stattfindenden Jahres-Censur. Aarau 1880, S. 12] und studierte in Genf, später auch in Berlin und Straßburg, deutsche, französische und englische Philologien [vgl. (Nachruf:) Dr. phil. Carl Huber-Jacobi. In: Die Berner Woche, Jg. 31, Nr. 27, 5.7.1941, (S. 2)]. v Zofin Oberkulm, geb. 1860., stud. phil., Präses.
Adresse: Zürcherstrasse № 8.

4.) Sektion Genf.
5.) Adolf VögtlinMoriz Sutermeister und Armin Wedekind hatten im Frühjahr 1881 gemeinsam mit Adolf Vögtlin die Matura an der Kantonsschule erlangt. v. Brugg geb 1861., stud. phil., Präses.
Adresse: chez Mr..Roussy-Albrecht, rue du Conseil général. 14.

5.) Sektion Zürich.
6.) Camill HoffmannDer in Aarburg und Zürich aufgewachsene Camill Hoffmann studierte seit dem Sommersemester 1881 an der Universität Zürich Theologie. Ende 1885 verließ er die Universität, wurde 1886 zum Pfarrer nach St. Moritz berufen, war 1888-1916 Präsident des dortigen Sommer- und Winterkurvereins (ab 1910: Kur- und Verkehrsverein) und organisierte die Engadiner Wintersportausstellung 1907 in Berlin. Ob Wedekind ihn kennengelernt hat, konnte nicht ermittelt werden [vgl. zur Biographie Cordula Seger, Bettina Plattner-Gerber. Engadin St. Moritz. Ein Tal schreibt Geschichten – A Valley with Stories to Tell (zweisprachig). Zürich 2016, S. 24-29; vgl. auch Matrikel Zürich]. v. Aarburg, geb. in Zofingen 1861., stud. theol., Präses d. Sektion Zürich.
Adresse: Fraumünsterstrasse 17. Zürich. |
7.) Moriz Sutermeister, Bundespräses.

Name: Eintritt:

1.) Sutermeister. 17. IV. 1881.
2.) Wullschleger. 17. IV. 1881.
3.) Ringier. 17. IV. 1881.
4.) Hoffmann. 14. VI. 1881.
5.) Rüetschi. 2. VIII. 1881.
6.) Huber. 8. X. 1881.
7.) Vögtlin. 6. I. 1882.

–––

Bundeswappen u. -devisen soll Dir W. mittheilen. Ebenso soll er Dir die Bundeszeitungen zeigen, die hektographirtDer Hektograph ermöglichte die Vervielfältigung eines Schriftstücks ohne Druckerpresse. Dazu wurde eine Platte mit einer elastischen Masse aus Leim und Glycerin eingerieben und ein Papier, das mit einer dickflüssigen, viel Anilin enthaltenden Tinte beschrieben worden war, auf die Leimplatte gedrückt. Mit dem von der Leimmasse festgehaltenen Teil der Tinte konnten 60 bis 100 Kopien angefertigt werden, indem je ein weißes Blatt Papier mäßig stark auf die Leimplatte gedrückt wurde [vgl. Brockhaus’ Konversations-Lexikon. 14. vollständig umgearbeitete Auflage. 8. Bd. Leipzig 1902, S. 1007]. werden. Doch soll er absolut Nichts aus seiner Wohnung weggeben! W. soll recht gesprächig Dich in das Wesen unseres B. einführen! Ich hoffe recht bald von Dir einen Bericht über Deinen Besuch bei W. zu erhalten. Zu Beantwortung von Fragen bin ich natürlich gerne bereit. Solltest Du, als Amerikaner (Nichtdeutscher) u. Republikaner, wünschen stimmberechtigtes Mitglied unseres Bundes zu werden so kann Dir Dein Wunsch unter gewissen Bedingungen Versprechuch/n/gen gewährt werden! B Grüsse mir meine 2 Aarauer B.-B! Verzeihe mir, daß ich Dir auf solches Papier schrieb, ich hatte eben momentan keine andres zur Hand.


[Beilage:]


Herrn Franklin Wedekind.
auf Schloss Lenzburg.
im
Aargau.

Theile mir Empfang dieses Briefes gefl spätestens bis 8. Febr. mit, damit ich weiss ob Du ihn erhalten od nicht! |

Ernennung.

Unterzeichneter ernennt hiemit den Herrn Franklin Wedekind von San FranciscoFrank Wedekind wurde nicht in San Francisco, sondern in Hannover geboren, war aber, da sein Vater Friedrich Wilhelm Wedekind die amerikanischer Staatsbürgerschaft besaß, ebenfalls amerikanischer Staatsbürger [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 158]., geb. 1864., Gymnasiast, wohnhaft auf Schloss Lenzburg im Aargau, in Hinblick auf dessen lebendiges Interesse für philosophische Forschung u. freundschaftliche Gesinnung gegenüber den Mitgliedern des Bundes „Helvetia philosophica“ zum „Amicus Helvetiae philosophicae“ u. gesteht demselben alle Rechte zu, die einem „Amicus“ unseres Bundes zukommen.

Namens der „Helvetia philosophica“:
Der Bundespraeses.
Z.I.A.

Zürich, d. 3. Febr. 1882.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 4. Februar 1882 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Sutermeister, Moriz

[Hinweis in Sutermeisters Brief an Wedekind vom 5.2.1882 aus Zürich:]


Besten Dank für Deine werthen Mittheilungen! Werde ein ander Mal auf Deine Fragen eingehen.

Einzelstellenkommentare

Zürich, 5. Februar 1882 (Sonntag)
von Sutermeister, Moriz
an Wedekind, Frank

Besten Dank für Deine werthen Mittheilungennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moriz Sutermeister, 4.2.1882.! Werde ein anderm/M/al auf Deine Fragen eingehen.

Habe Eile! Freundl. Gruß
v. Deinem treuen
Hegel


Biername von Moriz Sutermeister, den er bei den wöchentlichen Bierkneipen der Aarauer Kantonsschüler benutzt haben dürfte.

Zürich, 5.II.82


Silentium puncto Helv phil.(lat.) Schweigen hinsichtlich der Helvetia philosophica!!

Memento promissi tui!(lat.) Gedenke, was Du versprochen hast! Bevor Wedekind als Freund der von Moriz Sutermeister gegründeten geheimen Gesellschaft Helvetia philosophica aufgenommen wurde (3.2.1882), hatte Wedekind das verlangte Stillschweigen versprochen [vgl. Wedekind an Moriz Sutermeister, 1.2.1882].

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. März 1882 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Sutermeister, Moriz

[Hinweis in Sutermeisters Brief an Wedekind vom 3.3.1882 aus Zürich:]


[...] habe Deinen Brief gestern erhalten [...]

Einzelstellenkommentare

Zürich, 3. März 1882 (Freitag)
von Sutermeister, Moriz
an Wedekind, Frank

Zürich, 3. März 1882.


Lieber Freund!

habe Deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moriz Sutermeister, 1.3.1882. gestern erhalten u. will jetzt mit Dir zweierlei besprechen 1.) die Helvetia philosophicaÜber den Bund konnte über die Briefe Moriz Sutermeisters hinaus nichts ermittelt werden. 2.) den Zustand der Aarauer Vereinedie drei Schülerverbindungen KTV (Kantonsschülerturnverein) Aarau, Industria Aarau, für die Wedekind kurze Zeit später die Vollmitgliedschaft beantragte [vgl. Wedekind an die Industria, 12.3.1881], und die Argovia Aarau. u. speziell Deinen Wunsch puncto Wullschleger u. Industria. Was den letztern Punkt anbelangt, so sage ich Dir nur, daß ich privatim mich nicht erkühnen werde Wullschleger vorschreiben zu wollen, in welchen Verein er eintreten oder nichteintreten soll. Ich werde ihm, falls er u meinen Rath nachsuchen sollte, nur anrathen in, er hierin ganz unabhängig nach seiner eigenen | Ueberzeugung nach bestem Wissen u. Gewissen zu handeln. Freilich Es ist überhaupt nicht meine Art den Ketzerrichter zu machen. Freilich wenn ich nur die Prinzipien u. das Wesen der 3 Aarrauer Vereine ins Auge fasse u. bedenke, daß es Schülervereine sind, so fühle ich mich, (wie übrigens auch Dein Bruder Armin) veranlaßt dem Turnverein, solange die körperl. Anliegen das Turnen in demselben die Hauptrolle spielt, unbedingt den Vorzug zu geben. Denn das Turnen thut den Kantonsschülern, die bekanntlich in hohem Grade mit Schulaufgaben überhäuft sind, gewiß sehr gut, es erhält zudem den Geist lebendig u. frisch; während in Schülervereinen mit | wissenschaftlichen TendenzenDie Industria Aarau war aus einem naturwissenschaftlichen Kränzchen entstanden. oft ein kleinlicher Geist sich einschleicht: die Ueberhebung, Wichtigthuerei u. Nachäfferei greift um sich. – Wie gesagt: ich privatim werde Wullschlegers Entscheid nicht beeinflussen. Eine andere Frage ist aber die, wie sich in dieser Angelegenheit unser Bund Wullschleger gegenüber verhalten werde. Unser Bund, die Helv. phil., verlangt nämlich von seinen Mitgliedern, daß sie der Helv. phil. schon wegen ihres Grundprinzips vor andern Vereinen den Vorzug geben. Nun theilte mir W., der schon zu Neujahr bei seinem Aufenthalt in Zürich mit mir diese Frage besprach, mit, daß unser Mitglied H. Rüetschi in den Turnverein eingetreten sei, daß aber er (W.) noch nicht | wisse, nach welcher der 3 Seiten (Turnv. Argovia, Industria) er sich entschließen entscheiden wollen, ob er überhaupt in einen der 3 Vereine eintreten wolleWedekinds Klassenkamerad Otto Wullschleger wurde wurde – erst nach Wedekinds Entlassung (4.11.1882) – Mitglied der Industria Aarau (11.11.1882) [vgl. Wedekind an die Industria Aarau, 30.10.1882; vgl. auch Chaudhuri 2009, S. 107 u.a.].. Unser Bund will nun nicht, daß seine Mitglieder einander entfremdet werden, vielmehr soll das Freundschaftsband, das sie umschlingt, immer enger werden. Es tritt daher die Frage an unsern Bund heran, ob er es gestatten dürfe, daß Helvetianer die Aar Schüler der aarg. Ktsschule sind, verschiedenen von den Aarauer Vereinen angehören dürfen oder nicht. Unter Umständen kommt es ja vor, daß sich die Aarauer Vereine ja geradezu feindlich gegenüberstehen. Wird nun obige Frage vom Bunde verneint, so fragt es sich, ob eventuell Wullschl. deswegen nicht in einem/n/ andern Verein als d. Turnver. eintreten dürfe, weil Rüetschi | dem Turnverein angehört, oder ob nicht vielmehr event. Rüetschi wieder aus dem Turnvereine austreten müsse. Du siehst die Lösung dieser Fragen ist nicht sehr leicht. Gelöst sollen sie aber in nächster Zeit werden: ich werde jetzt schon die erforderlichen Maßregeln ergreifen, daß die Mitglieder unserer Aarauer Sektion nicht später aus den Vereinen, in die sie etwa eingetreten sind, wieder austreten müssen. Denn wie gesagt unser Bund geht Euern Schülervereinen vor gemäß seinem Grundprinzip!

Ich gehe nun zu dem andern Punkte, den ich mit Dir besprechen will, über, nämlich zur Helv phil, resp. Deinen Rechten als „Amicus(lat.) Freund.“. Die Rechte der „Amici(lat.) Freunde.“ werden, was ich Dir | zwar, glaube ich, schon früher bemerkte, in jedem besondern Falle besonders bestimmt. Dir nun räumen wir einstweilen das Recht ein bei einem unserer Aarauer B.-Brüder unserere Bundeszeitung, den „Philosophus Helveticusnicht ermittelt.lesen zu d (nicht aber die offizielle „N. H.“) lesen zu dü u. drein inseriren zu dürfen. Freilich kann Dein Insertionsrecht jederzeit mehr oder weniger beschränkt werden, je nachdem der Raum unserer Zeitung mehr oder weniger durch die Inserate der Helvetianer in Anspruch genommen wird.

Im April nächsthin feiern wir zu Zofingen unser erstes Bundesfest; unter Umständen u. vielleicht unter gewissen Bedingungen werden wir Dich zu demselben einladen: | ich sage unter Umständen, denn Du mußt bedenken, daß unser Bundesvermögen nicht groß ist u. daß namentlich gegenwärtig jetzt tiefe Ebbe in unserer B.-Kasse eingetreten ist. – Natürlich werden wir Dich Dir noch genauere Anzeige machen. – Es würde mich sehr interessiren, warum Du so für Zirkel der Schülerverbindung Industria!Der Zirkel ist das Erkennungszeichen einer Verbindung und besteht aus den „zu einem Zeichen zusammengezogenen Anfangsbuchstaben des Namens und oft auch des Wahlspruchs“ [vgl. Brockhausʼ Konversations-Lexikon. 14. Aufl. Leipzig 1903, Bd. 16, S. 994]. Der Zirkel der Industria enthält die Buchstaben und Zeichen für Industria (lat. Fleiß), Ehre, Freiheit, Vaterland. Das Ausrufezeichen steht vermutlich für: vivat! (lat.) es lebe!. eingenommen bist (– ich habe gehört Du hegest großartige ReformpläneWedekind wurde noch im Frühjahr 1882 Vollmitglied in der Industria und übernahm bald diverse Vorstandsposten [vgl. Wedekinds Korrespondenz mit der Industria Aarau]. in Deinem Kopfe!) u. in welcher Hinsicht sich denn die Aarauer Vereine verändert haben. Ich werde sehr erfreut sein, wenn Du mir hierüber recht bald Mittheilung machst. Da mir gerade nichts mehr einfällt, so schließe ich in der Hoffnung auf recht baldige Nachricht.

Herzl Gruß von Deinem Freunde:
ci-devant Hegel(frz.) einstmals Hegel. Hegel war der Biername, den Moriz Sutermeister während seiner Schülerzeit in der Kantonsschule Aarau trug..


Grüße mir meine Aarauer Confratres(lat.) Aarauer Mitbrüder. Gemeint waren Johann Otto Wullschleger und Hermann Rüetschi, die Aarauer Mitglieder oder Mitbrüder von Moriz Sutermeister in der Helvetia Philosophica.!

Einzelstellenkommentare