Lieber Max,
Director FerenzciJosé Ferenczy, Direktor des Central-Theaters in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach
1902, S. 255], plante ein literarisches Kabarett, das Martin Zickel, Regisseur am
Berliner Residenztheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1902, S. 251], initiiert hatte
[vgl. Wedekind an Martin Zickel, 20.5.1901]. Wedekind hatte Bedenken gegen José Ferenczys
Geschäftsgebaren, sich gleichwohl auf einen Vertrag für das Kabarett-Projekt eingelassen,
den er dann bald zu lösen suchte [vgl. Wedekind an Martin Zickel, 21.9.1901], was
ihm nicht gelang, und er schließlich eine hohe Konventionalstrafe an José Ferenczy
zahlen musste [vgl. Wedekind an José Ferenczy, 1.4.1903]. beabsichtigt
sein Überbrettl, welches übrigens eher ein musikalisch-literarischer Salon sein
soll in der allervornehmsten Art zu arrangieren. Das Etablissement
soll geistige Unterhaltung der besten Art bieten. Deshalb beauftragt er
mich, bei Dir anzu|fragen, ob du geneigt wärest, bei ihm vorzulesenMax Halbe ist, soweit ermittelt, auf das Angebot einer Lesung nicht eingegangen, möglicherweise,
weil die Zeit zwischen dem 29.9.1901 und 15.10.1901 teilweise von Premieren seiner
Dramen (siehe unten) tangiert war.,
entweder Gedichte oder dann eine kürzere Novelle. Es würde sich um die Zeit
zwischen dem 29. Sept. und fünfzehnten Oktober handeln. Bedingung wäre
allerdings die Mitwirkung am Eröffnungsabend, dessen Datum noch nicht genau
bestimmt ist. Es würde sich daher um ein festes Engagement auf 14 Tage handeln.
Ich entgegnete Ferenzcy, daß ich mir wol denken könne | daß Du damit
einverstanden wärest, vorausgesetzt, daß die Zeit nicht mit Deinen PremièrenMax Halbes neuestes Stück „Haus Rosenhagen“ (1901), das am 14.2.1901 am Dresdner Hoftheater
uraufgeführt worden war, hatte am 21.9.1901 am Lessingtheater in Berlin Premiere –
„Max Halbes in Dresden sowie in Hamburg, München, Breslau, Frankfurt a.M. bereits
aufgeführtes Drama ‚Haus Rosenhagen‘“ [Dresdner Journal, Nr. 222, 23.9.1901, nachmittags,
S. 1777] hatte zeitgleich mit Berlin auch am Stadttheater Barmen sowie am Stuttgarter
Hoftheater Premiere; die Premiere am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg fand am 7.9.1901
statt, am 9.10.1901 gab es dann jeweils Premieren an den Stadttheatern in Koblenz
und Halle an der Saale. Der Autor war an der Berliner Premiere beteiligt, wie die
Presse meldete: „Max Halbe, der Dichter des dreiaktigen Dramas ‚Haus Rosenhagen‘,
das am Sonnabend im Lessing-Theater zur ersten Aufführung gelangt, ist von seinem
Münchner Wohnsitze in Berlin eingetroffen und nimmt an den Proben Theil.“ [Berliner
Tageblatt, Jg. 30, Nr. 474, 18.9.1901, Morgen-Ausgabe, S. (3)] Premiere hatte am 6.10.1901
auch sein älteres Erfolgsdrama „Jugend“ (1893) am Wilhelma-Theater in Cannstatt bei
Stuttgart.
collidiere. Ich würde Dich bitten mich telegraphisch wissen zu lassen,
ob Du im Prinzip nicht abgeneigt wärest, Dich auf die Angelegenheit
einzulassen. Ich glaube, daß jede Anforderung, die Du stellen würdest,
anstandslos bewilligt wird.
Über meine Erfolgesarkastisch über die Publikumsresonanz auf „Der Kammersänger“ (1899), vom 31.8.1901
bis 15.9.1901 an insgesamt 14 Abenden unter der Regie von Martin Zickel am Residenztheater
(Direktion: Sigmund Lautenburg) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1902, S. 251] in Berlin
gespielt; es folgte auf Wedekinds Einakter in den abendlichen Doppelvorstellungen
jeweils die Boulevardkomödie „Leontines Ehemänner“ (1900) von Alfred Capus, ein bereits
eingeführtes Stück, so dass Wedekinds Stück „als Beigabe“ [Seehaus 1973, S. 60] erscheint. habe ich
bis jetzt noch nicht viel Erhebendes erfahren. Das Publicum | ist ziemlich
kühl, ebenso der Darsteller des KammersängersWilly Martini, Schauspieler im Ensemble des Berliner Residenztheaters [vgl. Neuer
Theater-Almanach 1902, S. 251], spielte in Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ die
Titelrolle des Gerardo. Die Kritik meinte, er „stattete den Kammersänger mit einem
Unterton von Bonhommie und Humor aus“ [Berliner Tageblatt, Jg. 30, Nr. 443, 1.9.1901,
Sonntags-Ausgabe, S. (2)]. „Man rief den Autor mehrmals hervor und zollte auch den
Darstellern gebührenden Beifall. Von diesen gab Herr Martini den Kammersänger recht
gewandt und liebenswürdig, ohne indessen jenen Zug suggestiver Kraft zu treffen, die
dieser Gestalt entströmen soll.“ [Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Jg. 40, Nr. 206,
3.9.1901, Beilage, S. 2].
Grüße Deine l/L/ieben aufs
herzlichste und sei bestens gegrüßt von Deinem
Frank.
Berlin 3.IX.1901.
Lindenhotel, kleine
Kirchgasse.