Mein lieber Frank. –
Lisa hat mir die Bruchstücke meines
gestohlnen BreacletsBertha Jahns Schreibweise für Bracelet (engl.) Armband., das Sie, weiß Gott aus welchem verrückten Anfall am Arm
getragen, wieder gebracht. – Warum Sie das Breaclet
gestohlen, ist mir eben so sehr ein Räthsel, wie – warum Sie es getragen. – Ich
glaube gar es war bestimmt um Andere eifersüchtig zu machen, – man tuschelt sich so was in die Ohren u. deßhalb
u. aus andern Ursachen kommt heute ein Brief, wie ehmals, als der Franklin noch
mehr Respect vor dem AlterBertha Jahn war 48 Jahre alt, 25 Jahre älter als Wedekind., vor seiner Tante hatte. „Ich hatt’ eine alte TanteZitat aus einem Volkslied, von dem es zahlreiche Varianten gibt. Die erste Strophe lautet: „Ich hatt’ ne alte Tante, gar eine böse Frau, / Die hat mich groß gezogen mit Schlägen braun und blau; / (:Da sagt ich oft im Stillen zu meinem Freund, auf Ehr: / Ach, wenn doch meine Tante deine Tante wär.:)“ [Münchener Salvator- und Bocklieder. München 1889, S. 11]. Populär wurde das Lied durch die Komposition eines Marsches für Orchester von Moritz Peuschel (op. 37) – im April 1878 bei Eulenburg in Leipzig erschienen. Das Lied wurde nicht nur jahrzehntelang in Tanzlokalen gesungen, sondern gehörte schon früh zu Wedekinds Repertoire am heimischen Klavier [vgl. KSA 1/II, S. 1286; Erika Wedekind an Frank Wedekind, 27.8.1885].“
die aber keine böse Frau ist. –
Frank, warum laßen Sie mich nicht mehr Theil
nehmen an Ihrem geistigen Schaffen? –
Warum kommen Sie mit der Bitte mir Du sagen zu
dürfen, weil das Ihrem innersten Fühlen entspreche u. laßen sich dann eine
ganze Woche nicht mehr sehn, bekümmern sich gar nicht | mehr um die Tante. Daß
Sie ohne Lebewohl geg/h/en würdenFrank Wedekind und Karl Henkell dürften zurück nach Zürich gefahren sein., während Hr. Henkell der mir doch nichts schuldet,
kam – war nicht schön von Ihnen. Soll ich Ihnen sagen warum Sie es gethan? Weil
Sie wieder einmal
verliebtWedekind schwärmte gerade für die Angestellte Christine Rothgang in Zürich (siehe die Korrespondenz mit ihr). waren, weil der neue Stern Sinn u. Gedanken gefangen nahm, daß Sie
auch nichts mehr für Andere übrig hatten. Frl. „Tüschel“, (ich kenne sie nur unter dem NamenTüschel war der Spitzname von Clara Krapp, einer Freundin von Minna von Greyerz [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 30.7.1889], die bei der Familie Greyerz wohnte [vgl. Clara Krapp an Wedekind, 27.7.1887].)
war da, es ist nichts Neues an Ihnen, daß Sie sich plötzlich verlieben, es ist
nichts Neues an Ihnen daß Sie schnell vergeßen, es ist nichts Neues an Ihnen,
daß Sie Komödie spielen, aber es ist neu, – nein es ist frivol,, daß Sie es mit
mir thun. Weßhalb diese Komödie mit dem Du u. mit dem Armband? Das hätte mein
Frank nicht thun sollen, i/I/hre Freundschaft zu mir soll Ihnen
wenigstens heilig genug sein, um nicht | mit ihr ein Spiel zu treiben.
Mein BildWedekind hatte Bertha Jahn offenbar um ein Bild gebeten, das sie ihm kurz darauf zusandte [vgl. Bertha Jahn an Wedekind, 22.6.1887]. bekommen Sie nicht, es muß gegen Lisas ausgetauscht werden, übrigens legen Sie keine Ehre ein mit
der alten Tante u. weiß Gott welchen Ulk Sie damit treiben würden.
Und jetzt Frank? – So wenig geben Sie auf mein
Urtheil, daß Sie mir nicht einmal Ihre NovelleWedekinds Novelle „Marianne. Eine Lebensgeschichte“ [KSA 5/I, S. 37-76], über die er sich mit seiner Mutter ausgetauscht hatte [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind 10.5.6.1887] und die er im Juni der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „Thurgauer Zeitung“ zur Publikation anbot; von beiden Redaktionen erhielt er eine Absage [vgl. Neue Zürcher Zeitung an Wedekind, 17.6.1887 und Thurgauer Zeitung an Wedekind, 20.6.1887]. gezeigt. Vielleicht hätte ich
Ihnen doch einige Winke geben können. Denn ich weiß ungefähr was eine
Geschichte intressantSchreibversehen, statt: interessant. macht. Aber Sie trauen mir nichts mehr zu, früher Alles,
jetzt nichts mehr. Das ist traurig, aber ich glaube es liegt weniger an mir,
als an Ihrer Flatterhaftigkeit, mein lieber Franklin. –
Frl. HenkellThea Henckell, die später den Lenzburger Arnold Hirzel heiratete; der Konservenfabrikant Gustav Henckell hat, nachdem er sich in Lenzburg etabliert hatte, seine Eltern und jüngeren Geschwister aus Hannover in die Schweiz geholt. ist ein sehr, sehr nettes
Mädchen, Lisa hat sie ganz ins Herz
geschloßen, Frl. Minna v. Greyerz war | noch nie bei mir, Ihre „Tüschel“ habe ich noch
nicht gesehn, kann also nicht über sie urtheilen. Die Freundschaft soll so überschwenglich
sein, daß sie ins Lächerliche umschlägt. Lisa
kam ganz entzückt vom Horben26 Kilometer südlich von Lenzburg gelegene Hochebene (818 m) bei Beinwil mit einem gleichnamigen Schloss; beliebtes Ausflugsziel. zurück, sie sagte mir, daß Sie sehr liebenswürdig
mit ihr gewesen seien. Ja, der Frank kann sehr lieb sein, wenn er nur will. –
Ich habe schon oft über Ihre Scizze, oder wie nannten Sie es, vom Junggesellen am KaminWedekinds Erzählung „Gährung. Charakterskizze“ [vgl. KSA 5/I, S. 21-36; Kommentar S. 644-652], in der eingangs ein Junggeselle, der vor hat zu heiraten, am Kamin sitzend die gesammelten Briefe einer Liebschaft verbrennt („An einem traulich düstern Winterabend sitzt ein Mann im Anfang der Dreißiger vor dem flackernden Kaminfeuer“ [KSA 5/I, S. 21]), entstand zwischen Dezember 1886 und September 1887 und wurde im Oktober 1887 veröffentlicht [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 67, Nr. 285, 13.10.1887, Erstes Blatt, S. (1-2); Nr. 286, 14.10.1887, Erstes Blatt, S. (1-2); Nr. 287, 15.10.1887, S. (1-2); Nr. 290, 18.10.1887, Erstes Blatt, S. (1-2)].,
nachgedacht. Ich glaube bei einiger Abänderung würden Sie Glück haben. Es müßte
manches ausgemerzt, manches verbeßert werden, etwas mehr Humor hinein, was mit
einigen andern Wendungen geschehen könnte. Wenn Sie hier wären, da könnten Sie
mir Ihre Sachen vorlesen u. ich könnte Sie auf manches aufmerksam machen, Sie
halten mich aber nunmehr zu dumm dazu, gelt? – Die Geschichte von EmilIn Wedekinds Erzählung „Gährung“ erinnert sich der Protagonist daran, wie er als Gymnasiast vom Pedell der Schule festgesetzt und so um ein vermeintliches Rendezvous gebracht wurde. Bertha Jahn vermutete hinter der Figur als Vorbild offenbar den Hausmeister der Kantonsschule Aarau Emil Schmuziger. u. dem verliebten Gimnasiasten ist so übel nicht. –
Schließlich möchte ich Sie ganz heimlich etwas
fragen. Ich möchte die HenckellesSchreibversehen, statt: Henkells. ect. zu einer Erdbeerbowle einmal
einladen, würden auch Sie kommen, wenn ich |
[am linken
Rand und am Kopf der Seite 1 um 90 Grad gedreht:]
Sie recht schön darum bitte, Sie u. C. Henckell.? Es müßte
natürlich für Alle eine Überraschung sein, eine Erdbeerbowle im Walde, muß ja
prächtig schmecken. Waldesdurft, Poesie, Jugend, Liebe u. Wein! Was meinen Sie dazu? Leben Sie nun wohl,
böser Mensch, zürnen
Sie mir nicht, die alte Tante ist keine böse Frau, sie traut ihrenSchreibversehen, statt: ihrem. Frank u.
begreift ihn.
Bertha J
Klexe sind auf diesen Brief gekommen, wie
kann ich nicht begreifen. Soll das ein OmenUnheil verkündendes Vorzeichen. sein, daß dieser Brief nicht
abgesendet werden
soll?
[am linken
Rand von Seite 4 um 90 Grad gedreht:]
Laß mich dem bösen Omen Trotz bieten u. das Blatt
heraus senden in die weite Welt. – Grüße an Hr. Henckell.