Briefwechsel

Cerenotti, Minny di und Wedekind, Frank

3 Dokumente

München, 1. November 1902 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Cerenotti, Minny di

[Hinweis in Minny di Cerenottis Brief an Wedekind vom 7.5.1903 aus Köln:]


Erst heute, nach über einem halben Jahr gelangte Ihr werthes Schreiben, durch die Nachlässigkeit der Post, in meine Hände.

Einzelstellenkommentare

Köln, 7. Mai 1903 (Donnerstag)
von Cerenotti, Minny di
an Wedekind, Frank

Minny di Cerenotti Strauss„Minny di Cerenotti, genannt die deutsche Yvette Gilbert“ [Dortmunder Zeitung, Jg. 76, Nr. 104, 26.2.1903, Morgen-Ausgabe, 2. Blatt, S. (4)], in den Anzeigen ihrer Gastspiele gelegentlich mit Namenszusatz: „Gastspiel der modernen Rezitationskünstlerin und Soloschauspielerin Frl. Minny di Cerenotti (Strauß)“ [Rhein- und Ruhrzeitung, Jg. 55, Nr. 28, 3.2.1903, S. (2)], auch: „Frl. M. di Cerenotti (Strauß-Köppl)“ [Bonner Volkszeitung, Jg. 22, Nr. 1, 1.1.1903, S. (2)].


Hochgeehrter Herr Wedekind!

Verzeihen Sie bitte, indem es mir erst heute vergönnt ist, Ihnen meinen innigsten Dank auszusprechen, für das AufführunsrechtSchreibversehen, statt: Aufführungsrecht. des „Armen Mädchen’swohl Wedekinds Gedicht „Das arme Mädchen“ (1896), dem vorliegenden Brief zufolge; womöglich aber Wedekinds Lied „Das arme Mädchen“ (1901), das er Ende 1902 in München bei den Elf Scharfrichtern vortrug [vgl. KSA 3/III, S. 496]. „Weitere Verbreitung erfuhr womöglich das Lied 1903 durch das von Wedekind erteilte Aufführungsrecht an die Schauspielerin und Schriftstellerin Minny di Cerenotti. Ob es in der Tat zu einem öffentlichen Vortrag des Liedes durch Minny de Cerenotti kam, dazu ließen sich keine Kritiken anführen.“ [KSA 3/III, S. 487].“ Erst heute, nach über einem halben Jahr gelangte Ihr werthes Schreibennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Minny di Cerenotti, 1.11.1902., durch die Nachlässigkeit der Post, in meine Hände. Wie dies überhaupt möglich war, ist mir ein Räthsel. Trotzdem freue ich mich herzlich, über Ihre werthe Erlaubnis, und werde das Gedicht meines modernen Lieblingsdichters Ihm zu Ehren würdig vortragen. verte(lat.) wenden, umblättern.: | Es wird Sie wundern, Herr Wedekind, aber schon sogar die Presse hat mich zu demselben Urtheil verdammt, wie Sie, indem man Ihre, sowie meine einzelnen Dichtungen als zu sehr realistisch bezeichnet. Aber nichtsdestoweniger liegt mir diese Art am besten, neben der Dramatischen.

Fast alle Ihre Werke habe ich schon gelesen, und auch sehr viel daraus gelernt. Das „Arme Mädel“ hörte ich | das erste Mal von Frl. Lona NansenLona Nansen trat im Vorjahr mit großem Erfolg im neu eröffneten Münchner Überbrettl (Direktion: Josef Vallé) im Etablissement Monachia als Vortragskünstlerin auf, „Fräulein Lona Nansen, die Attraktion des Etablissements“ [Münchener Original-Ueberbrett’l in der Monachia. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 108, 5.3.1902, General-Anzeiger, S. 10], zuletzt 1902 im „Herbstprogramm [...]. Allen voran gilt der reiche Beifall [...] dem Fräulein Lona Nansen; sie ist [...] eine echte Brettldiva mit Stimme und schauspielerischem Talent.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 293, 26.8.1902, General-Anzeiger, S. 8] in München.

Hier in Cöln gebe ich nun schon mein III. GastspielMinny di Cerenotti gastierte am 7.5.1903 zum dritten Mal in Köln: „Am Donnerstag, abends 8,30 Uhr, veranstaltet Frl. Minny die Cerenotti (Strauß) ihren 3. Gastspielabend im Rokokosaal des Hotel Disch. Die Gastin ist als Recitationskünstlerin und Soloschauspielerin in weiteren Kreisen bekannt und gilt als eine der ersten Künstlerinnen ihres Faches.“ [Rheinischer Merkur, Jg. 26, Nr. 102, 6.5.1903, S. 2] u. gefalle ganz gut. Übrigens habe ich faßt in allen größeren Städten Süddeutschlands gastiert. Diesen Sommer werde ich meist nur in feineren Badeorten auftreten.

Doch nun zum Schluß, geehrter Herr Wedekind, habe ich Quälgeist noch was auf dem Herzen. Ich möchte Sie frdl. ersuchen, ob Sie vielleicht einen Dramatischen Solo-Vortrag, | für mich passend, haben oder wissen. Ich wäre herzlich gern bereit, mich evtl., wenn ich darf, zu revanchieren. Herr Baron Fritz von OstiniFritz Freiherr von Ostini, Schriftsteller und Redakteur der Zeitschrift „Jugend“ in München (Rumfordstraße 1) [vgl. Kürschners deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1903, Teil II, Sp. 991]. hat mir auch ein Aufführungsrecht zuerkannt.

Falls es Ihnen angenehm, werde ich Ihnen eines meiner Programme, sowie eine photographische Aufnahme als armes Mädel, zusendenWedekind erhielt eine Bildpostkarte, eine als Künstlerpostkarte reproduzierte Fotografie von Minny di Cerenotti, die sie (ihrer Beschriftung zufolge) als Interpretin von Wedekinds Lied oder Gedicht „Das arme Mädchen“ zeigt [vgl. Minny di Cerenotti an Wedekind, 5.6.1903]..

Es grüßt Sie ergebenst
hochachtungsvoll
Ihre
Minny di Cerenotti


Adr: Cöln, Rhein, Hotel Heuser
St. Agatha
42.

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 5. Juni 1903 (Freitag)
von Cerenotti, Minny di
an Wedekind, Frank

Postkarte – Carte Postale
Weltpostverein – Union postale universelle
[...]


Wolgeb. Herrn Frank Wedekind
Schriftsteller
München
p. Adr.Simplizissimus
Hum. Wochenschriftdie als Satireblatt bekannte Münchner Wochenschrift „Simplicissimus“ (verlegt von Albert Langen), an deren Adresse (Kaulbachstraße 91) die Bildpostkarte adressiert ist; im „Simplicissimus“ ist am 18.4.1896 von Max Slevogt illustriert Wedekinds Gedicht „Das arme Mädchen“ erschienen [vgl. KSA 1/II, S. 1131], auf das Minny di Cerenotti sich bezieht (siehe unten).


Abs. Minny di Cerenotti
Frankfurt a/M.
Orpheumdas Frankfurter Orpheum (Direktion: Max Bruck), ein Theater in Frankfurt am Main (Neue Zeil 80-82) [vgl. Neues Adreßbuch für Frankfurt am Main 1904, Teil I, S. 192], an dem die Rezitatorin Minny di Cerenotti wohl gastierte (Orpheum war eine Bezeichnung für Kleinkunstbühnen), jedenfalls aber in der Stadt auftrat, so am 23.6.1903: „Soirée Minny di Cerenotti, im kaufmännischen Verein, Langestraße 26, Nm. 8½.“ [Frankfurter Zeitung, Jg. 47, Nr. 172, 23.6.1903, 3. Morgenblatt, S. 2] |


[Foto]

Das arme Mädel v. Frank Wedekind

Minny di Cerenotti


[am linken Rand, um 90 Grad gedreht:]

Frdl. Grüße sendet Ihnen das OriginalMinny di Cerenotti, die sich als Rezitatorin von Wedekinds Ballade „Das arme Mädchen“ [KSA 1/I, S. 364-366] auf sich bezieht und zugleich auf das Foto von sich auf der Bildpostkarte verweist, das sie in der Rolle des armen Mädchens aus Wedekinds Ballade zeigt; sie hatte von Wedekind das Aufführungsrecht erhalten und ihm ein Foto von sich in der Rolle versprochen, eine „photographische Aufnahme als armes Mädel“ [Minny di Cerenotti an Wedekind, 7.5.1903]..

Einzelstellenkommentare