Briefwechsel

Liliencron, Detlev von und Wedekind, Frank

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München, 15. Januar 1901 (Dienstag)
von Wedekind, Frank, Gumppenberg, Hanns von, Keyserling, Eduard von, Kunolt, Heinrich, Steiger, Edgar, Weinhöppel, Hans Richard und Martens, Kurt
an Liliencron, Detlev von

Königreich Bayern.
POSTKARTE.


An
Herrn Detlev Frh. von Liliencron
in Altona, PalmailleDer Dichter Detlev von Liliencron wohnte seinerzeit in einer der ältesten Straßen der damals holsteinischen Stadt Altona (Palmaille 5, 2. Stock) [vgl. Altonaer Adreßbuch für 1901, Teil I, S. 88]. Er zog am 15.4.1901 um nach Alt-Rahlstedt bei Hamburg. |


Lieber Lilienkron, wir genießen seit Stunden Ihre Lieder mit WeisenVertonungen von Gedichten Detlev von Liliencrons von Hans Richard Weinhöppel, der bereits seit 1892 Gedichte Liliencrons zu Liedern zur Laute oder Gitarre vertont hatte [vgl. Kemp 2017, S. 181f.]; drei dieser Vertonungen – „Bruder Liederlich“, „Kurz ist der Frühling“ und „Die Musik kommt“ (dann eines der populärsten Repertoirestücke des frühen deutschen Kabaretts), als Gedichte in der von Otto Julius Bierbaum herausgegebenen Anthologie „Deutsche Chansons“ (1900) erschienen – wurden wenige Wochen später bei der Eröffnung des Münchner Kabaretts Die Elf Scharfrichter vorgetragen, die beiden ersten vom Komponisten selbst [vgl. Kemp 2017, Anhang Repertoire, S. 80f., 97f., 106]. Zum Ensemble der Elf Scharfrichter gehörten von den Unterzeichnern der vorliegenden Postkarte nicht nur Wedekind und Hanns von Gumppenberg, sondern auch Hans Richard Weinhöppel (siehe unten). von Hann/s/ Richard Weinhoppel. Wären Sie doch bei uns, Sie hätten Ihre Freude, wie wir sie Ihren Worten danken. – Ihr Wedekind.


Lieber Lilienkron! ich freue mich, Ihnen bei dieser Gelegenheit Ihnen wieder meine herzliche Bewunderung für Ihre Lieder aussprechen zu können Ihr alter Bekannter Hanns von Gumppenberg


Es lebe der Sonntag im Schloßkellerin der Schankwirtschaft Schloßkeller (Inhaber: Max Häßler) in Leipzig (Dresdner Straße 56) [vgl. Leipziger Adreß-Buch für 1901, Teil I, S. 888]. in ReudnitzStadtteil von Leipzig.! Ihr Edgar Steiger. |


Königreich Bayern.
POSTKARTE.


An
Herrn Detlev Freiherr v. Liliencron
in Altona Palmaille |


Fortsetzung: In aufrichtiger Verehrung E. Graf Keyserling


HKunolt


Mit vielen herzlichen Grüßen Kurt Martens


Bitte, schicken Sie mir Alles was zur Guitarre klingt, – ich singe Sie Tag und Nacht, weil Sie Nacht und Tag in mir singen.
In treuer Dankbarkeit
Ihr
alter Minstrel(engl.) Spielmann. „Minstrels [...] hießen in England während des 13.-16. Jahrh. die Sänger, welche die von ihnen selbst oder andern gedichteten Lieder mit Begleitung eines Saiteninstruments [...] vortrugen.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 5. Aufl. Bd. 12. Leipzig, Wien 1896, S. 364] Hans Richard Weinhöppel, musikalischer Leiter der Elf Scharfrichter (Pseudonym: Hannes Ruch), trat bei den ersten Vorstellungen in einem mittelalterlich anmutenden Kostüm mit „seidenem Beinkleid, Wadelstrümpfen und Schnallenschuhen“ [Kemp 2017, Anhang Repertoire, S. 81; Zitat aus „Münchener Zeitung“, 14.4.1901] auf.
Hans Richard Weinhöppel

Einzelstellenkommentare

Berlin, 5. März 1905 (Sonntag)
von Liliencron, Detlev von
an Wedekind, Frank

Lieber Frank Wedekind, bitte nehmen Sie Frau Kurt Siegfrieddie Witwe Bertha Siegfried (geb. Kasch) aus Lübeck (Adolfstraße 15) [vgl. Lübeckisches Adreßbuch für 1905, Teil II, S. 554], Mutter des 1903 in München zu Tode gekommenen Studenten stud. jur. Kurt Siegfried, zuletzt im Sommersemester 1903 an der Universität München verzeichnet, an den vier Briefe von Detlev von Liliencron sowie ein Kondolenzbrief an die Mutter vom 5.8.1903 überliefert sind [vgl. Kurt Ziesenitz: Fünf unveröffentlichte Liliencron-Briefe. In: Deutsche Rundschau, Bd. 201, Jg. 51, 4. Quartal, Heft 1, Oktober 1924, S. 39-42]. aus Lübeck freundlich | auf. Immer Ihr
DETLEV FREIHERR VON LILIENCRON,
HAUPTMANN A. D.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 9. März 1908 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Liliencron, Detlev von

Hochverehrter Herr Liliencron!

Es drängt mich seit Wochen, Ihnen für die herzlichen GeleitworteAnspielung auf einen Brief, den Detlev von Liliencron an den Regisseur Leopold Jessner kurz vor dessen „Erdgeist“-Tournee (siehe unten) mit einem frei zusammengestellten Ensemble [vgl. Seehaus 1973, S. 133] geschrieben hat; er ist verschollen, überliefert ist aber im Zuge dieser Tournee ein Zitat in der zeitgenössischen Presse: „Großes Interesse gibt sich für die ‚Erdgeist‘-Aufführung [...] kund. Daß die Aufführung von wirklich berufenen Interpreten Wedekinds erfolgen wird, beweise folgender kurze Auszug aus einem Briefe, den der Dichter Liliencron an Regisseur Jeßner vom Thalia-Theater in Hamburg und Leiter des Gastspielensembles gerichtet hat: ‚Im Anschluß an unsere Unterredung über Wedekind fällt mir noch ein, daß es wohl weniger Bitterkeit ist, mit der sich Wedekind ausdrückt, als souveräne Ironie und Satire. Sie wollen jetzt eine Wedekind-Reise machen, die wird ihnen glücken mit solchen Künstlern, wie es Stockhausen und Frau Schroth, sind. Es muß ein Genuß sein, Wedekind aufgeführt zu sehen unter Ihrer Leitung, die wir ja schon oft in glänzender Weise im Thaliatheater bewundern durften. Wedekind ist die prägnanteste Erscheinung unserer jungen Theaterbewegung. Er ist ein Künstler durch und durch. Und Sie sind der beste Kenner seiner Kunst.‘“ [Gießener Anzeiger, Jg. 158, Nr. 40, 17.2.1908, 1. Blatt, S. (2)] Später hat Artur Kutscher (zuerst am 9.3.1928 in der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“) nochmals auf diesen Brief aufmerksam gemacht: „Liliencron schrieb an Jeßner schon im Januar 1908: ‚Wedekind ist die prägnanteste Erscheinung unserer jungen Theaterwelt. Er ist Künstler durch und durch.‘“ [Frank Wedekind. Zum zehnjährigen Todestag. In: Die Literatur, Jg. 30 (1927/28), S. 463], die Sie unserem Freunde Leopold Jeßner mit auf den Wegmit auf den Weg der Tournee des „Erdgeist“-Ensembles, die unter anderem nach Görlitz (8.2.1908), Stettin (10.2.1908), Magdeburg (11.2.1908), Kassel (17.2.1908), Gießen (22.2.1908), Jena (20.2.1908), Köln (24.2.1908), Lübeck (26.2.1908) und Kiel (28.8.1908) führte und die nun abgeschlossen war, wie die Presse meldete: „Das unter der Leitung des Oberregisseurs Leopold Jessner vom Hamburger Thalia-Theater stehende ‚Erdgeist-Ensemble‘ ist nach einer an künstlerischen Ehren reichen vierwöchentlichen Gastspielreise wieder nach Berlin zurückgekehrt.“ [Saale-Zeitung, Jg. 42, Nr. 115, 8.3.1908, Beiblatt, S. (1)] gaben, meinen aufrichtigen Dank zu | sagen. Vor allem aber muß ich Ihnen aussprechen, wie stolz ich darauf bin, daß sich mein Stück mit einer solchen Empfehlung von Ihnen zeigen durfte. Sie werden nicht müde, mit allen Händen Geschenke auszutheilen.

Wie ein paar WorteAnspielung auf das enthusiastische Feuilleton, das Detlev von Liliencron zu Rudolf Presbers satirischem Skizzenbuch „Von Leutchen, die ich lieb gewann“ (1905) veröffentlicht hatte; darin heißt es: „Welch ein lustiges Buch durch und durch! [...] Ja, welch ein wundervolles, köstliches Buch ist es! [...] Wie scharf hat der Dichter uns Menschen gesehen, [...] wie scharf unsere großen und kleinen Eigenheiten gekannt! […] Rudolf Presber hat in unsere Seelen gesehen.“ [Detlev v. Liliencron: Von Rudolf Presbers Buch „Von Leutchen, die ich lieb gewann“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 577, 11.11.1905, Abend-Ausgabe, 1. Beiblatt, S. (1)]. Das Buch wurde für Rudolf Presber und seinen Verlag, die Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart, zum Longseller; noch 1905 erschien die 4. Auflage, die 41. bis 45. Auflage erschien 1918. | von Ihnen Rudolf Presber zu einem glücklichen Omen wurden, so scheinen Sie es auch mir geworden zu sein. Sie beschämen uns, wenn Sie zu alle dem Reichtum, dem wir Ihrem Lebenswerk verdanken auch noch solche Gaben uns theilen.

Ich habe es sehr bedauert | daß wir uns so lange nicht mehr in behaglicher Muße gesehen haben. Das letzte Mal war es vor zehn Jahren in LeibzigWedekind war am 4.2.1898 bei der von der Literarischen Gesellschaft in Leipzig veranstalteten Lesung von Detlev von Liliencron [vgl. Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 61, 4.2.1898, Morgen-Ausgabe, 4. Beilage, S. 887] anwesend, wie Detlev von Liliencrons Brief aus Leipzig an Gustav Falke vom 5.2.1898 [vgl. Spiero 1927, S. 316] und die Erinnerung von Kurt Martens an die Lesung [vgl. Martens 1921, S. 212f.] belegen.. Hier in BerlinAnspielung auf zwei gemeinsame Lesungen in Berlin, jeweils im Beethovensaal (Köthener Straße 28), die Wedekind beide notiert hatte – am 5.3.1905: „Vortrag im Bethovensaal mit Gertrud Eysold Lilienkron und Marzel Salzer“ [Tb], das war eine Matinee um 12 Uhr zusammen mit Gertrud Eysoldt, Detlev von Liliencron und Marcell Salzer [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 116, 4.3.1905, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, S. (3)], und am 22.10.1905: „Abends mit Detlev von Lilienkron Vortrag im Bethovensaal“ [Tb], das war ein gemeinsamer Leseabend um 20 Uhr [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 539, 22.10.1905, Sonntags-Ausgabe, 5. Beiblatt, S. (3)]. hatten Sie immer so wenig Zeit.

Mit den herzlichsten Grüßen auch von meiner lieben Frau bin ich Ihr
dankbar ergebener
Frank Wedekind.


9.3.8Wedekind schrieb dem Leiter der „Erdgeist“-Tournee (siehe oben) am selben Tag [vgl. Wedekind an Leopold Jessner, 9.3.1908]..

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