Briefwechsel

Holitscher, Arthur und Wedekind, Frank

12 Dokumente

Berlin, 11. November 1903 (Mittwoch)
von Holitscher, Arthur
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Arthur Holitscher vom 19.11.1903 aus München:]


Deine freundlichen Zeilen [...]. Ich glaube aus Deinen Zeilen ersehen zu können, daß Du Dich in Berlin ungemein glücklich fühlst.


[2. Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 29.11.1904 aus München:]


Eben lese ich Holitschers Brief noch einmal durch. Er ist so herzlich gehalten daß ich Sie ersuche, ihn mir gelegentlich wieder zurückzuschicken [...]

Einzelstellenkommentare

München, 19. November 1903 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Holitscher, Arthur

München, XI.1903Schreibdatum war der 19.11.1903 (siehe unten)..


Lieber HolitscherWedekind war mit dem Schriftsteller Arthur Holitscher „seit 1895 eng befreundet“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 63], der 1896/97 Mitarbeiter und Redakteur des „Simplicissimus“ war; die Freundschaft hatte nach Wedekinds Rückkehr nach München 1900 eine besondere Qualität [vgl. Holitscher 1924, S. 127-135, 138f., 181-197].!

Deine freundlichen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Arthur Holitscher an Frank Wedekind, 11.11.1903. ‒ Arthur Holitscher in Berlin könnte von Wedekinds Erkrankung durch folgende Pressemeldung erfahren und dem Freund in München daraufhin sofort geschrieben haben: „Aus München wird uns geschrieben: Frank Wedekind liegt seit drei Tagen an Lungenentzündung nicht unbedenklich krank darnieder.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 32, Nr. 573, 11.11.1903, Abend-Ausgabe, S. (2)] waren mir eine angenehm kühlende Labe inmitten meines FiebertaumelsMax Halbes Tagebücher geben Auskunft über den Verlauf von Wedekinds Lungenentzündung, die er sich bei einem Gastspiel in Nürnberg (31.10.1903 bis 5.11.1903) zugezogen hatte. Max Halbe notierte am 8.11.1903: „Erhalte gleich nach dem Aufstehen Brf. von Wedekind, daß er mich noch einmal sehen will, bin sehr bestürzt, finde ihn in sehr schlechtem Zustand. Bildet sich ein, er [...] müsse heute sterben. [...] Arzt kommt u. diagnostiziert Lungenentzündung“ [Tb Halbe], am 12.11.1903: „Wedekind auf dem Wege der Besserung“ [Tb Halbe], am 17.11.1903: „Wedek. fieberfrei, aber schlechter Laune“ [Tb Halbe], am 19.11.1903 (Max Halbe war im Begriff, in Richtung Berlin aufzubrechen): „besuche vor der Abfahrt noch Wedek., der aufgestanden“ [Tb Halbe]. Wedekind selbst schilderte seiner Mutter im Rückblick den Ablauf seiner da schon überstandenen Krankheit [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 3.12.1903].. HeuteWedekind ist am 19.11.1903 zum ersten Mal aufgestanden, wie Max Halbe an diesem Tag notierte (siehe oben). bin ich zum ersten Mal aufgestanden, meine Fähigkeiten sind immer noch sehr beschränkt, so daß dieser Brief wol nicht sehr ergiebig ausfallen wird. Aber es thut mir wohl, Dir für Deine liebenswürdige Theilnahme zu danken. Auch ich finde, daß mir das Pech etwas weniger Anhänglichkeit beweisen dürfte, aber wenn von heute ab alles gut geht, dann bin ich immer noch mit einem blauen Auge davon gekommen.

Ich glaube aus Deinen Zeilen ersehen zu können, daß Du Dich in Berlin ungemein glücklich fühlst. Das wundert mich nicht, denn Du verkehrst dort offenbar in einer literarisch sehr reservirtenzurückhaltenden. Gesellschaft, in der trotzdem wol das Zünftigedas Bodenständige, Rustikale, Urige. nicht so zur Betonung gelangt wie hier in München. Das HerdenbewußtseinModebegriff (im Anklang an moralphilosophische Erörterungen Friedrich Nietzsches). wuchert hier in solchem Maße, daß ich mich oft versucht fühle, die Feder ohne weiteres aus der Hand zu legen, da es ja doch fast unmöglich ist, sich irgend eine eigene originelle Empfindung zu wahren. Ich habe immer noch den Vorsatz, mich für diesen Winter möglichst auf meine vier Wände zu beschränken, und vielleicht wird mir die Ausführung jetzt durch meine Krankheit erleichtert. Aber jetzt gehen mir die Gedanken aus, die ich heute seit vierzehn Tagengenau gerechnet seit dem 5.11.1911, dem letzten Tag von Wedekinds sechstägigen Gastspiel in Nürnberg, bei dem er sich die Lungenentzündung zugezogen hatte und nach der letzten Vorstellung sofort zurück nach München gefahren sei, wie er seiner Mutter im Rückblick berichtete [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 3.12.1903]. zum ersten Mal wieder zu sammeln suchte.

Habe noch einmal herzlichen Dank für Deine freundliche Theilnahme. Mit den besten Wünschen für Dein Wohlergehen und den herzlichsten Grüßen Dein
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 13. Oktober 1906 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Holitscher, Arthur

[Hinweis in Arthur Holitschers Brief an Wedekind vom 19.10.1906 aus Budapest:]


Dank für Deine Karte [...]

Einzelstellenkommentare

Budapest, 19. Oktober 1906 (Freitag)
von Holitscher, Arthur
an Wedekind, Frank

Budapest, VI. Király.-u. 100. IIIdie Király-Straße 100 (3. Stock) im 6. Bezirk von Budapest (Pest). Arthur Holitschers Briefadresse in Budapest war eigentlich die Lazargasse 5 [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1907, Teil II, Sp. 659]..


19.10.06.


Lieber Freund, Dank für Deine Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Arthur Holitscher, 13.10.1906., glaube mirs, ich würde mich am unbändigsten freuen, könnte ich wieder bald bei FrederichWedekind hat zuletzt am 13.10.1906 das Berliner Weinlokal A. Frederich (Potsdamerstraße 12) besucht – „mit Tilly bei Frederich“ [Tb], wo er die erwähnte Postkarte (siehe oben) an Arthur Holitscher geschrieben haben dürfte. Wedekind war dem Tagebuch zufolge wohl mit ihm am 14.6.1906 in dem Stammlokal („Am Abend begegne ich Holitscher. Er ißt mit uns zu Abend. Dann im Weihen-Stephan und bei Fredrichs“), außerdem am 20.6.1906 („Abends mit Kraus und Hollitscher bei Friedrich“), nicht aber bei dem weiteren notierten Treffen am 22.6.1906 („mit Kraus Hollitscher und Sulzberger zu Treppchen“). in Eurer Mitte sitzen, meinetwegen sogar mit Oskar FriedWedekind kannte Oskar Fried seit 1892, hatte ihn zwischenzeitlich aus den Augen verloren, ihn aber am 22.10.1905 in Berlin wiedergetroffen, wie er im Tagebuch notierte („Ich sehe Oskar Fried wieder“). Arthur Holitscher kannte den Musiker aus seiner Zeit beim „Simplicissimus“ 1896/97 in München ebenfalls und war von ihm nicht sehr angetan; er erinnerte sich an Zusammenkünfte im Haus Albert Langens mit ihm (und mit Wedekind): „Oskar Fried war da, Komponist eines Bierbaumschen Operntextes, er trug mit zynischem Berliner Witz seine traurige Armut zur Schau, betonte seine noch nicht gehörig gewürdigte Bedeutung“ [Holitscher 1924, S. 136].. Allein ich bin durch einen beträchtlichen DallesGeldnot (umgangssprachlich, jiddischer Herkunft). sicher u. gut an diese meine Vaterstadt, an dieses verdammte Opperettenmaß, gebunden, u. bloß, wenn sich mir in Berlin soetwas wie eine Chance bieten würde, könnte ich mich auf die Bahn setzen. Du weißt, (hab ich Dir’s nicht schon geschrieben?) ich bin eben daran ein Drama zu beendenArthur Holitscher arbeitete an einer ersten Fassung seines Dramas „Der Golem“ (1908), die er Wedekind einige Monate später zu lesen gab [vgl. Wedekind an Arthur Holitscher, 2.4.1907].. Nun, vielleicht reißt mich Das heraus! Für alle Fälle bewahre mir Dein Wolwollen, lieber Freund; ich leseArthur Holitscher dürfte in Budapest im international verbreiteten „Berliner Tageblatt“ die Meldungen gelesen haben, Max Reinhardt werde an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin „Die Büchse der Pandora“ aufführen – „In den Kammerspielen des Deutschen Theaters [...] war als [...] Aufführung eine neue Bühnenbearbeitung von Frank Wedekinds ‚Büchse der Pandora‘ geplant. Nach einer Verständigung mit der Zensurbehörde kann eine öffentliche Aufführung dieses Dramas nicht stattfinden. Infolgedessen wird dieses Werk außerhalb der acht Abonnementsvorstellungen vor geladenen Gästen, und zwar lediglich vor Mitgliedern der Gesellschaft für Kammerspiele ausgeführt werden.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 501, 2.10.1906, Abend-Ausgabe, S. (2)] – und darüber hinaus die Kindertragödie (bis dahin noch nicht aufgeführt): „Eine schwierige Ausgabe hat sich die Direktion des Deutschen Theaters gestellt. Sie schreibt uns: ‚Als zweite Premiere für die Abonnementsvorstellungen der Kammerspiele des Deutschen Theaters [...] ist Frank Wedekinds Kindertragödie ‚Frühlingserwachen‘ vorgesehen. Der Dichter hat dies Werk für die Aufführung der Kammerspiele neu bearbeitet.‘ Wer diese Tragödie kennt – neben dem ‚Liebestrank‘ und einigen Erzählungen wohl die hervorragendste Schöpfung Frank Wedekinds! – der weiß, daß sich ihrer Darstellung fast unüberwindliche Hindernisse entgegentürmen. Man darf gespannt sein, wie der Dichter bei seiner Neubearbeitung und der Regisseur bei der Einstudierung des Werkes, das entscheidende Erlebnisse der heranwachsenden Jugend behandelt, sich mit diesen Hindernissen abfinden werden.“ [Wedekinds „Frühlingserwachen“ auf der Bühne. In: Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 517, 11.10.1906, Morgen-Ausgabe, S. (2)] mit großer Genugtuung alle die Taten, | die für Dich jetzt bei Reinhardt u. ailleurs(frz.) woanders. getan werden u. beiße in die Kissen, da ich nicht mit dabei sein darf. Der Corona(lat.) Krone; gemeint ist: Korona = fröhliche Runde (umgangssprachlich), hier: der gemeinsame Berliner Bekanntenkreis. meinen Gruß! Deiner Frau meine ergebensten Empfehlungen. Dir aber, Teurer, alles Schöne u. Freundschaftliche von Deinem
Arthur Holitscher

Einzelstellenkommentare

Budapest, 17. Dezember 1906 (Montag)
von Holitscher, Arthur
an Wedekind, Frank

wedekind berlin kurfurstenstrasze 125, =


Telegraphie des Deutschen Reiches.
Berlin, Haupt-Telegraphenamt.


Telegramm budapest [...]


herzlychste gluekwuenscheherzlichste Glückwünsche zur Geburt von Pamela Wedekind am 12.12.1906 in Berlin, dem ersten Kind und neuen Mitglied des Haushalts von Frank und Tilly Wedekind. zur kompletirung des haushaltes holitscher =

Einzelstellenkommentare

Budapest, 7. März 1907 (Donnerstag)
von Holitscher, Arthur
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Arthur Holitscher vom 2.4.1907 aus Berlin:]


Wie wirst Du die letzten Wochen geflucht haben, daß Du auf Deinen so ungemein lieben herzlichen Brief gar kein Lebenszeichen von mir erhieltst.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 2. April 1907 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Holitscher, Arthur

(Berlin, ohne Datum, 1908Wedekind hat den Brief am 2. oder 3.4.1907 geschrieben (siehe die Hinweise zur Datierung), wie aus dem Briefinhalt und seinen Kontexten hervorgeht..)


Lieber Arthur Holitscher!

Wie wirst Du die letzten Wochen geflucht haben, daß Du auf Deinen so ungemein lieben herzlichen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Arthur Holitscher an Wedekind, 7.3.1907. Dem Brief dürfte die erste Fassung des Dramas „Der Golem“ (1908) beigelegen haben. gar kein Lebenszeichen von mir erhieltst. Ich kann Dir nur das eine antworten: Ein Lump thut mehr als er kann. Ich habe diesen Winter achtzig Mal gespieltWedekind hat am 1.4.1907 in der 80. Vorstellung von Max Reinhardts Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ am Deutschen Theater in Berlin (Uraufführung: 20.11.1906) zum letzten Mal den vermummten Herrn gespielt: „Fr. Erw. 80. Ich spiele zum letzten Mal den vermummten Herrn.“ [Tb], keine schwere Rolle, aber danach fragen die Nerven nicht. Bis vor wenigen Wochen habe ich dabei immer noch Kleinigkeiten für mich arbeiten können, das ist gänzlich vorbeiWedekind notierte am 9.3.1907: „Ich bin arbeitsunfähig.“ [Tb]. Seit vierzehn Tagen lese ich keine Zeitung mehr. Vor einiger Zeit war ich bei dem NervenarztWedekind hat in Berlin Dr. med. Richard Cassirer (Tauenzienstraße 7), als „Nervenarzt“ [Berliner Adreßbuch 1908, Teil I, S. 318] ausgewiesen, am 11.3.1907 aufgesucht: „Besuch beim Nervenarzt D. Cassirer.“ [Tb] Cassirer, weil ich fürchtete, es sei eine Schraube los. Er beruhigte mich, es sei noch alles fest. Vielleicht trägt die Schuld an dieser Verfassung auch weniger das Spielen als vielmehr Berlin, diese Riesen-Nerven-Folter. Aber ich will lieber gleich mit der Thür ins Haus fallen. Ich habe angefangen, den Golem zu lesen, und fand, was ich las, sehr gut, aber ich bin noch nicht über den ersten Akt hinaus. Ich werde weiter lesen, sobald ich irgendwie kann. Mit Kahane sprach ich bei unserer letzten ZusammenkunftWedekind hat Arthur Kahane, Dramaturg bei Max Reinhardt am Deutschen Theater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1907, S. 286], also zuletzt am 19.3.1907 getroffen, dem Tag der Uraufführung von Schalom Aschs Drama „Der Gott der Rache“ am Deutschen Theater in Berlin; er hielt fest (ohne das Beisein des Dramaturgen zu vermerken): „Première Gott der Rache. Mit Reinhart im Continental.“ [Tb] über Golem. Er hatte es noch nicht gelesen, zeigte aber sehr großes Interesse dafür. Nur war gerade damals die Constellation nicht günstigBeide Stücke, das aktuell gerade am Deutschen Theater uraufgeführte Drama „Der Gott der Rache“ und Arthur Holitschers Drama „Der Golem“, für dessen Aufführung am Deutschen Theater Wedekind bei Arthur Kahane geworben hat, haben eine ausgesprochen jüdische Thematik. Schalom Aschs Stück stand im April 1907 mehrfach in der Woche noch auf dem Spielplan, wie die Theaterprogramme in der Presse ausweisen; insofern war die Konstellation eine etwas andere als am Abend der Uraufführung. Der Autor des „Golem“ durfte sein Stück beim Deutschen Theater einreichen, nach „monatelangem Hinhalten“ wurde ihm aber im „Direktionsbüro des Deutschen Theaters“ mitgeteilt, „daß Bedenken gegen die Annahme des Stückes herrschten [...]. Ich nahm mein Manuskript an mich und verließ das Reich Reinhardts auf Nimmerwiedersehen.“ [Holitscher 1928, S. 60]. Es war am Premierenabend von Gott der Rache. Jetzt ist Gott der Rache, künstlerisch wenigstens, abgethan; wiewohl es immer noch ein sehr großer PublicumserfolgDas Publikum der Uraufführung war begeistert, wie Fritz Engels Besprechung zu entnehmen ist [vgl. F.E.: Deutsches Theater. Der Gott der Rache. Drama in drei Akten von Schalom Asch. In: Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 144, 20.3.1907, Morgen-Ausgabe, S. (2)]. werden kann. Aber die Constellation ist insofern günstiger. Wenn Du hier wärst, würde ich Dich bitten, mir den Golem vorzulesenArthur Holitscher hat Wedekind sein Drama am 7.4.1907 in Berlin vorgelesen, wie Wedekind notierte: „Hollitscher liest mir den Golem vor.“ [Tb] Er hat sich daran erinnert: „Ich las Wedekind ‚Golem‘ in der ersten Fassung vor, und er gab mir während der Vorlesung wertvolle Ratschläge in Bezug auf Kürzungen, schlagkräftigere Herausarbeitung der Pointen des Dialogs. Im übrigen sagte er mir, daß er mich um den Stoff beneidete, und daß das Stück einen großen Bühnenerfolg verspräche. Ich machte mir eifrig Notizen. Und als ich die Vorlesung beendet hatte, wünschte mir Wedekind Glück auf dem Dornenweg, den wir nun sogleich gemeinsam beschreiten wollten.“ [Holitscher 1928, S. 45]. Dann könnte ich sofort in Action treten. Aber ich sage mir doch, daß jetzt, in der vorgerückten Saison, die Sache nicht so eilt. Selbstverständlich eilt es mit dem Glück immer! Ich schreibe Dir ja auch die Zeilen nur, um etwas Zeit zu bekommen. Du weißt, wie entschieden ich mich bei „Am andern Ufer“ verhaltenDas Drama „Das andere Ufer“ (ungedruckt) ist am 6.12.1901 im Münchner Schauspielhaus uraufgeführt worden (eine zweite Vorstellung gab es am 14.12.1901), wie angekündigt war: „Vorstellung des Akademisch-Dramatischen Vereins: Zum ersten Male: Das andere Ufer. Drama in drei Akten von Arthur Holitscher.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 54, Nr. 562, 4.12.1901, Vorabendblatt, S. 5] Wedekind dürfte sich für die Aufführung durch den Akademisch-Dramatischen Verein (Vorläufer des Neuen Vereins) eingesetzt haben. habe, und soweit kannst Du Dich in dieser Angelegenheit auch auf mich verlassen. Wenn ich nur erst nicht mehr jeden zweiten oder dritten Abend spiele, so daß sich wieder etwas Luxus-Energie im Organismus ansammelt. Ende AprilWedekind reiste dem Tagebuch zufolge am 19.4.1907 nach Wien („Abreise von Berlin“), wo er am 20.4.1907 eintraf („Ankunft in Wien“); sein „Hidalla“-Gastspiel dort begann am 27.4.1907 („Hidallapremiere im Bürgertheater in Wien“). gastiren wir in Wien. Vielleicht sehn wir uns dort und Du liest mir dort den Golem vor, wenn ich ihn bis dahin nicht längst gelesen habe. Nein, lieber Holitscher, Berlin ist keine Stadt, in der man selig werden kann. Ich bitte Dich nur, es nicht weiter zu sagen, da ich meine drei Jahre hierWedekind war seit 1905 in Berlin, also schon im dritten Jahr. gerne absolviren möchte. Hat Gott den Menschen geschaffen, damit er sein halbes Leben auf der Stadtbahn sitzt. Welchen Sinn hat das Leben eines Menschen, der keine Zeit hat? Berlin ist eben keine Stadt, sondern ein trauriger Notbehelf, Berlin ist ein Conglomerat von Kalamitäten. Also, lieber Holitscher, habe Nachsicht mit mir. Der Golem scheint mir vollständig ein Stück für das Deutsche Theater zu sein, große Dramatik. Das PersonenverzeichnisIm Verzeichnis „Personen“ der Buchausgabe sind aufgeführt: „Rabbi Bennahum / Seine Tochter Abigail / Sein Knecht Amina, ein Golem / Ruben Halbstamm, junger Kaufmann / Seine Schwester Taube / Rahel, die Goldschmiedswitwe, mit ihrem Kind / Der ehrwürdige Mardoch, Ältester der Gemeinde / Moschitzig, Narr / Krüppel; Männer, Weiber und Kinder / Schriftgelehrte, Schreiber und Schüler der Schrift / Jünglinge und Mädchen / Sechs Klageweiber; drei Judenmusikanten; Ghettovolk allesamt.“ [Arthur Holitscher: Der Golem. Ghettolegende in drei Aufzügen. Berlin 1908, S. (7)] allein ist entzückend. Ich werde mich jetzt gleich auf den Divan legen und weiterlesen, kann aber nichts versprechen, da ich nicht weiß, wann das KlaviergeklimperWedekind litt unter dem Klavierspiel von Anna Meyer in der Wohnung unter ihm und wandte sich an deren Mutter [vgl. Wedekind an Rosa Meyer, 25.10.1907] sowie an seinen Vermieter [vgl. Wedekind an Wilhelm Hamann, 12.4.1907, 14.7.1907 und 28.10.1907]; er hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen „Klaviergeklimper“ [Wedekind an Maximilian Harden, 10.9.1913]. unter mir wieder beginnt. Ich weiß ja, wie furchtbar das Warten ist, aber ob man in Berlin Erfolg hat oder überhaupt keinen Erfolg hat, das ist beides vollkommen dasselbe. Man ist als Mensch nicht um ein Haar von einander verschieden.

Die herzlichsten Grüße sendet Dir Dein alter Wedekind.


Meine Tilly läßt Dich bestens grüßen.

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Berlin, 4. November 1907 (Montag)
von Holitscher, Arthur
an Wedekind, Frank

W. Augsburgerstr. 23. IIIArthur Holitscher wohnte in Berlin W 50 Augsburger Straße 23 (3. Stock) [vgl. Berliner Adreßbuch 1908, Teil I, S. 1017]..

Montagder 4.11.1907..


Lieber Wedekind, darf ich Dich um ein BilletEintrittskarte für das Theater. für die KeithpremièreDie Premiere der Berliner Neuinszenierung des „Marquis von Keith“ fand am 9.11.1907 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin unter der Regie von Max Reinhardt und mit Wedekind in der Rolle des Konsul Casimir statt [vgl. KSA 4, S. 534f.]. Arthur Holitscher hat die Premiere besucht und war anschließend wahrscheinlich bei der Premierenfeier im Weinlokal F. W. Borchardt mit dabei, mit Sicherheit aber daran anschließend in engstem Kreis mit Frank und Tilly Wedekind im Café Hohenzollern. Wedekind notierte am 9.11.1907: „Premiere von M. v. Keith. Nachher in großer Gesellschaft bei Borchardt. Dann Tilly Holitscher und ich bei Hohenzollern.“ [Tb] anschnorren? Die Zeiten sind schlecht. Herzliche Grüße, Dein
Holitscher

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Berlin, 7. April 1908 (Dienstag)
von Holitscher, Arthur
an Wedekind, Frank

Berlin W.
eigentlich: Berlin-Schlachtensee, Hubertusprivate Kuranstalt in Berlin-Schlachtensee (Kurstraße 11): „‚Hubertus‘, Kurhaus für Nervenkranke u. Erholungsbedürftige“ [Berliner Adreßbuch 1908, Teil V, S. 592]. (von Ende der Woche ab.)


Liebster Wedekind, es hat mir grimmig leid getan, daß Du mich wieder verfehlt hast u. ich so um das Vergnügen gekommen bin, mit Dir noch eine Stunde beisammen zu sein. Vielleicht entschädigt mich der Sommer dafür, indem er auf eine oder andre Weise unsere Wege zusammenführt. Gute Verrichtung in MünchenWedekind reiste am 13.4.1908 von Berlin ab nach München, um dort eine Wohnung zu mieten. Er notierte am 18.4.1908: „Wohnung gemietet Prinzregentenstraße 50.“ [Tb]! u. grüße die FreundeEduard von Keyserling, Georg Stollberg (Direktor des dann erwähnten Münchner Schauspielhauses) sowie Wilhelm Rosenthal (im Vorstand des Neuen Vereins) und wohl dessen Cousine Therese Rosenthal sind namentlich genannt – eine kleine Auswahl aus dem Freundeskreis der gemeinsamen Zeit mit Wedekind in München. von mir, vor Allen Keyserling, u. auch Stollberg, Rosenthals. Wär ich kein solcher Krüppel, ich säße nächste Woche im Schauspielhaus statt unter einer DoucheDas Kurhaus Hubertus war eine Wasserheilanstalt: „Schlachtensee bei Berlin W. Kurhaus für Nervenkranke und Erholungsbedürftige ‚Hubertus‘. Das [...] 1898 gegründete [...] Kurhaus verfügt über alle Einrichtungen, welche für das Wasserheilverfahren und in der modernen Krankenbehandlung in Betracht kommen, wie Bäder aller Art, Duschen [...] etc.“ [Bäder-Almanach. Mitteilungen der Bäder, Luftkurorte und Heilanstalten in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und den angrenzenden Gebieten. Ausgabe 10. Berlin 1907, S. 481] Wann genau Arthur Holitscher dort zur Kur war, ist unklar; er erwähnt retrospektiv nur vage den Aufenthalt dort (an die Schilderung von Ereignissen um 1907 anschließend): „Nach einem Nervenzusammenbruch Jahre vorher, hatte ich einen Sommer in einem Sanatorium verlebt, das in einem Vorort Berlins gelegen war.“ [Holitscher 1928, S. 70] Er habe das „Leben in dem Sanatorium“ [Holitscher 1928, S. 71] dann in seinem Roman „Worauf wartest du?“ (1910) geschildert.! Einen Handkuß deiner liebeswürdigen, reizenden Frau, |
Dich umarmt deine getreuer
Arthur Holitscher


Schreibe einmal ein Wort, die Adresse steht am Kopfe dieses Briefes!

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München, 4. Mai 1909 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Holitscher, Arthur

[1. Hinweis in Arthur Holitschers Brief an den Neuen Verein vom 6.5.1909 aus Florenz (Mü, NV B 64):]


Sehr geehrter Herr DoctorDr. Wilhelm Rosenthal, Vorsitzender des Neuen Vereins in München [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil III, S. 185]., Frank Wedekind teilt mir Ihre Adresse mit u. ich entspreche seiner Aufforderung, indem ich Ihnen hier mein neues Stück einsende. Ich wäre sehr froh, wenn Sie nach der Lectüre zur Auffassung gelangen würden, daß sich das Experiment einer Aufführung durch den Neuen Verein wol verlohnte. [...]

Arthur Holitscher

bis Ende Mai Florenz,
Dann Berlin W. Augsburgerstr 18.III.


[2. Hinweis in Arthur Holitschers Brief an den Neuen Verein vom 17.9.1909 aus Berlin (Mü, NV B 64):]


Verehrter Herr Doctor, ich schickte Ihnen vor nunmehr 5 Monaten auf Veranlassung Frank Wedekinds mein Stück „Der Golem“ ein, für das Sie sich, mit Hinblick auf den Neuen Verein, wie mir W. schrieb, interessirten.

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Budapest, 26. Oktober 1909 (Dienstag)
von Holitscher, Arthur
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Arthur Holitscher vom 27.10.1909 aus München:]


Ich danke Dir für den wunderschönen Brief.

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München, 27. Oktober 1909 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Holitscher, Arthur

München, 27.X.1909.


Lieber Freund!

Ich danke Dir für den wunderschönen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Arthur Holitscher an Wedekind, 26.10.1909. Arthur Holitscher, der mit einer Briefadresse in Budapest (Lazargasse 5) verzeichnet ist [vgl. Kürschners Deutscher Literartur-Kalender auf das Jahr 1910, Teil II, Sp. 708], lebte eigentlich in Berlin; er schrieb den verschollenen Brief zwar in Budapest, war dann aber wieder in Berlin, wie aus seinem Brief an den Neuen Verein vom 26.10.1909 hervorgeht: „z.Zt. Budapest. [...] Ihre freundlichen Zeilen beantworte ich noch in Budapest, bitte Sie aber, da ich in den nächsten Tagen nach Berlin zurückreise, mir gegebenen Falles dorthin schreiben zu wollen.“ [Mü, NV B 64] Er dürfte Wedekind ebenfalls über seine Rückreise nach Berlin informiert haben, der daraufhin den vorliegenden Brief wohl nach Berlin adressierte.. Er erinnert mich an die Posaunen von JerichoRedewendung nach einer biblischen Legende [vgl. Das Buch Josua 6, 1-27], nach der die Mauern des alttestamentarischen Jericho durch den Klang von Posaunen eingestürzt seien und die Stadt zerstört wurde; hier: lautstark.. Ich werde ihn jedem Menschen vorlesen, den ich in den nächsten acht Tagen treffe. Das geht ausgezeichnet, da er kein verletzendes Wort enthält und dafür umso mehr Temperament. Ich denke, die SacheArthur Holitscher bemühte sich, vermittelt über Wedekind, um eine Aufführung seines Dramas „Der Golem“ (1908) durch den Neuen Verein in München [vgl. Wedekind an Arthur Holitscher, 4.5.1909]. Er dürfte Wedekind in seinem nicht überlieferten Brief (siehe oben) darüber informiert haben, dass sein Stück angenommen worden sei. So schrieb Arthur Holitscher am 14.10.1909 an den Neuen Verein: „Ich brauche Ihnen wol nicht zu sagen, wie sehr ich von der günstigen Entscheidung des N.V. erfreut bin.“ [Mü, NV B 64] Die Finanzierung war allerdings noch nicht geklärt, wie aus seinem Brief an den Neuen Verein vom 26.10.1909 hervorgeht: „Wegen der 1500 M., die Sie als Deficit bei einer Aufführung des Golem voraussetzen, habe ich einiges zu bemerken. Ich selbst verfüge über diese Summe nicht, habe nur eben so viel, um Durchzukommen, aber gute Freunde [...] könnten mir eventuell helfen, diesen Betrag aufzubringen, um eine Aufführung zu ermöglichen.“ [Mü, NV B 64] Sein Drama „Der Golem“ wurde vom Neuen Verein nicht aufgeführt (die Uraufführung des Stücks fand erst am 22.2.1916 in Wien statt). wird schon werden. Die Verhandlungen haben ja eben erst begonnen, und dabei handelte es sich nicht um „Golem“ allein, sondern überhaupt um die Möglichkeit, ein TheaterVom Neuen Verein veranstaltete Aufführungen fanden auf verschiedenen Bühnen statt, so etwa im Münchner Schauspielhaus oder im Lustspielhaus, schließlich auch im von Wedekind genannten Künstlertheater: „Der Neue Verein leitet sein diesjähriges Programm durch zwei Aufführungen im Künstlertheater ein.“ [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 63, Nr. 481, 14.10.1910, Vorabendblatt, S. 2] zu bekommen, um die Konstituirung der Neuen Vereinsbühne. Der nächste Weg ist nun, daß der Neue VereinDer Neue Verein ist Ende 1903 in Nachfolge des Akademisch-Dramatischen Vereins in München gegründet worden und veranstaltete vor allem geschlossene Vorstellungen neuer Dramen. Vorsitzender war seinerzeit Dr. Wilhelm Rosenthal [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil III, S. 185]. im Residenztheater spielt. Dann käme das Künstlertheater. Du siehst, eine Menge Möglichkeiten. Sobald etwas erreicht ist, schreibe ich Dir.

Herzliche Grüße auch von Tilly, Dein
Frank.

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