Briefwechsel

Barck, Anny (Glanzpunkt) und Wedekind, Frank

10 Dokumente

Freiburg im Breisgau, 1. Juli 1883 (Sonntag)
von Barck, Anny
an Greyerz, Minna von, Wedekind, Frank

Euch möchte ich nicht gerade mit diesem unangenehmen Besuch anrücken. Schreibe mir einmal was Du meinst.

Ich freue mich immer mehr, je näher die ReiseAnny Barck besuchte ihre Freundin Ende Juli [vgl. Anny Barck an Frank und Armin Wedekind, 6.8.1884]. kommt, daß wir uns wirklich sehen, umarmen tagelang haben u. genießen können, zusammen schwärmen u. plaudern von schönen u. traurigen Zeiten!

Wie bist Du zufrieden mit Deinen „Liedern eines Gefangenen“nicht überliefert; den Titel „Lieder eines Gefangenen“ tragen mehrere Gedichtsammlungen zum Beispiel das anonym erschienene Buch des Heine-Freunds Laurian Moris (Schaffhausen 1842) oder 2 Gedichte Max Voglers (1874). Elke Austermühl verweist zudem auf das dem Titel sehr ähnliche Gedicht „Lied des Gefangenen“ Heinrich Heines aus dem „Buch der Lieder“ (Hamburg 1827) [vgl. KSA 1/II, S. 1336].? Hat Franklin Deine Gedichte schon kritisirtWedekinds Kritik ist in Versform überliefert: „Die Lieder des Gefangenen, / Die herzzerreißend trüben Klagen, Die Klänge aus vergangenen, / Schon längst dahingeschwund’nen Tagen, // Sie stürzten mich in schweres Leid; / Doch wollt’ es scheinen mir bisweilen, / Als hätte der Gefang’ne Zeit, / Sie etwas besser auszufeilen. –“ [vgl. KSA 1/I, S. 110] Das Gedicht dürfte Wedekind noch vor Anny Barcks Besuch in Lenzburg geschrieben und seiner Cousine übermittelt haben [vgl. dagegen KSA 1/II, S. 1336].? Das Gedicht das ich Dir auf der nächsten Seite abschreibe, ist eigentlich für ihn als Heine-SchwärmerWährend Minna von Greyerz von Heinrich Heines Werken oft abgestoßen wurde, gehörte der Schriftsteller zur Lieblingslektüre Anny Barcks und Wedekinds [vgl. Anny Barck an Wedekind, 20. und 21.12.1883].. Dann wollte ich Dich noch fragen ob Du Woll/f/f’s „Rattenfänger von Hameln“ kennst, andernfalls würde ich ihn mitbringen.

Für heute lebe wohl, grüße Deine liebe Mutter herzlich von mir, schreibe so bald u. so viel als möglich und behalte lieb

Deine Anny |


Heinrich Heine


O zürnt ihm nicht, der jetzt mit Liebestönen
Das Herz euch rührt.
Dann aber selbst das Liebste zu verhöhnen,
Sein Lied verführt.

––––––

O zürnet ihm nicht, wenn rasch der Wehmuth Schauer
Mit Spott sich tauscht.
O zürnt ihm nicht, wenn unterm Flor der Trauer
Ein Satyr lauscht

––––––

O zürnt ihm nicht, der groß ein Bett der Schmerzen
Sein Leid bezwang
Und der, ein Held, mit fast gebroch’nem Herzen
Noch heiter sang.

––––––

H. KletkeHermann Kletke war Redakteur der Vossischen Zeitung (Berlin) sowie Schriftsteller und Dichter. In „Steffens Volkskalender für 1870“ erschienen 12 Gedichte von ihm auf Geistesgrößen des 18. und 19. Jahrhunderts, das Gedicht auf „Heinrich Heine“ zu dessen Geburtstag im Dezember..

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 8. Juli 1883 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Barck, Anny

[Hinweis in Anny Barcks Brief an Wedekind vom 14.4.1884 aus Freiburg im Breisgau:]


[...] das Wort „göttlich“ [...], wie unzählige Male Sie dasselbe in Ihrem ersten BriefeDa in dem frühesten überlieferten Brief Wedekinds [vgl. Wedekind an Anny Barck, 28.11.1883] das Wort „göttlich“ nicht vorkommt, muss Anny Barck sich hier auf einen früheren nicht überlieferten – den hier erschlossenen – Brief beziehen. angewandt haben; [...]

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 6. August 1883 (Montag)
von Barck, Anny
an Wedekind, Armin (Hami), Wedekind, Frank

Anny Barck |


Den beiden „VetternFrank und Armin Wedekind, die Cousins von Minna von Greyerz, der Freundin Anny Barcks. noch letzten, herzlichen Abschiedsgrußletzter Gruß Anny Barcks vor ihrer Heimreise per Zug über Basel nach Freiburg im Breisgau, wo sie mit ihren Eltern lebte. Sie hatte im Sommer ihre Freundin Minna von Greyerz in Lenzburg besucht, wo sie die Brüder Armin und Frank Wedekind kennenlernte. In Lenzburg tanzte sie am 24.7.1883 auf dem Abschlussball des Kantonsschülerturnfests [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 29, Nr. 175, 26.7.1883, S. (2)] mit Frank Wedekind, der gerade Sommerferien (16.7.1883 – 12.8.1883) hatte und retrospektiv schrieb: „Mir war’s, als dürft’ ich auf dem Turnerball / Mit Fräulein Barck noch einen Walzer tanzen.“ [KSA 1/I, S. 104]. Der Zürcher Medizinstudent Armin Wedekind, ein Ehemaliger des Schülerturnvereins KTV Aarau, könnte ebenfalls den Turnerball besucht haben, spätestens aber wird er nach dem Semesterende (Freitag, den 3.8.1883) nach Lenzburg zurückgekehrt sein und Anny Barck kennengelernt haben [vgl. Verzeichniss der VORLESUNGEN an der Hochschule Zürich im Sommersemester 1883. Zürich 1883, Titelblatt („Anfang am 17. April 1883, Schluss mit der Jubiläumsfeier der Hochschule am 2. und 3. August 1883“)].!

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 22. November 1883 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank, Wedekind, Emilie, Wedekind, Friedrich Wilhelm, Wedekind, Armin (Hami), Wedekind, William, Wedekind, Erika (Mieze), Wedekind, Donald (Doda) und Wedekind, Emilie (Mati)
an Barck, Anny

[Hinweis in Anny Barcks Visitenkarte an Wedekind vom 23.11.1883 aus Freiburg im Breisgau:]


Für den hübschen Brief [...] lasse ich All’ den Ihrigen herzlich danken [...]


Einzelstellenkommentare

Freiburg im Breisgau, 23. November 1883 (Freitag)
von Barck, Anny
an Wedekind, Frank

Werther Herr BundesbruderWedekind als Mitglied des Freundschaftsbundes Fidelitas, „einer ‚Vereinigung‘ literarisch und philosophisch interessierter junger Leute“ [Austermühl 1989, S. 343], zu der Anny Barck in Freiburg im Breisgau und ihre Freundin Minna von Greyerz in Lenzburg gehörten, von der in der Visitenkarte in Rede ist.!

Für den hübschen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind, Emilie Wedekind, Friedrich Wilhelm Wedekind, Armin Wedekind, William Wedekind, Erika Wedekind, Donald Wedekind, Emilie (Mati) Wedekind an Anny Barck, 22.11.1883. Wedekinds Familienmitglieder, seine Eltern und Geschwister, dürften den Brief mitunterzeichnet oder mit Zusätzen versehen haben. der mir so viel Freude machte, lasse ich All’ den IhrigenMitglieder von Wedekinds Familie (siehe oben). herzlich danken, und bitte Sie das gefälligst auszurichten.

Was das strenge Kritisieren der Briefe anbelangt möchte ich Sie um das Gleiche bitten wie Sie mich; denn in Betreff meines Styles behaupte ich schl/o/n längst, daß ich eigentlich gar | keinen habe und „was Hänschen nicht lerntSprichwort: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. [...] Sinn: Was der Mensch in seiner Jugend nicht lernt, das lernt er in späteren Jahren nie oder nur schwer.“ [Fridolin Wagner: Die Lehre vom deutschen Stil oder praktische Anleitung zum richtigen deutschen Gedankenausdrucke. 10. Aufl. Darmstadt 1875, S. 264], lernt Hans nimmermehr!“

Ihre BemerkungenWedekind hat in einer Briefbeilage [vgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 17.10.1883], dem Gedicht „Eine ästhetische Caffeevisite“ [vgl. KSA 1/I, S. 102-110], und in dem zugehörigen Brief eine „Kritik“ [Wedekind an Minna von Greyerz, 17.10.1883] an der poetischen Produktion seiner Cousine Minna von Greyerz formuliert, gemeint ist hier aber wohl der nicht überlieferte Brief (siehe oben). über Minna’s Schriftzüge siche/nd/ sehr richtig, aber fast schien mir als ob in jenem Briefder nicht überlieferte Brief (siehe oben). nicht eine, sondern zwei solcher Schriften die mit Verachtung aller Zügel [„]vom Papierwomöglich Beginn des Briefzitats aus dem nicht überlieferten Brief (siehe oben). emporzufliegen versuchen“ vorhanden wären! – ist dem nicht so?

Mit freundlichem Gruße
Anny Barck.

Anny Barck

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 28. November 1883 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Barck, Anny

Schloß Lenzburg, November 83.


Hochverehrte Fräulein BundesschwesterAnny Barck, Mitglied im Freundschaftsbund Fidelitas (siehe unten).!

Besten Dank für Ihre freundlichen Wortevgl. Anny Barck an Wedekind, 23.11.1883., die mir Cousine SturmwindPseudonym von Wedekinds Cousine Minna von Greyerz im Freundschaftsbund Fidelitas (siehe unten). Anny Bark hat darüber „meine Schweizer Freundin“ notiert (siehe zur Materialität). letzten Samstag überbrachte, und für das „Erkenne Dich SelbstÜbersetzung von ‚Gnothi seauton‘ (griech.), der berühmten Inschrift des Apollotempels von Delphi.!“, das Sie mir darin zurufen. Es stand mir allerdings durchaus nicht zu, Minnas Schriftzüge zu kritisirenin Wedekinds Gedicht „Eine ästhetische Caffeevisite“ [vgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 27.10.1884].; aber wer den Balkenin Anlehnung an das sprichwörtlich gewordene Bibelwort [vgl. Matthäus 7,3]: „Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr den Balken in deinem Auge?“ [Büchmann 1879, S. 27] im eigenen Auge nicht bemerkt, der entdeckt ja gewiß den Splitter in dem seines | Nächsten. Leider bin ich nun gezwungen, mein Schreiben mit Entschuldigung einzuleiten, so z. B. des ehrenvollen Auftrages wegen, den Sie mir zugedacht hatten, und dessen Erfüllung ich so nachlässig versäumte. Aber, wie sollte sich auch meine leichtfertige Muse an solch’ ernstes Thema wagen? – Nicht als ob mir die Ironie des Schicksals etwa fremd wäre. Ist es nicht Ironie zur Genüge, daß mich eben dann, wenn sie mir am willkommensten wäre, mein bischen Reimerei verläßt und sich statt dessen überall dort aufdrängt, wo sie nur Unheil und Ärgerniß anrichtet. So werden Sie mir vielleicht auch verzeihen, daß ich keines der in Ihrer werthen Gesellschaft erlebten Ereignisse besang. Welch herrliches Revier für einen geborenen Dichter! Aber uns Dilettanten besucht die hehre Göttin Poesie eben nur auf der Durchreise. + Unerwartet fällt sie ins Haus, fährt schon mit dem nächsten Zug weiter und läßt sich durch keine | Bitten zu längerem Verweilen bewegen. – Meine Beichte zu vollenden, will ich Ihnen gleich gestehen, daß auch MedeaFranz Grillparzers Trauerspiel „Medea“ (1821), in der Dramentrilogie „Das goldene Vließ“ der letzte Teil. und SapphoFranz Grillparzers Trauerspiel „Sappho“ (1819). noch ungelesen sind. Doch wäre/ill/ +ich mich bei Nächstem daran machen, und nichts würde dem Vergnügen gleichkommen, mit Ihnen, mein verehrtes Fräulein, Gedanken und Empfindungen darüber zu tauschen. –

Ach, Sie lächelten gewiß recht seltsam, als Sie zum ersten Mal von unserer abentheuerlichen VerbrüderungDer Freundschaftsbund Fidelitas [vgl. Austermühl 1989, S. 343] mit einem Regenbogen als Erkennungszeichen wurde am 14.10.1883 gegründet (siehe unten) – von Minna von Greyerz (Sturmwind), Armin Wedekind (Boreas) und Frank Wedekind (Zephyr), dem Mary Gaudard (Nordpol) und Anny Barck (Glanzpunkt) beitraten. vernahmen! Aus Sturmwinds Beschreibung mögen Sie übrigens einen Begriff erhalten haben von der schwärmerischen Stimmung, die sich unser an jenem 14. Octoberabendder 14.10.1883 (Sonntag). bemächtigte. Ich schulde Ihnen noch meinen Dank für die Bereitwilligkeit, mit der Sie sofort auf den eigenthümlichen Plan eingingen. „Fidelitas“ wäre allerdings eine Bezeichnung nach meinem Geschmack. „Philadelphia(griech.) brüderliche (geschwisterliche) Liebe; in der nordamerikanischen Stadt Philadelphia, in der Wedekinds Namenspate Benjamin Franklin wirkte, wurde unter anderem die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika proklamiert.“ kam mir selber etwas zu amerikanisch-marktschreierisch vor. Die stille Tiefe der | Fidelitas(lat.) Treue; Fidelitas ist auch der Wahlspruch des ‚Ordens der Treue‘ des Großherzogtums Baden, der Heimat Anny Barcks. fehlt dem Worte vollständig. Es zeigte sich mir auch hierbei wieder die bedeutende Überlegenheit weiblichen Zartgefühls über alle Gelahrtheit der Männer, sobald es sich um ästhe/ä/tische Fragen handelt. – Als Bundeszeichen schlägt Sturmwind einen Regenbogen [Zeichnung] vor, der mich sofort an das Opfer NoahsNachdem Noah mit Menschen und Tieren die Sintflut in der Arche überlebte, errichtete er einen Altar, auf dem er Gott zum Dank ‚reine‘ Tiere opferte [vgl. Genesis 8, 1-22]. Daraufhin schließt Gott einen Bund mit Noah, seinen Nachkommen und den Tieren und wählt als Zeichen des Bundes den Regenbogen: „Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt, der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“ [Genesis 9, 13]. erinnerte und überhaupt als Sinnbild des aus trübseliger Wirklichkeit zum lichten Ätherreiche Poesie emporschmachtenden Geistes gelten könne/t/e. Dabei fällt mir soeben noch der Mondregenbogen aus Schillers Grütli-SceneSchreibversehen, statt: Rütli-Scene. Wedekind bezieht sich auf die Schauplatzbeschreibung in der Szene II/2 von Friedrich Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“ (1804): „Eine Wiese von hohen Felsen und Wald umgeben. Auf den Felsen sind Steige, mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrund zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospekt schließen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Scene, nur der See und die weißen Gletscher leuchten im Mondlicht.“ [Schillers sämmtliche Schriften. Bd. 14. Stuttgart 1872, S. 315] ein – eine neue Bestätigung der r/R/ichtigkeit unseres Zeichens. Bei Schillers „Wilhelm Tell“ denke ich just an eine Erörterung, die uns dereinst den Heimweg, den Berg hinunter, verkürzte. Sie zeigten sich erstaunt darüber, wie man nur den Thieren Vernunft beimessen könnte. Nun darf ich Sie vielleicht auf die erste Scene im Tell verweisen, wo | auf die positive Behauptung: „Die Thiere haben auch v/V/ernunftZitat aus Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“ (Szene I/1, V. 57-61); nach einem Wortwechsel zwischen dem Hirten Kuoni und dem Fischer Ruodi über das Thema Vernunft spricht der Jäger Werni: „Das Thier hat auch Vernunft, / Das wissen wir, die wir die Gemsen jagen, / Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn, / ’ne Vorhut aus, die spizt das Ohr und warnet / Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht.“ [Schillers sämmtliche Schriften. Bd. 14. Stuttgart 1872, S. 274]“ ein längeres Gespräch über diese Materie folgt. Sie mögen mir nun wol einwenden, daß Schiller hierbei einer überspannten poetischen Idee gehuldigt hat; aber wer irgend je mit Thieren umgegangen, der wird Ihnen gewiß seine Worte bestätigen. Nur fanatischen Theologen kann daran gelegen sein, solch’ exklusiv-eitele Ansichten zu fördern. –

Von Heine las ich indessen wieder verschiedene Sachen, so den Rabi von Bacharach, die Memoiren des Herrn von Schnabelewopsky, die Elementargeister und die florentinischen Nächte. Letztere sind stellenweise geradezu feenhaft. Stimmungsbilder finden sich darin, so weich, so zart, als wären sie aus lauterem Mondschein gewobenwohl in Anlehnung an einen Monolog des Titelhelden in Heinrich Heines Tragödie „Almansor“ (1823): „Mein todtes Rehlein! sanft will ich dich betten / Auf Rosen, Lilien, Veilchen, Hyazinthen / Aus goldnem Mondschein web’ ich eine Decke / Und deck’ dich zu.“ [DHA, Bd. 5, S. 64 (V. 1665-1667)].. Daß der Dichter dazwischen auch wieder das Liebste zu verhöhnenZitat („Dann aber selbst das Liebste zu verhöhnen, / Sein Lied verführt“) aus Hermann Kletkes Gedicht „Heinrich Heine“ (1869), das Anny Barck durch ihre Freundin Minna von Greyerz Wedekind hatte zukommen lassen [vgl. Anny Barck an Wedekind, 1.7.1883]., sein Lied verführt“ | ist selbstverständlich. Nur schade, daß es so wenig gelesen wird. Ich mache natürlich lebhaft Sp/P/ropaganda für ihn. So gelang es mir erst kürzlich, einen jungen deutschen ApothekerAdolf Spilker aus Vilsen bei Hannover, der eine Apothekerlehre in Nienburg absolviert hatte; bevor er nach der Erkrankung seines Vaters ab dem 1.10.1884 in Oldenburg war und im Sommersemester 1885 ein Studium der Chemie in Berlin begann [vgl. Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft 2 (1931), S. 398], „war er als Gehilfe in der Löwenapotheke der Familie Jahn in Lenzburg beschäftigt“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 41], betrieben von der Witwe Bertha Jahn (siehe Wedekinds Korrespondenz mit Bertha Jahn). für ihn zu begeistern, der nunmehr allabendlich seiner Principalin, der Frau Jahn aus den ReisebildernWedekind selbst hatte in den Osterferien 1883 Heinrich Heines „Reisebilder“ (1826-1831) gelesen [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 25.4.1883]. vorliest. Besagte Frau Jahn, die Se/i/e während Ihres Hierseins gewiß öfter haben erwähnen hören, ist die erste ältere Dame, von der ich vernehme, daß ihr Ha/e/ine gefällt. Über den jungen Apot+/h/eker mit Namen Spilger werden Sie ohne Zweifel noch genug von Cousine Sturmwind zu hören bekommen. Sie hat m/nä/mlich letzten Sonntagder 25.11.1883. nicht wenig mit ihm getanzt. Denn es trug sich zu, daß die ganze erwachsene Jugend Lenzburgs von einer Familie HünerwadelDie verschwägerten Familien Fritz und Sophie Klara Hünerwadel-Bertschinger sowie Wilhelm und Emma Bertha Schwarz-Bertschinger dürften den Ball ausgerichtet haben, von dem Wedekinds Vater berichtete: Dieser Ball „nur für junge Leute [...] von welchem Bebi erst heute früh nach 3 Uhr heimkam“ sei „gemeinschaftlich von Fritz Hünerwadels und Wilhelm Schwarzes und im Hause der erstren“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an Armin Wedekind, 21.-28.11.1883. Familienarchiv Wedekind, Leichlingen; Kopie in der EFFW] veranstaltet worden. zu einem Tanzabend eingeladen wurde. Man amüsirte | sich göttlich. Minna wird Ihnen übrigens wol bereits ausführlich darüber berichtet haben. Ich aber melde Ihnen noch ein Mal meinen besten Dank für Ihre einstigen Unterweisungen in Contretänzenanlässlich des Turnerballs in Lenzburg am 24.7.1883 – „Kontertanz, ursprünglich englischer Tanz (Anglaise), der sich seit Anfang des 18. Jahrh. in Frankreich und dann auch in Deutschland eingebürgert hat und mit mancherlei Veränderungen einer der beliebtesten Gesellschaftstänze geworden ist, aber ohne eigentliche Ausführung der Pas jetzt nur noch gegangen wird. Er wird von vier, sechs und mehr Paaren getanzt, die in einer Reihe oder im Viereck aufgestellt sind, und besteht aus der Aufeinanderfolge von fünf oder sechs Teilen oder Hauptfiguren: Pantaon, Été, Poule, Trenis, Pastourelle und Finale. Die Musik dazu ist teils im 2/4-, teils im 6/8-Takt gesetzt und besteht aus achttaktigen Reprisen von munterm Charakter. Der Name K. bezieht sich auf die Eigentümlichkeit desselben, daß die Paare gegeneinander tanzen und nicht, wie bei den Rundtänzen, hintereinander her; die Ableitung von Country-dance (‚Bauerntanz‘) ist falsch.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 10. Leipzig 1888, S. 44], die bei dieser Gelegenheit herrliche Früchte trugen. –
Jüngster Zeit machte ich die angenehme Bekanntschaft eines sehr interessanten Pessimisten, natürlich nur vermittelst seiner Werke. Hieronymus Lorm, der, lahm und blindHieronymus Lorm (Pseudonym von Heinrich Landesmann), österreichischer Schriftsteller, der eine angestrebte Karriere als Pianist frühzeitig aufgeben musste (woraufhin er sich der Philosophie und Literatur zuwandte), da er in jugendlichem Alter schwer erkrankte – durch eine „1834 einsetzende Lähmung und Verlust des Gehörs (1837)“, dazu kam eine „Minderung seines Sehvermögens“, die „nach 1880 zu gänzlicher Blindheit“ [Österreichisches Biographisches Lexikon. Bd. 4. Wien 1969, S. 428f.] führte., sich sammt seiner Familie erhalten muß, hat gewiß Grund genug zum Weltschmerz. In seinen Gedichten voll Poesie, aber auch voll Philosophie findet sich trotz seines Unglücks dennoch durchaus nichts von dem wilden Entrüstungspessimismus eines Byron. Doch auch Geibels seichter Salonweltschmerz liegt ihm sehr fern. Man sieht seine Seele kämpfen und, wenn auch voll Mäßigung, dennoch unerschrocken mit der Weltordnung rechten. | Dabei sieht der Poet frei und offen der letzten Consequenz seiner Ansichten ins Antlitz. Das Glück in der Ruhe des Nichtseins bildet den Grundgedanken all’ seiner manigfaltigenSchreibversehen, statt: mannigfaltigen. Lieder, die den erschütterndsten Eindruck beim denkenden Leser zurücklassen. Lorms Novellensammlung „Am Kamin“ bietet ein getreues Bild heutiger so+/c/ialer Verhältnisse. Die Form derselben ist wie die seiner Gedichte, vollendet und glänzend. Aber der Stoff selbst trägt die Schuld in sich, daß die Mehrzahl der Erzählungen das Gefühl untilgbarer Unzufriedenheit in mir zurückließ. Trotzdem bin ich überzeugt, daß auch Sie ihn werden lieben lernen, den blinden Sänger, sobald Sie die vollen Schmerzensklänge seiner Laute vernehmen.

Wolff’s „Rattenfänger von Hameln[“] mundete mir nicht besonders und erinnerte mich zu sehr theils an Scheffels Trompeter, theils an Lenaus | Faust. Finden Sie nicht auch, daß die vielen Thierstimmen darin zuweilen manirrirtSchreibversehen, statt: manirirt – unnatürlich, gekünstelt. sind und aus dem Kunstwerk ein Machwerk machen.

Einen zauberhaften Genuß hingegen verschaffte mir Andersens BilderbuchFriedrich de la Motte Fouqués in Berlin veröffentlichte deutsche Übersetzung „H. C. Andersens Bilderbuch ohne Bilder“ (1842) des dänischen Originals „Billedbog uden Billeder“ (1840) von Hans Christian Andersen.. O, wie himmelweit sind diese Bilder verschieden von dem, was wir gewöhnlich unter Mondscheinscenen verstehen! Etwas aber schien mir zu fehlen bei all’ dem Unglück, was wir sonst doch gewöhnlich meistens in seinem Gefolge finden. Ich meine die Religion. Sie würde lindernden Balsam träufeln auf’ all die brennenden Wunden, die der Dichter uns aufdeckt. –

Lenzburgs Neuigkeiten haben Sie nun wol alle schon von Minna erfahren. In 8 TagenDas Cäcilienfest fand am 9.12.1883 statt [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 10.12.1883]. wird CäcilienfestDer Musikverein Lenzburg, 1865 aus Gesangsverein (gemischtem Chor) und Musikgesellschaft (dem 1832 gegründeten Orchester) Lenzburg hervorgegangen, sollte einmal im Jahr „am Tag der heiligen Cäcilia (22. November) eine größere musikalische Veranstaltung mit einem nachfolgenden frugalen Abendessen“ veranstalten, ein Fest, das in der Folge oft einige Tage nach dem Gedenktag gefeiert wurde. Das Jubiläum zum 50-jährigen Bestehen wurde am Sonntag, den 26.11.1882, (Händel „Alexanderfest“ für Soli, Chor und Orchester; Beethoven „5. Sinfonie in c-Moll) groß gefeiert [Ernst Wilhelm: 150 Jahre Musikverein 1832-1982, in: Lenzburger Neujahrsblätter, Jg. 53, 1982, S. 7f.], im Jahr 1888 fand am Mittwoch, den 25.11., eine Aufführung des Musikvereins Lenzburg zur Feier des Cäcilientages statt [vgl. Argovia. Jahresschrift der historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, Bd. 20, 1889. S. 176, Nr. 343]. sein und heute a/A/bend ist Singstunde, in die ich mei/Ma/ma zu begleiten pflege. Dort werd’ ich auch Minna | treffen, und wenn sie vernimmt, daß dieser Brief noch nicht abgesandt ist, so setzt es eine Moralpredigt. Somit will ich denn hier schließen. Sollte ich Sie gelangweilt haben, so thut es mir herzlich leid. Ich werde mich zu bessern suchen.

Tausend Grüße habe ich Ihnen zu melden von Papa und Mama, von Cousine Sturmwind und all’ meinen Geschwistern, und verabschiede mich mit tiefstem Compliment und bester Empfehlung.
Ihr ergebenster Bundesbruder
Franklin Wedekind,
a/g Cephyrauch Zephyr; Wedekinds Pseudonym im Freundschaftsbund Fidelitas – in der griechischen Mythologie die Personifikation des milden Westwinds..

Einzelstellenkommentare

Freiburg im Breisgau, 20. Dezember 1883 - 21. Dezember 1883
von Barck, Anny
an Wedekind, Frank

Freiburg, 20. Dezember 83


[Zeichnung]


Werther Herr Bundesbruderim Freundschaftsbund „Fidelitas“, den Frank und Armin Wedekind, ihre Cousine Minna von Greyerz sowie deren Freundinnen Mary Gaudard und Anny Barck im Herbst 1883 gegründet hatten. Ihr Zeichen war der Regenbogen.

Minna wird Ihnen wohl einstweilen meinen Dank für den großen Briefvgl. Wedekind an Anny Barck, 29.11.1883. ausgesprochen haben. Den Grund meiner späten Antwort ebenfalls. Ich hoffe im neuen Jahre pünktlicher antworten zu können, falls wir nicht wieder mit 5 mannhohem Besuch überrascht werden sollten.

Beim Beginn unseres Briefwechsels mache ich nun gleich den Vorschlag den RandDie Breite des linken Briefrands wie auch die Abstände zwischen Anrede, Brieftext und Unterschrift waren Zeichen des Respekts seitens des Briefschreibers oder der -schreiberin (je größer die Abstände, desto mehr Respekt wurde gezollt). an unsern Briefen entweder gleich wegzulassen oder auf möglichst kleine Dimensionen zu beschränken; es ist viel prak|tischer so; Sturmwindim Freundschaftsbund das Pseudonym von Minna von Greyerz; Armin Wedekind nannte sich Boreas (der winterliche Nordwind), Frank Wedekind Cephyr (der Gott des Westwinds), Mary Gaudard Nordpol, Anny Barck Glanzpunkt. u. ich haben das auch schon längst so eingerichtet. Dann habe ich gar nichts gegen die Verabschiedung mit Ihrem tiefsten Complimente dessen Schönheit in Wirklichkeit ich mir lebhaft vorstellen kann, bitte aber den Satz vom „gelangweilt haben“ in Zukunft hübsch weg zu lassen. So was kann ich nun einmal nicht leiden, um uns gegenseitig zu langweilen schreiben wir uns doch wohl nicht, wollen deßhalb auch nicht von vornherein annehmen, daß wir es thun u. uns demgemäß entschuldigen, nicht wahr? Nun habe ich noch eines zu bemerken; sollte Eins das Andere einmal nicht recht verstehen, oder gar etwas übel nehmen, so wollen wir gleich ausmachen daß das jeweils im nächsten Briefe bemerkt, offen gesagt | und auseinandergesetzt wird, damit es keine Mißverständnisse gibt, denn die hasse ich. Was sagen Sie nun zu all diesen Bedingungen? Haben Sie etwelcheirgenwelche, einige. Wünsche derart, so werden Sie dieselben hoffentlich im nächsten Briefe auch offen aussprechen, nicht wahr?

Nun komme ich gleich zu dem interessanten Thema über die Vernunft der Thierevon Wedekind in seinem Brief aufgeworfene Thematik.; die Scene m/b/ei Schillerin Schillers Drama „Wilhelm Tell“ (1. Aufzug, 1. Szene, V57-61); nach einem Wortwechsel zwischen dem Hirten Kuoni und dem Fischer Ruodi über das Thema Vernunft spricht der Jäger Werni: „Das Thier hat auch Vernunft, / Das wissen wir, die wir die Gemsen jagen, / Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn, / ’ne Vorhut aus, die spizt das Ohr und warnet / Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht.“ [Schillers sämmtliche Schriften, Bd. 14, S. 274] habe nachgelesen, natürlich auch des MondregenbogensGemeint ist die Schauplatzbeschreibung in Schillers Drama „Wilhelm Tell“ (2. Aufzug, 2. Szene): „Eine Wiese von hohen Felsen und Wald umgeben. Auf den Felsen sind Steige, mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrund zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospekt schließen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Scene, nur der See und die weißen Gletscher leuchten im Mondlicht.“ [Schillers sämmtliche Schriften, Bd. 14, S. 315] wegen. Einwendungen gegen die Vern. d. Th. mache ich keine mehr, sondern bin schon längst überzeugt worden. Jenes Gespräch an das ich mich noch sehr gut erinnere (war es es nicht an jenem ereignißreichen Abendwährend Anny Barcks Besuch bei Minna von Greyerz in Lenzburg um den 24.7.1883 [vgl. Anny Barck an Frank und Armin Wedekind, 6.8.1883]. mit der Hausschlüsselgeschichte?) ging mir noch lange im Kopf herum und in der |


[EinschubAnlass für den Einschub sind 4 auf der zunächst leeren Seite verteilte Tintenflecke, die Anny Barck kommentiert und dann überschreibt. auf Seite 4 am rechten Rand um 90 Grad gedreht:]

Ha Sie bekommen doch auch gleich einen hübschen Begriff von meiner Reinlichkeit! DintendolkenTintenklekse; das Wort verwendet Eduard von Mörike in der 2. Strophe seines Gedichts „An Fräulein Luise v. Breitschwert“: „Freund Kerner legte sich, im Reiseschattensinn, / Ein Album an, da quetscht er Dintendolken drin, / Und zeichnet jeden Klecks nach seiner Phantasey / Mit Wen’gem aus und freut sich wie ein Kind dabei: / Wird Der nicht Augen machen, wenn er sieht, / Wie anders dir der Spaß geriet!“ [Eduard von Mörike: Gedichte. 4. verm. Auflage, Stuttgart und Tübingen 1867, S. 368], ich bin wirklich unschuldig daran, sie müssen hergeflogen sein, aber ich kann doch die 3 Seiten nicht nochmals schreiben? Ich schicke den Bogen nun trotzdem ab und wenn Sie einenSchreibversehen, statt: eine. gar zu schlechten Ansicht bekommen, kann mir Sturmwind feierlichst bezeugen, daß ich selbst derart meine Briefe verziere. Also nichts für ungut!


[Fortsetzung des Brieftexts:]

ersten Zeit meines Hierseins, sprach ich mit dem Bräutigamnicht ermittelt. meiner Freundinnicht ermittelt. darüber, der mir nun mit klaren Worten bewies, daß Sie mit Ihrer Behauptung Recht hatten; zur selben Zeit hatte ich auch mehrfach Gelegenheit eine Katze zu beobachten, was ich m/a/uch mit großem Interesse that u. die bewies durch ihr Benehmen deutlich daß sie dachte/Vernu/nft dencken mußte hatte.

Als ich damals Ihre Behauptung bestritt meinte ich eigentlich mehr dies unaufhörliche Denken des Menschen über Dinge die nicht dem täglichen Leben, Essen, Trinken, Schlafen. pp angehören, um welches sich doch so | ziemlich die Vernunft der Thiere dreht, sondern das Beschäftigen mit etwas Höhern, das Nachdenken über das Leben u. Sterben, über das Dasein überhaupt p p Wenn ein Thier noch so klug ist so bleibt es doch immer ein Thier und der Gedanke ist mir unmöglich ein solches könne jemals darüber nachdenken warum es auf der Welt ist od. sich gar unglücklich fühlen daß es da ist. Sie wandten mir damals ein, „aber das können Sie ja gar nicht wissen, ob sie/ein/ ein Thier nicht auch darüber nachdenkt“. Allerdings beweisen kann man es nicht aber Sie können mir doch auch das Gegentheil nicht beweisen! Versuchen Sie nur mich zu überzeugen, gegen schlagende Beweise sträube ich mich nie, doch vielleicht sind wir gar nicht so weit auseinander in dieser Ansicht Beziehung, als ich meine. Ich bin sehr begierig was Sie darüber schreiben werden. Also die Vernunft der Thiere, sogar außergewöhnliche Klugheit gebe ich vollständig zu, aber ihr „Denken“ beschränkt sich auf’s materielle Leben. Freundin Minna soll ihre diesbezüg|lichen Ansichten nur auch entwickeln im nächsten Briefe.

Freitag: 21.

So die Weihnachtsgutzerl(schweiz.; süddeutsch) Bonbon, Süßigkeit. wären gebacken und das versprochene soll heute Abend noch feierlichst eingepackt und morgen zur Post gebracht werden. Hoffentlich kommt es unverbrochen an um als glänzender Zeuge meiner hie und da angezweifelten Kochkunst zu dienen. –

Vorhin las ich meinen bis jetzt geschriebenen Brief durch und stoße mich nun sehr am „materiellen Leben“ des letzten Satzes. Ich glaube ich habe mich da sehr schlecht ausgedrückt, die ganze Bezeichnung kann man wohl kaum beim Thiere anwenden; nun wie dem auch sei hoffe ich, daß Sie das was ich damit sagen wollte verstanden haben, und das ist schließlich die Hauptsache.

Wie steht es denn mit Medea? Ich kann Ihnen diese Lektüre nur anempfehlen, Sie werden gewiß genußreiche | Stunden dadurch verleben; Minna und ich waren beide ganz begeistert und hingerissen durch die Großartigkeit. Sie müssen aber nicht mit Medeadritter Teil von Franz Grillparzers Trilogie „Das goldene Vließ“ (1821). beginnen sondern mit dem „goldenen FließAnny Barck dürfte die ersten beiden Teile von Grillparzers Trilogie „Das goldene Vließ“ (1821) gemeint haben, das sind „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“..“ Ich bin wirklich sehr begierig wie es Ihnen gefallen wird. haben Sie sonst schon Sachen von Grillparzer gelesen? Von Heine habe ich seit langer Zeit nichts mehr gelesen, erinnere mich aber immer mit großem Entzücken an die vor 1½ Jahren durchgegangenen „Reisebilder“. (die Bäder von Luccadas italienische Reisebild „Die Bäder von Lukka“ (1830) [H. Heine: Reisebilder. Dritter Theil. Hamburg 1830]. p p) Es waren wunderbar schöne Stellen darin, die ich mir abschrieb und immer wieder gern lese. Minna hat dieselben auch, wenn ich nicht irre, und wenn es Sie interessirt was mir so gut gefiel, soll S/s/ie Ihnen dieselben zu lesen geben. Freilich kamen auch Stellen in genanntem Buche wo ihn nicht nur „das Liebste zu verhöhnen, sein Lied verführtVers aus Hermann Klettkes Gedicht „Heinrich Heine“, das Anny Barck im Sommer für Wedekind abgeschrieben hatte: „O, zürnt ihm nicht, der jetzt mit Liebestönen / Das Herz Euch rührt, / Dann aber selbst – das Liebste zu verhöhnen – / sein Lied verführt [...]“ [Anny Barck an Wedekind, 1.7.1883].“ sondern die/wo/ man/er/ fast trivial nennen/wurde/, könnte, wenigstens wurde ich manchmal versucht | das Buch geradezu aus der Hand zu werfen. Es ist das an Heine, was Minna so an ihm abstieß und ohne d/w/as er aber nicht Heine wäre. Nun, schließlich haben wir sie doch noch gewonnen durch seinen herrlichen in meinem Poesiebuch verewigten Worte „daß man das Gute um des Guten willen thun soll p pin Anlehnung an den kategorischen Imperativ Immanuel Kants in der Pflichtenethik.“. Ich weiß noch so gut wie ärgerlich ich früher immer wurde, wenn M. meine Begeisterung für diesen Dichter nicht theilte und nicht verstand und wie ich aufjauchzte, als sie mir eines schönen Tages mittheilte, daß ihr auch von anderer Seite, von einem gewissen Vetter FranklinFrank Wedekind und Minna von Greyerz waren über ihre Mutter, eine geborene Wedekind, sehr weitläufig miteinander verwandt. viel von Heine erzählt werde u. derselbe ganz auf meiner Seite sei. Da machten wir unsere erste Bekanntschaft und müssen Heine wohl auch dankbar dafür sein! Sie meinen er würde wenig gelesen; seine GedichteHeinrich Heines Gedichtsammlungen „Gedichte“ (1822) und „Buch der Lieder“ (1827) waren schon zu seinen Lebzeiten in mehreren Auflagen erschienen. doch wohl kaum. Im Allgemeinen glaube ich sind die Urtheile sehr verschieden über ihn, jugendliche Verehrerinnen u. Verehrer von ihm lernte ich schon viele kennen, ältere weniger. | Daß Sie so lebhaft Propaganda machen freut mich natürlich, und wünsche nur fortgesetzten guten Erfolg. –

Sowie ich nach Weihnachten Zeit habe werde ich mir Lorms WerkeWedekind hatte in seinem Brief Lorms Novellensammlung „Am Kamin“ und seine „Gedichte“ besonders empfohlen [vgl. Wedekind an Anny Barck, 28.11.1883]. zu verschaffen suchen; ich muß gestehen Sie verstehen es Propaganda zu machen denn durch das, was Sie mir von ihm erzählt, hat er sich schon im Voraus meine Sympathie erworben, der blinde Sänger, oder ist es nur das Mitleid?

Wollf's RattenfängerSchreibversehen, statt: Wolff’s Rattenfänger; wie aus einem Brief an ihre Freundin hervorgeht, kannte Anny Barck das Buch schon ein halbes Jahr zuvor: „Dann wollte ich Dich noch fragen ob Du Wolff’s „Rattenfänger von Hameln“ kennst, andernfalls würde ich ihn mitbringen.“ [Anny Barck an Minna von Greyerz, 1.7.1883 (Mü, FW B7)] gefiel mir zuerst gar nicht, als ich es wieder las, bedeutend besser. Die vielen Thierstimmen klingen allerdings etwas gemacht überhaupt die Sprache in manchen Gesängen. Im Ganzen war ich doch ziemlich befriedigt. Daß Ihnen Andersen’s Bilderbuch auch so gefällt, ist wirklich hübsch; es sind ganz reizende Bilder und ist es eines meiner liebsten Bücher.

So, nun wär's aber genug über Lektüre; plaudern wir noch ein wenig über Lenzburg und die Schloßbewohner. Ich bin nämlich ein klein wenig neugierig | und möchte Verschiedenes wissen. In welchem Zimmer haben Sie den Brief geschrieben und wo saß Ihre Mutter und die Kleinen Sie werden gewiß lachen, aber ich kann es mir dann g/b/esser vorstellen, bei Minna weiß ich’s auch immer gern ob sie am „Traumfenster“ od. neben dem Klavier schreibt. Ferner schreiben Sie mir bitte als etwas mehr über die Ihrigen, das interessirt mich sehr. Steht das Klavier noch im Wohnzimmer od. wieder im einstigen Tanzsaal? Wo sind Sie des Abends gewöhnlich, ich meine nämlich in welchem Zimmer, und was wird getrieben? Wie geht es denn auf der Cantonsschule? Sie sind gewiß froh wenn dies Semester vorüber u. Sie frei werdenAm Ende des Schuljahres (10.4.1884) erhielt Wedekind sein Maturazeugnis.!

Ist Herr SpilgerAdolf Spilker aus Vilsen bei Hannover, der in der Apotheke Bertha Jahns in Lenzburg tätig war und für den sich Anny Barcks Freundin Minna von Greyerz interessierte. Herr Bruder] Armin Wedekind studierte seit dem Wintersemester 1883/84 in Göttingen Medizin. ein guter Freund von Ihnen und was ist es eigentlich für ein Mensch? Kommt Minna an Weihnachten od. an Sylvester auf’s Schloß? Erzählen Sie mir auch ein wenig im nächsten Briefe wie Sie die Weihnachtsfeiertage zugebracht haben und ob die Kleinendie drei jüngsten Geschwister Erika, Donald und Emilie (Mati) Wedekind. recht vergnügt waren. Schreibt Ihr Herr BruderArmin Wedekind studierte seit dem Wintersemester 1883/84 in Göttingen Medizin. | fleißig, und gefällt es ihm in Göttingen? Nun wären es aber genug Fragen, werden Sie denken und deßhalb will ich geschwinde schließen. Grüßen Sie all die Ihrigen recht herzlich von mir, an Frau DoktorEmilie Wedekind; Frank Wedekinds Vater war promovierter Arzt. werde ich nächstens schreiben.

Dem armen gefangenen TannhäuserWedekind, der sich Ende November in Blanche Zweifel verliebt hatte, nannte sich in Gedichten an sie ‚Tannhäuser‘ und sie ‚Frau Venus‘. – Der Sage nach begab sich Tannhäuser in den Venusberg, wo ihn Frau Venus, die Göttin der Liebe, die wahre Sinnlichkeit lehrt, was als sündiges Verhalten gewertet zu seiner Verdammnis in der Welt führte und ihn zur Rückkehr in den Venusberg veranlasste. Zu den zahlreichen literarischen Bearbeitungen des Motivs zählt auch Heinrich Heines Gedicht „Der Tannhäuser. Eine Legende“ (1844). wünsche ich baldige Erlösung od. Befreiung, vergnügte Feiertage und ein glückliches neues Jahr. Mit Gruß
Ihre Bundesschwester
Anny Barck


Auch unserm Bunde
[Zeichnung]
im neuen Jahr ein fröhlich Gedeihen!

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 23. Februar 1884 - 12. März 1884
von Wedekind, Frank
an Barck, Anny

Schloß Lenzburg, II.1884.


Verehrte Fräulein Bundesschwestermit Pseudonym „Glanzpunkt“ im Freundschaftsbund „Fidelitas“.,

es gibt Verbrechen, die nicht entschuldigt, sondern nur verziehen werden können. Ein solches ist mein unverantwortlich langes Schweigenvgl. zuletzt Wedekind an Anny Barck, 28.11.1883.. Ich versuche deshalb gar nicht, mich auch nur im Mindesten zu rechtfertigen, sondern harre in Demuth | Ihrer gnädigsten Verzeihung, respectivehier: beziehungsweise. der Buße, die s/S/ie mir aufzuerlegen die Güte haben werden. – Aber nach dem lauten Wirrwarr von Tanzunterhaltungen, Theatern und sonstigen Festlichkeiten finde ich endlich einmal einen ruhigen a/A/ugenblick der Sammlung, und mein e/E/rstes ist, daß ich, Ihrer gedenkend, mit Ihnen ein Stündchen zu verplaudern suche. Möge es kein böses Omen für unsere zukünftige Correspondenz sein, daß ich dieselbe gleich anfangs so vernachlässige, aber in zwei Monaten bin ich freinach dem Erhalt des Maturazeugnisses am 10.4.1884. und werde alsdann schneller | Gelegenheit zur Erfüllung der angenehmr/st/en Pflichten finden. Ich habe, weiß Gott, auch seit einem halben Jahr einzig mit meiner Tantevgl. die Korrespondenz Wedekinds mit Olga Plümacher, seiner ‚philosophischen Tante‘. Briefe gewechselt, die d mich zuweilen auch durch recht voluminöse Epistel in Athem zu halten wußte. – Ich habe Ihnen heute viel, sehr viel zu schreiben, (voraus gesetzt, die Geduld gehe Ihnen beim Lesen nicht aus) und diese 3 Seiten Einleitung sind schon ein ganz entsprechender Anfang. –––

V/B/esten Dank für Ihr liebes großes SchreibenAnny Barck an Wedekind, 20. und 21.12.1883., an das Sie sich nun wol kaum mehr zu erinnern vermögen. Trotzdem muß ich aber wieder | darauf zurückkommen. Ihre werthen Vorschläge, die Sie mir gleich zu Anfang in demselben machen, über unsere Correspondenz im Allgemeinen, nehme ich dankbar an; und was das „Denken“ der Thiere anbelangt, so scheint es allerdings nicht wahrscheinlich zu sein, daß sie über „Sein oder Nichtseingeflügeltes Wort; Zitat aus Shakespeares Drama „Hamlet, Prinz von Dänemark“ – hier witzig rekurrierend auf die schon im Sommer 1883 begonnene Diskussion zwischen Wedekind und Anny Barck über die Vernunft der Tiere.e. ct. nachsinnen, obschon es ja durchaus nicht unmöglich wäre. Aber wie wenige Menschen thun denn das? Wie viele kleben nicht mit ihrem ganzen Wesen undSchreibversehen am Seitenwechsel, vermutlich zu ergänzen durch: Denken; oder: Sein. | am Materiellen? Denken Sie nur an die vielen Armen und Lohnarbeiter, halbe Maschinen, deren einzige höhere Geistesrichtung im besten Fall noch eine kindliche naive Religion ist. Und daß gewisse Thiere ebenfalls Religion haben, werden Sie mir wol nicht abstreiten wollen! Denken Sie nur an den Hund. Was Gott dem Menschen ist ist der Mensch dem Hunde. Dieser läßt sich von ihm schlagen, mißhandeln, liebkosen und treten und hängt dabei immer mit gleicher Ehrfurcht, gleicher Liebe, unwandelbarer Treue an seinem Herrn. | Soviel über die Religion der Thiere. – Das Weihnachtsguzerl(schweiz.; süddeutsch) Bonbon, Süßigkeit. hab ich dankbar erhalten und mit einer Andacht genossen, die jeder Prosa spottet und sich deshalb in folgendem bescheidenen aber tiefempfundenen Versen Ausdruck gab:


Mein Aug’ erfreute, Ihren Brief durchgleitend,
Sich an Gedanken und am schönen Stil –
Sieh da! aus den beschrieb’nen Blättern fiel
Ein Guzerl, angenehmen Duft verbreitend.


Und als ich nun begann, es zu zerknacken,
da merkt’ ich erst der Gabe tiefen Sinn:
daß nämlich nicht nur Chokolade drin,
daß süße Freundschaft auch hineingebacken. –


Erlauben Sie, daß diesen Brief begleitet
In der Erinn’rung an den Hochgenuß
der wärmste Dank für’s Guzerl und ein Kuß
der schönen Hand, die es so zart bereitet! –


–––


In einer RandbemerkungEine Randbemerkung, wie Wedekind sie im Folgenden beschreibt, gibt es in den überlieferten Briefen Anny Barcks an Wedekind nicht. Ihres lieben Epistels fragen Sie | mich, mir unbekannt, aus welchem Grunde, ob ich für das Wort „Göttlich“ eine besondere Sympathie hätte. Das ist nun allerdings wahr und gewiß leicht begreiflich, weil es in meinen Augen alles das bezeichnet, was über die alltägliche Sphäre unseres Lebens hinausragt und, wenn auch beseligend, dennoch selten vollständig durchschaut wird von dem, der das Glück hat, etwas Göttliches zu empfinden. Aber das Göttliche hat ja immer auch | etwas Dämonisches an sich. Und dieser Eigenschaft mach darf ich wol Ihre spöttische Bemerkung zuschreiben und die Thatsache, daß ich f vor einiger Zeit mit einem jungen Lenzburger HerrnEs dürfte sich um Adolf Zweifel handeln, in dessen junge Frau Blanche Zweifel, geborene Gaudard, sich Wedekind verliebt hatte (siehe unten). um ein Haar ganz fatale Händel bekommen hätte, eben wegen dieses verhängnisvollen Wortes. Ich muß es bei einer Gelegenheit ausgesprochen haben, die den empfindlichen Seladonveraltete Bezeichnung für einen schmachtenden Liebhaber. eifersüchtig machte und die er so daß er die erste Gelegenheit wahrnahm, um mich allenfalls zu schraubenfoltern; quälen [vgl. DWB, Bd. 15, Sp. 1653].. Dies ist ihm nun allerdings nicht gelungen, doch merke ich jetzt erst, daß ich Ihnen etwas verrathen habe, | wofür eigentlich auch eine kräftige Moralpredigt ganz am Platze wäre. Daß Allein nun erlauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen vollends beichte: Denken Sie sich, ich war verliebt. – Und zwar – verdammen Sie mich nur! – in eine junge FrauBlanche Zweifel, geborene Gaudard, verheiratet mit dem Lenzburger Kolonialwarenhändler Adolf Zweifel. Sie gehörte dem Lenzburger Cäcilienverein und der Lenzburger Laientheater-Gruppe an. Wedekind hatte im November und Dezember 1883 fünf Gedichte auf sie verfasst [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 52; KSA 1/I, S. 1092].. Aber ich war es. und wage deshalb jetzt mit dem Ungeheuer zu spielen, zu spotten, dem ich vor weniger Zeit noch kaum in die Augen blicken konnte. Dieses Ungeheuer ist nämlich nicht der Gegenstand meiner Leidenschaft sel., sondern eben diese Leidenschaft selbst, | die übrigens weniger an den wolgemeinten Ermahnungen meiner lieben Tantevgl. Olga Plümacher an Wedekind, 5.1.1884 und 20.1.1884., als vielmehr, weil sie allzu abstract, ohne die geringste Anknüpfung ans Leben war, nach kurzem heftigen Auflodern, eines sanften Todes starb. – Gott hab sie selig! ––– Ich würde mir wohl kaum erlaubt haben, Sie so ohne weiteres mit meinen Herzensgeheimnissen zu behelligen, wenn ich nicht wüßte, daß Sie schon durch Cousine Minna, den/r/ geschwätzigen WindsbrautAnspielung auf Minna von Greyerz’ Pseudonym „Sturmwind“ im Freundschaftsbund „Fidelitas“., Kenntniß daf/v/on erhalten haben. Und da solch gefährliche Passionen, doch eigentlich der Abscheu jedes | guten Christen sein sollten, so konnt ich nicht unterlassen, s/S/ie von dem glücklichen Ende zu unterrichten. Überhaupt wird mir zuweilen die Ehe/r/e und das Vergnügen zu Theil und ich setze voraus, mit Ihrer gütigsten Erlaubniß, dies oder jenes aus Ihrer werthen Correspondenz mit Minna zu vernehmen. Und verzeihen Sie den nicht geringen Schrecken, der mich jüngst überv/f/iel, als ich auf solchem Wege hörte, Sie hätten die Absicht, Ihre Tagebücher zu vernichten. Sollte es wirklich Ihr En/r/nst mit diesem Vorhaben sein, so hege ich die feste Überzeugung, daß Sie es noch nach Jahr und | Tag jedermann den aufrichtigsten Dank wissen würdem/n/, dem es gelungen wäre, Sie vor dem unbesonnenen Schritte zu bewahren. Aber wie mögen Sie auch nur an den Tod denken, an diesen ungemüthlichen Gesellen, mitten im Frühling des Lebens! Denn ungemüthlich ist er doch mal für jedermann, selbst für den verbissendsten Pessimisten, da die Natur selten so barmherzig ist, und practisch zu Werke geht, wie es dem Menschen selber möglich ist. – Ich hatte ja selber/st/ die Ehre und das Glück etwas aus Ihrem werthen Tagebuche | zu hören. Sie erinnern sich vielleicht noch an die/as/ alexandrinische WeibHeine schreibt im Kapitel „Die Stadt Lukka“ (Reisebilder, Tl. 4) „schon damals gefiel mir die Erzählung von dem Weibe, das durch die Straßen Alexandriens schritt, in der einen Hand einen Wasserschlauch, in der andern eine brennende Fackel tragend, und den Menschen zurief, daß sie mit dem Wasser die Hölle auslöschen und mit der Fackel den Himmel in Brand stecken wolle, damit das Schlechte nicht mehr aus Furcht vor Strafe unterlassen, und das Gute nicht mehr aus Begierde nach Belohnung ausgeübt werde.“ [DHA, Bd. 7, S. 182 (Z 23-30)]. mit Fackel und Wassereimer aus Heines Reisebildern, das Sie uns aus Ihrem Hefte vorlasen. All d/s/olche Aufzeichnungen böten Ihnen in späteren Jahren gewiß eine Lectüre wie Sie sie bei keinem Biographen interessanter finden b würden. ––

Doch nun hab’ ich Ihren Briefden vorliegenden Brief, dessen Fortsetzung Wedekind an dieser Stelle für mehr als 2 Wochen unterbrach. schon wieder geraume Zeit unvollendet liegen lassen. Aber die bevorstehendSchreibversehen, statt: bevorstehende. Maturitätsprüfung, die mich Tag und Nacht dämonisch verfolgt und mich ängstigt wie Bankos GeistBanquo (Banco), Antagonist von Macbeth im gleichnamigen Drama William Shakespeares, den Macbeth ermorden läßt und der ihm anschließend als Furcht einflößender Geist erscheint (Macbeth, 3. Aufzug, 4. Szene). muß alles entschuldigen. O wäre diese | schreckliche Passionszeitin Anlehnung an die 40-tägige Leidenszeit Jesu vor der Kreuzigung (Karfreitag) und Auferstehung (Ostersonntag). schon vorüber, dann will ich ebenfalls auferstehen und aufathmen wie neugeboren. Doch der Kelch muß geleert seinRedensart: durchhalten, bis es nicht mehr geht; in Anlehnung an Jeremia 49,12 sowie – bezogen auf die Leidensgeschichte Jesu – Markus 14,36 (Matthäus 26,39).! Sollten Sie, all’ meine Nachlässigkeit gütig übersehend, mir noch vor dem Examen* *(Heute, MittwochMittwoch, der 12.3.1884. Die Prüfungsphase begann 2 Wochen später am Mittwoch, den 26.3.1884, mit dem schriftlichen Teil und endeten mit den mündlichen Prüfungen am Donnerstag, den 3.4.1884, und Freitag, den 4.4.1884, wie die Presse berichtete: „Die diesjährige Maturitätsprüfung der Gymnasialabiturienten an der Kantonsschule wird am 26., 27. und 28. März und ferner am 3. und 4. April im Sitzungszimmer des Erziehungsrathes abgehalten.“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 30, Nr. 71, 24.3.1884, S. (1)] über 14 Tage) zu antworten geruhen, so darf ich s/S/ie vielleicht um einen herzlichen Glückwunschzur Maturaprüfung wünschte nicht nur Anny Barck [vgl. Anny Barck an Wedekind, 16.3.1884] Glück, sondern auch andere [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 20.2.1884]. ersuchen. Ich bin in solchen Sachen und derartigen Lagen sehr abergläubisch und würde Ihren werthen Segen gewiß zu schätzen wissen. –– Es hätte wenig gefehlt, so wär’ ich sogar wieder gläubig ge|worden, denn gerade das Bewußtsein der eigenen Ohnmacht und Schwäche war ja von je her die Quelle menschlicher Religion. –– Meine Kameraden unter denen ich viele Glaubens- respct. Unglaubensgenossen besitze, äußerten jüngst in einer gemüthlichen Runde, nur ohne Religion könne man keine Kinder erziehen. Was meinen Sie dazu? Ich antwortete, man der Vater sel könne und solle seinen Kindern eigentlich das höchste Wesen sein und dürfe seinen Kindern gegenüber sehr wol das 1. der 10 Gebote auf sich selbst beziehen: Ich bin e c.„Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ [Exodus 20,2] – erster Teil des 1. Gebots, das Mose auf dem Berg Sinai von Gott empfangen hat. | und [„]Du sollst keine anderen Götter neben mir habender zweite Teil des 1. Gebots, das Mose auf dem Berg Sinai von Gott empfangen hat [vgl. Exodus 20,3].“ dabei fiel mir ein, wie man diesen Cultus noch weiter ausbilden könnte, so z B. durch ein Gebet, das ich s/S/ie bitten möchte, nicht als Parodie aufnehmen zu wollen,/./ Es ist heiliger Ernst darin:

Lieber Papa, der Du bist auf Deinem Studirzimmer!Frank Wedekind profanisiert das christliche Gebet „Vaterunser (Paternoster)“ [vgl. Matthäus 6,9-13], indem er die erste Zeile („Vaterunser der du bist im Himmel“) durch die vorliegende Ansprache an den eigenen Vater ersetzt. – Friedrich Wilhelm Wedekind hielt sich vorwiegend in seinem ‚Studierzimmer‘ auf Schloss Lenzburg auf. – 1891 veröffentlichte Frank Wedekind eine andere Parodie des Gebets [(Das Neue Vater Unser. Eine Offenbarung Gottes. Seiner Zeit mitgetheilt von Hugo Frh. von Trenck) vgl. KSA 1/I, S. 302-312; KSA 1/II, S. 1160-1178 (Kommentar)]. Geheiliget werde Dein Name! Dein Segen komme über uns! Dein Wille geschehe in unseren Gedanken und Werken! Gib uns heute unser tägliches Brot und vergib uns unsere Schulden! Bewahre | uns vor Versuchung und erlöse uns von dem Bösen! Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit! –– Amen!“ ––– Was sagen Sie zu dieser Idee. Ich kenne zwar Ihre Anschauungen auf religiösem Gebiet überhaupt noch nicht; doch allein wer SchoppenhauerSchreibversehen, statt: Schopenhauer; Wedekind dürfte auf Arthur Schopenhauers pessimistische Vernunftkritik anspielen, die der Philosoph in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819) entwickelt. liest, kann doch unmöglich den Ki/fr/ommen Kinderglauben rein bewahrt haben. –––

Sie werden diesen Winter durch wol wieder recht fleißig Lectüre getrieben haben? und wissen mir allerlei anzuempfehlen? Leider muß ich mit Beschämung gestehen, daß | ich noch nicht einmal Ihren früheren Rathschlägenvgl. die vorangegangene Korrespondenz mit Anny Barck. Folge geleistet habe. Platens Gedichte liefen mir zufälligAugust von Platens Sammlung „Gedichte“ erschien erstmals 1828 in Stuttgart und Tübingen bei Cotta. Olga Plümacher hatte Wedekind dessen Sonette empfohlen [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 5.1.1884]. durch in die Hände, und ich durchblätterte sie mit kalter Bewunderung. Der Mann ist zu eitel um einen/r/ weniger göttlichen Natur, als er eine ist, zu Herzen sprechen zu können. –– Was sagen Sie zu R. BaumbachWedekind hatte einige Wochen zuvor schon seine ‚philosophische Tante‘ um ein Urteil über den Gegenwartsdichter Rudolf Baumbach gebeten, der in den 1880er Jahren neben Victor von Scheffel und Julius Wolff zu den populärsten deutschen Dichtern zählte [Heinz Otto Burger: Baumbach, Rudolf. In: Neue Deutsche Biographie Jg. 1, 1953, S. 654f.].? Er ist Ihnen doch gewiß aus verschiedenem bekannt?/!/ Ich las seine Lieder eines Fahrenden, Spielmannslieder, Abentheuer e. ct. und stieß mit meinem Urtheil überall auf Widerspruch. Ich bin deshalb recht gespannt | darauf, ob ich vielleicht bei Ihnen Unterstützung finden werde. ––– Ich erlaug/b/e mir nun noch zum Schluß, Ihnen ein kleines Poema beizulegen, welches das unverdiente Glück hatte, vor Aaraus versammeltem Publicum von mir vorgetragenWedekinds „Prolog zur Abendunterhaltung der Kantonsschüler“, den der Autor am Kantonsschülerfest (1.2.1884) mit großem Beifall vorgetragen hatte [vgl. KSA 1/II, S. 1983ff.]. und späterhin von einem entzückten ZuhörerDer Verleger und Buchhändler Remigius H Sauerländer hatte das kleine Werk in einer Auflage von einigen hundert Exemplaren im Aarauer Verlag H. R. Sauerländer gedruckt [vgl. Remigius H Sauerländer an Wedekind, 13.2.1881]. gratis gedruckt zu werden.

Meine l. Tante, die schon seit einigen Jahr Monaten für ein dickes Buch über Empfindungen e. ct. nach einem Verleger ausblickte, gratulirte mir zu der Zuvorkommenheit des Buchhändlers mit einer entsprechenden Bemerkung über die Thorheit der Menschen, die so viel mal lieber unterhalten | als belehrt sein wollten. Doch hat auch S/s/ie ihr Geisteskind nunmehr glücklich untergebrachtOlga Plümachers philosophische Abhandlung „Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart. Geschichtliches und Kritisches“, die sie im November 1883 beendet hatte, erschien 1884 bei Georg Weiss in Heidelberg. und bereits einen neuen PlanUngewiss bleibt, ob es sich hier um einem „Vorschlag Hartmanns“ handelt, von dem die ‚philosophische Tante‘ schreibt [Olga Plümacher an Wedekind, 19.4.1884]. gefaßt. ––– Doch ich will schließen. In der L/l/ebhaften Erwartung Ihrer gnädigsten Absolutionin der katholischen Kirche die Freisprechung von den Sünden nach erfolgter Beichte und einer eventuell auferlegten Buße., er/re/spect. einer verhängten Kirchenbuße verbleibe ich Ihr mit vollkommener Hochachtung Ihr ergebenster Bundesbrudermit Pseudonym Zephyr im Freundschaftsbund „Fidelitas“.
Franklin.

Einzelstellenkommentare

Freiburg im Breisgau, 16. März 1884 (Sonntag)
von Barck, Anny
an Wedekind, Frank

Herrn
Franklin Wedekind |


Dem reuigen Sünderwegen seiner Briefschulden [vgl. Wedekind an Anny Barck, 23.2.1884 und 12.3.1884]. volle Verzeihung und die besten GlückwünscheDie hatte sich Wedekind in seinem Brief erbeten. zum bevorstehenden ExamenDie Maturaprüfung dauerte von Mittwoch, den 26.3.1884, bis Freitag, den 28.3.1884, (schriftlicher Teil) sowie Donnerstag, den 3.4.1884, und Freitag, den 4.4.1884, (mündlicher Teil) [Aargauer Nachrichten, Jg. 30, Nr. 71, 24.3.1884, S. (1)]. an dessen gutem Erfolg nicht im mindesten zweifelt die
großmüthige Bundesschwesterim Freundschaftsbund „Fidelitas“, den die Brüder Frank und Armin Wedekind mit ihrer Cousine Minna von Greyerz und deren Freundinnen Mary Gaudard und Anny Barck im Herbst 1883 in Lenzburg gegründet hatten.
Anny

Einzelstellenkommentare

Freiburg im Breisgau, 14. April 1884 (Montag)
von Barck, Anny
an Wedekind, Frank

Freiburg 14. April
Ostermontag


Werther Herr Franklin!

Ich will mich nicht weiter mit Entschuldigungen abgeben, es waren Hausfrauenpflichten, die mich nicht früher zum Antworten kommen ließen. Ihr „Verbrechen“ haben Sie durch den großen Briefvgl. Wedekind an Anny Barck, 23.2.–12.3.1884. hinlänglich gesühnt und erlasse ich Ihnen jede weitere Buße, selbst die Bedingung künftig früher zu schreiben, sonst müßte ich bei jedem kommenden Briefe denken, Sie schrieben nur deßhalb. Ganz im Stillen hoffe und wünsche ich zwar sehr, daß der Briefwechsel etwas eifriger werden mögen, und die beiderseitigen Pausen nicht mehr so lange andauern mögen! |

Ihr ausführlicher Brief gab mir Mancherlei zu denken und auch herzlich gelacht habe ich über einige Ihrer spöttischen Bemerkungen, vor allem über die Grabrede Ihrer Liebedie kurze Leidenschaft für die verheiratete Blanche Zweifel, von der Wedekind Anny Barck in seinem Brief berichtete.. Ich glaube immer Sie werden noch hie und da in den Fall kommen eine solche zu halten!! Nun lassen wir sie aber ruhen, die schöne Leidenschaft, sonst lebt sie am Ende gar noch einmal auf!

Für die freundliche Zusendung des Prolog’s meinen herzlichsten Dank; ich freute mich sehr und gab denselben in unserm Kränzchen auch zum Besten, allwo er sehr bewundert wurde; ich selbst will weiter keine Lobeserhebungen machen, denn wie ich von Minna erfuhr wurden s/S/ie so allgemein damit überschüttet und – „allzuviel ist ungesund“, sagt ein altes deutsches Sprichwort. Meine liebste Stelle | darin ist:

Was Ideales einst das HerzIm „Prolog zur Abendunterhaltung der Kantonsschüler“ heißt es: „Was Ideales einst das Herz durchglüht, / Verfliegt als eitel Traumbild mit den Jahren;“ [KSA 1/I, S. 115]. pp
Verfliegt als eitel Traumbild pp

was Sie doch wohl hoffentlich nicht aus eigener Erfahrung schrieben, das wäre doch noch zu früh. Das Leben winkt Ihnen so rosig entgegen (allen pessimistischen Anschauungen zum Trotz) haben Sie doch die schöne, freie Studentenzeit vor sich! O die schöne, goldene Jugendzeit! i/I/ch sehe uns Beide nun ganz deutlich im Garten bei den JohannisbeerenDas dürfte während Anny Barcks Besuch in Lenzburg Ende Juli und Anfang August 1883 gewesen sein, als sie Wedekind kennenlernte [vgl. Anny Barck an Frank Wedekind und Armin Wedekind, 6.8.1883]. stehen unsere pessimistischen Weltansichten tauschend; (und dabei eifrig Beeren essend) hinter uns hört man die beiden Bundeswinde Sturmwind u. Boreasdie Pseudonyme von Minna von Greyerz und Armin Wedekind im Freundschaftsbund „Fidelitas“, den Minna von Greyerz mit Armin und Frank Wedekind (Zephyr) – wohl am 14.10.1883 – gründete und dem Anny Barck (Glanzpunkt) und Mary Gaudard beitraten. ebenfalls eifrig verhandeln. Während ich nun so darüber nachdenke wundere ich mich nachträglich über i/I/hre Ansichten, bei Ihrer Jugend; das ist eigentlich viel zu früh, in Ihrem Alter sollte man | noch hoffnungs- und erwartungsvoll in die Zukunft schauen und höchstens ahnen daß die Rosen Dornen haben. Nun, daß Sie den Tod für einen gar so ungemüthlichen GesellenSo hatte Wedekind den Tod in seinem Brief genannt [vgl. Wedekind an Anny Barck, 23.2.–12.3.1884]. halten ist mir immerhin ein gutes Zeichen, daß Sie trotz des Pessimismus lebensfroh u. lebenslustig sind, wie es in der Jugend auch sein soll. Übrigens gar so ungemüthlich ist er doch nicht, der schwarze Geselle, für manches arme gequälte Menschenherz die letzte Hoffnung, wenn er end/wirk/lich das bringt was wir hernieden so oft vergeblich ersehnen: Ruhe und Frieden. Doch gehen wir zu einem andern Thema über. Sie sind der Ansicht, man könne die Kinder ganz gut ohne Religion erziehen, der Vater solle seinen Kindern eigentlich das höchste | Wesen sein; ich glaube da bin ich doch nicht so ganz Ihrer Meinung, ich halte die richtige Kindererziehung für etwas sehr Schwieriges und glaube daß die Religion doch etwas nützlich ist dabei; wenn die Kinder od. Menschen in ein gewisses Alter kommen, bilden sie sich doch eigene Ansichten auch in dieser Beziehung. Ich finde daß jede Religion od. jeder bestimmte Glaubensform, da wo sie von Herzen kommend und rein betrieben wird, nicht vernunftwidrig u. abergläubisch auftretend, viel Gutes stiftet u. einen guten Einfluß auf die Menschen ausübt. Ihre Parodie auf das VaterunserWedekinds Gebet „Lieber Papa, der Du bist auf Deinem Studirzimmer!“ hat mich eigentlich etwas verletzt; man soll das nicht verspotten was man/ande/rn heilig ist; nicht daß es mir auch heilig wäre, aber es war mir einstens heilig u. da bewahre ich noch etwas Pietät. Den frommen Kinderglauben, den ich nicht in sehr | hohem Maaße besessen, habe ich schon längst verloren und gehöre zu den Ungläubigen; ob ich in dem Grade Atheist bin wie Sie kann ich nicht bestimmen, denn ich kenne Ihre Ansichten darin noch viel weniger als Sie die meinen.

Meine etwas ironische FrageDie Randbemerkung, in der Anny Barck die Frage – so Wedekinds Behauptung – gestellt haben soll, ist nicht überliefert [vgl. Wedekind an Anny Barck, 23.2.–12.3.1884]. über das Wort „göttlich“ haben Sie wohl deßhalb nicht verstanden weil Sie sich nicht mehr erinnern konnten, wie unzählige Male Sie dasselbe in Ihrem ersten Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Anny Barck, 8.7.1883. angewandt haben; nun liebe ich dieses Wort auch sehr, aber nur da wo es am richtigen Platze ist, wenn es das bezeichnet was über die alltägliche Sphäre unseres Lebens hinausreicht, hasse aber die Anwendung desselben wie sie gegenwärtig Mode ist. Darum heißt es eben göttlich, daß nicht das alltägliche Menschliche damit bezeichnet werde. Ich hoffe, Sie nehmen mir | meine kleine spöttische Bemerkung nun nicht noch nachträglich übel.

Also auch Sie, lieber Bundesbruder bekamen einen kleinen Schreck über den Vorsatz meine Tagebücher zu verbrennen. Minna rieth mir sehr davon ab, nun Sie Alle Beide hegten viel zu große Erwartungen von dem Inhalt derselben. Das erste habe ich verbrannt und muß selbst gestehen es ist kein großer Verlust, es stand recht kindisches Zeug darin. Damals war ich von lauter schwarzen Gedanken heimgesucht, war selbst nicht ganz gesund u. so kam dann das AutodaféVerbrennung von Handschriften oder Büchern.. Was ich Ihnen damals aus meinem Tagebuch vorlas war ausnahmsweise darin, u. ist das einzige derart; für all die Stellen sei’s Poesie, sei’s Prosa habe ich ein besonderes Buch u. in meinem/n/ Tagebüchern | sind nur eigene Erlebnisse und eigene GedankeSchreibversehen, statt: Gedanken. niedergeschrieben, u. ersterer sind’s für meine Jahre mehr als genug. Ich habe auch seit bald einem Jahr kein Wort mehr hineingeschrieben, was zuletzt darin steht, hat mir vorderhand alle Lust genommen es nur wieder aufzuschlagen. Und dann – meine Briefe an MinnaÜberliefert ist nur ein Blatt des Briefes, auf dem Anny Barck für Wedekind Hermann Kletkes Gedicht „Heinrich Heine“ abgeschrieben hat [vgl. Anny Barck an Wedekind. Freiburg im Breisgau, 1.7.1883]. sind ja auch halbe Tagebücher denn wir schreiben uns ja so ziemlich Alles was unser Leben ausfüllt, und kann ich gar nicht sagen wie viel mir dieser rege geistige Verkehr mit unserm lieben Sturmwind werth ist. Ich habe keine Freundin hier, sehr liebe, ge/na/hestehende Bekannte, aber eine Freundin im wahren Sinn des Wortes nicht, u. wenn ich auch den mündlichen Gedankenaustausch sehr vermisse, habe ich doch immer den geistigen, lebhaften mit meiner lieben Minna. |

Sie fragen mich über mein Urtheil R. Baumbach’s. Der Dichter ist bei uns sehr in der Mode; ich erhielt zu Weihnacht zwei Sachen von ihm, „Frau Holle“ und „Zlatorog“ eine Alpensage in gebundener RedeweiseSowohl die in Leipzig erschienenen Sagen „Frau Holde“ (1880) und „Zlatorog“ (1878) von Rudolf Baumbach als auch der von der Metzlerschen Buchhandlung in Stuttgart verlegte Trompeter von Säkkingen (1853) Victor von Scheffels sind als Versepen abgefasst. à la Trompeter von Säkkingen. Sonst habe ich noch nichts von ihm gelesen, die beiden Erzählungen finde ich recht hübsch, aber so viel als aus ihm gemacht wirdDer Gegenwartsdichter Rudolf Baumbach zählte in den 1880er Jahren neben Victor von Scheffel und Julius Wolff zu den populärsten deutschen Dichtern [Heinz Otto Burger: Baumbach, Rudolf. In: Neue Deutsche Biographie Jg. 1, 1953, S. 654f.]., kann ich nicht finden. Bedeutendes habe ich nicht an ihm gefunden, schwärmen Sie für ihn oder stimmen Sie mir bei?

Daß das gefürchtete Examen glücklich bestandenAm 10.4.1884 hatte Wedekind bei der öffentlichen Zeugnisübergabe an der Kantonsschule Aarau das ersehnte Maturazeugnis erhalten. (jedenfalls nur in Folge meines Glückwunsch’svgl. Anny Barck an Frank Wedekind. Freiburg, 16.3.1884.) habe ich erfahren, nun ich zweifelte nicht daran, denn es wäre doch zu traurig gewesen hätte uns unser Bundesbruder keine Ehre gemacht. Bis wann reisen SieWedekind dürfte am 1.5.1884 Lenzburg verlassen haben. Sein Vater erlaubte ihm, ein Semester Literatur der neueren Sprachen an der Académie de Lausanne zu studieren, ehe er in München ein Studium der Rechte aufnehmen sollte. denn ab? Minna wird es ganz | sonderbar vorkommen, wenn der Kreis an den SonntagabendenIm Herbst 1883 hatte Armin Wedekind, der sein Medizinstudium in Göttingen fortsetzte, die Runde verlassen. Mary Gaudard und auch Anny Barck dürften zeitweise ebenfalls zum Kreis der Sonntagabendgäste Minna von Greyerz’ gehört haben. immer kleiner wird. So ist es halt im Leben, ein ständiges Kommen und Gehen! Würden Sie Medizin studiren, hätte ich unsere UniversitätDie Mitte des 15. Jahrhunderts gegründete Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau war in der Medizin breit aufgestellt, hielt aber im Bereich Neuere Sprachen nur ein sehr begrenztes Angebot vor [vgl. Ankündigung der Vorlesungen welche auf der Großherzoglich Badischen Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg im Breisgau gehalten werden. Sommersemester 1884, S. 4-7 (Medizin); S. 10f. (Romanische Philologie)]. angepriesen, aber für Ihr Fach ist es nichts hier. Der nächste Brief, den ich erhalten werde, kommt dann wohl aus Genfeine Falschinformation; Wedekind studierte in Lausanne, nicht in Genf. und erzählt mir von den frischen Eindrücken.

Nun komme ich aber endlich zum Schluße; grüßen Sie All die Ihrigen, Groß und Klein, herzlich von mir. Mit freundlichem Gruße
Ihre Bundesschwestermit dem Pseudonym „Glanzpunkt“ im Freundschaftsbund „Fidelitas“.
Anny Barck
[Zeichnung]

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