Kennung: 5841

Lenzburg, 15. September 1887 (Donnerstag), Brief

Autor*in

  • Jahn, Bertha

Adressat*in

  • Wedekind, Frank

Inhalt

Mein lieber junger Freund. –

Mir hat geträumt die Jugend kehre wieder“, erinnern Sie sich an jenes Liedein Gedicht Bertha Jahns (ohne Titel), überliefert in dem Konvolut „Gedichte von Erika“ (Aa Wedekind-Archiv B, Nr. 26), eine Reinschrift von der Hand Wedekinds aus dem Herbst 1884 [vgl. KSA 1/I, S. 787]. Bertha Jahn zitiert hier den Anfangsvers und die Schlussstrophe des Gedichts. Wedekind verwendete das Gedicht später in seinem Schauspiel „Oaha“ (1908) [vgl. KSA 8, S. 74f. und Kommentar S. 553]., es endigt mit den Strophen: Erröthend dacht ich an mein selig Träumen,
Und gab erglühend der Erinnrung Raum,
Barg weinend dann mein Haupt in meine Hände,
„Vergieb mir herr u. Gott; es war ein Traum.“ –

Ein Traum Franklin u. für Träume ist Niemand verantwortlich, selbst die VierzigjährigeBertha Jahn war 48 Jahre alt. nicht! Verantwortlich wäre sie aber, wenn sie mit offnen Augen träumen würde u. nicht erwachen wollte. – Ich habe Ihre lieben, mitunter so warmen, G/g/uten Briefe noch einmal durch gelesenvgl. dazu Bertha Jahns Notiz auf dem Brief Wedekinds vom 16. bis 19.4.1885 [vgl. Bertha Jahn an Wedekind, 15.9.1887 (2)]. – mit feuchten Augen, – es ist viel Liebe, viel Interessantes, Erlebtes darin, ich trenne mich von ihnen mit schwerem Herzen, ungern, ich denke noch mit solcher Freude an den Franklin von ehmals, daß ich die Briefe fort geben muß, um ihn eher zu vergeßen zu können. Und doch hätte ich vielleicht nicht den Muth, – kein Mensch legt gern das Messer ans | eigene Fleisch, – wenn es nicht der einzige Weg wären, wieder zu meinen Briefen zu gelangen. Meine Briefe haben keinen Werth mehr für Sie, Sie nöthigen Ihnen höchstens ein Lächeln ab, über „das altewohl Zitat aus der Korrespondenz mit Wedekind., vertrauensselige Kind, die alte Tante“, – das aber kann ich nicht ertragen. Ersparen Sie mir das Gefühl der Demüthigung u. geben Sie mir Alles zurück, was in Ihren Händen, Briefe u. GedichteVon Bertha Jahn stammen zwei Sammlungen von Liebesgedichten aus den Jahren 1882 und 1883 [vgl. dazu die Übersicht in KSA 1/I, S. 787f.], die 1884 von Wedekind abgeschrieben wurden und so überliefert sind [vgl. Aa Wedekind-Archiv B, Nr. 26 und 29]. Sie tragen die Titel „Gedichte von Erika“ und „Passionsblüthen von Erica“ und beziehen sich wohl alle auf Bertha Jahns 1882 verstorbenen Gatten Victor Jahn. An Wedekind sind dagegen die am 20.9.1884 entstandenen Verse „An mich“ [vgl. KSA 1/II, S. 1512f.] gerichtet, vermutlich eine lyrische Replik auf Wedekinds Gedicht „Erika“ [vgl. KSA 1/I, S. 788 sowie insgesamt den Kommentar KSA 1/I, S. 989f.]. Überliefert ist von der Hand Bertha Jahns außerdem das Gedicht „(Wedekindische Moral. Schlussstrophen.)“ [Mü, Nachlass Frank Wedekind, FW B 77].. Ich rechne darauf, daß Sie als Mann Ihr Wort halten, daß Sie nichts zurück behalten. So schmerzlich schwer es mir wurde, ich gebe Ihnen jeden Fetzen, den ich von Ihnen in Händen habe, nur den Toastdas zu einem nicht bekannten Anlass entstandene und wohl auch vorgetragene Briefgedicht „Seiner lieben Tante Frau Bertha Jahn in kindlicher Ergebenheit der dankbare Neffe Franklin. 18.X.84.“ [vgl. Wedekind an Bertha Jahn, 18.10.1884; vgl. auch KSA 1/I, S. 168-171 und Kommentar KSA 1/II, S. 2030-2034]. Das Gedicht endet mit den Versen: „Ein dreifach Hoch der großen Dichterin! / Ein dreifach Hoch dem schönen Geist des Hauses! / Und heb’ mein Glas und trinke bis es aus is. –“ behielt ich, weil er ja nicht für mich allein war, wenn Sie aber wünschen, soll auch der an Sie zurück. Frank, – nun haben Sie wieder, was Sie mir gegeben, – aber die Erinnerung schwindet nicht, für das Gute, das der Einsamen durch | Sie ward – heißen Dank, – das Andere sei vergeßen; – der alte Franklin ist begraben! So sei es, – wenn ich Ihnen noch Freundin bin, so laßen Sie es mich bleiben u./;/ darum bitte ich! Gott segne Sie Frank, meine besten Wünsche werden mit Ihnen sein, „ohne Wünschenvermutlich Zitat aus Wedekinds Korrespondenz; zeitgenössisch häufiger anzutreffende Wendung [vgl. Die Gartenlaube 1868, Nr. 1, S. 16]. u Verlangen“, h/G/ott gebe, daß ich Sie noch einmal glücklich u. zufrieden sehe. –

Dieser Brief kommt selbstverständlich mit den andern zurück. Verstanden?!

Ericaliterarischer Name Bertha Jahns.


Wenn Sie mir eine große Freude machen wollen, so geben Sie mir einige Ihrer l. Briefe zurück, verlangen darf ich es freilich nicht, ich habe kein Recht mehr darauf! –

Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 2 Blatt, davon 3 Seiten beschrieben

Schrift:
Kurrent.
Schreibwerkzeuge:
Feder. Tinte.
Schriftträger:
Rautiertes Papier. Doppelblatt. Seitenmaß 13,5 x 21 cm. Gelocht.
Schreibraum:
Im Hochformat beschrieben.

Datum, Schreibort und Zustellweg

Der 15.9.1887 ist als Ankerdatum gesetzt – das früheste mögliche Schreibdatum nach Bertha Jahns Rückkehr aus Obstalden (siehe die vorangegangene Korrespondenz). Der Urlaubsaufenthalt und Wedekinds Schweigen dürfte für Bertha Jahn der Anlass gewesen sein, ihre Briefe zurückzufordern.

Wann genau Wedekind vom Zürcher Vorort Fluntern in den Vorort Hottingen umzog, ist nicht ermittelt.

  • Schreibort

    Lenzburg
    15. September 1887 (Donnerstag)
    Ermittelt (unsicher)

  • Absendeort

    Lenzburg
    Datum unbekannt

  • Empfangsort

    Hottingen
    Datum unbekannt

Informationen zum Standort

Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Maria-Theresia-Straße 23
81675 München
Deutschland
+49 (0)89 419472 13

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Nachlass Frank Wedekind
Signatur des Dokuments:
FW B 78
Standort:
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia (München)

Danksagung

Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.

Zitierempfehlung

Bertha Jahn an Frank Wedekind, 15.9.1887. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Tilman Fischer

Zuletzt aktualisiert

20.02.2025 16:37