Sehr geehrter Herr SternheimCarl Sternheim, Schriftsteller in Höllriegelskreuth bei München, wo er die 1908 für ihn erbaute (und durch das Erbe seiner zweiten Frau finanzierte) Villa Bellemaison bewohnte. Wedekind hat ihn am 22.1.1910 dort mit Franz Blei besucht und persönlich kennengelernt, wie er knapp konstatierte: „Mit Blei bei Sternheim.“ [Tb] Dabei wurde auch über Carl Sternheims „Don Juan“ (siehe unten) gesprochen, wie Thea Sternheim über die Abendgesellschaft bei ihr und ihrem Mann (zu Gast außerdem: Alfred, Eugen und Annemarie Feiks sowie Siegfried Adler) am 23.1.1910 notierte: „Zum Abend kommen die Brüder Feiks, Frau Feiks, Rechtsanwalt Adler, Blei und Frank Wedekind. Wie sehr sympathisch ist Wedekind. Bedenklich, ruhig, sicher, liebenswürdig und bescheiden. Ohne die Allüre des Künstlers. Als er einmal von seinem ‚Frühlings Erwachen‘ spricht, fügt er bei: ‚Erlauben Sie, dass ich von so etwas rede.[‘] Karl stürmt auf ihn ein, will um Gotteswillen eine Aussprache haben und begreift nicht, dass es Menschen gibt, die sich nicht äussern können, nicht äussern wollen. So steht der Ältere dem Jüngeren Rede, statt dass der Jüngere sich bescheide. Ich empfinde das als ein Unrecht, jedenfalls als Unzartheit; ich hätte Wedekind eine achtungsvollere Aufnahme gewünscht. Blei spielte den Mittler und verstand durch witzige und plötzliche Begütigungen Karls Wortschwall zu mildern. Karl betonte immer wieder: [‚] Es ist an der Zeit, dass der Mann zu seinem Recht kommt! Seit zwanzig Jahren ist von nichts anderem als von der Frau die Rede. Die Frau aber interessiert gar nicht. Was kümmern uns diese hysterischen Ibsenschen Weiber? Keiner fragt nach ihnen. Seit Ewigkeit ist zu jeder ernsthaften Tat allein der Mann die Voraussetzung. Sehn Sie z.B. in meinem Don Juan ...‘“ [Tb Sternheim].!
ich danke Ihnen sehr für
ZusendungHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Buchsendung (zugleich eine Einladung); erschlossenes Korrespondenzstück: Carl Sternheim an Wedekind, 27.1.1910. Carl Sternheim hat Wedekind seine Tragödie „Don Juan“ (1909) geschickt, die im Vorjahr im Insel-Verlag erschienen ist [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 76, Nr. 112, 17.5.1909, S. 5936] und über die er beim Kennenlernen am 22.1.1910 gesprochen hat (siehe oben). des „Don Juan“, ebenso für Ihre liebenswürdige Aufforderungeine nicht überlieferte Einladung (siehe oben) zu einem Besuch in der Villa Bellemaison, die Wedekind annahm; er notierte am 30.1.1910: „Mit Tilly bei Sternheims in Belle Maison Bley und Frau.“ [Tb] Thea Sternheim notierte dazu am 31.1.1910: „Reizender Abend mit Bleis und Wedekinds. Eine ungezwungene lebhafte Unterhaltung, wie ich mich keiner ähnlichen in diesem Hause entsinne. Frau Wedekind mädchenhaft, bescheiden, zurückhaltend. Zwischen den Ehegatten muss ein bedeutender Alterunterschied bestehen. Bleis Gedanken über die weisse Wäsche der Frauen. Wedekind kramt Simplizissimuserinnerungen aus, Karl ordnet sich dem allgemeinen Gespräch ein und ist diesmal rücksichtsvoll und zuvorkommend zu Wedekind. Man bleibt bis zum letzten Zuge.“ [Sternheim Tb/CD], der wir
gerne folgen werden. Wollen Sie Ihrer Frau GemahlinThea Sternheim, Carl Sternheims zweite Ehefrau. Thea Löwenstein (geb. Bauer) hat ihn bald nach der angezeigten Verlobung – „Verlobte. [...] Karl Sternheim, Schriftsteller von Berlin, mit Ther. Löwenstein, geb. Bauer, Fabrikantenstochter von Köln“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 60, Nr. 299, 28.6.1907, Morgenblatt, S. 4] – am 13.7.1907 geheiratet (auch ihre zweite Ehe). unsere ergebensten
Empfehlungen aussprechen.
Mit besten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.
28.1.10.