Sehr geehrter Herr Sternheim!
Empfangen Sie nochmals meiner
Frau und meinen besten Dank für Ihre liebenswürdige Einladungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Carl Sternheim an Wedekind, 21.12.1911. Wedekind bedankte sich für die nun schriftliche Einladung nach Höllriegelskreuth, die zuvor bereits mündlich ausgesprochen worden sein dürfte – vermutlich bei dem Treffen mit Carl Sternheim zur Vorbereitung eines Protestschreibens gegen Zensur [vgl. Carl Sternheim, Wedekind, Herbert Eulenberg, Otto Borngräber an Arthur Schnitzler, 22.12.1911] in München am 12.12.1911: „Mit [...] Sternheim im Café Protest besprochen“ [Tb], vielleicht auch am Abend der Uraufführung von „Oaha“ durch den Neuen Verein am 20.12.1911 im Münchner Lustspielhaus, die Carl Sternheim mit seiner Frau besuchte, wie Thea Sternheim am 21.12.1911 notierte: „Abends ins Lustspielhaus. Der Neue Verein gibt Wedekinds Oaha in geschlossener Vorstellung. Er spielt. Seine Frau ebenfalls“ [Tb Sternheim/CD]; ob sie sich in diesem Zusammenhang gesprochen haben, ist allerdings zweifelhaft.. Leider können
wir über die Tage nicht gut vom Hause fort sein, da wir selber, wie ich Ihnen
sagte, Besuch erwartendem Tagebuch zufolge über die Weihnachtsfeiertage Besuch von Wedekinds Schwager Dagobert Newes vom 23.12.1911 („Bertl kommt an“) bis 26.12.1911 („Bertl fährt nach Berlin“); sein in München lebender Neffe war am 24.12.1911 zu Gast („Um 4 Uhr Bescherung. Armin Bertl. Spaziergang Abendessen“).. Wollen Sie Ihrer verehrten Frau Gemahlin bitte unsere
besten Empfehlungen aussprechen. Auf die KassetteCarl Sternheims Komödie „Die Kassette“ (1912), die erst im neuen Jahr im Insel-Verlag in Leipzig als Buch erschien, angekündigt als eine weitere „Komödie aus dem bürgerlichen Heldenleben“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 78, Nr. 229, 2.10.1911, S. 11377], war am 24.11.1911 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt worden, was auch in München registriert worden ist: „Karl Sternheims ‚Kassette‘ hat kein Glück am Deutschen Theater gehabt. Anfangs lachte man, horchte wohl auch hier und da auf, um dann allmählich, als die Komödie zu bitter wurde, den Geschmack an ihr und die Geduld zu verlieren. Ein schwacher Erfolg also, und wenn man pedantisch richtet, auch ein schwaches Stück. [...] Dann aber die Erkenntnis, daß dieser Sternheim der einzige von unseren Dramatikern ist, der das eigentliche Wesen der Komödie verstanden hat. Schließlich seine Kühnheit des Entwurfes und sein redliches Bemühen, originelle und dabei wirkliche Menschen zu schaffen. Das sind drei Vorzüge, meine ich, die einem ganz schwachen Stück nie anhaften können, oder die doch ein schwaches Stück über manch sogenanntes gutes Stück erheben. Aus Tragödientiefen holt Sternheim seine Lustigkeiten: er wandelt, scheint es, die sieben Todsünden ab. Diesmal die verrückte Geldgier, die uns alle gefangen hält und uns mit geschwungener Peitsche am echten, einzigen Gluck des Lebens vorbei treibt. [...] Hübsche Steigerungen des szenischen Aufbaus, gut überlegte Aktschlüsse sind weitere Qualitäten der Komödie. Man sieht, ganz schlecht kann sie nicht sein.“ [r.n.: Berliner Theater. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 64, Nr. 561, 1.12.1911, Vorabendblatt, S. 2]. bin ich aufs höchste
gespannt.
Mit bestem Gruß
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
22.12.11.