Briefwechsel

Zavřel, František und Wedekind, Frank

2 Dokumente

München, 4. August 1913 (Montag)
von Zavřel, František
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Tilly Wedekinds Zettel an Frank Wedekind vom 5.8.1913 aus München:]


[...] ich hatte beiliegenden Brief geöffnet, weil ich dachte es seien vielleicht Karten für heute Abend drin.

Einzelstellenkommentare

München, 4. April 1914 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Zavřel, František

[1. Briefentwurf:]


Sehr verehrter Herr Zavrel

Sie widmen Ihre künstlerische Arbeit und Ihre große oftbewährte künstlerische Kraft dem Versuch, „Erdgeist“ dem Tschechischen Theater zu übermitteln. Erlauben Sie mir diese Gelegenheit vor allem wahrzunehmen um Ihnen für die herrliche Erdgeist-Inszenierung, die Sie im dem Münchener Künstler-Theater schenkten innigsten Dank zu sagen. Sie entkleideten die „Personen“ ihrer Zufälligkeiten und ließen sie als die irdischen Mächte als die Faktoren des unseres Erdendaseins aufmarschierensteigen, wie sie mir bei der Arbeit vorschwebten. Trotzdem mußte ich mich fragen, ob bei dieser Art der Inscenierung Ihr Vertrauen in mein Werk nicht größer ist war als seine Tragfähigkeit. Aber das zustimmende Einverständnis der Zuschauer gab Ihnen Recht. Der Todeskampf den weibliche | Unbefangenheit, Selbstverständlichkeit und Ursprünglichkeit gegen die herkömmlichen weltbeherrschenden Grundsätze des Mannes führt, trat klar zu Tage.

Gegenwärtig leben
Es leben im tschechischen Volk zur Zeit eine Anzahl junger Dramatiker
Eine Anzahl junger Dramatiker leben und schaffen zur Zeit im Tschechischen Volk denen es genau so schwer fällt wird wie für ihre Kunst Kunstschöpf Bühnenschöpfungen Gehör und Verständnis zu finden, wie es mir vor zwanzig Jahren während der muffigen Schreckensherrschaft des pedantischen engherzigen Naturalismus in Deutschland war. Wenn es dem Erscheinen der Aufführung des „Erdgeist“ auf der Tschechischen Bühne vergönnt wäre die Wirkung beschieden wäre, diesen jungen Kämpfern ihrer Kettenlast zu die Ketten zu lockern | entledigen ihren Schöpfungen die Thore des einheimischen Theaters zu öffnen zugänglicher zu machen, Ihr ihrer Kunst und damit den Weg auf die deutschen Bühnen Bühnen Deutschlands zugänglicher zu machen.


So wäre das der größte und schönste Erfolg den mir meine Arbeit bis heute eintrug
den ich meiner Arbeit und Ihrer ihrem Übersetzer und Ihrer Inscenierung, verehrter Herr Zavrel wünschen kann.


[2. Abgesandter Brief:]


München 4. April 1914Der auf den 4.4.1914 datierte abgesandte Brief wurde kaum 14 Tage, bevor er übersetzt kurz vor dem 18.4.1914 in der tschechischen „Erdgeist“-Ausgabe (seinem Erstdruck in tschechischer Sprache) erschien, geschrieben, in den Pressemeldungen als „Vorwort“ [Prager Tagblatt, Jg. 39, Nr. 106, 19.4.1914, Morgen-Ausgabe, S. 12] zu dieser Ausgabe ausgewiesen; ein einleitender Text Wedekinds war einige Wochen zuvor angekündigt: „Dozent Ottokar Fischer von der Prager Universität und Direktor Franz Zavrel haben Frank Wedekinds ‚Erdgeist‘ [...] mit der Autorisation des Dichters ins Tschechische übersetzt. Für die Buchausgabe wird Wedekind selbst eine Einleitung schreiben.“ [Prager Tagblatt, Jg. 39, Nr. 68, 11.3.1914, Morgen-Ausgabe, S. 5] Der Briefentwurf dürfte kurz nach Wedekinds Abreise aus Berlin am 31.3.1914 (Ankunft in München am 1.4.1914) verfasst worden sein [vgl. Tb]. Es darf davon ausgegangen werden, dass Wedekind seinen Brief von vornherein als offenen Brief konzipiert und dies mit František Zavřel entsprechend verabredet hat. Dafür sprechen mehrere Indizien (rhetorischer Gestus, inhaltliche Aspekte, die für Wedekind ungewöhnliche Abfassung in lateinischer Schrift ‒ für tschechische Muttersprachler leichter zugänglich als Kurrentschrift ‒ sowie die für eine solche Würdigung, wie der Brief sie bietet, ebenfalls ungewöhnliche Benutzung eines Bleistifts statt distinguierter Tinte, was für einen pragmatischen Umgang mit Blick auf die Übersetzung und Veröffentlichung als eigentlichem Zweck des Briefes spricht). Dafür, dass der Brief von vornherein als offener Brief gedacht war, sprechen nicht zuletzt die häufigen Treffen Wedekinds mit František Zavřel in Berlin. Wedekind hat den Regisseur seinem Tagebuch zufolge nicht nur während seines Kurzaufenthalts in Berlin (Abreise von München: 8.2.1914, zurück am 10.2.1914) am 9.2.1914 („Altes Café des Westens [...] Zawrel“) sowie auf der Durchreise zu einem Gastspiel (Ankunft in Berlin und Weiterfahrt nach Königsberg: 25.2.1914) am 25.2.1914 („Café des Westens mit Zavrel“) getroffen, sondern gegen Ende seines letzten Berlin-Aufenthalts (22. bis 31.3.1914) vor Abfassung des Briefes gleich zweimal ‒ am 29.3.1914 („Nachmittag bei Gsawrel“) und am 30.3.1914 („Elite Hotel mit [...] Sgsawrel“). Spätestens bei diesen Treffen dürfte der offene Brief verabredet worden sein..


Sehr verehrter Herr ZavrelFrantišek Zavřel, gemeinsam mit Georg Fuchs Direktor des Münchner Künstlertheaters, wo er auch als Oberregisseur tätig war [vgl. Neuer Theater-Almanach 1914, S. 563], sowie gemeinsam mit Ludwig Stärk Direktor am Theater am Nollendorfplatz in Berlin, dort ebenfalls Oberregisseur [vgl. Neuer Theater-Almanach 1914, S. 319], wohnte, seinerzeit ausgewiesen als Direktor des Münchner Künstlertheaters, in Berlin (Uhlandstraße 47) [vgl. Berliner Adreßbuch 1914, Teil I, S. 3600].!

Ihre künstlerische Arbeit und Ihre oft bewährte künstlerische Kraft widmen Sie dem Versuch, das Drama „Erdgeist“ dem tschechischen TheaterWedekinds „Erdgeist“ hatte unter dem Titel „Lulu“ am 18.4.1914 am tschechischen Intimen Theater in Prag (Smichow) unter der Regie von František Zavřel mit Ema Švandová als Lulu Premiere ‒ die erste Aufführung eines Wedekind-Stücks in tschechischer Sprache. „Wedekind auf der tschechischen Bühne“ war zunächst zwar angekündigt für das von Jaroslav Kvapil geleitete „Nationaltheater in Prag“ [Prager Tagblatt, Jg. 39, Nr. 68, 11.3.1914, Morgen-Ausgabe, S. 5], František Zavřel entschied sich dann aber für das Intime Theater (vermittelt durch Alexander Třebovsky). Die Presse meldete: „Wedekinds ‚Erdgeist‘ [...] wird demnächst nicht auf der Bühne des tschechischen Nationaltheaters, sondern am Smichower Intimen Theater seine Erstaufführung erleben, wobei Direktor Zavrel die Regie übernommen hat. ‚Erdgeist‘ stellt eine Neubearbeitung von ‚Lulu‘ dar, wie sie im Münchener Künstlertheater, dessen dekorative Einrichtung auch hier zur Verwendung kommt, über die Bretter ging. Regisseur A. F. Třebowsky weilte dieser Tage in Berlin, wo er im Auftrage seiner Direktion die Verhandlung mit Direktor Zavrel zu Ende führte.“ [Prager Tagblatt, Jg. 39, Nr. 83, 26.3.1914, Morgen-Ausgabe, S. 6] Wedekinds Kommen zur Premiere war angekündigt, er war dann aber verhindert: „Im tschechischen Intimen Theater fand gestern die Aufführung von Wedekinds ‚Lulu‘ statt, die von dem Berliner Regisseur Zavrel, einem gebürtigen Prager, inszeniert wurde. Wedekind, der für die czechische Uraufführung einen Prolog geschrieben hatte, wollte ursprünglich nach Prag kommen, mußte jedoch in Stuttgart seine Reise unterbrechen. Das Stück fand großen Beifall.“ [Aufführung von Wedekinds „Lulu“ in Prag. In: Grazer Tagblatt, Jg. 24, Nr. 91, 20.4.1914, Abend-Ausgabe, S. 2] zu übermitteln. Erlauben Sie mir, diese Geg/l/egenheit vor allem wahrzunehmen, um Ihnen für die herrliche ErdgeistinscenierungWedekind bezieht sich auf die „Erdgeist“-Aufführung (unter dem Titel „Lulu“ als geschlossene Vorstellung) zur Neueröffnung des Münchner Künstlertheaters nach Renovierung am 30.5.1913 unter der Regie von František Zavřel (weitere Vorstellungen am 8. und 9.6.1913 zugunsten des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und der Kleist-Stiftung). Wedekind hatte am 25.4.1913 vorab eine „Unterredung mit Zawrel über Luluaufführung.“ [Tb] František Zavřels Inszenierung arbeitete „den demonstrativen Gestus, die Leidenschaftlichkeit, das Tempo und die unerbittliche Härte der Handlung und die grotesken und komischen Momente der Kolportage heraus, um im Zusammenprall des ungebändigten mit dem zivilisierten Leben, im Wirbel der Ereignisse und Personen eine expressionistische Menschheitstragödie aufscheinen zu lassen“ [KSA 3/II, S. 1204]., die Sie dem Münchener | Künstlertheater schenkten, innigsten Dank zu sagen. Sie entkleideten die „Personen“ ihrer Zufälligkeiten und liessen sie als irdische Gewalten, als Faktoren unseres Daseins aufsteigen, wie sie mir bei der Arbeit vorschwebten. Trotzdem musste ich mich fragen, ob d bei dieser Grösse der Inscenierung Ihr Vertrauen in mein Werk nicht stärker war als seine Tragfähigkeit. Aber das zustimmende Einverständnis der Zuschauer schien Ihnen | recht zu geben. Der Todeskampf, den weibliche Unbefangenheit, Selbstverständlichkeit und Ursprünglichkeit gegen die herkömmlichen weltbeherrschenden Grundsätze des Mannes führt, trat klar zu Tage.

Ausser meinem Dank erlauben Sie mir noch einem innigen Wunsche Ausdruck zu geben. Eine Anzahl junger Dramatiker leb leben und schaffen zur Zeit im tschechischen Volke, denen es genau so schwer wird, für ihre Bühnenschöpfungen Gehör und Verständnis zu finden, wie es mir vor zwanzig | Jahren unter der muffigen Schreckensherrschaft eines pedantischen Naturalismus in Deutschland wurde. Wenn der Er d/A/ufführung des „Erdgeist“ auf der tschechischen Bühne die befreiende Wirkung beschieden wäre, diesen jungen Kämpfern die Ketten zu lockern, ihren Schöpfungen die heimatlichen Theater und damit auch die Bühnen Deutschlands zugänglich zu machen, so wäre das der grösste und schönste Erfolg, den ich meiner Arbeit, ihremDie Stelle ist nach „ihrem“ von fremder Hand mit Tinte angekreuzt und auf der Rückseite in tschechischer Sprache als grammatikalischer Fehler erörtert ‒ mit Zitat der betreffenden deutschen Wortfolge in korrigierter Form: „(ihrem trefflichen Übersetzer)“ (dabei „m“ in „ihrem“ und „r“ als letzter Buchstabe in „Übersetzer“ doppelt unterstrichen). trefflichen Übersetzern, und Ihrer Inscenierung, verehrter Herr Zavrel, wünschen kann.

Mit schönstem Gruss
Ihr ergebener
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare