FRANK WEDEKIND.
MÜNCHEN, den
6.VIII 1901.
Franz Josefstr. 42/II.
Lieber Herr Zickel!
Seit vorgesternseit dem 4.8.1901 (Sonntag). Wedekind war als Ensemblemitglied mit den Elf Scharfrichtern
vom 19.7.1901 bis 3.8.1901 auf einer Gastspieltournee, die in Cannstatt bei Stuttgart
begann (vom 20. bis 24.7.1901 im Wilhelma-Theater) [vgl. Cannstatter Zeitung, Jg.
61, Nr. 171, 24.7.1901, 1. Blatt, S. 3], dann nach Darmstadt führte (vom 26. bis 30.7.1901
im Spielhaus der Künstlerkolonie) [vgl. Darmstädter Zeitung, Jg. 125, Nr. 348, 27.7.1901,
Nachmittags-Blatt, S. 1497; Nr. 350, 29.7.1901, Nachmittags-Blatt, S. 1506], anschließend
nach Kreuznach (heute: Bad Kreuznach, am 31.7.1901 im Kurtheater) [vgl. KSA 1/IV,
S. 1269] und zuletzt in den mondänen Badeort Ems (heute: Bad Ems). bin ich von unserer Tournee nach Stuttgart,
Darmstadt, Kreuznach und Ems zurück. In StuttgartAuftakt der Tournee der Elf Scharfrichter war Cannstatt bei Stuttgart, wo die Gruppe
im Wilhelma-Theater auftrat (siehe oben). Die Presse meldete: „Die Elf Scharfrichter
haben sich auf Reisen begeben, sind aber gleich auf ihrer ersten Station, im kgl.
Wihelma-Theater in Stuttgart, aufgesessen; sie wurden selbst auf’s Schärfste gerichtet.“
[Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 54, Nr. 338, 24.7.1901, Vorabendblatt, S. 2] Es
wurde aber auch festgestellt: „Unter den [...] Darstellern [...] dominiert Frank Wedekind
allein durch Gedankengehalt und Witzoriginalität“ [Ueberbrettl und kein Ende. In:
Cannstatter Zeitung, Jg. 61, Nr. 170, 23.7.1901, S. 1]. Wedekinds Auftritt mit der
unmittelbar vor der Tournee fertiggestellten und im Rahmen der Gastvorstellung der
Elf Scharfrichter in Cannstatt erstmals gelesenen Dialogfassung von „Rabbi Esra“ wurde
vom Stuttgarter „Neuen Tagblatt“ gewürdigt [vgl. KSA 6, S. 342], sein Vortrag der
Ballade „Brigitte B.“ gefiel weniger [vgl. KSA 1/III, S. 468]. stießen wir auf großes
Mißverständnis. Ich war der einzige der nicht beanstandet wurde, und verdanke
das vielleicht in erster Linie dem Rabbi Esra. Ich habe den Rabbi Esra auf der
ganzen Tournee, in/so/ auch in Ems„Ems (Bad Ems), Stadt und berühmter Badeort“ im preußischen Regierungsbezirk „Wiesbaden,
Unterlahnkreis, [...] einer der ältesten und berühmtesten Badeorte Europas.“ [Meyers
Konversations-Lexikon. 5. Aufl. Bd. 5. Leipzig 1894, S. 749] Nähere Angaben zum Gastspiel
der Elf Scharfrichter in diesem Badeort sind nicht ermittelt. „Die Recherche zum Gastspiel
der ‚Elf Scharfrichter‘ in Bad Ems blieb ohne Ergebnis.“ [KSA 1/IV, S. 1269], vor dem gewähltesten Badepublicum
erprobt und die besten Erfahrungen damit gemacht, so daß ich mir jetzt auch für
Berlin einen anhaltenden Erfolg davon verspreche.
Inliegend sende ich Ihnen acht VortragsnummernWedekind hat für Martin Zickels Überbrettl-Projekt am Berliner Central-Theater [vgl.
Wedekind an Martin Zickel, 27.4.1901] im Notizbuch eine Liste von acht Liedern erstellt
(fünf mit Vermerk „erlaubt“: „Der Taler“, „Die Symbolistin“, „Das Goldstück“, „Franziskas
Abendlied“, „Die sieben Heller“, drei mit Vermerk „verboten“: „Brigitte B.“, „Ilse“,
Wendla“), mit dem Hinweis überschrieben, sie seien der Zensur eingereicht, bei denen
es sich um die Lieder handeln dürfte, die Wedekind als Beilage zu dem vorliegenden
Brief an Martin Zickel schickte [vgl. KSA 1/IV, S. 1269]; er notierte außerdem im
Notizbuch die Briefbeilage: „An Zickel schicken“ – darunter aufgelistet: „Brigitte
B. / Ilse. / Thaler / Goldstück / Symbolistin / Sieben Heller / Franziskas Abendlied
/ Wendla.“ [Nb 6, Blatt 38v], unter denen
meines Erachtens nicht eine sein dürfte, die der Censor nicht passieren läßt.
Ich bin sehr darauf gespannt, ob sich diese meine Voraussetzungen bewahrheiten.
Mit dem mir von Ihnen vorgeschlagenenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Martin
Zickel an Wedekind, 13.7.1901. | Thema „Wechselt das
BäumchenAnspielung auf ein Ballspiel, bei welchem zu rufen war: „‚Wechselt das Bäumchen!‘
Bei diesem Rufe hat jeder von seinem Baume nach einem andern zu eilen.“ [Eduard Trapp,
Hermann Pinzke: Das Bewegungsspiel. Seine geschichtliche Entwickelung, sein Wert und
seine methodische Behandlung. Langensalza 1894, S. 45] Der Ruf wurde zensurgeschichtlich
eingeordnet, als „Zensurspiel ‚Wechselt das Bäumchen‘“ [H. H. Houben: Verbotene Literatur
von der klassischen Zeit bis zur Gegenwart. Ein kritisch-historisches Lexikon über
verbotene Bücher, Zeitschriften und Theaterstücke, Schriftsteller und Verleger. Bd.
2. Bremen 1928, S. 453].“ konnte ich mich auf der Tournée nicht eingehender beschäftigen. Ich
habe die Idee Weinhöppel mitgetheilt. Ich bin jetzt eben im Begriff eine
dramatische Scene zwischen drei Personenentweder das Fragment „Blanka Burkhart. Drei Scenen“ [vgl. KSA 4, S. 694], das „Wedekind
mit Blick auf seine Beteiligung am Überbrettl-Projekt des von José Ferenczy geleiteten
Berliner Centraltheaters in Angriff nahm“ [KSA 4, S. 691], oder der im Sommer 1901
als Entwurf skizzierte Einakter „Der Witz“ [KSA 8, S. 433-422] (1901), in dem ein
Verleger, ein Zeichner und ein Redakteur für Witze auftreten, im Vorgriff auf „Oaha“
(1908) eine Verarbeitung von Wedekinds Konflikt mit Albert Langen in der Majestätsbeleidigungsaffäre
um den „Simplicissimus“ [vgl. KSA 8, S. 399, 412], überliefert im Notizbuch, in dem
auch „Liedtitel“ für das „Vortragsprogramm“ enthalten sind, das Wedekind dem vorliegenden
Brief beilegte (siehe oben). „Da Wedekind [...] erwähnt, daß er an einer dramatischen
Szene zwischen drei Personen arbeite, dürfte hier wohl der Einakter-Entwurf, vorgesehen
fürs Kabarett, gemeint sein.“ [KSA 8, S. 412], die ich FerenzyJosé Ferenczy, Direktor des Central-Theaters in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach
1902, S. 255], für das Martin Zickel ein literarisches Kabarett plante [vgl. Wedekind
an Martin Zickel, 27.4.1901], bei dem Wedekind beteiligt sein sollte (das Projekt
wurde nicht realisiert). zur Verfügung stellen
möchte fertig zu schreiben. Sobald ich damit zu Ende bin werde ich Ihre Idee
wieder aufnehmen, möchte Sie aber nicht daran hindern, den Plan auch mit
anderen Künstlern, die ihn vielleicht promterSchreibversehen, statt: prompter. verarbeiten und gestalten, zu
besprechen.
Nun, lieber Herr Zickel, komme ich aber offen gesagt zur
Hauptsache und das sind meine dramatischen Interessen, denen ich ebenso mit
Leib und Seele verfallen bin, wie ich den Cultus des ÜberbrettelsÜberbrettl = literarisches Kabarett (wie die Elf Scharfrichter und das von Martin
Zickel geplante Unternehmen). gerne und
vielleicht immer als wohlthuenden Nebenberuf pflegen und hegen werde. Sollte
ich aber durch den Gang der ErreignisseSchreibversehen, statt: Ereignisse. auf letzteres Gebiet gebannt werden
ohne auf dem ersteren vorwärts zu kommen, dann werde ich ganz zweifelsohne ‒ das zu
beobachten hatte
| ich während der letzten Monate Gelegenheit genug ‒ ein sehr unglücklicher Mensch
werden.
Neumann Hofer schreibt mirHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Otto
Neumann-Hofer an Wedekind, 5.8.1901., daß der Kammersänger frei istDa sich die Inszenierung von Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899) am Berliner
Lessingtheater (Direktion: Otto Neumann-Hofer) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1902,
S. 248] verzögerte und gleichzeitig Martin Zickel, Regisseur am Berliner Residenztheater
[vgl. Neuer Theater-Almanach 1902, S. 251], an einer Inszenierung Interesse zeigte,
bemühte sich Wedekind erfolgreich um eine Auflösung des Vertrags mit dem Lessingtheater,
die mit dem Schreiben Otto Neumann-Hofers (siehe oben) besiegelt war..
Von dieser Seite stände seiner Aufführung auf am Residenztheater nichts
mehr im WegeDie Premiere von Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899) am 31.8.1901 im Residenztheater
in Berlin fand unter der Regie von Martin Zickel statt. Die Presse kündigte an: „Das
Residenztheater wird am 31. August [...] wieder eröffnet. Den Anfang des Abends macht:
,Der Kammersänger‘ von Frank Wedekind.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 30, Nr. 416, 17.8.1901,
Abend-Ausgabe, S. (2)]. Viel wichtiger ist mir aber der „Marquis von Keith“. Ich wäre
Ihnen so unendlich dankbar, lieber Herr Zickel, wenn Sie ihn gleich zu Anfang
der Saison, sei es bei Lautenburgam Residenztheater (Direktion: Sigmund Lautenburg) in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach
1902, S. 251], wo „Marquis von Keith“ am 11.10.1901 unter der Regie von Martin Zickel
uraufgeführt wurde [vgl. KSA 4, S. 533]. oder sonst irgendwo, herausbringen könnten.
In dem Stück ist so vieles enthalten, was niemand
aus dem Buch herauslesen kann, was aber um so klarer bei einer Aufführung zu
Tage treten wird. Das Stück steht und fällt nicht, wie Meßthaler meinteEmil Meßthaler hatte geplant, den „Marquis von Keith“ in Berlin, wo er vom 15.6.1901
bis 15.8.1901 als Direktor am Neuen Theater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S.
461] gastierte, auf die Bühne zu bringen, was nicht realisiert wurde., mit
der Rolle des Marquis von Keith, sondern es steht und fällt mit der Rolle
des seinem ethischen Gehalt. Dieser wird auch bei einer weniger graziösen
virtuosen Darstellung, als sie vielleicht ein Ferdinand Bonn oder | sonst ein
Starwie Ferdinand Bonn, dann Schauspieler am Neuen Theater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach
1902, S. 252], wo Emil Meßthaler derzeit als Direktor gastierte (siehe oben); er war
gerade für diese Bühne engagiert worden: „Ferdinand Bonn, der schon in der Eröffnungsvorstellung
des Neuen Theaters sein neues Engagement antritt, wird im Laufe der Saison auch im
klassischen Repertoir reiche Beschäftigung finden. [...] Einer irrthümlichen Darstellung
entgegen sei darauf hingewiesen, daß Herr Ferdinand Bonn nicht als Gast, sondern für
je sechs Monate durch zwei Jahre hindurch dem Neuen Theater als Mitglied verpflichtet
ist.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 30, Nr. 434, 27.8.1901, Abend-Ausgabe, S. (2)] Ferdinand
Bonn hat die Titelrolle im „Marquis von Keith“ zu Wedekinds Lebzeiten nicht gespielt. bieten würde, zum Herzen des Zuschauers dringen, vorausgesetzt dasSchreibversehen, statt: daß. die
mitwirkenden Kräfte die nur die richtige Directive besitzen. Was diese
Directive betrifft habe ich allen erdenklichen Grund, in Sie, Herr Zickel, das
vollste Vertrauen zu setzen. Aber nun denken Sie sich in meine Lage, der ich
mich dem Berliner Publicum als Spaßmacher und Hanswurst vorstellen soll,
während mir als ernster Mensch, mit dem besten, was ich zu sagen habe und was
mir selber heilig ist, der Mund verschlossen bleibt. Das wäre eine Thätigkeit,
die Einem in allerkürzester Zeit das Herz abfressen müßte.
Verzeihen Sie mir dieses Pathos. Es entspringt keiner
momentanen Wallung sondern einfachen nüchternen Thatsachen. Und seien Sie
herzlichst gegrüßt von
Ihrem
Frank Wedekind.