Briefwechsel

Weinhöppel, Hans Richard (Hannes Ruch) und Kraus, Karl

3 Dokumente

Berlin, 28. Dezember 1905 (Donnerstag)
von Sandrock, Adele, Weinhöppel, Hans Richard, Wedekind, Frank und Eysler, Robert
an Kraus, Karl

Postkarte


An Herrn
Karl Kraus
in Wien
Wohnung (Straße und Hausnummer) IV. Schwindg. 3. |


Sie Elender Hecht. Eigentlich sollte ich Ihnen nicht mehr schreiben, weil Sie ein ordinairer‚ordinaire‘ (frz.) = gewöhnlich. FiloujudWortschöpfung aus ‚Filou‘ (frz.) = Spitzbube, Gauner, Schelm (scherzhaft), und ‚Jude‘ (abwertend zu ‚Jud‘ verkürzt); ‚der jüdische Filou‘ war ein antisemitisches Stereotyp. sind und mir nicht ein WortKarl Kraus hatte auf Post von Adele Sandrock nicht reagiert – nicht auf einen von Wedekind mitunterzeichneten schwärmerischen Kartenbrief [vgl. Adele Sandrock, Wedekind an Karl Kraus, 30.11.1905], nicht auf die Liebeserklärung in einer gleich darauf folgenden Postkarte von ihr: „Liebster Carl, Ich liebe Dich wie ich eben Fr. W. beichtete“ [Nottscheid 2008, S. 154]. geschrieben haben.

Frank hat heute gigantisch gespieltWedekind notierte am 28.12.1905 seinen neunten Auftritt in der Titelrolle des „Marquis von Keith“ [vgl. Tb] am Kleinen Theater in Berlin (nach der Premiere am 13.12.1905); die Vorstellung begann um 20 Uhr [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 657, 28.12.1905, Morgen-Ausgabe, 3. Beiblatt, S. (3)]. Sein Gastspiel in dieser Rolle fand in der Presse keinen Beifall [vgl. KSA 4, S. 548f.]; man fand ihn „spottschlecht“ [Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 635, 14.12.1905, Morgen-Ausgabe, S. (2)] und war „arg enttäuscht“ [Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Nr. 244, 15.12.1905, S. 976].. Der Mann ist ein Genie! Gruß Ihre Adele


Darf ich Ihnen meinen lieben Jugendfreund Hans Richard Weinhöppel recht warm empfehlen. Ich gratuliere zum Wiener CabaretWedekind gratulierte zur Gründung des Künstlerkabaretts Nachtlicht, die in der Presse angekündigt war: Marc Henry, „der Gründer und Leiter der elf Scharfrichter, wird hier ein Original-Kabarett mit dem Titel ‚Nachtlicht‘ eröffnen.“ [Nachtlicht-Kabarett. In: Neues Wiener Journal, Jg. 13, Nr. 4366, 17.12.1905, S.22] Es sollte an den Erfolg der Elf Scharfrichter in München anknüpfen und wurde am 5.1.1906 um 22 Uhr in Wien eröffnet, unter Beteiligung von Wedekinds altem Freund Hans Richard Weinhöppel, der unter seinem Pseudonym (Hannes Ruch) die musikalische Leitung übernahm: „Heute 10 Uhr in Bradys Wintergarten I., Ballgasse 6, Eröffnungsvorstellung des Künstler-Cabarets ‚Nachtlicht‘ unter der Leitung von Mr. Henry und Hannes Ruch (von den Elf Scharfrichtern).“ [Neue Freie Presse, Nr. 14859, 5.1.1906, Morgenblatt, S. 17] Karl Kraus war an dem Unternehmen allerdings nicht direkt beteiligt, wie er zur Eröffnungsvorstellung klarstellte: „Ich ärgere mich immer, daß ich so spät erst von all den Dingen, die ich tue, erfahre. [...] Da habe ich hinter meinem Rücken ein modernes Cabaret gegründet. [...] dies erfahre ich als der letzte. Und freue mich der mythenbildenden Kraft, die ich mir in Wien bereits erworben habe. [...] Daß ich in Gesellschaft des Leiters Mr Henry und seiner Mitarbeiter zu sehen bin, ist unbestreitbar; auch daß ich ab und zu in szenischen Dingen mit Rat helfe. Aber im Ganzen habe ich zu dem Cabaret, das gegründet wird, keine andere Beziehung als die des Interesses, das ein Kunstfreund an einer künstlerischen Gründung nimmt“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 192, 5.1.1906, S. 27].. Herzlichst Frank.


Wenn Sie wollen, werde ich in wenig Tagen die Freude erleben, Sie zu begrüßen. Bis dahin erlaube ich mir, Sie schönstens zu grüßen. Ihr Hans Richard Weinhöppel –


Ergebenen Gruß sendet Robert Eysler.

Einzelstellenkommentare

Wien, 8. Februar 1906 (Donnerstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Tilly, Wedekind, Frank, Weinhöppel, Hans Richard

[Hinweis in der von Hans Richard Weinhöppel adressierten Bildpostkarte (mitunterzeichnet von Tilly Newes und Frank Wedekind) an Karl Kraus vom 16.2.1906 aus München:]


Ihre Grüße freundlichst erwiedernSchreibversehen (von Tilly Newes), statt: erwidern. [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. Februar 1906 (Freitag)
von Weinhöppel, Hans Richard, Wedekind, Frank und Wedekind, Tilly
an Kraus, Karl

Postkarte – Carte Postale
Weltpostverein – Union postale universelle
[...]


Herrn Karl Kraus
Herausgeber der „Fackel
Wien
IV Schwindgasse 3


(Mitteilungen auf diesem Raum nur im Inland gestattet.)


Ihre GrüßeHinweis auf eine nicht überlieferte Grußkarte; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Tilly Wedekind (Newes), Hans Richard Weinhöppel, Frank Wedekind, 8.2.1906. freundlichst erwiedernSchreibversehen, statt: erwidern.
Tilly Newes
u.s.w.


Mein StillschweigenKarl Kraus dürfte sich in der nicht überlieferten Grußkarte (siehe oben) bei Hans Richard Weinhöppel (Hannes Ruch) nach dessen Schweigen über sein zwischenzeitliches Ausscheiden aus dem Künstlerkabarett Nachtlicht erkundigt haben, das mit ihm als musikalischem Leiter und Marc Henry als Direktor am 5.1.1906 nach dem Vorbild der Münchner Elf Scharfrichter in Wien (Ballgasse 6) eröffnet worden war. Weinhöppel hat sich zumindest öffentlich nicht dazu geäußert, auch Presseberichte darüber liegen nicht vor, lediglich eine knappe Notiz keine zwei Wochen nach der Eröffnung über ihn (und den Sänger Fritz Quidam): „Hannes Ruch und Quidam, die besten der Scharfrichter, sind fort.“ [Cabaret „Nachtlicht“. In: Arbeiter-Zeitung, Jg. 18, Nr. 18, 19.1.1906, S. 6] Weinhöppel war dann aber wieder beim Nachtlicht dabei, wenn auch unter Vorbehalten [vgl. Hans Richard Weinhöppel, Heinz Lebrun, Egon Friedell, Erich Mühsam, Marc Henry, Marya Delvard, Karl Kraus, Carl Leopold Hollitzer an Wedekind, 27.3.1906]. Karl Kraus, der sich mit Marc Henry dann ernsthaft überwarf, bemerkte rückblickend in seinem Rechenschaftsbericht über sein Verhältnis zu diesem Kabarett: „Daß Herr Henry, ein geschickter Chansonnier mit dürftigem Repertoire, sich als Direktor möglich findet, war mir rätselhaft, und der echte Wert der nach Wien geretteten Scharfrichterei schien mir [...] ausschließlich in der Mitarbeit des vorzüglichen Musikers Hannes Ruch zu liegen.“ [Nachtlicht. In: Die Fackel, Jg. 7, Nr. 203, 12.5.1906, S. 17-23, hier S. 18] ist gar kein Beweis. Ich grüße Sie herzlichst
Ihr HRuch


Tausend Grüsse
Frank. |


Burgstrasse  Neuer Dom

Gruss aus Berlin

Einzelstellenkommentare